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 Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension

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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:47

28)
 
IM DIENST
 
 
Nach dem gemeinschaftlichen Abendgebet stellte Tobias das Funkgerät an, um Nachrichten von den in der Schwellenregion arbeitenden Samaritern zu empfangen. Ich war begierig, mehr darüber zu erfahren. Man teilte mir mit, dass sich Gruppen, die sich an Unternehmen dieser Art beteiligen wollten, zur vereinbarten Zeit in der Arbeitszentrale per Funk melden sollten.
 
Obwohl ich durch die anstrengende Arbeit etwas müde war, schien in meinem Herzen die Sonne. Freude breitete sich aus. Ich war glücklich darüber, wieder arbeiten zu können und nützlich zu sein. Arbeit ist nicht nur die beste Medizin, sie stärkt auch den Geist. Der Kontakt zu den Samaritern wurde hergestellt und aus dem Funkgerät hörte man nach kurzer Pause eine Stimme:»Die Samariter rufen das Ministerium für Erneuerung! Die Samariter rufen das Ministerium für Erneuerung! Es gibt viel zu tun in den finsteren Abgründen der Schwellenregion. Wir haben eine beachtliche Anzahl von unseligen Brüdern verlegen können: Neunundzwanzig konnten wir der spirituellen Finsternis entreißen, davon sind zweiundzwanzig geistig verwirrt und sieben psychisch sehr geschwächt. Unsere Gruppe organisiert ihren Transport. Wir werden einige Minuten nach Mitternacht ankommen und bitten Euch, alles zum Empfang vorzubereiten. «
 
Narcisa und Tobias sahen sich erstaunt an. Als der Sprecher seinen Funkspruch beendet hatte, konnte ich mich nicht zurückhalten und fragte:
 
»Wie ist das gemeint? Warum dieser Massentransport? Handelt es sich hier nicht auch um Geistwesen? « Tobias erklärte lächelnd:
 
»Es scheint, dass Du vergessen hast, wie Du selbst im Ministerium für Hilfeleistung angekommen bist. Ich kenne die Geschichte deiner Ankunft in Nosso Lar: Du bist auf die gleiche Weise hierher gebracht worden. Vergessen wir nicht, dass auch in der Natur sich alles allmählich und nach ganz bestimmten Regeln abgewickelt. Dass wir sowohl auf Erden, als auch in den Kreisen der Schwellenregion immer noch von sehr schwerem Fluidum umhüllt sind. Wir können dies vergleichen mit zwei Vögeln: Beide haben Flügel. Der erste, der Strauss, kann trotz seiner Flügel nicht fliegen und wenn er in die Höhe steigen möchte, muss er dorthin gehoben werden. Der zweite, die Schwalbe, kann dank ihrer Flügel schnell den Himmel erreichen und die Lüfte durchkreuzen. «
 
Ich merkte, dass Tobias keine Zeit hatte, meine weiteren Fragen zu beantworten, denn er wandte sich an Narcisa:
 
» Heute Abend kommt eine große Gruppe an. Wir müssen sofortige Maßnahmen ergreifen. «
 
»Wir werden viele Betten benötigen! «, meinte Narcisa besorgt.
 
»Mache Dir keine Sorgen«, sagte Tobias », wir werden die Verwirrten im Pavillon 7 und die Entkräfteten in der Station 33 unterbringen. « Er dachte etwas nach und sagte anschließend ernst:
 
»Die Unterbringung der Patienten ist insofern kein Problem, da genügend Platz vorhanden ist. Was wirklich zu einem Problem werden kann, ist, dass uns tüchtige Betreuer für diese Aufgabe fehlen.     himmels-engel.de
 
Angesichts der Bedrohung, die zurzeit von den Mächten der Finsternis ausgeht und über der Erde und den Menschen schwebt, wurden die Fähigsten an die Erdoberfläche entsandt, wo sie die Kommunikation zwischen den beiden Ebenen gewährleisten sollen.
 
Wir brauchen Betreuer, welche die Nachtschicht übernehmen können. Es ist vorauszusehen, dass die Betreuer der Rehabilitationsstation die mit den Samaritern zurückkommen werden, mit Sicherheit sehr müde sind. «
 
»Ich stehe gerne zur Verfügung«, sagte ich spontan. Tobias schaute mich an. Sein Blick drückte Dankbarkeit aus, worüber ich mich sehr freute.
 
»Bist du tatsächlich bereit, die Nacht hier in der Station zu verbringen? «, fragte er überrascht.
 
»Tun es die anderen nicht auch? Ich bin bereit und fühle mich kräftig genug die Schicht zu übernehmen. Ich muss die verlorene Zeit nachholen. «
 
Tobias umarmte mich und sagte dankbar: »Also gut, ich nehme Dein Angebot an. Ich vertraue Deinem guten Willen, uns helfen zu wollen. Narcisa und die anderen Kollegen werden auch wachen. Ich werde noch Venäncio und Salústio, zwei Mitbrüder meines Vertrauens, hierher schicken. Ich kann leider nicht zur Nachtschicht bleiben, da ich bereits andere Verpflichtungen übernommen habe. Ich werde einen Arbeitsplan erstellen, damit die Arbeit so leicht wie möglich erledigt werden kann. Sollte ein Notfall eintreffen, können Du oder die anderen mich jeder Zeit erreichen und mir Bericht erstatten. «
 
Nun wurden alle notwendigen Vorkehrungen getroffen. Narcisa und fünf weitere Helfer bereiteten die benötigte Wäsche und das Pflegematerial vor, während Tobias und ich schweres Material vom Pavillon 7 zur Station 33 brachten. Ich hätte nicht erklären können, was mit mir geschah, verspürte ich doch, wie ein starkes Glücksgefühl in mir aufkam. Ich verstehe jetzt, dass für die Beschäftigten in den Arbeitsstätten, die den wahren Wert der Arbeit erkannt haben, das Dienen die höchste aller Freuden ist. Dabei dachte ich nicht an den Stunden-Bonus oder an eine sofortige Belohnung für meinen Einsatz. Dennoch empfand ich eine tiefe Befriedigung, weil ich glücklich und mit ruhigem Gewissen meiner Mutter und den Wohltätern, die ich im Ministerium für Hilfeleistung kennen gelernt hatte, entgegentreten konnte.
 
Als Tobias mich zum Abschied umarmte, sagte er: »Der Frieden Jesu sei mit Dir. Ich wünsche Dir eine gute Nacht und einen guten Dienst. Morgen um acht Uhr kannst Du dann ausruhen. Wie Du vielleicht weißt, beträgt unser normales tägliches Arbeitspensum zwölf Stunden, aber wir befinden uns eben in einem Ausnahmezustand. «
 
Ich sagte ihm, dass ich seine Anweisung freudig akzeptiere. Allein mit den vielen Betreuern, konnte ich mich nun den Kranken widmen. Unter den Diensttuenden beeindruckte mich die liebevolle und spontane Art Narcisas. die sich der Kranken wie eine Mutter annahm. Angezogen von ihrem großzügigen Wesen, versuchte ich mit ihr ins Gespräch zu kommen, was nicht schwierig war. Diese freundliche Frau glich einem offenen Buch voller Liebe und Weisheit. Wir unterhielten uns ruhig und in voller Harmonie.
 
»Arbeitet meine Schwester schon lange hier? «, fragte ich.
 
»Ja, seit sechs Jahren und einigen Monaten leiste ich Aktivdienst in der Rehabilitationsstation. Es fehlen mir jedoch drei Jahre, um meinen Wunsch ausführen zu können. Ich habe eine Verpflichtung zu erfüllen. «
 
»Was meinen Sie? «, fragte ich interessiert. »Ich habe mich verpflichtet, einige inkarnierte, geliebte Geistwesen zu finden, damit wir unseren spirituellen Fortschritt gemeinsam vorantreiben. Wegen der Verirrungen der Vergan­genheit habe ich vergebens um die Möglichkeit gebeten, mein Vorhaben verwirklichen zu können. Ich war verstört und ängst­lich, als mir geraten wurde, Ministerin Veneranda um Hilfe zu ersuchen. Unsere Wohltäterin im Ministerium für Erneuerung versprach, sich meinem Anliegen anzunehmen und es dem Mi­nisterium für Hilfeleistung vorzulegen. Sie versprach dies aller­dings unter der Bedingung, dass ich mich verpflichte, für zehn Jahre hier zu dienen, um an mir gewisse, aus dem Gleichge­wicht geratene Emotionen zu berichtigen. Im ersten Moment wollte ich das Angebot ablehnen, denn die an mich gestellten Anforderungen schienen mir zu hoch zu sein. Ich erkannte je­doch rechtzeitig, dass sie recht hatte und es gut mit mir meinte. Ich verstand auch, dass es mir und nicht ihr, sehr viel Nutzen bringen würde. In der Tat habe ich sehr viel dadurch gewon­nen. Mit der Zeit bin ich innerlich ruhiger, ausgeglichener und barmherziger geworden. Spirituell gereift, hoffe ich, meine zu­künftige irdische Existenz würdevoll leben zu können. «
 
Ich wollte ihr meine Bewunderung ausdrücken, als wir von einem Kranken unterbrochen wurden, der schrie: »Narcisa! Narcisa!«
 
Ich durfte diese ergebene Schwester, die zur spirituellen Mutter der Leidenden wurde, nicht länger aufhalten, nur weil ich aus persönlichen Gründen noch mehr über sie erfahren wollte.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:49

29)
 
FRANCISCOS WAHRNEHMUNG
 
 
Während Narcisa den verzweifelten Patienten tröstete, teilte man mir mit, dass ich am internen Telefon verlangt werde. Es war Frau Laura. Sie wollte wissen wie es mir ergangen sei. Ich hatte tatsächlich vergessen, ihr mitzuteilen, dass ich in dieser Nacht arbeiten würde. Ich entschuldigte mich bei meiner Wohltäterin und berichtete ihr schnell, was geschehen war. Es war durch den Apparat hörbar, wie Lísias Mutter an meiner Freude teilnahm.
 
»Ich gratuliere Dir, mein Sohn! Liebe Deine Arbeit und diene mit Hingabe. Das ist der Weg, den wir gehen müssen, um unsere innere Wandlung für die Ewigkeit zu vollziehen. Vergiss nicht, dass Du bei uns ein Zuhause hast. « sagte sieDanach verabschiedeten wir uns. Diese Worte der Freundschaft spornten mich noch mehr an. Ich ging zu den Kranken zurück und sah wie Narcisa sich bemühte, einen jungen Mann zu beruhigen, der sichtlich verstört war. Ich eilte ihr zur Hilfe. Der Arme blickte verzweifelt ins Leere und rief ängstlich:
 
»Gott hilf mir, ich fürchte mich! « In seinen Augen war schreckliche Furcht zu lesen. Er schrie:
 
»Schwester Narcisa da kommt es, das Ungeheuer! Ich spüre die Würmer. Es, kommt, bitte Schwester, befreie mich!«
 
»Beruhige Dich Francisco«, forderte sie ihn auf. »Du kannst Dich selbst befreien und Deine Ruhe und Freude wieder finden. Es wird auf Dich selbst ankommen, ob es Dir gelingen wird. Ich helfe Dir: Stell Dir vor, dein Gehirn ist wie eine Galerie, in der viele Bilder ausgestellt sind. Wenn Dir eines der Bilder nicht gefällt oder Dir Angst einflösst, kannst Du es von der Wand entfernen und wegwerfen. «
 
Der Kranke zeigte guten Willen und beruhigte sich, solange er ihre freundliche Stimme hörte. Bald hatte er aber einen Rückfall. Aschfahl im Gesicht schrie er voller Verzweiflung:
 
»Aber Schwester, schau... es verlässt mich nicht und plagt mich wieder! Schau nur, was es tut. «
 
»Ich sehe es Francisco«, sagte sie beruhigend. »Du musst Dich bemühen. Zusammen werden wir es vertreiben. « »Dieses teuflische Gespenst«, sagte Francisco und weinte wie ein Kind. Er tat uns leid.
 
»Vertraue Jesus und vergiss das Ungeheuer. Das Gespenst wird sich von uns entfernen« sprach die Schwester mitfühlend.
 
Sie gab ihm einen magnetischen Passé, der ihn beruhigte und seine Energien erneuerte. Francisco bedankte sich bei ihr. Seine Augen leuchteten vor Freude, als er sagte:
 
»Jetzt bin ich ruhiger. «
 
Narcisa bat eine der Pflegerinnen, ihm ein Glas magnetisiertes Wasser* zu bringen. Ihre beispiellose Hingabe steckte mich an. Das geschieht, weil das Gute, wie auch das Böse, eine magische Anziehungskraft besitzt und ansteckend wirkt. Narcisa begriff, dass mein Wunsch zu lernen ehrlich war und zeigte sich bereit, mich in die erhabenen Geheimnisse des Dienens einzuführen. Beeindruckt wollte ich zuerst von ihr wissen, wovon der Kranke sprach. Könnte es sein, dass er von einem mir nicht sichtbaren Schatten belagert wurde? Die erfahrene Pflegerin der Rehabilitationsstation antwortete lächelnd.
 
»Er sieht seine eigene Leiche. «
 
»Wie bitte? « fragte ich verblüfft.
 
»Zu seinen Lebzeiten hatte er eine starke Bindung zu seinem physischen Leib « erläuterte sie » und als er, nach einem durch Fahrlässigkeit selbst verursachtem Unfall in die spirituelle Sphäre eintrat, verharrte er lange Zeit an der Seite seiner körperlichen Überreste. Er konnte sich den neuen Umständen nicht anpassen und versuchte immer wieder, den leblosen Körper aus dem Grab zu hieven. In seiner panischen Angst, sich mit dem Tod seines Körpers befassen zu müssen, verging viel wertvolle Zeit. Er war derart befangen und verzweifelt, dass er sich von seinem im Grab liegenden Körper nicht trennen konnte. Auch gelang es den Geistwesen aus Höheren Sphären nicht, ihn zu beschwichtigen und ihm klar zu machen, dass das Leben im Jenseits weiter geht. Er entzog sich ihrer Einflussnahme. Letztendlich haben ihm die Würmer dermaßen zugesetzt, dass er voller Entsetzen das Grab verliess. Fortan irrte er in den Niedrigeren Sphären der Schwellenregion herum bis seine damaligen Eltern auf Erden - die große spirituellen Verdienste erlangt hatten - , sich in Nosso Lar für ihn einsetzten und baten, ihn in der Kolonie aufzunehmen. Die Samariter holten ihn fast unter Zwang und brachten ihn hierher. Sein Zustand ist so ernst, dass er die Station nicht so schnell verlassen wird. Der Freund, der auf Erden sein Vater war, befindet sich im Moment auf einer sehr riskanten Mission, sehr weit weg von Nosso Lar. «
 
»Besucht er den Kranken? «, fragte ich.
 
»Er ist schon zwei Mal hier gewesen. Es berührt mich sehr zu sehen, wie er still leidet. Der junge Mann ist so verwirrt, dass er seinen gütigen und großzügigen Vater nicht erkennt. Er schreit und ist verängstigt, was ein Zeichen seiner schlimmen Demenz ist. Vor einiger Zeit besuchte der Vater seinen Sohn in Begleitung des Ministers Pádua vom Ministerium für Kommunikation. Während der Anwesenheit seines Freundes, dem er den Aufenthalt seines unglücklichen Sohnes in dieser Kolonie verdankt, zeigte er große, ja erhabene emotionale Stärke. Beide sprachen über die Situation der Neuankommenden aus den irdischen Regionen. Dann verabschiedete sich der Minister, da er noch andere Pflichten hatte. Franciscos Vater bat mich, sein menschliches Verhalten zu entschuldigen, kniete vor dem Kranken nieder und legte seine Hände in dessen Hände. Es sah so aus, als würde er seinem erkrankten Sohn stärkende Lebensenergien übertragen. Er küsste ihn auf die Stirn und weinte hemmungslos. Auch ich musste weinen und ließ sie allein. Ich weiß nicht, was zwischen den Beiden geschehen ist, aber ich stellte fest, dass nach diesem Besuch sich der Zustand Franciscos besserte. Die Demenz an der er litt, ist stark zurückgegangen und tritt nur noch phasenweise und immer seltener auf. «
 
Die Geschichte Franciscos erschütterte mich.
 
»Aber wie ist es möglich, dass er sich vom Bild seiner eigenen Leiche verfolgt fühlt? « fragte ich Narcisa. »Das Bild, das Francisco verfolgt, ist der Albtraum, von dem viele Geistwesen heimgesucht werden, nachdem sie den Tod ihres physischen Körpers miterlebten. Weil sie sich zu fest an ihren physischen Leib Mammern, ihre ganze Konzentration nur ihm gilt und sie nur für den Körper und von ihm leben, ihn hegen und pflegen, erhält er zuweilen einen Kultstatus. Wenn der alles erneuernden Wind des Todes sie einholt, sind sie unfähig, ihren verehrten Körper loszulassen, jede Andeutung, dass sie eigentlich ein geistiges Wesen seien, wird von ihnen abgelehnt. Sie kämpfen verzweifelt um die Erhaltung ihres irdischen Körpers. Wenn dann die gefräßigen Würmer auf dem Plan erscheinen, flüchten sie entsetzt angesichts des fürchterlichen Anblickes ihres sich zersetzenden Fleischkörpers. Die fehlende Einsicht über ihren wahren Zustand führt sie dazu, eine noch auffälligere Verhaltensweise anzunehmen.
 
Sie lassen sich von selbst erzeugten Bildern ihres Leichnams beherrschen, die sie bis ins Innere ihrer Seele erschüttern. Hinzu kommen Verwirrungen und Krisen von mehr oder weniger langer Dauer. Ihr Leiden hat erst ein Ende, wenn sich ihr physischer Körper endlich vollständig aufgelöst hat. «
 
Ich war zutiefst ergriffen. Narcisa sagte zum Schluss: »Dank Gott durfte ich in den letzten Dienstjahren viel lernen. Ach, André, wie viele unserer inkarnierten Geschwister schlafen noch und sind für die spirituelle Realität noch nicht erwacht. Diese Tatsache soll uns zum Nachdenken anregen aber sie darf uns nicht belasten. Die Schmetterlingspuppe hängt an der leblosen Materie fest, trotzdem kann der Schmetterling nach der Metamorphose in die Lüfte fliegen. Auch aus dem fast unscheinbaren Samen wächst eine starke Eiche. Die abgestorbene Blume kehrt zur Erde zurück, aber ihr Duft schwebt weiterhin in der Luft. Jedes Leben im embryonalen Stadium scheint zu schlafen. Das sind Lektionen, die wir nie vergessen dürfen. «
 
Narcisa schwieg, und ich wagte es nicht, ihr Schweigen zu stören.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:50

(30)
 
ERBSCHAFT UND EUTHANASIE
 
 
Ich stand nachdenklich da, als Salústio sich uns näherte und zu Narcisa sagte:
 
»Unsere Schwester Paulina möchte ihren kranken Vater im Pavillon 5 besuchen. Ich dachte es sei besser, erst nach Ihrer Meinung zu fragen, bevor ich es ihr erlaube. Der Zustand des Patienten ist immer noch kritisch. « Narcisa antwortete freundlich:
 
»Sie soll gleich eintreten. Die Ministerin hat ihr die Bewilligung dazu erteilt, weil sie sich in ihrer Freizeit für die Wiedervereinigung ihrer Familie einsetzt, meinte sie. « Der Bote verabschiedete sich schnell.
 
»Sie ist eine sehr liebe und fürsorgliche Tochter. « sagte Narcisa zu mir.
 
Nach kurzer Zeit stand Paulina vor uns. Sie trug ein leichtes, aus leuchtender Seide gewobenes Gewand, das ihre Schönheit sehr betonte. In ihrem schönen Gesicht mit engelhaften Zügen spiegelte sich jedoch ihr Kummer. Narcisa stellte uns vor und Paulina fragte, ohne sich an meiner Gegenwart zu stören, sehr besorgt:
 
»Meine Freundin, wie geht es meinem Vater? «
 
»Etwas besser«, antwortete die Pflegerin, »aber er ist immer noch sehr verwirrt. «
 
»Es ist zu bedauern«, sagte die junge Frau, «dasserund meine Geschwister in diesem mentalen Zustand verharren. Unnachgiebig sind sie Gefangene des gegenseitigen Hasses und der Bitterkeit. «
 
Narcisa bat uns, sie zu begleiten. Nach einigen Minuten standen wir vor einem alten Mann. Sein grimmiges, zerfurchtes Gesicht, sein Blick, seine zerzausten Haare und die zusammengepressten Lippen, lösten in mir eher Mitleid denn Sympathie aus. Trotzdem strengte ich mich an, die aufkommende Abneigung zu überwinden und in ihm nicht nur den Leidenden, sondern auch meinen Geistbruder zu sehen. Das bewirkte, dass der Eindruck des Ekels, den er in mir erweckte, verschwand. Als ich - befreit von Vorurteilen ihn dort liegen sah, musste ich an meine eigene Ankunft im Ministerium für Hilfeleistung denken und fragte mich, wie ich denn damals wohl ausgesehen hatte, als meine Verzweiflung meinem Gesicht abzulesen war. Wenn wir das Unglück anderer sehen, werden wir uns unserer eigenen Mängel bewusst und spüren, wie in uns das Mitgefühl für unsere Brüder erwacht. Der alte, kranke Mann hatte für seine Tochter, die ihn liebevoll begrüßte, kein freundliches Wort übrig. Auflehnend und feindselig dreinblickend, sah er aus wie ein wildes Tier in menschlicher Gestalt.
 
»Vater geht es Dir besser? «, fragte sie ihn zärtlich.
 
» Oh!! Oh!! «, schrie der Kranke mit schriller Stimme.»Ich kann diesen gemeinen Kerl nicht vergessen, ich finde keine Ruhe, ich sehe ihn immer noch an meiner Seite, wie er mir das tödliche Gift spritzt. «
 
»Sag das nicht, Vater«, bat die Tochter ihren Vater mit sanfter Stimme.»Vergiss nicht, dass Edelberte uns von Gott geschickt wurde. «
 
»Mein Sohn?!«, schrie der Unglückselige.» Nie und nimmer! Er ist ein Verbrecher der keine Vergebung verdient. Er ist ein Kind des Teufels! «
 
Paulina, den Tränen nahe, sprach zu ihm: »Weißt Du noch, was Jesus uns lehrte? Wir sollen einander lieben. Wir treffen uns auf Erden innerhalb einer Familie wieder, damit wir die wahre spirituelle Liebe erlernen.
 
Wichtig für uns ist die Erkenntnis, dass es nur einen Vater gibt, der wirklich ewig ist - Gott. Der Herr des Lebens gibt uns die Möglichkeit durch die Vater- oder Mutterschaft die Brüderlichkeit ohne Makel zu erlernen. Die irdische Familie hilft uns, dass wir die universelle Solidarität gemeinsam erlangen können; sie hilft uns, zugleich unsere Gefühle zu vervollkommnen. Die Familie kann aber auch ein Tempel sein, in dem erhabene Vereinigungen stattfinden. Bis wir uns tatsächlich Geschwister nennen können, werden wir viele Kämpfe austragen müssen und werden viel zu leiden haben. Wir gehören alle zur gleichen Schöpfungsfamilie, die unter der fürsorglichen Gnade des einzigen Vaters steht. «
 
Als der kranke Vater ihre sanfte Stimme hörte, begann er krampfartig zu weinen.
 
»Vater, vergib Edelberto! Sieh in ihm nicht den leichtsinnig handelnden Sohn, sondern den Bruder, der aufgeklärt werden muss. Ich war bei uns Zuhause auf der Erde und stellte fest, dass dort eine äußerst negative Stimmung herrscht. Diese Stimmung kommt von den Gedanken die Du ihnen schickst. Sie sind von Deiner Enttäuschung und von Deinem Unverständnis geprägt. Sie verhalten sich auf ähnliche Weise und so werden eure negativen Gedanken hin und her gesandt. Gedanken sind wie feine Wellen, die auch das entfernteste Ziel nicht verfehlen. Der Austausch von Hass und Groll verursacht in den Seelen großes Leid. Unsere Mutter, von Verzweiflung gekennzeichnet, wurde vor einigen Tagen in die psychiatrische Klinik eingewiesen. Wegen der Streitigkeiten um das große Vermögen, das Du während Deines irdischen Daseins angehäuft hast, gehen jetzt Amália und Cacilda gerichtlich gegen Edelberto und Agenor vor. Es ist ein trauriges Bild, das verändert werden könnte, wenn Du nicht Deine Gedanken der Rache nähren und sie immerzu aussenden würdest. Du liegst hier und Dein Zustand ist ernst und auf Erden ist es Mutter, die in einem Zustand des Wahnsinns lebt. Deine Kinder hassen sich und, inmitten dieser aus dem Gleichgewicht geratenen Menschen, steht das große Vermögen. Was ist es wert, wenn sie sich nicht lieben können? «
 
»Aber ich habe mein ganzes Vermögen der Familie hinterlassen«, sagte der betagte Mann grollend. »Ich meinte es nur gut mit ihnen. «
 
Paulina unterbrach ihn und sprach weiter: »Wenn es um das Vermögen geht, das uns nur vorübergehend gehört, wissen wir meistens nicht was wirklich gut ist. Hättest Du dafür gesorgt, dass unseren Lieben Werte, wie ehrliche Arbeit und moralische Verantwortung vermittelt worden wären, hätten sie einer ruhigen Zukunft entgegenblicken können. Dann wären deine Bemühungen und deine Fürsorge sehr wertvoll gewesen. Leider bemühen wir uns lediglich aus Eitelkeit und Ehrgeiz darum, Geld anzuhäufen, denn wir wollen gegenüber den anderen gut dastehen. Doch all das wird uns erst nach dem physischen Tod bewusst. Nur wenige sind darum bemüht, sich hochgeschätzte Tugenden wie Toleranz, Bescheidenheit, Demut und Verständnis anzueignen. Wir zwingen unsere Regeln anderen auf, entfernen uns von Gott und vergessen leider, an der Vervollkommnung unseres Geistes zu arbeiten. Keiner wird auf die Erde geboren mit der Bestimmung, Geld oder Wertsachen anzuhäufen. Solange wir im physischen Leben stehen, ist es unser Recht, Vorkehrungen für das irdische Dasein zu treffen. Aber es bedarf auch treuer und weiser Menschen, die es im guten Sinne verwalten können. Ein Geiziger und Herrschsüchtiger wird niemals des Vaters treuer Verwalter sein können. Auf diese Weise wurde unsere Familie zerstört. Vergebens habe ich versucht, euch spirituelle Hilfe zukommen zu lassen. Während Du und Mutter Euch aufgeopfert und immer mehr Güter angehäuft habt, haben es Amália und Cacilda versäumt, sich nützlich zu machen. Sie sind faul und leben in einer oberflächlichen Gesellschaft, wo sie Müßiggängern begegnet sind, die sie aus finanziellen Interessen geheiratet haben. Agenor brach sein Studium ab und verkehrt in schlechter Gesellschaft.
 
Edelberto wurde zwar Arzt, hat der Medizin aber sehr schnell den Rücken gekehrt und übt sie nur noch sporadisch aus. So, wie es solche tun, die den Arbeitsplatz nur noch aus Neugierde besuchen. Alle haben wertvolle Möglichkeiten des spirituellen Wachstums versäumt. Vom schnellen und leichten Geld angetan, gilt ihr Interesse nur noch der Erbschaft. «
 
Mit einem Ausdruck des Schreckens im Gesicht schrie der Kranke:
 
»Verdammter Edelberto! Verbrecher, undankbarer Sohn! Er tötete mich ohne Mitleid. Und ich hätte noch das Testament regeln wollen. Mieser Kerl!... Mieser Kerl.«
 
»Beruhige Dich Vater! Habe Mitleid mit Deinem Sohn, vergib ihm und vergiss! «
 
Der alte Mann lästerte laut weiter. Die junge Frau wollte mit ihrem Vater diskutieren, aber Narcisa warf ihr einen Blick zu und gab ihr zu verstehen, sie solle es lassen. Narcisa rief Salústio heran, um den Kranken zu beruhigen. Schweigend streichelte Paulina die Stirn ihres Vaters und hatte Mühe nicht zu weinen.
 
Verblüfft verließ ich später den Raum in Begleitung der beiden Frauen. Die Freundinnen setzten ihre Unterhaltung fort. Danach bedankte sich Paulina herzlich und verabschiedete sich von uns. In ihrem Antlitz jedoch war der Kummer zu sehen. Wieder mit Narcisa allein, klärte die mich auf:
 
»Meistens ist eine Erbschaft für alle Beteiligten eine heikle und verwickelte Angelegenheit. Nur sehr selten kann der Nachlass problemlos geregelt werden. Nehmen wir zum Beispiel den Fall von Paulinas Familie. Hier geht es nicht nur um die Erbschaft, sondern auch um Euthanasie. Bedenke bitte, dass die ausgeprägte Gier nach Geld in ihrer Familie zu Zerwürfnis und Auseinandersetzung geführt hat. Geldgierige und geizige Eltern haben oft verschwenderische Kinder. Ich habe die Familie unserer Freundin Paulina auf der Erde besucht und sah, wie der Bruder Edelberto, ein vornehm aussehender Arzt, seinem im Sterben liegenden Vater den sanften Tod brachte. Wir haben vergebens versucht es zu verhindern. Der unselige Sohn hat tatsächlich aus finanziellen Gründen seinem Vater einen raschen Tod zugefügt. Diese Unbesonnenheit ist die Ursache des gegenwärtigen Hasses und des schlechten Zustands unseres Patienten.»
 
Narcisa beendete ihre Rede mit den weisen Worten:
 
» Gott erschuf den Himmel und uns Menschen. Wir aber verwandeln uns immer noch in teuflische Wesen, die in selbst gemachten Höllen leben. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:52

31)
 
VAMPIRE
 
 
Es war einundzwanzig Uhr und wir hatten, abgesehen von den kurzen Gesprächen, in denen wir nach Lösungen für spirituelle Probleme suchten, noch nicht viel Muße gehabt, uns auszuruhen.
 
Hier war ein Patient, der um Hilfe bat, dort ein anderer, dem wir einen magnetischen Passé geben mussten. Als wir uns auf den Weg machten, um im Pavillon 11 nach zwei Patienten zu sehen, hörte ich lautes Geschrei. Instinktiv wollte ich mich nähern, aber Narcisa hielt mich zurück und sagte:
 
»Geh bitte nicht weiter, an jenem Ort sind die sexuell Verwirrten untergebracht. Es wäre kein schöner Anblick für Dich. Warte, bis Du besser darauf vorbereitet bist. «
 
Obschon ich nicht auf dem Besuch dieser Abteilung bestand, bedrängten mich doch tausend Fragen. MeinForschergeist machte sich wieder bemerkbar, ich erinnerte mich jedoch an die präzise Anweisung von Lísias Mutter, mich nicht von meiner wahren Aufgabe ablenken zu lassen. Aus dem hinteren Teil des riesengroßen Parks kam ein Mann mit sonderbarem Gesichtsausdruck auf uns zu. Sie wandte sich zu ihm und fragte:
 
»Was gibt es Justino? Musst Du mir etwas ausrichten?«
 
Der Arbeiter, der zur Aufsichtsmannschaft der Rehabilitationsstation gehörte, sagte besorgt:
 
»Ich bin nur gekommen, um mitzuteilen, dass am großen Tor, welches zum Ackerland führt, eine Frau um Hilfe bittet. Ich glaube, sie konnte unbemerkt am ersten Kontrollposten vorbeigehen. «
 
»Und warum habt ihr der Frau nicht geholfen? «
 
Auf die Frage Narcisas antwortete er schüchtern: »Unserem Befehl folgend können wir ihr nicht helfen, weil die arme Frau viele schwarze Flecken auf ihrem Körper hat. «
 
»Was sagst Du da? «, fragte Narcisa erschrocken.
 
»Es ist so. «
 
»Also dann ist es ein ernstes Problem. «
 
Neugierig folgte ich ihr quer durch das vom Mondschein erhellte Ackerland, denn der beschriebene Kontrollposten lag nicht gerade in der Nähe. Auf dem Weg dorthin durchquerten wir eine sehr große Parkanlage deren Bäume Seite an Seite standen und sich im sanften Wind wiegten. Wir hatten schon mehr als einen Kilometer zurückgelegt, bis wir vor dem großen Tor standen und dort die bedauernswerte Frau, die um Hilfe flehte, erblickten. Narcisa, sonst normalerweise die Ruhe selbst, zeigte sich überrascht und beunruhigt von dem, was sie scheinbar erkannte, das ich aber nicht wahrnehmen konnte. Ich sah die Gestalt einer Frau in zerfetztem Kleid, mit einem schrecklichem Gesicht, und Beinen mit offenen Wunden.
 
»Kinder Gottes«, schrie die Frau als sie uns sah, »gebt meiner müden Seele ein Obdach. Wo ist das Paradies der Auserwählten? Ich will endlich dorthin gehen um den ersehnten Frieden genießen zu können. «
 
Diese jammernde Stimme berührte mich. Auch Narcisa war erschüttert. Leise fragte sie mich:
 
»Siehst Du die schwarzen Flecken an der Frau? «
 
»Nein, ich sehe nichts«, antwortete ich.
 
»Ach ja, Deine Wahrnehmungsfähigkeit ist noch nicht so entwickelt, deshalb kannst Du sie nicht sehen. «
 
Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort:
 
»Wenn es in meiner Kompetenz liegen würde, ließe ich das Tor sofort für sie öffnen. Da sich uns dieses Geistwesen in diesem Zustand zeigt, darf ich überhaupt keine Maßnahme treffen. Ich muss erst mit dem diensthabenden Chef der Aufsichtsmannschaft sprechen. «
 
Sie näherte sich der Frau und sagte in höflichem Ton zu ihr:
 
»Bitte warten Sie hier. «
 
Nach diesem Erlebnis kehrten wir in das Innere der Rehabilitationsstation zurück. Zum ersten Mal hatte ich Kontakt zum Vorsteher der Wachmannschaft, die für die Bewachung dieser Station zuständig war. Narcisa stellte mich ihm vor und berichtete ihm über das Geschehene. Er hörte aufmerksam zu, nickte und sagte:
 
»Es ist gut, dass ich über den Fall informiert wurde. Gehen wir gemeinsam zu ihr. «
 
Als wir wieder dort ankamen, warf Bruder Paulo, so hieß der Vorsteher, einen Blick auf die Frau aus der Schwellenregion und sagte zu uns:
 
»Diese Frau ist vorerst nicht berechtigt von uns Hilfe zu bekommen, denn sie ist eine der ärgsten Sorten von Vampiren, die ich bis heute gesehen habe. Wir müssen sie ihrem Schicksal überlassen. «
 
Als ich das hörte, war ich bestürzt. War es denn nicht unsere christliche Pflicht diesem armen Geschöpf zu helfen, anstatt es sich selbst zu überlassen? Narcisa, die scheinbar auch so dachte, sprach zu ihm:
 
»Aber Bruder Paulo, gibt es denn gar keine Möglichkeit diese Unglückliche in einer der Stationen unterzubringen? «
 
»Ich kann das nicht erlauben, sonst würde ich meine Pflichten verletzen. « erklärte er.
 
Er zeigte auf die Frau, die noch immer ungeduldig und schreiend auf eine Entscheidung wartete, und fragte Narcisa:
 
»Haben Sie irgendetwas anderes als die schwarzen Flecken an ihr entdeckt? «
 
»Nichts anderes, Bruder Paolo « sagte sie. »Aber ich sehe mehr«, antwortete er und sagte leise: »Zählen Sie die schwarzen Flecken. «
 
Narcisa schaute genau hin und antwortete dann: »Ich sehe achtundfünfzig schwarze Flecken. «
 
Bruder Paulo erkläre es uns bitte: »Diese schwarzen Flecken stellen achtundfünfzig Kinder dar, die von ihr gleich nach der Geburt getötet wurden. In jedem dieser Flecken erkenne ich das geistige Abbild eines Kindes, das sie entweder erschlagen oder erstickt hat. Diese unselige Frau war in ihrem irdischen Leben eine Hebamme. Unter dem Vorwand, unglücklichen und unerfahrenen jungen Menschen 'einen guten Dienst zu erweisen', hat sie grauenhafte Verbrechen begangen. Dadurch befindet sie sich in einer wesentlich schlimmeren Lage, als die Selbstmörder und Mörder, für die manchmal mildernde Umstände gelten können. «
 
Erstaunt erinnerte ich mich an medizinische Fälle, in denen wir uns genötigt sahen das Ungeborene zu töten, um das gefährdete Leben der Mutter zu retten, Bruder Paulo erriet meine Gedanken und sagte:
 
»Ich spreche hier nicht von Maßnahmen, die zu Recht ergriffen werden, weil sie Bestandteil des Wiedergutmachungsprozesses des Reinkarniernden sein können. Ich beziehe mich auf die Tötung derer, die eine neue irdische Existenz beginnen wollen. Wenn man sie tötet verwehrt man ihnen das erhabene Recht auf das Leben auf Erden. « Dessen ungeachtet ließ Narcisa nicht nach.
 
»Auch ich habe in meiner Vergangenheit viele Fehler begangen» sagte sie beherzt zu Bruder Paulo.
 
»Helfen wir doch dieser Unseligen. Wenn Sie es mir gestatten, werde ich mich ganz besonders um sie kümmern. «
 
»Ich bin mir bewusst, dass auch wir alle noch mit großer Schuld beladen sind. « meinte er, beeindruckt von Narcisas ehrlichem Bemühen.
 
»Aber wir können von uns sagen, dass wir zu unseren Verfehlungen stehen und bereit sind, sie wieder gutzumachen. Hingegen ist die einzige Absicht dieser Frau, Verwirrung und Unfrieden unter den Arbeitern zu stiften. Heuchlerische Geistwesen wie sie senden zerstörerische Kräfte aus, die sich negativ auswirken. Wenn wir sie hineinlassen, wozu dient dann der Wachdienst? «
 
Bedeutungsvoll sagte er:
 
»Ich kann das Gesagte beweisen. « Bruder Paolo ging zur Bittstellerin und fragte:
 
»Was erwartest Du von unserer brüderlichen Hilfe? «
 
»Hilfe! Hilfe! «, antwortete sie tränenüberströmt.
 
»Aber meine Freundin«, meinte er ruhig, «wir müssen lernen, das sühnende Leid anzunehmen. Warum hast Du so vielen wehrlosen Geschöpfen, die mit Gottes Segen ihren Wiedergutmachungsprozess auf der Erde beginnen wollten, die Möglichkeit sich zu inkarnieren genommen? «
 
Sie hörte ihm mit steigender Unruhe zu. Ihr Gesicht War jetzt eine Angst einflößende Maske, erfüllt mit Hass.
 
»Wer beschuldigt mich einer solchen Gemeinheit? « schrie sie ihn an. »Ich habe ein reines Gewissen. Während meines ganzen Lebens auf Erden habe ich mich immer für die Mutterschaft eingesetzt. Ich war barmherzig und fromm, gut und rein. «
 
» Der Einblick in Deine Gedanken und Handlungen zeigt ein anderes Bild, das im Widerspruch zu Deiner Behauptung steht. Meine Schwester, ich glaube sogar, dass Du noch nicht von der Gnade der Reue berührt wurdest. Wenn Du Deine Seele dem Segen Gottes öffnest, und Deine eigenen Bedürfnisse zur Reue erkennst, dann kannst Du zurückkommen. «
 
Wütend schrie sie: »Teufel! Hexer! Anhänger Satans! Ich werde nie wieder hierher zurückkommen! Ich warte auf den mir versprochenen Himmel und ich werde ihn finden. «
 
Der Wachvorstand sprach jetzt bestimmt und entschlossen:
 
»Dann fordere ich Dich auf, von hier fortzugehen, denn hier wirst Du den gewünschten Himmel nicht finden. Wir sind hier in einer Arbeitsstätte. Und im Gegensatz zu Dir sind sich unsere Erkrankten ihres Fehlverhaltens bewusst und bemühen sich in der Obhut von liebevollen und hingebungsvollen Brüdern und Schwestern, es zu berichtigen. «
 
Die Frau bemerkte frech: »Ich habe Sie weder um Medikamente noch um eine Behandlung gebeten. Ich bin auf der Suche nach dem Paradies, das mir aufgrund meiner guten Taten zusteht. «
 
Sie warf uns ärgerliche Blicke zu. Jetzt war sie nicht mehr krank, sondern ging selbstsicher und scheinbar unbeeindruckt davon. Bruder Paulo blickte ihr eine Weile nach und meinte:
 
»Habt Ihr den Vampir in ihr bemerkt? Obschon sie eine Verbrecherin ist, gibt sie sich unschuldig. Sie ist bis inihr Innerstes böse, behauptet aber von sich, gut und rein zu sein. Sie ist verzweifelt, dennoch täuscht sie Gelassenheit vor. Eigenhändig hat sie sich die Hölle erschaffen, gleichwohl behauptet sie, dass sie auf der Suche nach dem Himmel ist. «
 
Wir hörten seine Ausführungen schweigend an. Zum Schluss sagte er:
 
»Wir dürfen uns nicht vom äußeren Erscheinungsbild beeindrucken lassen, sei es ein gutes oder ein schlechtes. Gewiss wird die Unglückliche an einem anderen Ort von der Göttlichen Gnade Hilfe erhalten. Aber im Namen der wahren Nächstenliebe erlaubt es mir meine Stellung nicht, ihr unsere Tore zu öffnen. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:56

32)
 
MINISTERIN VENERANDA
 
 
Wir durchquerten den von Licht durchfluteten Park, der wegen seiner großen, Schatten spendenden Bäume und dem satten Grün eine besondere Anziehungskraft auf mich ausübte. Narcisa und ich plauderten zusammen und sie erzählte mir:
 
»Von diesem großen Park aus kann man zur Schwellenregion oder zu den Feldern gehen, in denen Pflanzen gezüchtet werden, aus denen man Säfte herstellt. Man gelangt von hier auch zu den wunderschönen Grünzonen, die unsere Ministerin Veneranda erstellen ließ. «
 
Mein Interesse bemerkend, erklärte sie weiter: »Ich spreche von den 'Grünen Sälen', in denen wir uns treffen, um uns weiterzubilden. Inmitten langer Baumreihen gibt es wunderbare 'Natur-Säle', die sich sehr gut für Vorträge der Minister des Erneuerungsministeriums eignen. Andere Säle sind reserviert für uns besuchende, auswärtige Minister oder werden Lernbegierigen zur Verfügung gestellt. Einer dieser Säle ist außerordentlich schön gestaltet und steht deshalb dem Gouverneur zur Verfügung, der dort seine Vorträge hält. Zu wechselnden Zeiten wachsen an den hoch aufragenden Bäumen farbenfrohe Blumen empor, was ihnen ein turmähnliches Aussehen verleiht. Es sieht zauberhaft aus. Das Dach bildet das Firmament. Es schenkt uns das Licht der Sonne oder des Mondes. «
 
«Wie wunderbar müssen diese natürlichen Plätze sein! «, bemerkte ich.
 
»Ganz sicher«, sprach Narcisa voller Begeisterung weiter. »Es wurde mir gesagt, dass vor vierzig Jahren die Ministerin ihr Projekt, dem sie den Namen 'grüne, natürliche Säle' gab, der Kolonie Nosso Lar vorstellte. Sie erntete damit viel Lob und Begeisterung. Alle Ministerien haben sich daran beteiligt, selbst das Ministerium der Göttlichen Vereinigung hat unter Anleitung der Ministerin Veneranda im Wald der Quellen solche natürlichen Orte entstehen lassen. Überall sind 'grüne Säle' angelegt. Alle sind wunderbar gestaltet, aber persönlich finde ich die im Schulareal, wegen ihrer unterschiedlichen Form und Größe am originellsten. In den Parkanlagen des Ministeriums für Aufklärung ließ Ministerin Veneranda ein richtiges, sternförmiges Schloss aus Pflanzen anlegen. Im inneren Raum des Schlosses ist genug Platz für fünf große Klassen samt Schülern und Ausbildern. In der Mitte wurde ein sehr großes Gerät aufgestellt, das dem Kinoprojektor auf Erden gleicht. Verschiedene Bilder werden von diesem Gerät auf fünf Leinwände gleichzeitig projiziert. Die Gestaltung der grünen Säle hat der Stätte viel Gutes gebracht, denn sie verfügt jetzt über Zonen, in denen Nützliches und Praktisches mit spiritueller Schönheit vereint sind. «
 
Sie machte eine Pause, worauf ich sie fragte:
 
»Wie sind die Säle eingerichtet? Gleich wie die auf der Erde?«
 
Narcisa antwortete lächelnd:
 
» Sie sind ganz unterschiedlich eingerichtet. Die Ministerin hat sich für die Einrichtung der Säle von Bildern aus dem Neuen Testament inspirieren lassen, das Christus' Leben unter den Menschen schildert. Bei der Gestaltung nutzte sie die in der Natur vorhandenen Materialien. So entstanden die 'Natürlichen Säle', die mit Sitzbänken und Sesseln ausgestattet sind, welche aus Lehm geformt und mit duftendem und weichem Moos überzogen wurden, was die Einzigartigkeit und Schönheit der Säle hervorhebt. Die Ministerin betonte damals, dass sie es für wichtig erachte, die belehrenden Worte des Meisters in Erinnerung zu rufen, welche er an den Ufern des Sees Genezareth während seiner göttlichen Mission gesprochen hatte.
 
Dies führte dann zur Gestaltung von Mobiliar aus Naturmaterialien. Diese Art von Möbel muss intensiv gepflegt werden, dies ist eine aufwendige und intensive Arbeit. Wenn man jedoch das Ganze betrachtet, weiß man, dass sich der Aufwand lohnt. «
 
Narcisa schwieg für einen Augenblick, fuhr dann aber fort:
 
»Ich erwähnte bereits, dass der schönste dieser Säle unserem Gouverneur zur Verfügung steht und nur von ihm selbst benutzt werden darf. Er hält darin seine Vorträge. Ministerin Veneranda hatte herausgefunden, dass er antike Landschaftsbilder im hellenischen Stil sehr mochte und dekorierte den Saal in entsprechender Weise. Sie ließ kleine Kanäle mit frischem Wasser anlegen und fein konstruierte Stege und winzig kleine Teiche bauen, umgeben von Lauben und blühender Vegetation. Alle dreißig Tage blühen andere Blumen, deshalb können wir jeden Monat eine neue Blumenpracht bestaunen. Die schönste Dekoration hebt die Ministerin für die Feier der Geburt Jesu im Dezember auf. In dieser feierlichen Zeit erreichen uns von der Erde die rührendsten und erhabensten Gedanken unserer inkarnierten Geschwister, begleitet von ihren ehrlich gemeinten Versprechen. Andererseits senden wir an die Höheren Sphären den innigsten Wunsch, die Hoffnung möge unser Herz nie verlassen und versichern unserem Herrn, ihm noch besser dienen zu wollen. Dieser Saal ist das Juwel unseres Ministeriums. Vielleicht hast Du schon davon gehört: Der Gouverneur kommt fast jeden Sonntag her und verbringt viele Stunden im Gespräch mit den Ministern für Erneuerung und den Mitarbeitern der Kolonie. Er unterbreitet ihnen Verbesserungsvorschläge und bespricht mit ihnen die Lage unserer Kolonie angesichts der Nähe zur Schwellenregion. Er empfängt uns, nimmt unsere besten Wünsche entgegen und den genesenden Patienten spricht er Mut zu und findet Worte des Trostes. Wenn er Zeit hat, bleibt er am Abend da, hört Musik oder besucht eine Tanzvorstellung der Kinder und Jugendlichen unserer Schulen. Die Mehrheit der Besucher von Nosso Lar kommen in unsere Kolonie, um die 'Natürlichen Säle' zu sehen, in denen weit mehr als dreißigtausend Personen Platz finden. «
 
Bei diesen interessanten Informationen erlebte ich ein Freudengefühl gemischt mit Neugierde.
 
»Der Saal der Ministerin Veneranda«, erzählte Narcisa begeistert, »ist ebenfalls prächtig ausgestattet. Wir verdanken der Ministerin sehr viel, weshalb wir uns freuen, ihren 'grünen Saal' mit besonderer Sorgfalt zu pflegen. Sie hat zahlreiche Maßnahmen zugunsten der Benachteiligten durchgeführt und wir sind ihr für ihren selbstlosen Einsatz großen Dank schuldig. Was sie an Gutem bewirkt hat, kann mit nichts aufgewogen werden. Ihr unermüdlicher Einsatz in Nosso Lar wird in der Regierung als einer der verdienstvollsten und ehrenhaftesten eingestuft. Sie ist in der Kolonie das Geistwesen, das die höchste Anzahl an Arbeitsstunden aufweisen kann. Sie ist die Dienstälteste in der Regierung und im Ministerium. Seit 200 Jahren ist sie aktiv an dieser Stätte tätig. «
 
Überaus beeindruckt sagte ich zu Narcisa: »Sicher wird der Wohltäterin viel Respekt gezollt! «
 
»Du triffst es genau«, meinte sie, »sie ist die spirituell Erhabenste in unserer Kolonie. Unsere elf Minister vom Ministerium für Erneuerung suchen bei ihr Rat, bevor sie bedeutende Maßnahmen ergreifen, und bei zahlreichen Fällen holt auch die Regierung ihre Meinung ein. Mit Ausnahme unseres Gouverneurs ist sie die einzige unserer Kolonie, die Jesus in den Strahlenden Sphären gesehen hat. Ihre Demut verbietet es ihr jedoch, darüber zu sprechen oder auf diesbezügliche Fragen einzugehen. Eine weitere interessante Episode zur Ministerin Veneranda gibt es noch: Vor vier Jahren gab es einen besonderen Festtag in der Kolonie.
 
Die Bruderschaft des Lichtes, die das Schicksal der Christen im Kontinent Amerika lenkt, ehrte unsere Ministerin für eine Million Dienststunden, die sie ununterbrochen, beharrlich und demütig geleistet hat. Ihr wurde die Auszeichnung von der Ehrenkommission in Anwesenheit des Gouverneurs und der Minister auf dem Großen Platz unter großem Jubel der Menge überreicht. Sie ist bis zum heutigen Tag das erste Geistwesen in dieser Kolonie, welches diese hochgeschätzte Auszeichnung erhalten hat. Ministerin Veneranda war sehr ergriffen und weinte still vor sich hin. Sie beruhigte sich aber, sagte, dass sie diese Ehrung nicht verdient habe und schenkte sie trotz des Protestes des Gouverneurs der Gemeinschaft unserer Kolonie Nosso Lar. Die Auszeichnung wird jetzt im Archiv der Kolonie aufbewahrt. Veneranda verzichtete auch auf alle Feierlichkeiten zu ihren Ehren und hat sich nie über diese höchst verdiente Auszeichnung geäussert! «
 
»Was für eine außergewöhnliche Frau«, sagte ich beeindruckt und fragte nach:
 
»Warum bewohnt sie nicht höhere Sphären als diese? « Narcisa sagte leise:
 
»Sie ist ein hoch entwickeltes Geistwesen, das in viel höheren Sphären als der unseren beheimatet ist. Aber sie bleibt aus Liebe und ihrer großen Opferbereitschaft wegen in Nosso Lar. Mir wurde gesagt, dass unsere edle Wohltäterin sich bereits seit mehr als tausend Jahren für ihre Lieben auf der Erde einsetzt und geduldig auf sie wartet. «
 
»Kann ich sie kennen lernen? «fragte ich immer noch sehr beeindruckt.
 
Narcisa schien mein Interesse zu gefallen, denn sie erklärte:
 
»Morgen Nachmittag, nach dem Gebet, wird die Ministerin in ihrem Saal einigen Präparanden einen Aufklärungsvortrag über 'Gedanken' halten. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:58

(33)
 
SELTSAME BEOBACHTUNGEN
 
 
Kurz vor Mitternacht erlaubte mir Narcisa, zum Haupttor der Rehabilitationsstation zu gehen. Wir erwarteten die Ankunft der Samariter, die scheinbar schon in der Nähe waren und wollten alles für die Erste Hilfe bereitstellen.
 
Erwartungsvoll ging ich den von dicht belaubten Bäumen gesäumten Weg entlang. Mir fielen dabei Bäume auf, die mich an uralte Eichen der Erde erinnerten. Es gab aber auch andere, wundervolle Bäume, die Erinnerungen an Akazien und Kiefern weckten. Diese friedliche Atmosphäre wirkte wie Balsam auf meine Seele. Ein solches Gefühl des Friedens hatte ich in der Rehabilitationsstation noch nicht erlebt. Entrückt, lief ich den natürlichen Laubenentlang weiter und genoss den frischen Wind, der eine entspannende Wirkung auf mich hatte. Ich dachte an all das, was mit mir seit meiner ersten Begegnung mit dem Minister Clarêncio geschehen war. Ich fragte mich, wo wohl der Ort ist, von dem wir träumen: Auf der Erde oder hier, in dieser spirituellen Kolonie? Ich hätte auch gerne gewusst, wie es Zélia und meinen Kindern erging. Warum wurde ich hier über die mannigfaltigen Aspekte des Lebens aufgeklärt, aber gleichzeitig wurde mir jegliche Information über meine irdische Familie untersagt. Sogar meine Mutter riet mir zu schweigen und enthielt sich darüber zu sprechen. Alles deutete darauf hin, dass ich mich nicht weiter mit meinem irdischen Leben zu befassen hatte, nein, ich sollte es sogar vergessen und intensiv an meiner inneren Erneuerung arbeiten. Dennoch schmerzte die Sehnsucht nach den Meinigen. Ich wünschte mir sehnsüchtig, meine geliebte Frau zu sehen und von meinen Kindern geküsst zu werden. Welcher Schicksalsschlag hatte uns getrennt und mich als Gestrandeter an unbekannte Gestade geworfen? Dennoch kamen in mir tröstende Gedanken auf. Ich war nicht der Verlassene oder der Gestrandete. Selbst wenn ich es wäre, hätte ich zugeben müssen, dass ich es mir selbst zuzuschreiben hatte. Seit meiner Ankunft in der Kolonie Nosso Lar konnte ich feststellen, dass mich eine seltsame Kraft trieb, so dass ich bewusster und intensiver an die Arbeit ging. Warum hatte ich auf der Erde nur so viel Zeit mit Leichtsinn jeder Art vergeudet?
 
Es ist wahr, ich liebte meine Lebenspartnerin sehr und war meinen Kindern liebevoll zugetan, was ich auch allen zeigte. Dennoch, wenn ich meine Rolle als Ehemann und als Vater ganz nüchtern betrachtete, muss ich zugeben, dass ich meiner Familie weder solide noch nützliche Werte vermittelt hatte und dass ich dieses Versäumnis zu spät erkannt hatte. Man könnte mein Handeln mit dem eines Wanderers vergleichen, der sich auf den Weg macht, ohne sich vorher mit Brot und Wasser einzudecken. Als er sein Versäumnis erkennt ist es zu spät, zurück zu kehren und er muss darben. Diese Gedanken plagten mich. Während meines irdischen Daseins fehlten mir diese Kenntnisse. Infolge dessen war ich nicht in der Lage zu begreifen, was nach dem Verlassen des physischen Leibes mit mir, mit meiner Frau und meinen Kindern geschah. Ob sie jetzt das Witwen- und Waisendasein fristeten? Auf diese Fragen fand ich damals keine Antwort.
 
Die frische Brise berührte mein Gesicht, als ob sie mich einladen wollte, auf andere, höhere Gedanken zu kommen. Diese inneren Fragen waren für mich eine Tortur. Angesichts der mich erwartenden Aufgaben konnte ich mich jedoch wieder auffangen. Ich ging auf das Tor zu und spähte über die Felder hinaus in die Ferne. Ich genoss den besonderen Augenblick im Mondschein, bewunderte die Schönheit des Himmels über mir und ließ mich von der Stille der Nacht verzaubern.
 
Plötzlich sah ich in der Ferne zwei riesenhafte Schatten. Sie kamen näher und ich bemerkte erstaunt, dass es zwei männliche Gestalten waren, die aus einer nicht zu definierenden, halbschimmernden Substanz bestanden. Aus ihren Armen und Füßen strahlte eine seltsame Art von Lichtfasern und vom Kopf gingen merkwürdige lange Drähte in die Höhe. Ich dachte ich sähe zwei Gespenster, es war angsteinflößend! Erschrocken ging ich schnell zurück. Verängstigt und angespannt erzählte ich Narcisa was ich gesehen hatte, doch sie konnte ihr Lachen nur mit Mühe zurückhalten.
 
»Aber mein Freund«, sagte sie gutgelaunt, »hast Du diese Gestalten nicht erkannt? « Ich war zu verlegen und sagte nichts. Sie sprach weiter:
 
»Auch ich habe vor langer Zeit, das Gleiche erlebt. Diese zwei Gestalten sind unsere auf der Erde inkarnierten Brüder. Sie sind sehr mächtige Geistwesen, die dort wichtige Rettungsmissionen durchführen. Sie können in ihrer Eigenschaft als Eingeweihte der Ewigen Weisheit zeitweise ihre körperlichen Hüllen verlassen und sich frei in unserer Sphäre bewegen. Die Drähte und Lichtfasern, die Du gesehen hast, kennzeichnen den Unterschied zwischen ihnen und uns. Hab also keine Angst vor ihnen. Aus höheren Sphären inkarnieren höchst entwickelte Geistwesen auf der Erde und leben unter den Menschen in äusserster Bescheidenheit und Demut. «
 
Sie machte mir Mut und lud mich ein, mit ihr zu gehen.
 
»Komm, gehen wir. Es ist vierzig Minuten nach Mitternacht und die Samariter kommen sicher gleich an.«
 
Zufrieden ging ich mit ihr zum großen Tor. Ich sah in der Ferne, wie die zwei Gestalten sich wieder von der Kolonie Nosso Lar entfernten. Narcisa sah ihnen nach.
 
»Sie sind in einen Mantel aus blauem Licht eingehüllt«, sagte sie ehrfürchtig. »Es müssen tatsächlich zwei sehr erhabene Geistmissionare sein, die auf der Erde eine Mission durchführen, über die wir nichts wissen dürfen. «
 
Wir blieben für eine Weile dort und betrachteten die in der stillen Nacht vor uns liegenden Felder. Dann zeigte meine liebe Freundin Narcisa auf einen schwarzen Punkt, der am vom Mond beleuchteten Horizont zu sehen war und sagte:
 
»Dort kommen sie! « Ich sah eine Karawane, die sich auf uns zu bewegte. Plötzlich hörte ich von weit her Hundegebell.
 
»Was ist das? «, fragte ich überrascht.
 
»Das sind die Hunde«, sagte Narcisa, »sie sind wertvolle Helfer in den dunklen Sphären der Schwellenregion, wo sich abgesehen von den Nichtinkarnierten, auch richtige Ungeheuer aufhalten. Es ist mir nicht gestattet sie näher zu beschreiben. «
 
Narcisa rief laut nach den Dienern und schickte einen von ihnen zur Rehabilitationsstation, um Anweisungen zu geben. Ich musterte die seltsame Gruppe, die sich langsam näherte. Es waren sechs große Wagen die aussahen wie Postkutschen, gezogen von Tieren, die aus dieser Entfernung den Maultieren der Erde ähnelten. Das Interessanteste aber war die Schar großer Vögel, die über dem Wagen kreisten und dabei merkwürdige Geräusche machten. Sofort frage ich Narcisa:
 
»Wo ist der Aérobus? Hätte nicht der Aérobus in der Schwellenregion eingesetzt werden können? «
 
»Nein«, erwiderte sie.
 
Ich wollte wissen warum nicht. Liebenswürdig wie immer, erklärte sie:
 
»Es ist wegen der Dichte der Materie. Nimm als Beispiel das Wasser und die Luft. Ein durch die Lüfte fliegendes Flugzeug kann im Wasser nicht dasselbe tun. Wir können hier sogar Vehikel bauen, die dem Unterseeboot ähnlich sind. Aber aus Rücksicht auf die Lage der Leidenden haben die Höheren Sphären beschlossen, die üblichen Verkehrsmittel einzusetzen. Abgesehen davon kann in vielen Fällen nicht auf die Hilfe der Tiere verzichtet werden. « »Warum denn? «, fragte ich.
 
»Die Hunde erleichtern uns die Arbeit und die Maultiere sind geduldige Lastenträger. Außerdem geben sie viel Wärme ab. Die Vögel, die wir 'reisende Ibisse' nennen, sind ausgezeichnete Helfer der Samariter, weil sie jegliche Form von hasserfüllten und perversen Gedanken verschlingen und auf diese Weise am Kampf mit den finsteren Gegenden der Schwellenregion beteiligt sind. «
 
Die Karawane kam jetzt immer näher. Narcisa blickte mich an und meinte:
 
»Jetzt ruft uns die Arbeit, es ist nicht der Zeitpunkt für weitere Erläuterungen. Wertvolle Informationen über die Tiere wirst Du nicht hier, sondern im Ministerium für Aufklärung erhalten. « Sie ging und erteilte Befehle. Wir bereiteten uns vor, die seelisch Kranken zu empfangen.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:59

34)
 
NEUANKÖMMLINGE AUS DER SCHWELLENREGION
 
 
Die Männer kamen mit den angeleinten Hunden auf uns zu und gleich danach durchschritten wir alle die langen Eingangskorridore der Rehabilitationsstation. Pfleger gingen eilig hin und her, einige der Erkrankten wurden hineingetragen. Narcisa, Salústio und andere Helfer, erfüllt von brüderlicher Liebe, gingen an die Arbeit. Auch die Samariter setzten ihre ganzen Energien bei dieser Hilfsaktion ein. Einige der Erkrankten verhielten sich demütig und ergeben, andere hingegen begehrten mit lauter Stimme auf.Als ich von meiner Arbeit kurz aufblickte, sah ich eine alte Frau, die Mühe hatte, aus dem letzten Wagen auszusteigen. Sie schaute mich an und rief mir zu:
 
»Mein Sohn hab Erbarmen mit mir! Um Gottes Willen hilf mir! « Beflissen ging ich zu ihr.
 
»Gott sei Dank! «, sagte sie und bekreuzigte sich. »Dank der göttlichen Vorsehung konnte ich dem Fegefeuer entkommen. Grauenhaft, diese verfluchten Dämonen, die mich plagten. Es war die Hölle! Aber die Engel des Herrn kamen und halfen mir. «
 
Ich war der alten Frau beim Aussteigen behilflich. Es war das erste Mal, dass ich von einer scheinbar vernünftigen und ruhigen Person etwas von der Hölle und dem Fegefeuer vernahm. Obschon mich Lísias Mutter vor übertriebener Neugierde warnte, - die, anstatt wahre Hilfe anzubieten, nur meinen gesteigerten Wissensdrang befriedigte -, schlug ich alle guten Ratschläge in den Wind. Mitgefühl vortäuschend, fragte ich sie:
 
»Kommen Sie von sehr weit her? «
 
Die alte Frau spürte mein Interesse und begann zu erzählen:
 
»Ich komme von weit her. Auf der Erde, mein Sohn, war ich eine tugendhafte, barmherzige und gläubige Frau und betete viel. Aber was kann man gegen Satans List tun? Als ich meine irdische Hülle ablegte, sah ich mich von fürchterlichen Ungeheuern verfolgt, die mich in einen regelrechten Strudel hinunterzogen. Anfangs flehte ich die himmlischen Erzengel um ihren Schutz an. Obschon diabolische Geistwesen mich eingekerkert hielten, verlor ich nie die Hoffnung, von einem Augenblick zum anderen befreit zu werden. Ich hatte immerhin doch einiges für die monatlichen Messen zugunsten meiner ewigen Ruhe bezahlt. «
 
Obwohl es mich gar nichts anging, versuchte ich noch weitere Einzelheiten von ihr zu erfahren.
 
»Was Sie sagen ist sehr interessant! Haben Sie nicht versucht, den Grund Ihres dortigen Aufenthaltes zu erfahren? «
 
»Überhaupt nicht«, antwortete sie und bekreuzigte sich.
 
»Wie ich schon sagte: Während meiner Lebzeiten auf der Erde bemühte ich mich stets, ein frommer Mensch zu sein. Nun, Sie wissen sicher, dass niemand frei von Sünden ist. Mit meinem Vermögen hätte ich ein ruhiges und angenehmes Leben führen können, aber meine Sklaven waren streitsüchtig, forderten mich heraus und gelegentlich war es notwendig, disziplinarische Maßnahmen zu ergreifen. Die Aufseher hatten zu viele Skrupel und ich musste mich Tag für Tag durchsetzen. Nicht selten kam es vor, dass ein Sklave als abschreckendes Beispiel am Schandpfahl starb. Manchmal war es auch notwendig, dass ich die Kinder meiner Sklavinnen verkaufte, um die Ordnung wieder herzustellen. Gelegentlich wurde ich von Gewissensbissen geplagt, jedoch bei den monatlichen Besuchen, die Pater Amancio uns abstattete, nahm er mir die Beichte ab und nach dem Gottesdienst und dem Abendmahl war ich von diesen verzeihlichen Sünden erlöst. Danach war ich wieder im Frieden mit Gott und der Welt. «
 
Ich war von diesen Worten schockiert und begann sie aufzuklären:
 
»Meine Schwester, diese Art von spirituellem Frieden ist falsch, denn auch die Sklaven sind unsere Geschwister. Im Angesicht des Ewigen Vaters sind sowohl die Kinder der Sklaven, als auch die Kinder der Herrschaften alle seine Kinder. «
 
Als sie das hörte, stampfte sie verärgert auf den Boden und sprach gereizt:
 
»Nein, dass ist nicht so! Ein Sklave ist immer ein Sklave. Wäre es nicht so, würde uns die Kirche das Gegenteil lehren. Wenn sogar der Bischof sich Sklaven hielt, weshalb dann nicht wir auf unseren Plantagen? Wer hätte den Boden bestellen sollen, wenn nicht sie? Und glaube mir, für sie war es eine Ehre, dass sie in den mir gehörenden Sklavensiedlungen leben durften. Mein Anwesen, das fern von ihren Siedlungen lag, durften die Sklaven nur betreten, wenn ich Besuch hatte, um meine Gäste zu bedienen. Pater Amancio, unser tugendhafter Pfarrer, hat mir einmal anvertraut, dass die Afrikaner die schlechtesten Menschen auf der Welt sind, die nur geboren wurden, um in der Knechtschaft Gott dienen zu können. Und Du meinst, ich hätte ihnen gegenüber Skrupel haben sollen? Du kannst mir glauben, die Sklaven sind pervers, sie sind Kinder Satans! Manchmal staune ich, mit welcher Geduld ich dieses Gesindel auf Erden ertrug. Als dann die Prinzessin* beschloss die Sklaverei abzuschaffen, hat mich das dermaßen schockiert, dass ich meinen irdischen Körper unerwartet verließ. Es sind zwar schon viele Jahre seit damals vergangen, aber ich erinnere mich noch ganz genau. Ich lag schon seit einigen Tagen krank im Bett, als mir Pater Amancio die Neuigkeit berichtete. Danach ging es mir plötzlich sehr schlecht. Jetzt, da diese Kriminellen frei waren, wie hätten wir in dieser Welt weiterleben können? Sicher hätten sie uns am liebsten zu ihren eigenen Sklaven gemacht. Wäre es dann nicht besser, gleich zu sterben? Ich erinnere mich, dass ich große Mühe hatte zu beichten und die tröstenden Worte des Priesters zu vernehmen. Aber ich hatte den Eindruck, als ob die Dämonen auch Afrikaner wären, und sie nur auf mich warteten. Ich musste bis heute ihre Anwesenheit erleiden. «
 
»Wann war das? « fragte ich.
 
»Im Mai 1888*.« Da staunte ich. Sie blickte in die Ferne und sprach:
 
»Es könnte sein, dass meine Neffen vergessen haben die von mir testamentarisch festgelegten Gedenkmessen zu bezahlen. «
 
Ich wollte ihr antworten, sie ermutigen, auf andere Gedanken zu kommen, mit ihr über Brüderlichkeit und Glauben sprechen, als Narcisa auf mich zu kam und mich gütig ansprach:
 
»André, mein Freund, hast Du vergessen, dass wir hier sind um den Kranken und den Verwirrten zu helfen? Welchen Nutzen kannst Du aus dieser Schilderung ziehen? Geisteskranke sprechen unaufhörlich und wer ihnen zuhört, setzt sein spirituelles Interesse am falschen Ort ein. «
 
Dieser Hinweis wurde mit so viel Liebenswürdigkeit ausgesprochen, dass es mich beschämte und mir den Mut nahm, etwas zu erwidern.
 
»Lass Dich nicht davon beeindrucken, «sagte sie, »helfen wir lieber den Verwirrten. «
 
» Wollen Sie damit sagen, dass ich zu denen gehöre? « fragte die alte Frau beleidigt. Narcisa in ihrer ruhigen und taktvollen Art sagte, wobei sie die alte Frau mitfühlend anschaute:
 
»Nein meine Freundin, das meine ich nicht, aber ich glaube, dass Sie sehr müde sein müssen, denn Sie verbrachten lange Zeit im Fegefeuer. «
 
»Genau das stimmt«, sagte die Neuangekommene aus der Schwellenregion.
 
»Ihr könnt es Euch nicht vorstellen, wie ich leiden musste, geplagt und verfolgt von den Dämonen. «
 
Die Arme wollte ihre Geschichte auch Narcisa erzählen. Die aber - wie um mir zu zeigen, wie man sich in solchen Situationen verhalten soll -, sagte zur Frau:
 
»Sprechen Sie nicht länger über das Böse. Ich weiß über die schmerzvolle und bittere Geschichte Ihres Lebens Bescheid. Ruhen Sie sich aus. Ich werde Ihnen helfen. «
 
Narcisa rief einen der Helfer herbei und bat ihn:
 
»Zenóbio, geh bitte in das Lager der Frauen und sag Nemésia, dass ich sie bitte, hierher zu kommen, um unsere Schwester in die Pflegeabteilung zu begleiten. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:01

(35)
 
BESONDERE BEGEGNUNG
 
 
Wir waren mit dem Unterbringen der Tiere und dem Verstauen der Truppenausrüstung beschäftigt, als ich eine Stimme hörte, die mich rief:
 
»André! Du hier? Das ist aber eine angenehme Überraschung! Schön Dich zu sehen.« Ich drehte mich überrascht um und sah einen Samariter, in dem ich Silveira erkannte. Er war ein Kunde meines Vaters gewesen. Als unnachgiebiger Geschäftsmann hatte mein Vater Silveira und seine Familie um das ganze Vermögen und alle Güter gebracht.
 
Obwohl ich wegen des plötzlichen Erscheinens Silveiras eine gewisse Scheu empfand bemühte ich mich,ihn herzlich zu begrüßen. Jedoch war die Erinnerung an die damaligen Ereignisse unvermittelt wieder da. Meines Erachtens wäre es falsch gewesen, ihm etwas vorzumachen - insbesondere weil die Tugend der Ehrlichkeit in dieser Kolonie wirklich gelebt wird. Silveira, der meine peinliche Lage bemerkt hatte, sagte zu mir:
 
»Ich ahnte ja nicht, dass Du das physische Leben bereits verlassen hast und noch viel weniger hätte ich gedacht, Dich hier in Nosso Lar anzutreffen. «
 
Bewegt von seiner spontanen Art und seinem freundlichen Verhalten fiel es mir nicht mehr schwer, ihn zu umarmen. Ich wollte zu den Begebenheiten der Vergangenheit Stellung nehmen, aber ich konnte es nicht. Eigentlich wollte ich mich für das Verhalten meines Vaters, das zu Silveiras» Bankrott führte und ihn in eine schlimme Lage brachte, entschuldigen.     angels-heaven.org
 
Plötzlich fühlte ich mich in die Vergangenheit versetzt. Ich konnte beinahe die Stimme Frau Silveiras hören und in meiner Erinnerung sah ich sie, wie sie in unser Haus kam, um zugunsten ihres Mannes zu sprechen und uns die momentane Lage der Familie zu schildern. Traurig teilte sie uns damals mit, dass nicht nur ihr Mann seit langer Zeit krank sei, sondern dass nun auch ihre beiden Kinder krank im Bett lägen. Dies verschlimmere natürlich die bereits prekäre Lage, da die Behandlungskosten nun sehr gestiegen seien.
 
Die arme Frau weinte und bat um Verständnis und Hilfe. Demütig blickte sie meine Mutter an, in der Hoffnung, dass das weibliche Herz ihren Hilferuf hören würde. Ich erinnerte mich, dass sich meine Mutter für sie einsetzte und meinen Vater bat, die bereits unterschriebenen Schuldscheine zu vergessen und auf ein Gerichtsverfahren zu verzichten. Mein Vater, gewohnt, gewinnbringende Geschäfte abzuschließen und meistens vom Glück verwöhnt, konnte für die Lage eines Einzelhändlers kein Verständnis aufbringen. Er blieb hart und unnachgiebig. Er erklärte ihr, dass er zwar die Umstände bedaure und dass er seinem Kunden und Freund auf andere Weise helfen werde, aber was die Verschuldung angehe, so könne er keine Zugeständnisse machen, da er sich an das Gesetz halten müsse. Er erklärte weiter, dass er sich nicht über die Regeln seines Geschäfts hinwegsetzen könne und keine Ausnahme machen wolle, da die Schuldscheine legal seien. Gleichzeitig versuchte er die verzweifelte Frau zu trösten und erzählte ihr von Kunden, die sich noch in einer schlimmeren Lage befänden als ihre Familie. Ich weiß noch, wie meine Mutter die weinende und völlig aufgelöste Frau Silveira mitfühlend anblickte. Die flehenden Bitten der Frau ließen meinen Vater völlig gleichgültig.
 
Nachdem sie sich verabschiedet hatte, rügte er meine Mutter und verbat ihr weitere Einmischungen in seine Geschäfte. Damit war der Ruin dieser Familie eingeleitet.
 
Etwas später - ich erinnere mich noch genau an den Tag - beobachtete ich, wie der Flügel der Tochter Silveiras abgeholt wurde. Der Flügel musste verkauft werden, damit die Familie ihre letzten Schulden dem unversöhnlichen Gläubiger bezahlen konnte.
 
Dass ich nicht die richtigen Worte fand, um mich jetzt bei Silveira zu entschuldigen, lag auch daran, dass ich damals meinen Vater noch ermutigte, die Sache bis zum bitteren Ende fortzuführen. Man könnte sagen, ich hatte den Geschäften des Herrn Silveira den Todesstoß versetzt. Meine Mutter hielt ich für zu sentimental. Damals noch jung und eitel, interessierte mich das Elend anderer nicht. Ich hatte keinen Blick für die Bedürfnisse der Menschen. Ich sah nur, was unserer Familie zustand und in dieser Hinsicht blieb ich unversöhnlich, trotz Mutters Bemühungen mich zur Vernunft zu bringen. Verbittert ob des finanziellen Ruins zog sich die Familie Silveira zurück und lebte in bitterer Armut irgendwo auf dem Land. Ich hatte nie mehr etwas von ihnen gehört, war mir aber ziemlich sicher, dass sie uns hassen mussten.
 
Ich konnte ich es kaum fassen, dass die Erinnerungen sekundenschnell hoch kamen.
 
Silveira sprach mich lächelnd an und holte mich zurück in die Realität. »Hast Du Deinen Vater schon besucht? «
 
Er stellte diese Frage spontan und ganz ohne Groll, so dass die Situation für mich noch unangenehmer wurde. Ich erklärte, dass ich ihn bis jetzt noch nicht besuchen konnte, obschon ich es sehr wünschte. Silveira, der bemerkt hatte wie peinlich mir alles war, umarmte mich und nahm danach seine Arbeit wieder auf.
 
Fassungslos suchte ich Narcisa auf. Ich erzählte ihr von der Begegnung mit Silveira und berichtete über die Ereignisse, die in meiner Familie auf Erden statt gefunden hatten. Ich hoffte, sie könne mir raten, wie ich mich verhalten solle. Sie hörte aufmerksam zu und sagte dann in liebevollem Ton:
 
»Wundere Dich nicht darüber. Vor einiger Zeit befand ich mich in der gleichen Lage. Ich schätze mich glücklich, bereits die Mehrheit der Personen, die ich in der Welt gedemütigt habe, hier angetroffen zu haben. Heute weiß ich, dass das eine erneute gesegnete Gelegenheit ist, die uns der Herr gewährt, damit wir die Zuneigung dieser Personen zurückgewinnen und die unterbrochene spirituelle Verbindung wieder herstellen können. «
 
Ihr Tonfall wurde ernster und belehrender, als sie mich fragte:
 
»Hast Du diese wunderbare Gelegenheit genutzt? Hast Du Dich bei Silveira entschuldigt? Bedenke, dass es das Größte ist, sich zu den eigenen Fehlern zu bekennen. Du bist gereift und bist in der Lage, Deine Rolle im damaligen Geschehen zu erkennen und dazu zu stehen. Versäume es nicht, ihn wieder als Freund zu gewinnen. Geh zu ihm, mein Lieber, und umarme ihn. Silveira ist immer sehr beschäftigt und vielleicht bekommst Du erst viel später eine neue Gelegenheit es zu tun. «
 
Narcisa bemerkte mein Zögern und forderte mich auf:
 
»Fürchte Dich nicht vor dem Misserfolg. Jedes Mal, wenn wir unsere Vernunft und unsere Gefühle für das Gute einsetzen, steht uns Jesus bei und sorgt dafür dass wir erfolgreich sind. Die Initiative soll von Dir ausgehen. Edle Taten erheben die Seele. Besinne Dich auf die Frohbotschaft und suche den Schatz der Versöhnung. «
 
Ich zögerte nicht länger und rannte zu Silveira. Ich sprach ganz offen mit ihm und bat ihn, meinem Vater und mir die begangenen Fehler und Beleidigungen zu verzeihen.
 
»Weißt Du«, betonte ich, »wir waren beide blind und eigennützig. Wenn Geld und Eitelkeit nebeneinander hergehen, fällt es den Menschen sehr schwer den eingeschlagenen Weg des Egoismus zu verlassen. « Silveira - sehr gerührt -, unterbrach mich.
 
»Aber Andre, wer ist schon fehlerlos? Meinst Du ich hätte keine Fehler begangen? Abgesehen davon war Dein Vater so etwas wie ein Lehrer für mich. Wir stehen in seiner Schuld. Es ist wahr, dass wegen seiner unbeugsamen Haltung meiner Familie gegenüber uns die Lebensgrundlage entzogen wurde. Aber ohne seine Mitwirkung hätten wir nie die strengen, aber wertvollen Lektionen des Lebens erlernt und hätten nichts für unser spirituelles Wachstum unternehmen können. Hier in der Kolonie lernen wir die altbewährten und bekannten Prinzipien des menschlichen Lebens neu auszulegen, so dass wir unsere so genannten Gegner nicht als unsere Feinde, sondern als unsere Wohltäter betrachten können. Gib Dich nicht traurigen Erinnerungen hin, sondern wisse, dass das Leben ewig ist und arbeite im Sinne Gottes. «
 
Er schaute mich bewegt an, umarmte mich wie ein Vater und fügte hinzu.
 
»Verliere keine Zeit mehr. Ich hoffe, dass wir in Kürze Deinen Vater besuchen können. «
 
Wir verabschiedeten uns und ich fühlte, wie ein neues beglückendes Gefühl mich erfüllte. Es war mir, als würde im hintersten, dunkelsten Winkel meines Herzens das Göttliche Licht endlich brennen und zwar für immer.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:02

(36)
 
DER TRAUM
 
 
Die Arbeit ging ohne Unterbrechung voran. Es waren Kranke und Verwirrte, die auf die Behandlung warteten und die unsere besondere Aufmerksamkeit erforderten. Bei Anbruch der Nacht hatte ich mich mit dem magnetischen Passé vertraut gemacht und behandelte diejenigen, die ihn brauchten. Am folgenden Morgen kam Tobias zurück.
 
»Sehr gut, André« munterte er mich auf, »ich werde Dich Minister Genésio empfehlen und für Deinen ersten Einsatz wird Dir gleich ein doppelter Bonus zugesprochen. «
 
Ich wollte ihm dafür danken, als ich sah, dass Frau Laura und Lísias herangekommen waren. Sie umarmten mich und Frau Laura sagte lächelnd zu mir:
 
»Wir sind sehr zufrieden mit Dir. Ich habe Dich während der ganzen Nacht im Geiste begleitet. Dein Einstiegin diese Arbeit ist für unsere Familie eine große Freude. Ich wollte die Erste sein, die Minister Clarêncio diese wunderbare Nachricht überbringt. Er freut sich und lässt Dich grüßen. «
 
Sie unterhielten sich freundlich mit Tobias und Narcisa. Danach baten sie mich, ihnen von meinem Einsatz zu berichten, was mich außerordentlich freute. Aber die höchste Freude sollte ich später erleben. Derweil schlug Lísias Mutter vor, ich solle sie begleiten und zu Hause ausruhen. Tobias jedoch meinte, ich solle hier bleiben und im Zimmer neben der Rehabilitationsstation ausruhen. Dankend nahm ich das Angebot an, da ich merkte, dass ich wirklich sehr müde war und schlafen musste. Fürsorglich bereitete Narcisa das Bett vor. Als ich allein in meinem sehr bequemen und großen Zimmer war, betete ich zum Herrn des Lebens, und dankte ihm für den Segen, nützlich gewesen sein zu dürfen. Die Müdigkeit des Rechtschaffenen und die Gewissheit, meine Aufgabe erfüllt zu haben, ließen mich ruhig einschlafen. Plötzlich fühlte sich mein Körper sehr leicht an, und ich hatte den Eindruck, in einem kleinen Boot in eine mir unbekannte Richtung geführt zu werden. Wohin ging die Reise? Ich fand es nicht heraus. Ein schweigsamer Mann saß an meiner Seite und steuerte das Boot. Ich ließ mich führen, ohne ein Wort zu sagen, und staunte wie ein Kind über die Schönheit der Landschaft, die an mir vorbei zog. Ich stellte fest, dass das Boot in sehr hohem Tempo flussaufwärts fuhr. Einige Sekunden vergingen und ich war in einem wunderbaren Hafen eingetroffen, wo jemand mit lieblicher Stimme rief:
 
»André !... André !...«
 
Hastig stieg ich aus dem Boot. Ich hätte diese Stimme unter tausenden wieder erkannt. Schon im nächsten Augenblick umarmte ich, außer mir vor Glück, meine liebe Mutter. Sie führte mich zu einem herrlichen Park mit einzigartigen und wunderbar duftenden Blumen, die das Licht in sich aufnahmen. Das in den Blumenkelchen gespeicherte Licht schien sich golden schimmernd über alles zu breiten. Leises Rascheln der Blätter großer Bäume war zu vernehmen. Es war ein beeindruckendes Schauspiel an Farben, Duft und Licht. Auch das Gefühl von Glück und Frieden, das sich in mir ausbreitete, war von besonderer Art. Träumte ich? Vielleicht - aber es war eine andere Art von Traum. Nicht der Traum, den ich während meines irdischen Lebens träumte. Ich war mir bewusst, dass mein schwerfälliger Körper auf dem Bett lag, und dass ich mich auf einer höheren Ebene befand. Mein Zeit- und Raumgefühl war intakt, aber meine Ergriffenheit nahm zu. Mutter lobte und ermutigte mich mit liebevollen Worten, weiter an meinem spirituellen Wachstum zu arbeiten.
 
«Ich habe Jesus inständig gebeten, mir die erhabene Freude zu gestatten, Dich nach Deinem ersten Arbeitseinsatz zu mir zu holen. Wie Du siehst, wirkt die Arbeit wie eine himmlische Stärkung für das Herz. Leider haben dies viele unserer von der Erde zurück gekommenen Brüder und Schwestern noch nicht begriffen, und diese Haltung wirkt sich nachteilig für sie aus. Sie bevorzugen es, auf ein Wunder zu warten, das nie geschehen wird. Weil sie die angebotenen wertvollen Aufforderungen zu dienen nicht annehmen, sei es, weil sie unter der Einsamkeit leiden und ihnen der Mut dazu fehlt, sei es, dass sie das Umfeld, in dem sie für den Herrn arbeiten sollen, missfällt. Sie führen ein schmarotzerähnliches Dasein.
 
Es ist deshalb unerlässlich, lieber André, alle im Leben erhaltenen Möglichkeiten in gottgefälliges Dienen zu verwandeln. In den Niedrigeren Sphären bedeutet das, dem Hungrigen einen Teller Suppe zu geben, dem Leprakranken Balsam aufzutragen, dem Enttäuschten Mut zuzusprechen. Solche gesegneten Dienste der Nächstenliebe werden im Haus des Vaters nie vergessen.
 
Hier in diesen Sphären werden die in Liebe geleisteten spirituellen Dienste an unseren Nächsten, wie zum Beispiel, dem Schuldigen Verständnis entgegenzubringen, dem Verzweifelten die Frohbotschaft zu verkünden oder dem Betrübten Hoffnung zu machen, vom Herrn bemerkt und uns gutgeschrieben.«
 
Mutters Gesicht war schöner denn je. Ihre Augen leuchteten und ihr Blick strahlte Erhabenheit aus. Als ihre Hände mich voller Zuneigung berührten, übertrug sie belebendes Fluidum auf mich.
 
»Jesus Frohbotschaft, mein lieber André, soll uns daran erinnern, dass Geben uns glücklicher macht als Nehmen. Wir sind aufgerufen, dieses Prinzip in unserem Alltag umzusetzen und zwar überall dort, wo uns die Gelegenheit geboten wird. Deshalb, mein Sohn, sei tolerant gegenüber Deinen Brüdern und Schwestern, liebe sie, bring ihnen das Göttliche Verständnis entgegen. Wenn wir das Gute verinnerlicht haben, werden wir auch fähig sein, unseren Nächsten mehr zu geben. So wie Jesus, der mehr von sich für die Erhebung der Menschheit gegeben hat, als wenn alle Milliardäre dieser Welt sich zusammen täten, um der Menschheit mit Gütern zu helfen.
 
Auch wenn es sich um materielle Hilfe handeln würde, wäre diese Tat trotzdem lobenswert. Schäme Dich also nicht, mein geliebter Sohn, in der Rehabilitationsstation den Verwundeten zu helfen und den Wahnsinnigen Aufklärung zu bieten, so wie ich es bei Deinem Einsatz letzte Nacht erlebt habe. Arbeite und tue Gutes! So wie auf der Erde leben auch in allen spirituellen Kolonien rastlose Seelen, die gierig nach Neuheiten und Unterhaltung sind und die der Hilfe bedürfen. Immer, wenn sich Dir die Gelegenheit bietet, versuche in erster Linie nützlich zu sein und sorge Dich nicht um Zerstreuung. Obwohl ich eine noch bedürftige Seele bin, kann ich im Geist sowohl Deine Bemühungen in der Kolonie Nosso Lar, als auch das Leid Deines Vaters in der Schwellenregion verfolgen. Gott kennt uns alle und weiß was wir tun. Dies gilt sowohl für einen erhabenen geistigen Botschafter seiner Liebe, als auch für das letzte der Wesen seiner Schöpfung, das noch auf einer niedrigeren Stufe als die Würmer der Erde steht. «
 
Sie schwieg und ich wollte etwas sagen, brachte jedoch kein Wort heraus. Die Erläuterungen meiner Mutter berührten mich aufs Tiefste. Mich liebevoll anschauend, sprach sie weiter:
 
»Hier, wie in den meisten spirituellen Kolonien, ist der Stundenbonus als Belohnung für die geleisteten Arbeitsstunden bekannt. Er vereint zwei wesentliche Faktoren: Einerseits kann dieser Bonus von jemandem zu unseren Gunsten eingesetzt werden, andererseits können wir damit jemanden aus unserem Familienkreis begünstigen. Indessen wird der reale Wert des Stundenbonus ausschließlich von Gott festgelegt, da uns fehlbaren Wesen, die auf Erden im Evolutionsprozess stecken, Fehler unterlaufen könnten.
 
Der spirituelle Inhalt der geleisteten Stunden wird hingegen direkt zwischen dem Arbeitenden und den Göttlichen Kräften der Schöpfung festgelegt. Deshalb, André, ändern sich Tag für Tag die Erfahrung bringenden Tätigkeiten, die wir seit dem Verlassen der Erde zugunsten unseres gemeinsamen Fortschritts ausüben. Gott ermöglicht es dem Verwalter, den er eingeladen hat, am Göttlichen Werk des Lebens mitzuwirken, aus vielfältigen Aufgaben wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen. Gleichermaßen hat er seinen Geschöpfen das Vorrecht erteilt, auf Erden oder auf anderen Welten für eine gewisse Zeit Vater oder Mutter zu sein. So wie der ehrbare und ehrliche Verwalter bestrebt ist, seine Aufgabe zu erfüllen, so ist auch Gott ein umsichtiger Vater und vergisst niemanden. Gott allein ist es vorbehalten, die Leistung des Arbeiters einzuschätzen. Jede Belohnung, die von außen kommt, wirkt sich auf die im Evolutionsprozess stehende Persönlichkeit aus. Dennoch zählt für die immerwährende Persönlichkeit nur die Leistung, die sie auf ihrem Weg zu Gottesruhm erbracht hat. Deshalb schenkt Gott denjenigen, die ihre Zeit nutzen, um zu lernen, die Weisheit und denjenigen, die die Fähigkeit zum Verzicht entfaltet haben, längere Lebensdauer und Freude. «
 
Während ich meine Tränen trocknete, schwieg meine Mutter. Dann nahm sie mich in ihre Arme und streichelte mich zärtlich. Wie ein Kind, das nach seiner Lektion ruhig einschläft, verlor ich das Bewusstsein, erwachte später in meinem Zimmer und fühlte, wie ein starkes Gefühl der Freude mich erfüllte.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:04

(37)
 
DIE VORLESUNG DER MINISTERIN VENERANDA
 
 
Am nächsten Tag vernahm ich zu meiner großen Freude, dass Ministerin Veneranda einen Vortrag halten würde. Da ich wusste, dass man eine Erlaubnis haben musste, um an dem Vortrag teilzunehmen, unterhielt ich mich mit Tobias darüber:
 
»Unsere Instrukteure haben ein dicht gedrängtes Programm zu bewältigen weshalb an ihren Vorträgen nur die teilnehmen dürfen, die ernsthaft daran interessiert sind. Demgemäß ist es Dir erlaubt, dem Vortrag von Ministerin Veneranda beizuwohnen. Außer Dir werden viele hunderte Mitarbeiter der Ministerien für Hilfeleistung undErneuerung und deren Schützlinge dort sein. « Erklärte er und verabschiedete sich.
 
Den neuen Tag verbrachte ich im aktiven Dienst. Die Begegnung mit meiner Mutter und ihre wunderbaren Erläuterungen, die guten Taten betreffend, erfüllten meine Seele mit Zuversicht. Als ich an diesem Morgen erwachte, tauchten einige Fragen bezüglich der Erklärung des Stunden- Bonus auf. Wie kam es, dass Gott die Kompensation der geleisteten Dienste bestimmte? Wäre es nicht eher die Aufgabe des spirituellen Verwalters die Stunden zu zählen?
 
Tobias, der sich inzwischen an meine Wissbegierde gewohnt hatte, erklärte:
 
»Es istmeistens die Pflicht des Verwalters, die Stunden der geleisteten Dienste zu zählen und so die rechtmäßig erworbenen Verdienste dem Arbeiter anzurechnen. Der tatsächliche Wert der vollbrachten Dienstleistungen kann aber nur von der Allwissenheit Gottes bestimmt werden. Es gibt Arbeiter, die eine besondere Tätigkeit ausüben. Nach vierzig Jahre scheiden sie aus dem Dienst aus ohne sich spirituell entfaltet zu haben; sie haben es versäumt, die ihnen zugewiesene Aufgabe edelmütig und hingebungsvoll zu verrichten. Ebenso gibt es Menschen, die ihr physisches Leben nach hundert Jahren verlassen und immer noch unwissend wie ein Kind sind. Die Erläuterungen Deiner Mutter sind von unschätzbarem Wert. Um zu verstehen, was ihre Worte bedeuten, nehmen wir das Beispiel von den Stunden, die gute und schlechte Menschen geleistet haben: Bei den guten Menschen verwandeln sich diese Arbeitsstunden in einen Speicher voller Segen. Hingegen bei schlechten Menschen verwandeln sich die Stunden in qualvolle Gewissensbisse, als ob sie verflucht wären. Jedes Kind muss Gott Rechenschaft ablegen darüber, wie er die erhaltenen Möglichkeiten genutzt oder welche Werke er vollbracht hat «, erklärte Tobias.
 
Diese Betrachtungen brachten mich dazu, die Zeit in ihrem Gesamtaspekt zu überdenken. Es war vorgesehen, dass der Vortrag nach dem nachmittäglichen Gebet stattfinden sollte. Als es an der Zeit war ging ich mit Narcisa und Salústio zum Vortragssaal, der sich inmitten der Natur befand. Es war ein wunderbar grüner Ort. Aus Gras hergestellte Bänke luden zum Platz nehmen ein. Im Kerzenlicht schimmerten prächtige Blumen, die einen herrlichen Duft verbreiteten. Ich schätzte, dass ungefähr tausend Personen anwesend waren. Die Sitze waren wie in einer Versammlung angeordnet und ich bemerkte, dass zwanzig Geistwesen auf einer Bühne Platz genommen hatten, die sich zwischen uns und dem mit Blumen dekorierten Podium der Rednerin befand. Narcisa erläuterte das Geschehen:
 
» Diese Geistwesen haben einen besonderen Rang, weil sie über umfassende und fortgeschrittene Kenntnisse des heutigen Themas verfügen.
 
Sie sind als einzige berechtigt, sich direkt an die Ministerin Veneranda zu wenden. Dieses Recht wurde ihnen erteilt wegen dem Fleiß und der Beharrlichkeit, mit welcher sie ihr Wissen über das Thema erlangten. Ich denke, dass auch uns dieses Recht einmal zustehen wird. «
 
»Solltest Du nicht auch zu ihnen gehören? «, fragte ich sie.
 
»Nein, noch nicht. Dieser Platz steht mir vorerst nur zu, wenn Ministerin Veneranda über die Behandlung von verwirrten Geistwesen spricht. Dennoch gibt es Geistwesen, die deswegen anwesend sein dürfen, weil sie über ein breit gefächertes und gründliches Wissen über verschiedene Themen verfügen. «
 
»Ein merkwürdiges Konzept«, sagte ich. »Der Gouverneur entschloss sich zu dieser Maßnahme, weil er damit verhindern wollte, dass die Kurse und Vorträge der Minister durch Teilnehmer gestört werden.
 
Denn, obwohl ihnen die notwendigen Kenntnisse fehlen, wollen sie ihre persönliche Meinung dazu äußern. Dies würde aber einen großen Zeitverlust für die wirklich Interessierten bedeuten. Dessen ungeachtet dürfen immer Fragen gestellt werden sofern sie dazu dienen, aufkommende Zweifel zu beseitigen. Sie müssen aber zum richtigen Zeitpunkt gestellt werden, und immer nur dann, wenn sie für die Allgemeinheit von Nutzen sind«, erklärte Narcisa.
 
Ministerin Veneranda betrat den Saal. Sie war in Begleitung von zwei sehr vornehm aussehenden Frauen, die dem Ministerium für Kommunikation vorstanden, wie mir Narcisa sagte. Das Erscheinen der Ministerin Veneranda löste große Freude bei den Anwesenden aus. Obwohl ihr Name die „Altehrwürdige" bedeutet, zeigte ihr Gesicht keine Alterserscheinung. Es strahlte Güte und Bescheidenheit aus. Sie beriet sich kurz mit den Geistwesen auf der Bühne, die ihr die vom anwesenden Publikum meist benötigten Informationen aufzeigten. Dann begann sie ihre Vorlesung mit der Begrüßung:
 
»Wie immer möchte ich heute, statt einen langen Vortrag über das Thema 'Gedanken' zu halten, mich kurz fassen und Ihnen Wichtiges darüber sagen. Gegenwärtig befinden sich unter uns hunderte von Hörern, die erstaunt feststellen, dass es in unserer Sphäre ebenso viele Arten der Kommunikation wie auf Erden gibt. Dazu einige Fragen: Wusstet Ihr nicht, dass Gedankenübertragung die universelle Sprache ist? Habt Ihr gewusst, dass die Gedanken, als mentale Schöpfungen, das Wichtigste in unserem Leben sind? Zahlreiche Geschwister stellten verblüfft fest, dass hier die Behausungen, die Gebrauchsgegenstände und die Sprache die gleichen sind wie auf Erden. Diese Realität sollte niemanden überraschen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir während unserer irdischen Existenz in uns bekannten, entgegen gesetzten Schwingungsfeldern gelebt haben. Das Denken bildet die Grundlage gegenseitiger spiritueller Beziehungen aller Wesen. Im Universum sind es viele Millionen Seelen, die sich nur zaghaft diesen universellen Gesetzen unterordnen wollen. Wir können uns nicht mit den älteren und weiseren Geistwesen vergleichen, die in der Nähe des Göttlichen Vaters leben. Leider sind wir Geistwesen, die sich immer noch damit begnügen, in den niedrigen Welten unseres unvollkommenen Ichs zu leben. Anerkannte Lehrmeister auf Erden brachten die göttlichen Prinzipien den Menschen bei und offenbarten ihnen die unabänderlichen und tiefgründigen Wahrheiten. So gesehen, sind uns diese Gesetze während unseres irdischen Daseins bekannt, aber wir schenken ihnen weder Beachtung noch trachten wir danach, in Einklang mit ihnen zu leben. «
 
Ministerin Veneranda sprach weitere wichtige Punkte an:
 
»Könnte es sein, dass der Mensch, wenn er die Macht der Gedanken anerkennt, sich von seinem Gefühl der Minderwertigkeit befreien kann? Das ist fast unmöglich, wird man behaupten!
 
Ein irdisches Dasein ist nicht genug, um den Anspruch zu erheben, einen Platz unter den göttlichen Mitarbeitern einnehmen zu dürfen. Obwohl wir heute wissen, wie mächtig Gedanken sind, wollen wir nicht daran erinnert werden, dass wir während tausenden von Jahren diese spezifische Energie dazu benutzt haben, um Gedanken auszusenden, die sich zerstörerisch oder schädlich auf uns auswirkten.
 
Im Verlauf des Evolutionsprozesses hat der Mensch die Schulen der Weltreligionen besucht, um spirituell Wachsen zu können. Indessen hat der Mensch sich nicht selten dem Lippenbekenntnis hingegeben, statt das Gelehrte umzusetzen. Aber keiner kann seinen Pflichten mit Worten nachkommen, sondern nur mit Taten. Wie es in der Bibel geschrieben steht: 'dass der Herr des Lebens sich nicht mit dem Wort begnügte, sondern seine Schöpfung fortsetzte und noch heute arbeitet.' Obwohl wir wissen, dass der Gedanke die grundlegende Kraft darstellt, können wir nicht zugeben, dass wir seit Millionen von Jahren nicht fähig sind, diese Kraft richtig zu gebrauchen. Es ist bekannt, dass dem Vater die Pflicht obliegt, für seine Kinder zu sorgen. Demgegenüber steht die spirituelle Pflicht, dass jedes Geistwesen für seine eigenen mentalen Schöpfungen Verantwortung übernimmt. So wie kriminelle Gedanken gleichartige Wirkung erzeugen, sind erhabene Gedanken dem gleichen Gesetz unterstellt. Um es einfacher auszudrücken: Nachdem das Wasser verdampft ist und in die Höhe steigt, kehrt es gereinigt in Form von Niederschlägen, angereichert mit lebensnotwendigem Fluidum, als Segen spendender Regen oder als Tau auf die Erde zurück. Von der unreinen Erde aufgenommen, bilden sich zerstörerische Kleinstlebewesen.
 
Der Gedanke ist überall eine lebendige Kraft. Er ist die schöpferische Energie, die Eltern wie Kinder beeinflusst und in der universellen Familie für Ursache und Wirkung verantwortlich ist. Durch die Kraft der Gedanken kann der Mensch zum Engel werden oder er kann sich zu einem diabolischen Genie entwickeln, was ihn in den Abgrund zerren wird. Könnt Ihr die Bedeutung dieser Aspekte erfassen? Gewiss können Geistwesen, die sehr entwickelt sind und, ungeachtet ob sie sich im irdischen Körper aufhalten oder nicht, sich mental mitteilen. Sie können dies tun, ohne verbale oder sonstige Formen anzuwenden. Es ist wichtig zu betonen, dass die Grundlage aller Ideen, die alle Wesensarten als Intuition wahrnehmen, in den Gedanken entsteht. Deshalb kann ein Geistwesen, das immer in Frankreich gelebt hat, mühelos mentalen Kontakt zu einem Geistwesen in Brasilien herstellen und pflegen. Gedanken können ohne spezielle verbale Ausdrucksform vermittelt werden. Voraussetzung für diesen Gedankenaustausch ist, dass der Sender und der Empfänger sich auf der gleichen mentalen Ebene befinden, damit eine reine Übereinstimmung gelingt.
 
Wir befinden uns nicht in den Sphären absoluter mentaler Reinheit, in welchen gegenseitige Affinität unter den Geschöpfen herrscht. Wir stimmen uns auf andere isolierte Kreise ein. Unter dem Druck der Evolution schreiten wir voran und arbeiten auf Erden an unserem Fortschritt mit dem Ziel, solides Wissen und wichtige Erfahrungen bei unserer Rückkehr in die spirituellen Sphären mitnehmen zu können.
 
Nosso Lar, als eine spirituelle Übergangsstätte, ist ein Geschenk der Göttlichen Gnade, die uns zuteil wird, damit einige wenige sich auf ihren Aufstieg vorbereiten können und den anderen, der Mehrheit von uns, die Gelegenheit gegeben wird, wieder auf die Erde zurückzukehren, um dort Aufgaben zu erfüllen, die der Wiedergutmachung dienen. Wir sollten die Gesetze, unter denen die Gedanken wirken, zur Kenntnis nehmen und uns ihnen unverzüglich unterordnen. «
 
Ministerin Veneranda hielt inne und mit einem bedeutungsvollen Blick fragte sie das Publikum:
 
»Wer möchte die Gelegenheit sogleich ergreifen? «
 
Es ertönte sanfte Musik. Ministerin Veneranda plauderte noch für eine Weile mit einigen Anwesenden, wobei ihr Feingefühl, ihre Weisheit und ihre liebevolle und sanfte Art deutlich zu spüren waren. Mit der an das Publikum gerichteten Frage beendete sie den Vortrag. Erst als ich sah, dass sich die Teilnehmer verabschiedeten, fragte ich erstaunt:
 
»Ist der Vortrag schon zu Ende? «
 
Narcisa erklärte lächelnd:
 
»Dies ist die übliche Art der Ministerin, einen Vortrag zu beenden. Sie bricht ihn stets an dem Punkt ab, an dem unser Interesse am größten ist. Gewöhnlich zitiert sie Jesus und erwähnt, dass seine Predigten einen Anfang haben, aber man wisse nie, wann und wie sie enden. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:06

38)
 
BEI TOBIAS ZU HAUSE
 
 
An meinem dritten Arbeitstag wurde ich von Tobias überrascht, als er sagte:
 
„Nach Deinem Dienstschluss am späten Nachmittag - der Abenddienst wird von anderen übernommen - bist Du herzlichst eingeladen zu mir nach Hause zu kommen.
 
Dieser Besuch sollte wunderschön und lehrreich werden. Als wir bei Tobias ankamen, stellte er mich zwei Frauen vor: Die ältere war seine Gattin Luciana, und die andere, mittleren Alters, seine Schwester Hilda. Beide begrüßten mich sehr freundlich. Tobias führte uns alle in die Bibliothek des Hauses. Dort konnten wir in verschiedenen, sehr schön gebundenen spirituellen Büchern blättern.
 
Frau Hilda lud mich in den Garten ein und zeigte mir dort eine hübsch verzierte Laube.Es hatte den Anschein, dass jede Familie in Nosso Lar in ihrem Garten unterschiedliche Blumensorten züchtete. In Lísias Garten waren hunderte von Glyzinien und Lilien zu bewundern. Im Hause Tobias' war der Garten voll von wunderschönen Hortensien, die zwischen Veilchenbeeten blühten. Hier waren es Lauben, welche aus zierlichen Bäumen, die an jungen Bambus erinnerten, gebildet wurden. Die vom Boden bis hinauf zur Decke der Laube sich aufrichtenden und ineinander verschlungenen grüne Äste stellten ein kunstvolles und interessantes Gebilde dar, das als Dach diente.
 
Ich wurde von dieser Fülle an Eindrücken überrascht und fand wieder einmal keine Worte, die meine Gemütsbewegung ausdrücken könnten.
 
Wir sprachen über die schöne Landschaft die sich vor aus ausbreitete und die nur aus diesem Winkel des Ministeriums für Erneuerung zu sehen war. Luciana bat uns wieder hinein kommen, denn ein kleiner Imbiss sei angerichtet worden. Ich fühlte mich in der einfachen und freundlichen Umgebung sehr wohl und empfand Tobias gegenüber tiefe Dankbarkeit für seine Einladung. Als ich ihm dies sagen wollte, winkte er ab. Stattdessen unterhielten wir uns angeregt, als er freundlich sagte:
 
»Mein Freund, Du bist erst seit kurzem im Ministerium angekommen so dass ich annehmen darf, dass Dir meine Familiengeschichte noch nicht bekannt ist. «
 
Beide Frauen lächelten, als sie mein Erstaunen bemerkten und der Hausherr fuhr fort mit seiner Erklärung:
 
»Meine Geschichte ist kein Einzelfall in der Kolonie, denn zahlreiche Familien befinden sich in ähnlicher Lage. Stell Dir vor, dass ich zweimal verheiratet gewesen bin. «
 
Auf seine Partnerinnen deutend meinte er:
 
»Über meine Gefährtinnen gibt es nichts zu sagen. «
 
»Naja«, sagte ich etwas verwirrt und fragte:»Bedeutet das, dass Frau Hilda und Frau Lucianabeide Deine Gattinnen auf Erden gewesen sind? «
 
»So ist es«, antwortete er ruhig.
 
Dann meldete sich Frau Hilda zu Wort:
 
»Bruder André vergib unserem Tobias. Jedes Mal wenn uns Rückkehrer von der Erde besuchen, kann es Tobias nicht lassen, ihnen von unserer Vergangenheit zu berichten. « sagte sie.
 
Tobias erwiderte heiter:
 
»Ist es denn kein Grund zur Freude, wenn das Laster der Eifersucht besiegt wurde und neue, geschwisterliche Liebe triumphieren konnte? «
 
»Ich bin überzeugt, dass dies für uns alle ein ernst zu nehmendes Problem ist«, bemerkte ich.
 
Tobias fuhr fort: «Es gibt doch auf der Erde eine Unzahl von Menschen, die in zweiter Ehe leben. Wie kann dieses so außerordentlich wichtige Konzept der Liebe betrachtet werden angesichts dessen, dass wir unsterbliche und ewige Geister sind? Mittlerweile wissen wir, dass der körperliche Tod nichts zerstört, sondern nur verändert. Wie soll das Thema der mehrfachen Ehen angegangen werden? Sollen Menschen verurteilt werden, weil sie sich mehrmals vermählt haben? Sicher ist, dass sich Millionen Menschen in dieser Lage befinden. Ich denke dabei an das, was Jesus über die Ehe sagte: Sie wird im Himmel geschlossen und dauert eine Ewigkeit. Zwingend ist es jedoch, uns einzugestehen, dass wir uns trotz unserer Verehrung für den Meister noch nicht auf der Stufe der Engel befinden. Wir sind auch als Nichtinkarnierte immer noch auf dem Weg der Evolution. «
 
»Und welche Lösung gibt es für solche Fälle? «, fragte ich.
 
Tobias fuhr mit seiner Erläuterung fort:
 
»Es ist einfach: Wenn wir uns bewusst sind, dass für Menschen die Entwicklung stufenweise vorangeht und für die Weiterentwicklung zum Engel dem Menschen ein langer Weg bevorsteht, wie können wir dann erwarten, in Gesellschaft engelhafter Wesen leben zu können. Wir sind doch nicht einmal fähig brüderlich miteinander umzugehen. Gewiss gibt es Brüder und Schwestern, die Dank ihres starken Willens und ihrer Entschlossenheit fähig sind, sich über Hindernisse hinwegzusetzen. Doch die Mehrheit von uns ist immer noch auf die Hilfe und Unterstützung von liebevollen Beschützern angewiesen. Diese Wahrheit berücksichtigend, kann nur die Wiederherstellung der brüderlichen Liebe zwischen den Betroffenen die Lösung bringen. Es ist unbestritten, dass die wahre Vermählung eine seelische ist und dass die Vereinigung zweier Seelen durch nichts getrennt werden kann. «
 
Luciana, bis jetzt schweigsam, sagte:
 
»Ich möchte aber betonen, dass wir das Glück gefunden haben dank Hildas Herzensgüte und selbstlosem Handeln. «
 
»Ich bitte Euch lasst es sein. Ihr müsst nicht Tugenden loben, die ich nicht besitze. « meinte Frau Hilda bescheiden: »Ich versuche meine schmerzliche aber lehrreiche Geschichte unserem Bruder in wenigen Worten zu erzählen. Als Tobias und ich uns auf der Erde vermählten, waren wir noch sehr jung. Wir erfüllten damit ein gemeinsames, heiliges Versprechen, das wir uns noch vor der Reinkarnation gegeben hatten. Ich glaube, es ist nicht notwendig zu erklären, wie beglückend es sein kann, wenn sich zwei wahrhaft liebende Seelen vermählen. Allerdings zerbrach unser Glück, als der Tod mich bei der Geburt unseres zweiten Kindes dem irdischen Leben entriss. Unsägliches Leid kam über uns. Tobias weinte viel und ich war zu schwach um gegen die Niedergeschlagenheit und Verzweiflung anzukämpfen. Ich verbrachte eine schwere und leidvolle Zeit in der Schwellenregion, zumal ich jeden Aufklärungsversuch seitens befreundeter Geistwesen ignorierte, obgleich ich sie intuitiv wahrnehmen konnte. Stattdessen klammerte ich mich noch fester an meinen Mann und an meine beiden Kinder. Ich wollte kämpfen, so wie die Henne für ihre Küken kämpft. Ich wusste, dass mein Mann eine neue Familie gründen wollte und dass die Kleinen eine Mutter brauchten, weil meine unverheiratete Schwägerin die Kinder nicht mochte, und die Köchin des Hauses ihnen nicht ehrlich zugetan war. Zudem waren die zwei Kindermädchen unverantwortlich und nicht in der Lage, ihrer Aufgabe nachzukommen. Tobias durfte die Lösung für das Problem nicht länger hinausschieben und nach einem Jahr vermählte er sich mit Luciana, was mich sehr verstimmte. Wenn ihr wüsstet, wie empört ich war!
 
Ich fühlte mich wie eine verletzte Wölfin und in meiner Ignoranz habe ich sogar angefangen gegen die Neue zu kämpfen und versuchte sie zu vernichten. Dennoch hat Jesus es ermöglicht, dass meine Großmutter mütterlicherseits, die seit vielen Jahren unter den Nichtinkarnierten weilt, mich in der Schwellenregion besuchen durfte. Zu meiner Überraschung kam sie auf mich zu und nahm an meiner Seite Platz. Etwas später setzte sie mich auf ihren Schoss, so wie sie es im Leben getan hatte und fragte mich mit bewegter Stimme:
 
»Meine Enkelin, was tust Du? Wie siehst Du Dich im Leben? Als Wölfin oder als ein gottbewusstes Geschöpf? Weißt Du, dass unsere Schwester Luciana jetzt wie eine eigene Mutter für Deine Kinder sorgt? Sie kümmert sich um Deinen Haushalt, pflegt Deinen Garten und erträgt die schlechten Launen Deines Mannes. Meinst Du nicht, dass ihr das Recht zusteht, den Platz als seine Lebensgefährtin einzunehmen? Ist dies die Art sich für die göttliche Unterstützung erkenntlich zu zeigen und die zu belohnen, die Dir helfen? Du duldest sie als Bedienstete, aber nicht als Schwester. Hilda, Hilda!
 
Hast Du Dich vom christlichen Glauben abgewendet? Hast Du vergessen, was Du gelernt hast? Meine arme Enkelin, meine arme....«
 
Weinend umarmte ich meine geliebte Großmutter und zusammen mit ihr verließ ich meine irdische Familie. Sie brachte mich in die spirituelle Übergangstätte Nosso Lars und seit damals betrachte ich Luciana als eine Tochter. Auch begann ich mich um mein spirituelles Wachstum zu bemühen. Ich hatte das Bedürfnis zu lernen und den Mitgliedern meiner irdischen Familie gleichermaßen zu helfen. Tobias> neue Familie wurde durch die heiligen, spirituellen Bande zu meiner Familie. Nach unserem irdischen Tod wurden Tobias und ich wieder vereint und zusammen mit Luciana bilden wir nun eine glückliche Familie. »Mein Freund, das ist unsere Geschichte. «
 
Luciana fügte noch hinzu:
 
»Sie spricht nicht über die Opfer, die sie bringt, um mir ein gutes Vorbild zu sein. «
 
»Sag das nicht, meine Tochter«, erwiderte Frau Hilda und berührte sanft Lucianas Wange.
 
Luciana lächelte und sagte:
 
»An dem Tag als Hilda mich küsste und mir vergab, fühlte ich, dass sich mein Herz vom Gespenst der Eifersucht befreit hatte. Dank Jesus und ihrer Hilfe habe ich gelernt, dass Ehen aus verschiedenen Gründen geschlossen werden: Aus Liebe, aus Freundschaft, und dass es die Pflichtehe und die Ehe als Prüfung gibt. Die spirituelle Ehe wird zwischen zwei sich liebenden Seelen geschlossen. Andere Paare heiraten, weil die Ehe ihnen die Möglichkeit der gegenseitigen Versöhnung oder der Wiedergutmachung von früher begangenen Verfehlungen bietet. Alle Ehen sind heilig. «
 
»Auf der Basis ehrlicher Brüderlichkeit haben wir eine neue Familie gegründet«, betonte Tobias. Es entstand eine Pause, die ich nutzte um zu fragen:
 
»Wann findet die Eheschließung hier statt? «
 
»Wenn sich beide auf der gleichen Schwingungsebene befinden«, erklärte Tobias. »Oder, um genauer zu sein, durch die höchste oder vollkommenste Affinität der Seelen.«
 
Wissbegierig vergaß ich für einen Augenblick die guten Manieren und fragte nach:
 
»Aber, wie steht es um Luciana? «
 
Bevor die Eheleute antworten konnten, ergriff Luciana selbst das Wort und erläuterte:
 
»Als ich den Witwer Tobias heiratete, musste ich geahnt haben, dass es vor allem eine Heirat aus Freundschaft sein würde. Ich hatte große Mühe, dies zu begreifen.
 
Ehen, in denen Partner von Unruhe geplagt sind, es Zwietracht gibt oder Traurigkeit herrscht, sind wohl eher eine rein körperliche Gemeinschaft, denn es besteht keine spirituelle Verbindung zu einander. «
 
Ich brannte darauf weitere Fragen zu stellen, da ich jedoch weder unhöflich noch aufdringlich sein wollte, hielt ich mich damit zurück. Dennoch erriet Frau Hilda meine Gedanken und sagte:
 
»Sei unbesorgt, Luciana ist verlobt. Ihr edler, spiritueller Gefährte aus zahlreichen gemeinsamen irdischen Leben ist seit einigen Jahren auf der Erde inkarniert und wartet auf sie. Das glückliche Treffen der beiden auf Erden ist vorgesehen für nächstes Jahr in São Paulo, Brasilien. «
 
Wir lachten alle fröhlich, da wurde Tobias zu einem dringenden Fall in die Rehabilitationsstation gerufen und wir waren gezwungen unser Gespräch zu beenden.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:07

(39)
 
FRAU LAURAS ERLÄUTERUNGEN
 
 
Tobias' Geschichte berührte mich sehr.
 
Diese Familie, die auf den neuen Werten der Brüderlichkeit gegründet ist, wurde für mich zu dem Zentralthema meiner Überlegungen. Insofern als ich mich immer noch als das Oberhaupt meiner irdischen Familie betrachtete, wusste ich wie schwierig es wäre, wenn auch ich mich in einer solchen Lage befände. Ich fragte mich, ob ich den Mut von Tobias gehabt hätte, ob ich mich wohl so verhalten hätte wie er? Ich musste zugeben, dass ich so etwas meiner geliebten Zélia nicht zugemutet hätte, noch würde ich ein solches Verhalten von ihr geduldet haben.Das, was ich im Haus von Tobias gehört hatte, nahm mich derart in Anspruch, vor allem weil viele diesbezügliche Fragen mich bedrängten. Ich beschloss, am nächsten Tag zu Lísias zu gehen. Ich war brennend interessiert zu erfahren, was Frau Laura, zu der ich vollstes Vertrauen hatte, dazu sagen würde. Dort angekommen, wurde ich von allen freudig begrüsst. Ich dachte es wäre besser, wenn ich den richtigen Augenblick abwartete, um Frau Laura mein Anliegen zu unterbreiten. Als dann die Jungen das Haus verlassen hatten, um ihren Freizeitbeschäftigungen nachzugehen, näherte ich mich meiner großherzigen Freundin und etwas beschämt brachte ich das mich verwirrende Thema zur Sprache.
 
Frau Laura, die viel Lebenserfahrung besitzt, lächelte mir zu und sagte:
 
»Es ist sinnvoll, dass Du damit zu mir gekommen bist. Zu zweit können wir das Thema leichter angehen und erläutern, zumal jedes Seelenproblem der freundlichen Hilfe bedarf, um gelöst zu werden. «
 
»Der Fall Tobias « sagte sie nach einer kurzen Pause »ist nur ein Beispiel für viele ähnliche Fälle in unserer Kolonie. Diese erhabene Art des Denkens und des Handelns zeichnet auch andere spirituelle Gemeinschaften aus. «
 
»Es berührt unsere Gefühle sehr stark, nicht wahr? « bemerkte ich.
 
»Nun, aus menschlicher Sicht betrachtet, ist es sogar unfassbar. Jetzt aber sind wir aufgerufen, alles den natürlichen und spirituellen Prinzipien unter zu ordnen. Deshalb müssen wir lernen zu begreifen, dass sich die Evolution des Lebens in aufeinander folgenden Etappen abspielt. Während langer Zeit durchlief das menschliche Wesen viele Daseinsstufen, die von triebhaftem Verhalten gekennzeichnet waren. Es ist richtig, dass sich diese Spuren nicht von einem Tag auf den anderen beseitigen lassen. Wir haben viele Jahrhunderte gebraucht, um uns aus den Schalen unseres niedrigen Seins zu befreien und tun uns schwer zu begreifen, dass Sexualität eine dem Menschen von Gott gegebene Eigenschaft ist. Meines Erachtens bist Du noch nicht in der Lage, den höheren Sinn dieser Familie in vollem Umfang zu erfassen. In Tobias spiritueller Familie herrscht ein starkes Gefühl der Glückseligkeit, da sie nach ihrer Ankunft in der Kolonie die dunklen Wolken, die ihr irdisches Dasein überschatteten, in gegenseitiges Verständnis und brüderliche Liebe zu verwandeln wussten. Etwas, das nur Wenigen in so kurzer Zeit gelingt.«
 
»Läuft es in Regel so ab? «, fragte ich. »Erhält jeder Mann und jede Frau, die sich auf Erden mehrmals vermählt haben, in der spirituellen Sphäre die Gelegenheit, ihre familiären Beziehungen wiederherzustellen und mit ihren Lieben wieder zusammen zu sein? «
 
Frau Lauras Geduld mir gegenüber war bewundernswert.
 
»Sieh das nicht so radikal, »setzte sie ihre Erläuterung fort. »Es gibt Menschen, deren Fähigkeit zu verstehen noch nicht ausgereift ist, und trotzdem empfinden sie Liebe. Deshalb ist es unabdingbar, dass sich alles langsam entwickelt. Bedenke, dass alles, was wir hier an Gutem aufbauen, von größerem Wert ist, als das, was wir auf Erden erreicht haben. Der Fall Tobias zeigt uns den Sieg der wahren Brüderlichkeit, der von drei Seelen errungen wurde, die sich bemühten, wahres Verständnis füreinander zu erlangen. Jene, die sich nicht dem Gesetz der Brüderlichkeit und des Verständnisses anpassen wollen, werden innerhalb ihrer eigenen Grenzen bleiben, anstatt sie durchbrechen zu können. In der Schwellenregion gibt es finstere Gegenden, in denen sich Geistwesen aufhalten, die diesen Prüfungen nicht standhielten. Solange sie in ihrem Hass verhaftet bleiben, gleichen sie magnetisch aufgeladenen Nadeln, die von entgegengesetzter Energie angezogen, sich in alle Richtungen drehen. Solange sie der Wahrheit nichts abgewinnen können, bleiben sie Gefangene der Unwahrheiten. Infolgedessen bleibt ihnen den Zugang zu höheren Regionen verwehrt.
 
Dieser Umstand trifft auf unzählige Geistwesen zu, die während vieler Jahre dort ihr trostloses Dasein fristen müssen, nur weil sie sich der wahren Brüderlichkeit nicht unterordnen wollen. «
 
»Was geschieht mit diesen armen Seelen, wenn ihnen die Gelegenheit verwehrt wird in spirituellen Kolonien das zu lernen, was ihnen fehlt, und wo halten sie sich auf? «, wollte ich von ihr wissen.
 
»Nachdem sie die wahre Hölle durchlebten, die sie durch ihre eigenen niedrigen mentalen Schöpfungen selbst verursachten, wird ihnen die Gelegenheit gegeben, ein neues physisches Dasein auf Erden zu beginnen. Dort können sie ihre Entwicklung fortsetzen, was ihnen in der spirituellen Welt als Nichtinkarnierten nicht gelang. In den physischen Leib eingetaucht, werden sie, Dank der göttlichen Gnade, ihre Vergangenheit vergessen haben und von jenen Familienbanden aufgenommen werden, von welchen sie sich im Zustand des Hasses oder Unverständnisses getrennt hatten. Dies erinnert uns an Jesus» Worte, als er uns ermahnte, uns noch während des physischen Lebens mit unseren Feinden zu versöhnen. Wir sollten diesen Rat in unserem eigenen Interesse befolgen, denn er ist an uns alle gerichtet.
 
Wer nach der Beendigung des Reinkarnationszyk- lus auf Erden die Zeit zu nutzen weiß, kann sein Gewissen ins Reine bringen und den inneren Frieden erlangen. Im Falle eines neuen irdischen Lebens wird er eine leichtere Bürde zu tragen haben. Es gibt jedoch viele, denen es trotz zahlreicher Reinkarnationen, die sich über viele Jahrhun­derte erstrecken, nicht gelingt, sich noch auf Erden mit ih­ren Gegnern zu versöhnen. Erst wenn sie ihren physischen Körper abgelegt haben, gelangen sie zu dieser Erkenntnis und erfüllen das, was Jesus uns lehrte, nämlich unseren Feinden zu vergeben.
 
»Aber, mein lieber André, es sagt sich nicht einfach so: „Ich vergebe", denn das sind nur Worte. Derjenige, der wahrhaftig vergibt, muss zuerst Schwerstarbeit in seinem Inneren leisten. Er muss das aus früheren Zeiten angesam­melte Bündel an Kränkungen und Beleidigungen bewegen, umschichten, aufräumen, um dann davon loszukommen. «
 
Frau Laura unterbrach ihre Erläuterungen. Sie schien nachzudenken. Ich nutzte den Augenblick und bemerkte:
 
»Für mich ist die Ehe heilig. «
 
Sie schaute mich ohne jede Überraschung an und erwiderte:
 
»Geistwesen, die noch auf der Anfangsstufe ihrer Entwicklung stehen, zeigen sich an solchen Gesprächsthemen nicht interessiert.
 
Für uns jedoch, da wir uns bewusst sind, dass wir nur mit Christus die Erleuchtung erlangen können, ist es wichtig, zu wissen dass nicht nur die Ehe sondern jede sexuelle Erfahrung von grösster Wichtigkeit ist, weil sie Einfluss nimmt auf das Leben der Seele. «
 
Ihre Erläuterung machte mich verlegen, denn ich konnte mich noch genau an mein vergangenes Leben als ganz normaler Mann erinnern. Ich ehrte und schätzte meine Frau über alles, gleichwohl kam mir das Bibelzitat des Alten Testamentes in den Sinn: „Du sollst das Haus Deines Nächsten nicht begehren. Du sollst nicht das Weib Deines Nächsten, noch seinen Diener, seine Dienerin, seinen Esel, seinen Ochsen oder seinen gesamten Besitz begehren." Plötzlich vermochte ich es nicht länger, mich mit dem Fall Tobias auseinanderzusetzen. Frau Laura war meine Sinneswandlung nicht entgangen, denn sie sprach weiter:
 
»Wenn man sich bemüht, begangene Fehler zu korrigieren, was bei den meisten der Fall ist, muss die Fähigkeit zu verstehen vorhanden sein, sowie Dankbarkeit gegenüber der Göttlichen Gnade, die uns viele Möglichkeiten der Wiedergutmachung bereit hält. Aus diesem Grund ist die Erfahrung der Ehe für jeden, der ein bisschen aufgeklärt ist, von enormer Bedeutung. Sie hilft zu verstehen, dass Brüderlichkeit die Voraussetzung für wahre Hilfe ist. Erst kürzlich hörte ich einen bedeutenden Geistlehrer des Ministeriums der Erhöhung sagen, dass, wenn es ihm erlaubt wäre, er sich auf der Erde materialisieren und den Frommen dort erklären würde, dass jede Tat der Nächstenliebe erst eine göttliche Tat ist, wenn sie sich auf die Grundlage der Brüderlichkeit stützt.«
 
Frau Laura gab mir zu verstehen, dass sie sich nicht weiter über das Thema äußern wollte und bat mich, mit ihr in das Innere des Hauses zu gehen. Nachdem sie sich vergewissert hatte dass es Eloisa gut ging, verabschiedeten wir uns und ich kehrte zur Rehabilitationsstation zurück.
 
Obwohl ihre Erläuterungen mich nachdenklich machten, merkte ich, dass es weder Tobias und seine Geschichte, noch das Verhalten Hildas und Lucianas waren, die bei mir jetzt im Vordergrund standen. Es war die außerordentliche Frage der Brüderlichkeit unter den Menschen, die mich fesselte.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:09

(40)
 
WER SÄET, DER ERNTET
 
 
Einem Impuls folgend suchte ich Narcisa auf und teilte ihr mit, dass ich das unerklärbare Bedürfnis hätte, die Frauen­abteilung der Rehabilitationsstation zu besuchen. Sie willigte ein und begleitete mich dorthin. Unterwegs erklärte sie mir:
 
»Wenn der Vater uns an einen bestimmten Ort beordert, bedeutet dies, dass uns dort eine Aufgabe erwartet. Nichts im Leben geschieht ohne einen plausiblen Grund, was Du bei Deinen „zufälligen" Besuchen stets berücksichtigen solltest. Weil wir bereit sind, Gutes zu tun, fällt es uns leichter die göttlichen Eingebungen wahrzunehmen. «
 
Noch am gleichen Tag suchten wir die freundliche und engagierte Pflegerin Nemésia auf.
 
Wir fanden sie in einem Krankenzimmer, in dem Frauen auf mit weissen Laken bezogenen Betten lagen. DieFrauen sahen wie menschliche Wracks aus und ihr Stöhnen und die verzweifelten Schreie gingen durch Mark und Bein. Nemésia, gütig und barmherzig wie Narcisa, sagte mir zugewandt:
 
»Du wirst Dich sicher in der Zwischenzeit an diese Szenen gewöhnt haben, denn bei den Männern sieht es nicht viel anders aus. «
 
Narcisa, begleite bitte unseren Bruder und zeige ihm alles, was ihm von Nutzen und für seine Lehrzeit wichtig ist. «
 
Auf dem Weg zum Pavillon 7 sprachen Narcisa und ich darüber, wie der Mensch immer wieder Opfer seiner Eitelkeit wird, die nur auf die Erfüllung der materiellen Wünsche zielt. Wir waren damit beschäftigt, Erfahrungen und wissenswerte Eindrücke zu diesem Thema auszutauschen, als wir den Pavillon 7 erreichten, in dem ein paar Dutzend Frauen in Einzelbetten lagen. Ich beobachtete die Gesichter der Kranken und eine fiel mir besonders auf. Wer war diese verbitterte Frau, deren blinde Augen stumpf und traurig blickten? Ihr frühzeitig gealtertes Gesicht drückte Hohn und Schicksalsergebenheit aus. Ihre Erscheinung schien mir vertraut und ich versuchte mich zu erinnern, woher ich sie wohl kannte. Ein heftiges, unangenehmes Gefühl kam auf, als ich mich jetzt erinnern konnte: Es war Elisa, eine Person aus meiner Vergangenheit. Dieselbe Elisa, die ich in meiner Jugendzeit gekannt hatte. Das Leidenhatte sie stark verändert, aber ich hatte keine Zweifel, dass sie es war. Ich erinnerte mich noch genau an den Tag, als Mutter sie auf Empfehlung einer Freundin bei uns als Haushaltshilfe einstellte. Anfangs bescheiden und unauffällig, begann sie sich zu verändern und missbrauchte das ihr entgegengebrachtes Vertrauen. Sie nahm sich das Recht heraus, Befehle zu erteilen und sich in die Privatangelegenheiten der Familie einzumischen. Elisa schien mir eine liederliche Person zu sein. Sie erzählte mir vom freizügigen Leben, das sie in ihrer Jugendzeit geführt hätte, was unsere Phantasien noch mehr anregte. Ohne an die Folgen zu denken, waren wir uns näher gekommen.
 
Meine Mutter versuchte unser Verhältnis zu unterbinden. Ich erinnerte mich an ihre mahnenden Worte, als sie mich zur Vernunft rief und mich darauf aufmerksam machte, dass es sich nicht zieme, eine persönliche Beziehung zum Hauspersonal zu pflegen. Es sei zwar richtig und angebracht, sie gut zu behandeln, doch so, dass die Würde des Standes bewahrt würde. Weiter sagte sie, dass ich unvernünftig gewesen sei und es zugelassen habe, dass es zu dieser Intimität kam.
 
Elisa sah sich später wegen großen moralischen Drucks gezwungen, unsere Familie zu verlassen. Sie verließ uns ohne mir einen Vorwurf zu machen, da sie nicht den Mut aufbrachte, mich offen anzuklagen. Die Zeit half mir, diese Episode als einen 'menschlichen Ausrutscher' in meinem Gedächtnis abzutun und ich glaubte, alles vergessen zu haben.
 
Dies erwies sich jedoch als Trugschluss, denn das Vorgefallene gehört zu meiner Lebensgeschichte und kann nicht ausgelöscht werden. Jetzt sah ich eine gedemütigte und besiegte Elisa vor mir. Ich fragte mich, wo dieses bejammernswerte Geschöpf, das so leiden musste, in der Zwischenzeit wohl gewesen sei. Woher kam sie?
 
Ich erkannte, dass ich bei Elisa anders empfand als bei Silveira, in dessen Schuld ich und mein Vater stehen. Hier trug ich allein die Schuld und war verantwortlich für ihren Zustand.
 
Von der Erinnerung übermannt, ging ich wie ein kleines Kind, das um Vergebung bittet, zitternd und beschämt zu Narcisa, in der Hoffnung, von ihr angehört zu werden und einen guten Rat zu bekommen.
 
Es war seltsam, aber bei heiklen und persönlichen Themen ging ich lieber zu Narcisa und Frau Laura als zum Minister Clarêncio. Den liebevollen Frauen konnte ich mich anvertrauen. Hingegen fehlte mir der Mut, Minister Clarêncio dieselben Fragen zu stellen oder ihm die jetzige Situation darzulegen, so wie ich es bei Frau Laura und Narcisa tat. Es würde mir vielleicht leichter fallen, wenn Tobias dabei wäre.
 
Ich begann Narcisa alles zu berichten, doch zauderte ich oft, weil es mir schwer fiel, meine Tränen zurückzuhalten. Trotzdem erzählte ich weiter, bis mich Narcisa unterbrach. Sie sagte, ich müsse die Geschichte nicht bis zu Ende erzählen, da sie erahnen könne, wie sie ausgehen würde. Narcisa riet mir:
 
»Gib Dich nicht zerstörerischen Gedanken hin. Ich weiß, wie Du unter dieser moralischen Last leidest, weil ich Ähnliches erfahren habe. Wenn jedoch der Herr es erlaubte, dass Du diese Schwester jetzt wieder triffst, bedeutet es, dass er Dich für fähig hält diese Schuld wieder gutzumachen. «     cosmic-people.com
 
Da ich schwankte, sprach sie weiter:
 
»Hab keine Angst, geh zu ihr und tröste sie. Bedenke, dass wir alle auf unserem Weg immer die Früchte unserer guten oder bösen Saat vorfinden werden und dies sind nicht leere Worte sondern eine universelle Wahrheit. Ich durfte viel aus ähnlichen Situationen lernen. Selig sind die, die sich Schuld aufgeladen haben und jetzt der Lage sind, sie zu begleichen. «
 
Ich spürte, dass ich bereit war, dies zu tun. Narcisa bemerkte es und sagte mir:
 
»Gehen wir, aber enthülle ihr noch nicht wer Du bist. Das kannst Du tun, nachdem Deine Hilfe gefruchtet hat. Da sie zurzeit fast vollständig erblindet ist, wird sie Dich nicht erkennen können. Die tiefe Traurigkeit, die sie umgibt verrät mir, dass sie eine gescheiterte Mutter und eine gestrauchelte Frau ist. «
 
Ich näherte mich Elisa und sprach ihr tröstende Worte zu. Elisa sagte mir ihren Namen und machte bereitwillig noch andere Angaben über ihre Person.
 
Ich erfuhr, dass sie vor drei Monaten in die Rehabilitationsstation gebracht worden war.
 
Als Narcisa sich entfernt hatte, fragte ich Elisa, wie um mich selbst zu bestrafen - obwohl ich mich bereit fühlte, diese Lektion tief in meiner Seele eindringen zu lassen:
 
»Wie ist es Dir ergangen, Elisa? Du musst viel gelitten haben...«
 
Sie bemerkte, dass diese Frage aufrichtig gemeint war. Resigniert lächelte sie mir zu und sagte:
 
»Weshalb sich an traurige Dinge erinnern? «
 
»Weil auch schmerzhafte Erfahrungen lehrreich sein können. « erwiderte ich.
 
Die unglückliche Patientin, der die tiefe moralische Wandlung anzusehen war, hielt einen Augenblick inne, als wollte sie ihre Gedanken sammeln und sagte dann:
 
»Ich machte die gleichen Erfahrungen, die leichtsinnige Frauen machen, wenn sie das ehrbare Brot der Arbeit gegen das bittere Gift der Illusion tauschen. Als ich jung war und das ist sehr lange her, war ich die Tochter einer sehr armen Familie. Ich erhielt die Gelegenheit, als Hausangestellte bei einem vermögenden Geschäftsmann zu arbeiten, was mein Leben veränderte. Die Familie hatte einen Sohn, der ebenso jung war wie ich. Obwohl ich es nicht wollte, kam es zwischen uns zu einer intimen Beziehung. Bedauerlicherweise dachte ich nicht mehr daran, dass Gott all denjenigen Arbeit verschafft, die ein geregeltes Leben führen, auch wenn sie noch so voller Fehler sind. Ich gab mich einem Leben hin, das mir Luxus und Annehmlichkeiten bot, doch letztendlich nur Pein einbrachte. Danach kam das Erwachen aus der Illusion: Ich verabscheute mich für mein ausschweifendes Leben. Die Folge davon war, dass ich an Syphilis erkrankt und blind ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Von allen verlassen, einsam, aller Illusionen beraubt und gezeichnet von Enttäuschungen und Krankheiten, trat der physische Tod ein. Mehr möchte ich nicht sagen. Von großer Verzweiflung geplagt, irrte ich lange Zeit im Jenseits herum und bat inständig um Hilfe bei der Heiligen Jungfrau. Eines Tages wurde ich von Geistboten besucht, die mich im Namen der Liebe hierher in dieses Haus des Trostes und des Heils brachten. «
 
Zu Tränen gerührt, fragte ich sie:
 
»Und er? Wie heißt der Mann, der so viel Unglück über Dich brachte? « Dann hörte ich, wie sie meinen Namen und den meiner Eltern aussprach.
 
»Hasst Du ihn deswegen? « fragte ich sie niedergeschlagen.
 
Mit einem traurigen Lächeln sagte sie: »Während meiner früheren Leidenszeit habe ich ihn verflucht und auf den Tod gehasst. Aber Schwester Nemésia bewirkte, dass ich meine Haltung änderte. Denn um ihn hassen zu können, müsste ich mich auch hassen. In meinem Fall muss die Schuldfrage aufgeteilt werden. Ich habe kein Recht über ihn zu urteilen. «
 
Diese demütige Haltung berührte mich tief. Als ich ihre Hand in die meine nahm, plagten mich Reue und Gewissensbisse. Wieder den Tränen nahe, sagte ich zu ihr:
 
»Meine Freundin, auch ich heiße André und möchte Dir helfen. Von nun an kannst Du auf mich zählen. «
 
»Deine Stimme« meinte Elisa unbefangen, » gleicht seiner Stimme. «
 
»Von nun an, sprach ich weiter, da ich bis jetzt in Nosso Lar noch keine eigene Familie habe, wirst Du die Schwester meines Herzens sein. Ich werde Dir wie ein Freund ergeben sein. «
 
Im Gesicht der Patientin erschien ein breites Lächeln, als würde ein starkes Licht es erhellen.
 
»Ich bin Dir sehr dankbar«, sagte sie zu mir und trocknete ihre Tränen. »Es ist lange her, seit jemand so gütig zu mir gesprochen hat und mir den Trost einer ehrlichen Freundschaft anbot! Möge Jesus Dich segnen! «
 
In diesem Augenblick, meine Tränen flössen reichlich, nahm Narcisa meine Hände in die ihren und wie eine Mutter wiederholte sie:
 
»Möge Jesus Dich segnen. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:11

41)
 
AUFRUF ZUM KAMPF!
 
 
Anfang September 1939 erreichte unsere Kolonie die Nachricht, dass sich in Europa ein Krieg anbahnte. Alle in Nosso Lar waren deswegen bestürzt und in großer Sorge. Ebenso auch alle anderen mit dem amerikanischen Kontinent verbundenen Kolonien. Dieser Krieg brachte den Menschen auf Erden Zerstörung und für die geistige Natur des Menschen waren die Folgen nicht weniger dramatisch. Zahlreiche Kommentatoren, die ihr Grauen darüber nicht verhehlen konnten, berichteten über dieses, in absehbarer Zeit bevorstehende Kriegsgeschehen. Schon seit längerem war bekannt, dass Große Bruderschaften des Morgenlandes den feindlichen Schwingungen der Japanischen Nation ausgesetzt waren, was ihnen große Schwierigkeiten bereitete. Obwohl jetzt Schreckliches geschah, barg es doch hohenerzieherischen Wert in sich. So wie in den altehrwürdigen spirituellen Kreisen Asiens, bereitete sich Nosso Lar ebenfalls in aller Stille auf die Aufgabe vor. Neben dem edlen Aufruf zur Brüderlichkeit und Sympathie ermahnte uns der Gouverneur, dass wir auf unsere Gedanken Acht geben und uns nicht zu unredlichen Gefühlen verleiten lassen sollen. Ich hatte begriffen, dass die höheren Geistwesen die angreifenden Nationen nicht als Feinde betrachten werden, sondern als Unruhestifter, deren verbrecherisches Tun jedoch unbedingt zu unterbinden sei.
 
»Unselig sind die Völker, die sich mit dem Wein des Bösen vergiften lassen«, sagte Salústio, »denn wenn sie auch momentane Siege erlangen, bewirken sie nur, dass ihre Lage sich verschlimmert und zum Schluss doch nur zu verhängnisvollen Niederlagen führt. Wenn ein Land einen Krieg beginnt, verursacht es eine große Unordnung im Haus des Vaters und dafür muss es einen schrecklichen Preis bezahlen. «
 
Des Weiteren erkannte ich, dass sich die höheren Sphären des Lebens mit Recht zur Wehr setzen gegen die von Unwissenden und von der Finsternis herauf beschworenen Vereinigungen, die sich zusammen tun, um Anarchie und Zerstörung in der Welt zu entfesseln. Von Geistwesen, die mit mir zusammen dienten, erfuhr ich, dass bei Ereignissen dieser Art angreifende Nationen sich zu geballten Machtkonzentrationen des Bösen entwickeln. Wenn sich die Bevölkerung - mit Ausnahme der weisen und erhabenen Geistwesen, die unter ihnen leben und wirken -, nicht gegen die von dieser Machtkonzentration ausgehenden Gefahren wappnet, wird sie von Elementen der Perversion, die aus der Finsternis auf sie einwirken, eingenommen werden. Die Folge davon ist, dass ganze Volksgemeinschaften zum Spielball des Verbrechens werden. Teuflische Legionen bemächtigen sich großen Ballungszentren des allgemeinen Fortschritts und verwandeln sie in Orte des Grauens und der Perversion. Derweil finstere Scharen sich der Geisteskraft der Angreifer bemächtigen, kommen doch spirituelle Vereinigungen des erhabenen Lebens den Angegriffenen zu Hilfe. Wenn wir einerseits das einzelne Geschöpf bedauern, das außerhalb des Guten lebt, müssten wir dann das ganze Volk, das sich von der Gerechtigkeit abwendet, nicht stärker bemitleiden?
 
An einem Nachmittag - erst einige Tagen waren vergangen seit dem ersten Bombenabwurf über Polen - waren Narcisa, Tobias und ich in der Rehabilitationsstation, als außergewöhnliche Fanfarenklänge während einer Viertelstunde zu hören waren. Wir waren alle tief ergriffen. Narcisa erklärte:
 
»Mit diesen Klängen werden wir zur erhabenen Hilfeleistung für die Erde aufgefordert. «
 
»Das bedeutet, dass der Krieg intensiviert wird und damit auf die Menschen Schreckliches und Qualvolles zukommen wird«, fügte Tobias besorgt hinzu.
 
»Ungeachtet der Distanz zwischen Europa und dem amerikanischen Kontinent ist es wichtig daran zu erinnern, dass der Ursprung jeder amerikanischen Seele in Europa liegt. Auch die Neue Welt vor dem Krieg bewahren zu können erfordert von uns viel Einsatz. «
 
Die Fanfare klang fremdartig und doch wirkte sie sehr beeindruckend auf alle im Ministerium für Erneuerungen. Es wurde sehr still. Tobias entging meine Unruhe nicht, weshalb er mir erklärte:
 
»Wenn der Warnruf der Fanfare im Namen des Herrn ertönt, müssen wir innerlich still werden, damit wir den Aufruf vernehmen können und er in unserem Herzen Fuss fassen kann. «
 
Nachdem aus dem geheimnisvollen Instrument der letzte Ton ertönt war, bewegten wir uns alle in Richtung der großen Parkanlage um den Himmel zu beobachten. Tief beeindruckt erblickte ich unzählige leuchtende Punkte, die aussahen wie kleine strahlende Lichtquellen. Sie entfernten sich schnell in die Ferne des Firmamentes.
 
»Nur ranghohen Wachtgeistern ist es gestattet, dieses Instrument zu blasen«, sagte Tobias ebenfalls bewegt. «
 
Danach kehrten wir in die Rehabilitationsstation zurück. Lautes Stimmengewirr, welches offenbar von den öffentlichen Anlagen in den oberen Regionen der Kolonie stammte, machte mich aufmerksam. Tobias übertrug einige wichtige Pflegearbeiten an Narcisa und bat mich, mit ihm nach oben zu gehen, um zu sehen, was dort geschah. Dort angekommen - von hier führt der Weg zum Regierungsplatz -, bemerkten wir, dass sich aus allen Sektoren Gruppen von Geistwesen in Bewegung setzten. Ich staunte und mein Begleiter informierte mich:
 
»Diese Gruppen sind auf dem Weg zum Ministerium für Kommunikation. Sie hoffen, von dort Informationen zu erhalten. Wenn bei uns die Fanfaren zu hören sind, bedeutet es, dass es sich um einen Ernstfall handelt. Wir alle wissen, dass es um den Krieg auf Erden geht, aber vielleicht kann uns das Ministerium noch weitere Einzelheiten liefern. Schau Dir die Passanten an. «
 
An unserer Seite gingen zwei Herren und vier Frauen, die sich unterhielten.
 
»Stell Dir vor«, sagte eine der Frauen, »was uns im Ministerium für Hilfeleistung erwartet. Seit Monaten hat die Anzahl von Hilferufen beträchtlich zugenommen und es wird immer schwieriger, alle Aufgaben zu bewältigen. «
 
»Und auch bei uns im Ministerium für Erneuerung«, meinte ein älterer Herr, «ist das Arbeitsvolumen enorm gestiegen. Das bedeutet, dass wir in unserem Sektor noch wachsamer und stets gewappnet gegen die Einflüsse der Schwellenregionen sein müssen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was da noch alles auf uns zukommen wird. «
 
Tobias hielt mich zurück und sagte:
 
»Gehen wir weiter, hören wir, was in den anderen Gruppen gesprochen wird. «
 
Wir näherten uns zwei Männern, und ich hörte wie einer den anderen fragte:
 
»Könnte es sein, dass dieser Krieg in Europa auch bei uns Folgen haben wird? «
 
Der Angesprochene, der spirituell sehr ausgeglichen zu sein schien, antwortete gelassen:
 
»Also ich sehe keinen Grund zu überhasteten Handlungen. Wir werden viel mehr Arbeit bekommen, das ist das Einzige, was ich feststellen kann. Dies könnte jedoch wiederum einen Segen für uns alle bedeuten. Ansonsten meine ich, verläuft alles ganz normal.
 
Es ist doch so: Warum soll ich mich bemühen gesund zu werden, wenn ich gesund bin? Andererseits regt uns ein Unglück zum Nachdenken an. Du hast Dich bis jetzt von der Tatsache, dass China lang unter Beschuss stand, auch nicht beeindrucken lassen. «
 
»Aber jetzt, « meinte sein Begleiter enttäuscht, »muss ich vermutlich mein Arbeitsprogramm ändern. «
 
»Ach Helvécio, Helvécio « sagte der andere lächelnd, »vergessen wir "mein Programm" und denken wir an "unser Programm". «
 
Tobias gab mir ein Zeichen und zeigte auf drei Frauen, die an unserer linken Seite in die gleiche Richtung schritten. Auch ihre Gesichter zeigten Besorgnis.
 
»Das Ganze beunruhigt mich sehr«, meinte die jüngere der beiden, » weil Everardo noch nicht von der Erde zurückkommen sollte. «
 
»Aber ich glaube nicht, dass Portugal vom Krieg betroffen sein wird«, sagte eine der Frauen, »denn dieser Krieg findet nicht auf der Iberischen Halbinsel statt. «
 
»Also warum sorgst Du Dich? «, fragte die Dritte. » Was würde denn geschehen, falls Everardo schon jetzt zurückkäme? «
 
»Ich befürchte«, sagte die Angesprochene, »dass er mich hier aufsuchen würde, weil ich auf Erden seine Ehefrau gewesen bin. Ich würde ihn aber nicht nochmals ertragen können. Er ist grob, ignorant und ich werde seine Grausamkeiten keinesfalls von neuem erdulden. «
 
»Sei nicht albern! Hast Du vergessen, dass Everardo nicht an der Schwellenregion vorbeikommen kann, oder dass ihm noch etwas Schlimmeres bevorstehen könnte? « fragte die Freundin.
 
Tobias meinte, zu mir gewandt:
 
»Siebefürchtet, dass ihr grausamerund unbesonnener Ehemann freikommt. «
 
Wir blieben dort und beobachteten die Menge der Geistwesen. Danach gingen wir dann weiter zum Ministerium für Kommunikation. Auf dem Weg dorthin blieben wir vor den riesengroßen Gebäuden der Informationsdienste stehen. Dort drängten sich große Mengen besorgter Geistwesen und hofften, von dort Informationen zu erhalten. Scheinbar gab es unter ihnen Unstimmigkeiten, denn alle sprachen gleichzeitig und durcheinander. Dann bemerkte ich, dass jemand auf einen sehr hohen und breiten Vorbau stieg und um die Aufmerksamkeit der Menge bat. Ein alter, Achtung gebietender Mann gab den Anwesenden bekannt, dass der Gouverneur in einigen Augenblicken zu ihnen sprechen würde.
 
»Der Mann ist der Minister Espiridiäo«, erklärte mir Tobias.
 
Als wieder Ruhe eintrat, hörte man aus den zahlreichen Lautsprechern die Stimme des Gouverneurs ertönen.
 
»Brüder und Schwestern von Nosso Lar, gebt euch nicht verwirrenden Gedanken oder Worten hin. Kummer ist kein guter Ratgeber und die Unruhe verleitet zu Unbesonnenheit. Erweisen wir uns dem Aufruf des Herrn würdig, lasst uns dem göttlichen Willen folgen und ruhig und besonnen unsere Arbeiten verrichten. «
 
Der klare und impulsive Aufruf des Gouverneurs, der Autorität, doch auch Liebe ausstrahlte, bewirkte, dass sich die Menge innerhalb nur einer Stunde zurückzog und die normale Ruhe wieder einkehrte.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:12

(42)
 
DER APPELL DES GOUVERNEURS
 
 
Gleich nach dem Aufruf der Fanfaren versprach der Gouverneur, im Ministerium für Erneuerung eine Andacht abzuhalten.
 
Narcisa erklärte, dass der Hauptgrund dafür die Vorbereitung neuer Kurse für Betreuer und Pfleger im Ministerium für Hilfeleistungsei; ebensowie im Übungszentrum des Ministeriums für Erneuerung. Sie erklärte noch:
 
»Obwohl der Kriegsschauplatz sehr weit entfernt von hier liegt, müssen wir Vorkehrungen treffen, die die Aufnahme von Notfällen in unsere Krankenhäuser gewährleistet. Zugleich ist es eine gute Gelegenheit, uns mit der Angst auseinander zu setzen und zu lernen mit ihr umzugehen. «
 
»Wie ist das zu verstehen? «, fragte ich sie befremdet.
 
»Ja, warum denn nicht? « antwortete sie, »Du findest es wahrscheinlich - so wie die meisten -seltsam, dass unzählige Menschen der zerstörerischen Geißel der Angst unterliegen, die so ansteckend wie eine sich schnell verbreitende Krankheiten ist. Wir bezeichnen die Angst als einen der schlimmsten Feinde des Menschen, weil sie ihm seiner Seelenstärken beraubt. «
 
Erstaunt hörte ich ihr zu:
 
»Tatsache ist, dass in Notsituationen wie dieser, die Regierung Angst bewältigende Übungen an erste Stel­le noch vor die Krankenpflegeausbildung stellt. Denn nur durch Ruhe kann Erfolg erzielt werden. Du wirst später noch verstehen, weshalb diese Dienste von so großer Wich­tigkeit sind. «
 
Diesem Argument konnte ich nichts entgegensetzen.
 
Am Tag vor dem wichtigen Anlass durfte ich mich zusammen mit zahlreichen Helfern an den Reinigungsarbeiten und dem Ausschmücken des großen, dem Gouverneur vorbehaltenen Saales beteiligen. Ich war sehr aufgeregt, denn ich würde zum ersten Mal an der Seite des ehrwürdigen, von allen verehrten Leiters der Kolonie stehen. Ich wusste, dass ich nicht als Einziger so bewegt war.
 
Seit den ersten Stunden des Sonntags waren ganze Scharen aus dem Ministerium für Erneuerung und seiner verschiedenen Abteilungen zum Ort der Andacht, dem Grünen Saal, unterwegs. Der große Chor des Regierungstempels, zusammen mit dem Schulknabenchor des Ministeriums für Aufklärung, eröffnete den festlichen Akt.
 
Zum Auftakt sangen zweitausend Stimmen die Hymne „Immer mit Dir, Herr Jesus". Danach waren noch weitere wunderschöne Melodien zu hören. Das Säuseln der aufkommenden leichten Brise, untermalt von sanften Melodien, verbreitete sich harmonisch im ganzen Saal.
 
Ich war überwältigt. Die Schönheit und Erhabenheit dieser Feierlichkeit übertrafen meine Vorstellungen.
 
Weil diese Festlichkeit für die Mitarbeiter des Ministeriums für Erneuerung stattfinden würde, erschienen sie zahlreich im Grünen Saal. Ebenfalls waren andere Ministerien durch zahlreiche Abordnungen vertreten. Zum ersten Mal stand ich einigen Mitarbeitern der Ministerien der Erhöhung und der Göttlichen Vereinigung gegenüber, die in strahlende Lichtroben gekleidet zu sein schienen.
 
Um zehn Uhr traf der Gouverneur ein, begleitet von den zwölf Ministern für Erneuerung. Die edle, eindrucksvolle Gestalt des Gouverneurs werde ich nie vergessen.
 
Im Gesicht dieses Mannes mit schlohweißem Haar waren die Weisheit des Alters und die Energie der Jugend, die Sanftmut des Heiligen und die Ruhe des pflichtbewussten und gerechten Regenten zu lesen. Er war groß gewachsen, schlank und trug ein weißes Gewand. Seine Augen waren klar, und der Blick durchdringend. Er hielt den Hirtenstab fest in der Hand, während er sicher durch die Menge schritt.
 
»Wieso hält er einen Hirtenstab? fragte ich«
 
»Der Gouverneur ist der Ansicht, dass es sich nur mit väterlicher Liebe regieren lässt, deshalb benutzt er dieses patriarchalische Symbol« erklärte Salústio.
 
Er nahm auf der höchsten Tribüne Platz und der Knabenchor sang, begleitet von sanften Akkorden der Harfe, die Hymne "Dir, Herr, geben wir unser Leben".
 
Der weise, unermüdliche und liebevolle Mann schaute auf tausende anwesender Mitarbeiter herab. Dann öffnete er ein leuchtendes Buch, das Evangelium des Herrn Jesus Christus, wie Salústio erklärte. Er blätterte aufmerksam darin und las dann mit ruhiger Stimme: 'Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei. Seht zu und erschreckt nicht, denn das muss so geschehen, aber es ist noch nicht das Ende'. Das Wort des Herrn, Matthäus, Kapitel 24, 6.«
 
Der Gouverneur begann mit volltönender Stimme inbrünstig zu beten und erflehte Christus' Segen für alle. Danach hiess er die Vertreter des Ministeriums der Göttlichen Vereinigung, der Erhöhung, für Aufklärung, für Kommunikation und für Hilfeleistung herzlich willkommen. Seine besondere Aufmerksamkeit galt den Mitarbeitern des Ministeriums für Erneuerung.
 
Es ist mir nicht möglich, den Tonfall seiner Stimme, die sowohl sanft als auch energisch, liebevoll und überzeugend war, zu beschreiben. Seine überragende Auslegung des Textes des Evangeliums, die aus seiner tiefen Verehrung für das Erhabene floss, können nicht mit menschlichen Worten ausgedrückt werden, denn dafür fehlen die richtigen Begriffe. Als der Gouverneur geendet hatte und es sehr still wurde, richtete er sich in persönlichem Ton an die Mitarbeiter für Erneuerung mit den folgenden Worten:
 
»Meine Brüder, die ihr in der Nähe der Erde Eure Dienste verrichtet, an Euch richte ich meinen persönlichen Appell, in der Hoffnung, auf Eure hochgeschätzte Mitarbeit zählen zu können. Unseren Mut und die Bereitschaft zu dienen, sollten wir auf die höchste Stufe erheben. Wenn die Mächte der Finsternis sich überall ausbreiten, bringen sie die niedrigeren Sphären in noch größere Bedrängnis. Deshalb muss die Erde neues Licht empfangen können, welches die dichte Finsternis, die dort herrscht, auflösen kann. Die heutige Andacht widme ich den Mitarbeitern des Ministeriums, um ihnen zu zeigen, dass ich mein vollstes Vertrauen in sie setze. Ich richte mich nicht an jene Brüder, die bereits auf höheren, mentalen Ebenen des Lebens aktiv sind, sondern an Euch, denn an Euren Sandalen klebt noch der Staub der Erde und die Erinnerung an Euer irdisches Leben ist noch frisch. Um die Bedeutung der Aufgabe zu betonen: Unsere Kolonie Nosso Lar benötigt dreißigtausend geschulte Mitarbeiter, die in der Abwehr eingesetzt werden. Sie dürfen während der Dauer unseres Kampfes gegen die Mächte der Ignoranz und des Verbrechens keine Mühe scheuen und sollen auf persönliche Annehmlichkeiten verzichten können. Weil wir unsere Feinde nicht an unsere spirituelle Kolonie heran lassen können, erwartet uns in den angrenzenden Schwingungsebenen, die zwischen der Kolonie und den niedrigeren Sphären liegen, viel Arbeit. Wir werden Präventivmaßnahmen ergreifen, um den Frieden zu bewahren. In Nosso Lar leben mehr als eine Million Geistwesen, die sich dem Willen Gottes beugen und den eigenen moralischen Fortschritt anstreben. Wie würde es aussehen, wenn wir die Invasion von vielen Millionen Unruhe stiftender Geistwesen erlaubten?
 
Wir dürfen also nicht zögern und müssen uns gegen das Böse zur Wehr setzen. Ich weiß, dass viele von Euch jetzt an Christus denken. Es stimmt, dass Jesus sich der Meute der Menschen und Verbrecher ergeben hat. Er tat es und dachte dabei an unsere Rettung. Er hat aber die Welt nicht einfach der Unordnung und der Zerstörung überlassen. Jeder muss bereit sein, sich selbst aufzuopfern, denn wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Kolonie den Übeltätern in die Hände fällt. Gewiss, unsere Hauptaufgabe liegt ebenso in der Verbrüderung und im Frieden, wie auch in der Liebe und im Trost, den wir den Leidenden bringen. Anderseits verstehen wir, dass das Böse eine Vergeudung von Energie ist und jedes Verbrechen als eine Krankheit der Seele zu betrachten ist. Aber Nosso Lar ist ein göttliches Gut, das wir verteidigen müssen und zwar mit aller Kraft unserer Herzen. Wer nicht zum Beschützer taugt, ist auch nicht berechtigt, Nutznießer zu sein. Deshalb bereiten wir Heere von Mitarbeitern darauf vor, Aufgaben der brüderlichen Liebe zu übernehmen. Sie sollen den Menschen auf Erden und den Geistwesen in der Schwellenregion und in der Finsternis Aufklärung und Trost bringen. Als erste Maßnahme muss in diesem Ministerium die Abwehr organisiert werden, damit die spirituellen Aktivitäten in den angrenzenden Schwingungsbereichen verwirklicht werden können. «
 
Er sprach noch lange, hob grundlegend wichtige Maßnahmen hervor und erläuterte deren Bedeutung. Ich hörte aufmerksam zu und trotzdem fehlen mir die Worte, um all das Gesprochene wiederzugeben. Zum Schluss wiederholte er die Lesung des Kapitels 24, 6. aus dem Matthäus Evangelium, bat Jesus um seinen Segen und spornte die Anwesenden an, ihre ganzen Energien einzusetzen, um die Gaben redlich zu verdienen.
 
Bewegt und entzückt hörte ich, wie der Knabenchor die Hymne, die die Ministerin Veneranda "Das große Jerusalem" nannte, anstimmte. Unter diesen Klängen verließ der Gouverneur die Bühne. Danach füllte sich der Saal mit Schwingungen der Hoffnung und Zuversicht. Eine leichte Brise trug von weit her wunderbar blau gefärbte Blütenblätter verschiedener Rosensorten herbei, die auf uns nieder rieselten. Als sie unser Haupt berührten, zerfielen sie sofort. Unsere Herzen quollen über vor Freude.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:14

43)
 
DIE GESPRÄCHSKUNDE
 
 
Die feierliche Stimmung im Ministerium für Erneuerung hielt auch noch an, nachdem sich der Gouverneur, zusammen mit seinen engsten Mitarbeitern, bereits zurückgezogen hatte. Wir jedoch unterhielten uns weiter über das große Ereignis. Hunderte von Brüdern kamen dem Appell des hohen spirituellen Führers nach und meldeten sich für die schwere Arbeit der Verteidigung der Kolonie. Ich suchte Tobias auf und fragte ihn, ob auch ich mich melden sollte. Mein gütiger Bruder lächelte und meinte zu meinem ehrlich gemeinten Angebot:
 
»André, Du stehst erst am Anfang einer neuen Tätigkeit. Überstürze nichts, indem Du noch mehr Verantwortung übernehmen willst. Wie der Gouverneur soeben sagte, wird es für alle genügend Arbeit geben. Vergissnicht, dass unsere Rehabilitationsstation zu jeder Tages- und Nachtzeit ein wichtiges und aktives Zentrum bildet. Sorge Dich nicht und bedenke, dass dreißigtausend Mitarbeiter aufgeboten werden müssen, um rund um die Uhr Wache zu stehen. Dies bedeutet, dass diejenigen, die nicht an vorderster Front stehen, beordert werden, die frei gewordenen Stellen zu besetzen. «
 
Ich war etwas enttäuscht, aber mein lieber Bruder meinte nach einer kurzen Pause gut gelaunt:
 
»Freue Dich, dass Du am 'Kursus für Angstbewältigung' teilnehmen kannst, das wird Dir sehr gut tun. «
 
Dann stand Lísias vor mir und umarmte mich herzlich. Er hatte zusammen mit der Gruppe aus dem Ministerium für Hilfeleistung an den Feierlichkeiten teilgenommen.
 
Tobias erlaubte es uns, uns zu entfernen. So konnten Lísias und ich ungestört plaudern.
 
»Hast Du im Ministerium für Erneuerung den Minister Benevenuto kennen gelernt? « fragte mich Lísias sogleich. »Er ist vorgestern aus Polen zurückgekehrt. «
 
»Nein, ich hatte noch nicht die Ehre. «
 
»Dann gehen wir zu ihm. Mich ehrt es, ihn zu meinem Freundeskreis zählen zu dürfen. «, sagte Lísias.
 
In wenigen Augenblicken waren wir im großen Grünen Saal angekommen, der dem Minister für Erneuerung, dem ich noch nie persönlich begegnet war, als Arbeitszimmer diente. Unter den Wipfeln großer Bäume trafen sich verschiedene Gruppen von Besuchern, die sich unterhielten und Meinungen austauschten. Lísias führte mich zu einer kleineren Gruppe, in der Minister Benevenuto sich mit einigen Freunden unterhielt. Er stellte mich mit freundlichen Worten dem Minister vor, der mich höflich begrüßte. Sodann wurde ich der größeren Runde vorgestellt und eingeladen, an den Gesprächen teilzunehmen. Das Thema wurde wieder aufgenommen, und ich begriff, dass über die Lage auf der Erde diskutiert wurde.
 
»Was auf der Erde geschieht ist sehr traurig. « sagte Benevenuto mit ernster Stimme, «wir, die für die Erhaltung des Friedens auf dem amerikanischen Kontinent zuständig sind, konnten uns vor der Reise nicht vorstellen, wie die spirituelle Hilfe aussehen könnte. Die Lage dort ist nicht überschaubar und alles ist schwierig. Es besteht kaum Hoffnung, sowohl bei den Aggressoren als auch bei der Mehrheit der Opfer, die in das fürchterliche Geschehen verwickelt sind, einen kleinen Funken von Glauben zu entdecken. Die Inkarnierten helfen uns nicht, im Gegenteil, sie saugen unsere Energien auf. Seit ich in diesem Ministerium arbeite, habe ich noch nie so großes kollektives Leiden gesehen. «
 
»Hat sich Eure Abordnung lange dort aufgehalten? «, fragte einer der anwesenden Freunde interessiert.
 
»Wir hielten uns dort solange auf, wie es uns möglich war«, erklärte der Minister und fuhr fort:
 
»Der Leiter der Expedition, unser Bruder aus dem Ministerium für Hilfeleistung, fand es angebracht, dass wir uns ganz und gar dieser Aufgabe widmeten. Auf diese Weise konnten wir Neues erfahren und daraus den höchsten Nutzen ziehen. Die Lage war ja dafür wie geschaffen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass wir uns nicht mit jenen spirituellen Helfern messen können, die dort selbstlos und mit außergewöhnlicher Ausdauer ihre Arbeit verrichten. Trotz schwerer, stickiger, mit Schwingungen der Zerstörung geladener Luft läuft die sofortige Hilfeleistung reibungslos ab. Das Schlachtfeld bietet, von oben gesehen, ein Bild unbeschreiblichen Grauens, ein Inferno ohne Ende. Nie offenbart der Mensch, wie abgründig tief er gefallen ist, als zu Kriegszeiten, da nehmen seine niederträchtigsten Eigenschaften überhand. Ich sah, wie intelligente und gebildete Menschen minuziös gewisse Sektoren auswählten, in denen friedliche Tätigkeiten stattfanden, um dort das, was sie als "Volltreffer" bezeichneten, durchzuführen. Bomben mit großer Sprengkraft wurden von Flugzeugen abgeworfen und zerstörten Gebäude, die in jahrelanger Arbeit errichtet wurden. Zu den giftigen Fluiden der Zerstörungswaffen gesellt sich der Gestank hasserfüllter Gedanken, was die Hilfeleistung beinahe unmöglich macht.
 
Was uns am meisten betrübte war, sehen zu müssen, in welcher trostlosen Verfassung sich etliche Aggressoren befanden, nachdem sie die körperliche Hülle auf dem Schlachtfeld verlassen hatten. Die Mehrheit von ihnen stand unter der Herrschaft finsterer Kräfte. Vor den geistigen Missionaren, die sie 'Die Gespenster des Kreuzes' nannten, flüchteten sie. «
 
»Wurden sie nicht aufgenommen und über ihre Lage aufgeklärt? «, unterbrach jemand den Minister.
 
Benevenuto machte eine Geste und antworte: »Es ist zwar möglich, friedfertige Wahnsinnige in der Familie zu pflegen, aber für den tobsüchtigen Geisteskranken gibt es nur die Psychiatrie. Diesen Geistwesen konnte nicht anders geholfen werden, als sie vorläufig den finsteren Abgründen zu überlassen. Ihre Not dort wird sie zwangsläufig dazu bringen, sich aus dieser Lage zu befreien, was nur durch edle Gedanken zu bewerkstelligen ist. Es ist deshalb vernünftig, dass die Hilfsaktionen nur für jene bestimmt sind, die tatsächlich Bereitschaft zeigen, diese erhabene Hilfe zu empfangen und zu nutzen. Ich möchte nochmals betonen, dass das, was wir anschauen mussten, für uns aus vielen Gründen überaus schmerzhaft war. «
 
Die entstandene Pause nutzend, fragte ein anderer:
 
»Es ist schwer zu glauben, dass sich Europa trotz seines enormen kulturellen Erbes in eine solche Katastrophe hineinreissen ließ. «
 
»Meine Freunde: Dies zeigt an, was geschehen kann, wenn den Menschen religiöse Kenntnisse fehlen «, erklärte der Minister ernst.
 
»Es genügt nicht, dass der Mensch einen hohen Intelligenzquotienten aufweist. Er muss sich auch spirituell entfalten, damit er die Bedeutung des Ewigen Lebens begreifen kann. Kirchen werden immer als heilig betrachtet werden und das Amt des Priesters wird stets ein göttliches Amt sein, vorausgesetzt, beide verkünden wirklich die Wahrheit Gottes. Wenn aber das Priestertum seine Macht missbraucht, dann wird es niemals den spirituellen Durst der Menschheit löschen können. Geistliche Persönlichkeiten, die sich nicht selbst vom Göttlichen ausfüllen lassen, können zweifelsohne bewundert und geachtet werden, aber sie werden niemals den Menschen Glauben und Vertrauen vermitteln können. «
 
»Ja und was ist mit dem Spiritismus? «, warf einer der Anwesenden ein.
 
»Sind nicht die ersten spiritistischen Erscheinungen in Amerika und in Europa vor mehr als fünfzig Jahren bekannt geworden? Wird diese neue Bewegung im Dienst der Ewigen Wahrheit fortgesetzt? «
 
Benevenuto machte eine bedeutungsvolle Geste und sagte:
 
»Der Spiritismus wird als „Der Tröster" der inkarnierten Menschheit bezeichnet. Er ist unsere große Hoffnung. Aber wir haben noch einen langen Weg zu gehen. Obschon der Spiritismus ein göttliches Geschenk ist, gibt es noch zu viele Menschen, die ihn noch nicht erfassen können, da ihnen bis jetzt die spirituelle Reife dazu fehlt. Eine überwältigende Anzahl von neuen Studenten will aus der neuen göttlichen Quelle lernen, doch können sie ihre traditionellen religiösen Gewohnheiten nicht ablegen. Sie möchten zwar vom Neuen Nutzen ziehen, sind aber nicht bereit, irgend etwas altes loszulassen. Sie berufen sich auf die Wahrheit, suchen sie aber nicht. Menschen mit medialen Fähigkeiten werden von vielen Forschern ausgenutzt. Viele Gläubige verhalten sich wie Kranke, die zwar genesen sind, aber weiterhin mehr an die Krankheit als an die Gesundheit glauben. Sie bemühen sich nicht auf eigenen Füssen zu stehen, was bedeutet, dass sie immer auf der Suche nach Geistern sind, die sich materialisieren. Sie interessieren sich nur für die flüchtigen Phänomene der Erscheinungen. Wir dagegen sind auf der Suche nach dem spirituellen Menschen, um die ernste Arbeit der Information fortsetzen zu können. «
 
Die Anwesenden hörten aufmerksam zu. Der Minister sprach mit ernster Stimme weiter:
 
»Wir leisten hier sehr umfassende Arbeit und sollten nicht vergessen, dass jeder Mensch ein Samenkorn Gottes ist. Packen wir unsere Aufgabe mit Hoffnung und Zuversicht an, in der Gewissheit, dass, wenn wir unseren Anteil erfüllen, wir beruhigt sein können, dass der Herr das Seine dazu tun wird. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:15

44)
 
DIE REGION DER FINSTERNIS*
 
 
Lísias erfreute die Anwesenden der Gesprächsrunde mit seinem virtuosen Spiel auf der Zither. Die Melodien und Lieder kannten wir alle aus unserer Erdenzeit. Lísias Darbietung offenbarte mir eine weitere Facette seines Talents und seiner Sensibilität.
 
So erlebten wir alle zusammen einen herrlichen Tag des spirituellen Jubels. Wir frohlockten, und es schien, als wären wir bereits im Paradies.
 
Später, allein mit Lísias, musste ich ihm einfach von meinen beglückenden Eindrücken berichten. Er hörte zu und sagte dann:
 
»Es stimmt, André. Das Zusammensein mit denen, die wir lieben, wirkt sich dank der gegenseitig empfundenenLiebe auf unsere Seele wie wohltuender Balsam aus. Wenn sich Gruppen gleich gesinnter Seelen versammeln, verknüpfen sich ihre Gedanken zu einer Ballung von positiven bzw. negativen Energien, und davon bekommt jeder seinen entsprechenden Anteil an Freude oder Leid ab. Jeder wird ernten, was er gesät hat. Wer sich tagtäglich der Traurigkeit hingibt, wird zu ihrer Gefangenen. Wer der Krankheit huldigt, wird an ihren Folgen zu leiden haben. Aus diesem Grund ist das Umfeld, in dem sich der Mensch auf Erden bewegt, von großer Bedeutung. «
 
Er bemerkte mein Erstaunen und sagte: »Dies ist kein Geheimnis, es ist das Gesetz des Lebens, das sowohl Gutes wie Böses regelt. Wenn wir eine Versammlung besuchen, die im Namen der Brüderlichkeit, Hoffnung, Liebe und Freude stattfindet, werden wir am Schluss von den entsprechenden Gefühlen der Brüderlichkeit, Hoffnung, Liebe und Freude geprägt sein. Wenn wir jedoch an Versammlungen teilnehmen, die unlautere Absichten verbreiten und bei denen Egoismus, Eitelkeit oder Verbrechen vorherrschen, werden wir von den giftigen und zerstörenden Schwingungen dieser niedrigeren Emotionen ebenfalls angesteckt. «
 
»Du hast recht«, sagte ich beeindruckt, »ich verstehe, dass auch das Familienleben der Menschen diesem Prinzip unterstellt ist. Wenn sich Familienmitglieder gegenseitig verstehen und achten, stehen sie mit einem Fuß im Vorgarten des himmlischen Glücks. Haben sie jedoch nur Zwietracht und Bosheit gesät, dann erwartet sie die wahre Hölle. «
 
Lísias nickte zustimmend.
 
Ich erinnerte mich, dass ich ihn etwas fragen wollte, was mich seit einigen Stunden beschäftigte. Der Gouverneur redete in seiner Ansprache von den Sphären der Erde, der Schwellenregion und der Region der Finsternis. Über die Letztere hatte ich noch nie etwas gehört. Musste man nicht die Schwellenregion als eine finstere Region einstufen? Hatte ich nicht während der vielen Jahre, eingehüllt in düstere Nebelschwaden, selbst dort gelebt? Sah ich nicht in der Rehabilitationsstation zahlreiche Kranke und Verstörte aller Art, die von der Schwellenregion dorthin gebracht worden waren? Bei diesen Überlegungen fiel mir wieder ein, wie ich gleich nach meiner Ankunft in der Kolonie Nosso Lar von Lísias über meine Lage aufklärt worden war. Seit damals vertraue ich ihm, was mich diesmal veranlasste, ihm gegenüber meine Zweifel und mein Befremden bezüglich der Finsternis zu äussern. Ernst sagte er:
 
»Finsternis nennen wir die minderwertigsten Regionen, die uns bekannt sind. Es lässt sich so erklären: Wir Menschen sind wie Reisende des Lebens.
 
Einige wenige gehen gerade auf das wesentliche Ziel der Reise zu, das sind die nobelsten Geistwesen, die in sich selbst die göttliche Essenz entdeckten und die sich, ohne zu zögern auf das erhabene Ziel zu bewegen. Die Mehrheit jedoch stagniert. So geschieht es, dass Scharen von Seelen während vieler Jahrhunderte wieder auf der Erde inkarnieren müssen. Die ersten gehen auf dem direkten Weg auf ihr Ziel zu, die zweiten haben einen kurvenreichen Weg gewählt, der sie zwingt, sich immer wieder neu auszurichten und zu bewähren. Auf diesen Umwegen sind sie anfällig für zahlreiche Widrigkeiten des Lebens. Infolgedessen kann es vielen geschehen, dass sie sich im Wald des Lebens verlaufen und verstört im selbst erschaffenen Labyrinth herumirren. Zu dieser Kategorie gehören Millionen von Geistwesen, die in der Schwellenregion umherstreifen. Andere wiederum haben sich für die Finsternis entschieden. Oft fallen sie wegen ihrer egoistischen Haltung in abgründige Tiefen, wo sie für unbestimmte Zeit bleiben. Verstehst Du das? «
 
Diese Erläuterungen hätten nicht anschaulicher sein können. Angesichts dieses umfangreichen Themas musste ich Lísias noch einige Fragen stellen.
 
»Was kannst Du über solche Abstürze in die Abgründe sagen? Geschehen sie nur auf der Erde? Sind nur Inkarnierte anfällig dafür? «
 
Lísias überlegte und antwortete: »Deine Frage ist gerechtfertigt. Auch das Geistwesen kann in allen Sphären in die Abgründe des Bösen stürzen. Falls es in höheren Sphären zu Fall kommen sollte, sind die Widerstände größer und die Last der Schuld wird bedeutend stärker wahrgenommen. «
 
»Aber«, wandte ich befremdet ein, »ich dachte, dass, wenn die Seele einmal das physische Gefäß verlassen hat, ein Absturz nicht mehr möglich ist. Sind nicht die göttliche Umgebung, die Kenntnis der Wahrheit, die Hilfe „von Oben" die unfehlbaren Gegenmittel gegen das Gift der Eitelkeit und der Versuchung? «
 
Lísias gab mir weitere Erläuterungen: »Das Problem der Versuchung ist vielschichtiger als wir meinen. Auf der Erde gibt es viele Orte, wo das Göttliche zu spüren ist, wo die Wahrheit offenbart ist und wo Hilfe „von Oben" geleistet wird. Nicht wenige sind es, die sich an Zerstörung bringenden Schlachten beteiligen, die auf grünen Feldern stattfinden. Viele Verbrechen werden im Mondlicht begangen, weil die Verbrecher bar jeglicher Empfindungen für die Schönheit der Sterne sind. Andere gibt es, die, trotz der Kenntnis erhabener Wahrheiten die Schwachen ausbeuten. Jeder Winkel der Erde ist mit Göttlichem gesegnet. «
 
Seine klärenden Worte wirkten nachhaltig in mir. »Es ist eine Tatsache, dass Krieger es im allgemeinen liebten, ihre Werke der Zerstörung während des Frühlings und des Sommers durchzuführen, wenn sich die Natur am Boden und in den Lüften in bunten Farben, herrlichen Düften und intensivem Licht entfaltete. Sowohl Raubüberfälle als auch Morde werden vorwiegend dann begangen, wenn der Mond und die Sterne den Planeten in einen Mantel von romantischer Schönheit hüllen. Die Mehrheit der Peiniger der Menschheit ist unter den hoch gebildeten Menschen zu finden. Sie haben die göttliche Eingebung leider missachtet. «
 
Nachsinnend über den spirituellen Absturz fragte ich Lísias.
 
»Kannst Du mir ungefähr sagen, wo sich diese Region der Finsternis* befindet? Wenn die Schwellenregion mit den menschlichen Gedanken verbunden ist, wo ist dann dieser Ort des Leidens und des Schreckens zu finden? «
 
»Wie Du weißt, gibt es überall Leben«, erklärte er mir freundlich, »Das Vakuum ist etwas literarisches, es ist bloß ein Sinnbild, denn alles ist mit Lebensenergie durchdrungen. Jedes Wesen lebt in der Sphäre des Lebens, die ihm entspricht. « Lísias schien nachzudenken. Nach einer Pause fuhr er fort:
 
»Es ist natürlich, dass Du das Leben nach dem Tod des Körpers an der sich nach oben dehnenden Oberfläche der Planeten wähnst, so wie wir es früher auch taten. Du vergisst aber, dass es von der Oberfläche abwärts auch Leben gibt. Das Leben pulsiert sowohl in den Tiefen der Meere wie im Inneren der Erde. Dazu ist zu bedenken, dass wir Geistwesen ebenso dem Gesetz der Schwerkraft unterworfen sind, wie die materiellen Körper. Die Erde ist mehr als nur ein Körper, dem wir Verletzungen zufügen oder den wir nach Lust und Laune missachten. Sie ist ein lebendiges Organ, das gewissen Gesetzen unterstellt ist. Diese Gesetze machen uns, gemessen an unseren Taten, entweder zu Sklaven oder zu freien Menschen. Sicher ist, dass eine von der Last der Schuld fasst erdrückte Seele nicht an die Oberfläche des wunderbaren Sees des Lebens kommen kann. Bildlich gesprochen bedeutet dies: Nur freie Vögel können in die Höhe fliegen. Vögel, die sich in den Lianen verfangen, sind an ihrem Weiterflug gehindert. Und es gibt solche, die wegen des Gewichts der aufgebürdeten Last festsitzen. Sie bleiben die Gefangenen des Unbekannten. Verstehst Du? «
 
Diese Frage von Lísias war überflüssig. Ich konnte es mir vorstellen, in welchem bedeutenden Rahmen der Läuterungsprozess der Seele, die sich in den niedrigeren Sphären des Lebens befand, abspielte.
 
Mein Gesprächspartner überlegte lange, so wie jemand, der sich bemüht die richtigen Worte zu finden. Nach einer Weile sagte er:
 
»In unserem Inneren beherbergen wir sowohl das Erhabene wie das Minderwertige. Auch der Planet Erde birgt in sich sowohl niedrige als auch erhabene Ausdrucksformen des Lebens. Der Schuldige erhält in den Niedrigeren Sphären die Möglichkeit der Wiedergutmachung seiner begangenen Verfehlungen. Für den Sieger ist die Höhere Sphäre das Eingangstor zum Ewigen Leben. Als ehemaliger Arzt auf Erden wusstest Du, dass der Richtungssinn im menschlichen Gehirn von gewissen Steuerungselementen kontrolliert wird. Heute wiederum weisst Du, dass sie nicht physischer sondern im Wesentlichen spiritueller Art sind. Wer sich dazu entschlossen hat, nur in der Finsternis zu leben, dem verkümmert der Sinn für das Göttliche. Deshalb ist es überhaupt nicht absonderlich, wenn er in finstere Abgründe fällt, denn nach dem Gesetz der Entsprechungen zieht der Lasterhafte den Abgrund an, und jeder von uns wird dort ankommen, wohin ihn seine eigene Füße tragen
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:17

(45)
 
DER MUSIKPLATZ
 
 
Am Nachmittag lud mich Lísias ein, ihn zum Musikplatz zu begleiten.
 
»Du musst Dich ein bisschen vergnügen, mein lieber André«, meinte er. Als ich zögerte, sagte er mit Nachdruck:
 
»Ich werde mit Tobias sprechen. Sogar Narcisa hat heute einen Ruhetag eingeschaltet. Komm, gehen wir! «
 
Ich bemerkte, dass etwas Sonderbares in mir vorging. Obwohl ich erst seit kurzem Dienst in der Rehabilitationsstation tat, verspürte ich große Liebe zu diesem Ort. Ich liebte die täglichen Besuche des Ministers Genésio, die Gesellschaft Narcisas, Tobias> Ratschläge, die Kameradschaft der Kollegen, all das tat meiner Seele wohl. Narcisa, Salústio und ich nutzten jede freie Minute, um Verbesserungen anzubringen, die die Lage der Krankenerleichtern könnte. Wir liebten sie, als wären sie unsere eigenen Kinder. Diese neue Erkenntnis tat mir gut.
 
Wir näherten uns Tobias und Lísias fragte ihn, ob ich ebenfalls einen Ruhetag haben könnte.
 
»Gute Idee! André sollte unbedingt den Musikplatz kennen lernen, erwiderte Tobias zufrieden. «
 
Er umarmte mich und sagte noch:
 
»Zögere nicht, geh hin und geniesse es! Wenn Du willst, kannst Du erst am Abend zurückkommen, der Schichtwechsel ist gewährleistet. «
 
Dankbar begleitete ich Lísias. Als wir sein Haus erreichten, das sich innerhalb des Areals des Ministeriums für Hilfeleistung befand, hatte ich die Freude, Frau Laura dort anzutreffen. Ich fragte sie, wann Eloisas Mutter von der Erde zurück erwartet werde. Es sollte nächste Woche sein und alle würden sich darauf schon sehr freuen, antwortete sie. Ich bemerkte, dass es im Inneren des Hauses noch schöner war als vorher, und auch der Garten war neu gestaltet worden.
 
Wir verabschiedeten uns von der Dame des Hauses, die mich umarmte und gutgelaunt sagte:
 
»Wie schön André. Für die Stadt ist es eine Freude, dass der Musikplatz einen neuen Stammgast bekommt. Aber achte auf Deine Gefühle! Heute kann ich Euch nicht begleiten und bleibe zu Hause. Aber sobald ich von der Erde zurückkehre, schließe ich mich Euch an. «
 
Heiter gingen wir alle zusammen auf die Strasse. Die jungen Frauen waren in Begleitung von Polidoro und Estácio, sie unterhielten sich lebhaft mit ihnen. Als Lísias und ich mit dem Aérobus an der Haltstelle vor dem Ministerium der Erhöhung angekommen waren, stiegen wir aus. Liebenswürdig teilte er mir mit:
 
»Endlich wirst Du meine Verlobte kennen lernen. Ich habe ihr viel von Dir erzählt. «
 
»Sonderbar! «, sagte ich etwas verwirrt, «verlobt man sich hier auch? «
 
»Warum denn nicht? Lebt die erhabene Liebe im sterblichen Körper oder in der unsterblichen Seele? Auf der Erde, mein Lieber, gleicht die Liebe dem Gold, das von rohem Gestein erdrückt wird. Die Liebe wird von den Menschen mit den eigenen egoistischen Bedürfnissen, mit Wünschen und minderwertigen Emotionen so stark vermengt, dass es schwer fällt, die Schlacke vom Edelmetall zu trennen. «
 
Dies klang logisch. Er sprach weiter: »In den spirituellen Sphären ist die Verlobungszeit viel schöner. Die Liebenden werden nicht vom Schleier der Illusion, der unsere irdischen Blicke trübt, eingehüllt. Wir sind, wie wir sind.
 
Lascínia und ich haben eine ganze Reihe von gescheiterten physischen Lebenserfahrungen hinter uns, und ich gestehe, dass meine Unbesonnenheit und meine Unzulänglichkeit für fast alle unglücklichen Erlebnisse der Vergangenheit verantwortlich waren.
 
Die Freiheit ist ein Merkmal der irdischen Gesellschaft, die vor allem den Männern vorbehalten ist. Leider weiß der Mann noch immer nicht, diese Freiheit richtig zu nutzen. Statt sie für sein spirituelles Wachstum zu gebrauchen, verkommt sie zu einem Werkzeug seiner niedrigen Instinkte. Die Gesellschaft gewährt den Frauen nicht die gleiche Freiheit, wie den Männern. Stattdessen werden der Frau strenge Regeln auferlegt, sodass man sogar behaupten könnte, dass die Männergesellschaft den Frauen hilft, nicht ins Verderben zu fallen.
 
Während des Daseins der Frau auf Erden muss sie die Tyrannei der Männer erdulden und sich deren Willen beugen. In der spirituellen Sphäre werden diese aus dem Gleichgewicht geratenen Werte wieder ins Lot gebracht. Wirklich frei ist nur derjenige, der es gelernt hat, auch gehorsam zu sein. Dies kann als Widerspruch verstanden werden, aber es hat seine Richtigkeit. «
 
»Schmiedest Du Pläne für ein neues Leben in der materiellen Welt? « fragte ich.
 
»Wie sollte es denn anders sein! «, erklärte er mir eifrig. » Ich muss mehr Erfahrungen sammeln, abgesehen davon habe ich noch irdische Schuld abzutragen. Lascínia und ich werden hier in Kürze unser Heim des Glücks aufbauen; womöglich werden wir in genau dreißig Jahren wieder auf der Erde inkarnieren. «
 
Mittlerweilen waren wir in der Nähe des Musikplatzes angekommen. Der großräumige Park war in unbeschreiblich schönes Licht getaucht. Aus wunderschönen Springbrunnen sprühten Wasserfontänen empor. Alles sah märchenhaft aus und war absolut neu für mich. Noch bevor ich Lísias meine Bewunderung mitteilen konnte, bemerkte er fröhlich:
 
»Lascínia wird immer von zwei Schwestern begleitet. Ihr könntet zusammen gehen. «
 
»Aber, Lísias«, unterbrach ich ihn zögernd - ich fühlte mich immer noch als verheirateter Mann, weshalb ich sagte:
 
»Ich hoffe, Du verstehst, dass ich noch eine starke Bindung zu Zélia verspüre. «
 
Der Freund lachte laut und bemerkte: »Das ist doch klar. Niemand will Deine Treuegefühle verletzen. Ich persönlich glaube aber nicht, dass die Ehe uns zwingt, das gesellschaftliche Leben in den Hintergrund zu stellen. Tu so, als ob Du ihr Bruder wärest, André. «
 
Ich lachte verlegen und wusste nichts darauf zu antworten. Wir erreichten den Eingang zum Musikplatz und Lísias bezahlte freundlicherweise die Eintrittskarten.
 
Vor dem schönen Musikpavillon lauschten Spaziergänger der Musik eines kleinen Orchesters. Von dort führten von Blumenbeeten umsäumte Spazierwege zur Mitte des Parks.
 
Ich wunderte mich über die große Vielfalt der gespielten Melodien, als Lísias erklärte:
 
»Der Musikplatz wird in einen äußeren- und einen Zentralplatz gegliedert. Auf dem äußeren Areal werden die musikalischen Wünsche jener Gruppen erfüllt, die die Musik noch nicht als erhabene Kunst erfassen können. Im mittleren Platz hingegen wird die universelle und göttliche Musik gespielt; man kann fast sagen, dass hier geheiligte Musik gespielt wird. «
 
Während wir durch die Alleen spazierten schien es mir, als lachten uns die Blumen an, so als wären sie Königinnen, umringt von ihrem Hofstaat. Dann ertönten wunderbar harmonische Klänge, die überall zu vernehmen waren. Auf der Erde gibt es nur wenige Menschen, die anspruchsvolle Musik wertzuschätzen wissen. Hingegen werden Volksmusik-Konzerte massenhaft besucht. Hier in der Kolonie stellte ich das Gegenteil fest: Der Zentralplatz war voll von Zuhörern. Ich hatte hier schon viele Menschenansammlungen gesehen. Das letzte Mal, als der Gouverneur für die Mitarbeiter des Ministeriums für Erneuerung eine Andacht gehalten hatte. Doch was ich heute erlebte, übertraf alle meine Erwartungen. Alle Ehrwürdigen der Kolonie Nosso Lar waren hier zusammen gekommen, es war ein unbeschreibliches Bild. Was diese Gesellschaft so außergewöhnlich erscheinen ließ, war nicht Luxus oder Exklusivität, nein! Alles war sehr natürlich. Die Schönheit lag in der Schlichtheit, in der Reinheit der Kunst und im pulsierenden, ungekünstelten Leben. Die individuelle, schlichte aber erlesene Eleganz der anwesenden Damen, die ihre Anmut auch ohne Schmuck zum Ausdruck brachten, beherrschte das Bild.
 
Ich genoss den Blick auf schöne, einladende und beleuchtete Parkanlagen, in denen große, mir auf der Erde unbekannte, prächtige Bäume wuchsen.
 
Nicht nur Liebespaare spazierten entlang der blumengeschmückten Alleen, sondern auch Gruppen von Frauen und Männern, die sich lebhaft über interessante und lehrreiche Themen unterhielten. Obwohl ich mich gegenüber diesen Kreisen von Auserwählten meiner Bedeutungslosigkeit schämte, entgingen mir ihre wohlwollenden Blicke nicht. Man sprach entspannt über das irdische Leben und ich konnte keine anzüglichen oder abfälligen Bemerkungen über die Menschen aus diesen Gesprächen heraushören. In den Gesprächen ging es um Liebe, Geistesbildung, wissenschaftliche Forschung und erbauende Philosophie. Der hohe Stellenwert gegenseitiger Hilfe wurde von allen hervorgehoben. Meinungsverschiedenheiten gab es anscheinend nicht.
 
Ich beobachtete, dass der Weiseste unter ihnen sich trotz seines enormen Wissens zurückhaltend verhielt und sich den weniger Gebildeten anpasste. Diese bemühten sich, das höhere Wissen, an dem sie teilhaben durften, zu verstehen und zu verinnerlichen. Immer wieder hörte ich, wie über Jesus und über die Frohbotschaft gesprochen wurde. Es war für mich sehr beeindruckend, dass die Erwähnung Jesu bei allen große Freude auslöste. Der Meister wurde nicht mit sinnloser Traurigkeit, negativen Gefühlen, oder gar unberechtigter Mutlosigkeit zitiert. Im Gegenteil; alle hielten Jesus für den bedeutendsten Wegweiser des ganzen irdischen Systems, dem sichtbaren und unsichtbaren, und für den verständnisvollen und gütigen Meister der aber auch weiß, dass Wachsamkeit für die Aufrechterhaltung von Ordnung und Gerechtigkeit unerlässlich ist.
 
Diese - so viel Zuversicht ausstrahlende Gesellschaft beeindruckte mich tief. Sie hatten das verwirklicht, was eine große Anzahl von wahrhaft edelmütigen Denkern auf Erden sich ersehnte.
 
Immer noch bezaubert von der erhabenen Musik, hörte ich wie Lísias zu mir sagte:
 
»Unsere Ratgeber, die für Harmonie zuständig sind, empfangen aus den höheren Sphären die Inspiration. Manchmal werden berühmte Komponisten, die noch auf der Erde leben4, in Sphären wie die unsere gebracht. Bei diesen Besuchen werden sie von Geistwesen musisch inspiriert. Zurück auf der Erde, werden sie die musikalischen Fragmente die sie in der spirituellen Welt vernommen haben, im Rahmen ihrer Talente umsetzen und den Menschen vorspielen. André, das Universum ist voll von Schönheit und Erhabenheit, die strahlende Fackel des ewigen Lebens kommt von Gott. «
 
4) Während der Ruhephase des Körpers kann sich die Seele weitgehend von der physischen Hülle lösen - ein Silberfaden verbindet sie mit dem Leib - und begibt sich auf so genannte „Astralreisen". Wenn sie in den Körper zurückkehrt, erinnert sich die Person manchmal an das Erlebte als hätte sie geträumt. (Anm. der Übersetzerin).
 
Lísias sprach nicht weiter, denn plötzlich standen wir vor Lascínia und ihren Schwestern. Wir unterbrachen unser Gespräch und schlössen uns der froh gelaunten Gruppe an.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:18

(46)
 
DAS OPFER EINER FRAU
 
 
Ein Jahr in Nosso Lar ging zu Ende. Zurückschauend stellte ich freudig fest, dass ich die Zeit zu nutzen gewusst hatte. Neben den heilsamen Tätigkeiten, denen ich mich widmete, lernte ich nützlich zu sein und Freude an der Tätigkeit zu haben. Das hatte mein Selbstvertrauen gestärkt.
 
Meine irdische Familie durfte ich bislang noch nicht besuchen, trotz meiner quälenden Sehnsucht nach ihr. Manchmal wollte ich um diese Gunst bitten, doch mein Gefühl riet davon ab. Hatte ich nicht jede Hilfe erhalten, die ich benötigte? Bekam ich nicht von allen Zuneigung und Anerkennung? Was würde es bringen, wenn ich es erzwingen wollte? Ich kam zu der Überzeugung, dass es klüger war, abzuwarten. Wäre eine Wiederbegegnung mit meiner Familie zu diesem Zeitpunkt für mich von Nutzen, hätte ich dieErlaubnis von Minister Clarêncio dazu längst erhalten. Andererseits wusste ich, dass Minister Clarêncio auch noch im Ministerium für Erneuerung tätig war und weiterhin die Verantwortung für mich und meinen Aufenthalt in der Kolonie trug. Daran wurde ich von Frau Laura und Tobias immer wieder erinnert. Oft traf ich den gütigen Minister, aber er äußerte sich nie zu meinem Herzenswunsch. Er gab sich ohnehin sehr diskret, wenn es um seine Obliegenheiten ging. Das einzige Mal, dass er kurz auf meine Sehnsucht nach meiner Frau und meinen Kindern einging, war, als wir uns anlässlich der Weihnachtsfeier im Ministerium der Erhöhung trafen. Es war ein schöner Abend und er versicherte mir, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis ich in seiner Begleitung meine Familie auf Erden besuchen könne. Tief bewegt dankte ich ihm und wartete nun guten Mutes auf diese Gelegenheit. Inzwischen war es September des Jahres 1940 und meinem Wunsch konnte noch immer nicht entsprochen werden. Was mich tröstete war die Gewissheit, dass ich mich während der Wartezeit in der Rehabilitationsstation nützlich machen konnte. Ich arbeitete ohne mich auszuruhen, denn es gab ständig zu tun. Ich hatte mich daran gewöhnt, die Kranken zu pflegen und in ihren Gedanken zu lesen, was sie brauchten. Auch widmete ich mich meiner unglücklichen Schwester Elisa und verhalf ihr auf sanfte Art, sich neu auszurichten. In dem Maße wie ich innerlich ruhiger und ausgewogener wurde, wuchs mein Bedürfnis, die Meinen wieder zu sehen. Die Sehnsucht nach ihnen schmerzte wie ein Stachel in meiner Brust. Wie um diese Sehnsucht zu besänftigen, besuchte mich meine Mutter von Zeit zu Zeit. Obwohl sie sich in höheren Sphären aufhielt, überließ sie mich nie meinem Schicksal.
 
In der Tat hatte sie mir bei unserem letzten Treffen gesagt, dass sie mich in ihre neuen Projekte einzuweihen be­absichtige. Damals hatte mich ihre sanfte Ergebenheit, mit der sie den moralischen, sie in der Seele tief verletzenden Schmerz annahm, sehr bewegt. Ich war neugierig zu erfahren, welche neuen Entscheidungen sie getroffen hatte und welche Pläne für die Zukunft noch auszuführen waren. So kam es, dass sie mich in den ersten Septembertagen 1940 in der Rehabilitati­onsstation besuchte. Nach der herzlichen Begrüssung eröff­nete sie mir, dass sie zur Erde zurückkehren wolle. Ruhig und zärtlich erklärte sie mir den Grund ihrer Entscheidung. Ich war bestürzt. Aufbegehrend sagte ich zu ihr:
 
»Ich bin nicht damit einverstanden. Warum solltest Du den Wunsch haben in den physischen Körper zurückkehren zu wollen? Warum auf dem dunklen Pfad wandern, wenn es nicht notwendig ist? «
 
Gelassen erwiderte meine Mutter:
 
»Mein Sohn, findest Du die Lage in der sich Dein Vater befindet, nicht schrecklich? Ich habe mich lange Zeit bemüht ihn aufzurichten, aber es war vergebens.
 
Heute ist Laerte ein Zweifler und sein Herz ist voll Bitterkeit. Er darf nicht länger in diesem Zustand bleiben, sonst ist er gefährdet, in noch tiefere Abgründe abzustürzen. Was soll ich tun, André? Würdest Du ihn in dieser Lage sehen, könntest Du ihm die rettende Hand entziehen? «
 
»Nein«, antwortete ich bedrückt, »ich würde alles daran setzen ihm zu helfen. Aber Du kannst ihm doch von hier aus helfen. «     himmels-engel.de
 
»Gewiss wäre das möglich, aber für die Geistwesen, die wahrhaftig lieben, geht die Hilfeleistung über das Händereichen aus der Entfernung hinaus. Es ist zu vergleichen mit dem Besitz von materiellen Gütern. Was wäre der ganze Reichtum wert, wenn wir unseren Lieben nichts davon abgeben würden? Würden wir es zulassen, dass unsere Kinder schutzlos im Freien leben müssen, während wir in einem Palast wohnen? Ich muss in seiner Nähe sein. Weil ich jetzt mit deiner Unterstützung rechnen kann, werde ich mich Luisa anschließen und deinem Vater helfen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen. «
 
Ich überlegte und antwortete:
 
»Gibt es denn nichts, das Dich davon abbringen kann? «
 
»Nein, es muss sein. Ich habe sehr gründlich darüber nachgedacht, und mein Entschluss steht fest. Die ranghohen Geistwesen teilten meine Ansicht, als ich ihnen mein Vorhaben darlegte. Das Geistwesen, das sich in den niedrigeren Sphären aufhält, kann nicht selbst in die höheren Sphären aufsteigen. Das Gegenteil jedoch ist möglich. Es bleibt mir keine andere Wahl und ich darf keine Zeit verlieren. In Zukunft wirst du meine Stütze sein. Deshalb, mein Sohn, bewahre Deine Mutter im Herzen und unterstütze mich, sobald es Dir gestattet sein wird, zwischen den uns trennenden Sphären zu verkehren. In der Zwischenzeit sorge Dich um Deine Schwestern, die vermutlich immer noch in der Schwellenregion ihr Dasein fristen und an ihrer Läuterung arbeiten. In wenigen Tagen werde ich wieder auf der Erde sein und treffe mich mit Laerte, um die Aufgaben, die uns der Allmächtige Vater anvertraut hat, zu erfüllen. «
 
»Ja, aber wie wirst du ihn treffen? Im Geiste? «, fragte ich sie.
 
»Nein, mit Hilfe einiger Freunde konnte ich ihn letzte Woche auf der Erde finden und ohne sein Wissen seine sofortige Inkarnation vorbereiten. Wir haben uns den Umstand zu Nutze gemacht, dass er versucht vor den Frauen, die ihn immer noch und vielleicht auch mit Recht verfolgen, zu fliehen, um ihn sogleich in die neue leibliche Existenz einzubinden. «
 
»Wie ist das möglich? Verstößt das nicht gegen die Freiheit des Individuums? «
 
Meine Mutter lächelte traurig und erwiderte:
 
»Es gibt Reinkarnationen, die als drastische Maßnahmen zu verstehen sind. Wenn dem Kranken der Mut fehlt, helfen ihm Freunde die rettende, aber bittere Arznei zu schlucken. Was die unbegrenzte Freiheit angeht, so kann die Seele diese nur beanspruchen, wenn sie begriffen hat, dass sie Pflichten hat, die zu erfüllen sind. Es ist aber auch notwendig, zu erkennen, dass der Verschuldete Sklave seiner Verfehlungen ist. Gott hat den freien Willen erschaffen, aber wir sind die Schöpfer unseres Schicksals. Wir müssen den selbst erschaffenen Schicksalskreis durchbrechen. «
 
Sie sprach weiter während ich nachdachte und erläuterte:
 
»Die Schwestern, die Laerte verfolgen, wollen nicht von ihm lassen und es bestünde die Gefahr, dass sie versuchen würden, seine neue Reinkarnation zu verhindern. Aber dank dem Eingreifen der Göttlichen Hilfe, vertreten durch unsere Schutzgeister, steht diesem neuen irdischen Dasein nichts mehr im Wege. «
 
»Mein Gott« sagte ich bestürzt, »ist denn so was möglich? Sind wir tatsächlich dem Bösen unterworfen? Sind wir Marionetten in den Händen unserer Feinde? «
 
»Diese Fragen, mein Sohn«, erklärte meine Mutter in aller Ruhe, »hätten wir uns stellen sollen, bevor wir Fehltritte begehen und bevor wir aus Gefährten Gegner gemacht haben. Lass dich nicht vom Bösen verleiten. «
 
»Und was geschieht mit den bedauernswerten Frauen? «, wollte ich wissen. Meine Mutter sagte sanft:
 
»In einigen Jahren, werden sie als meine Töchter wieder geboren werden. Du darfst nicht vergessen, dass ich auf die Erde zurückkehre, um Deinem Vater zu helfen. So wie es nicht möglich ist, ein Feuer zu löschen, indem man Öl hineinschüttet, so wenig ist es möglich, wirkungsvoll zu helfen, wenn wir uns gegen die Widersacher stellen. André, es ist unerlässlich, zu lieben. Der Ungläubige sieht das wahre Ziel nicht und wandert durch die Wüste; die Verirrten kommen vom richtigen Weg ab und versinken im Morast.
 
Dein Vater ist heute ein Zweifler und die bedauerlichen Schwestern sind mit der schweren Bürde der Ignoranz und der Illusion belastet. In nicht allzu ferner Zukunft werde ich die Schwestern und deinen Vater in meinen mütterlichen Schoß aufnehmen. Auf diese Weise erfülle ich den Zweck meines neuen irdischen Daseins. «
 
Ihr strahlender Blick schien einen weit entfernten Punkt zu sichten. Dann schloss sie:
 
»Wer weiß, vielleicht werde ich später in die Kolonie Nosso Lar zurückkehren können und zusammen mit anderen geliebten Geschwistern werden wir ein großes Fest der Freude, Liebe und Vereinigung feiern können. «
 
Ich bewunderte sie für ihre Kraft, dieses Opfer zu bringen, kniete vor ihr nieder und küsste ihr die Hände.
 
Ab diesem Augenblick betrachtete ich meine Mutter nicht mehr nur als meine Mutter, sie war mehr als das. Sie war die hilfsbereite Botin, die sich der Missetäter annahm und sie zu ihren geliebten Kindern machte. Dadurch ermöglichte sie ihnen, ihren Weg als Kinder Gottes wieder aufzunehmen.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:20

47)
 
FRAU LAURAS RÜCKREISE
 
 
Nicht nur meine Mutter bereitete sich für ihre Rückkehr auf die Erde vor, auch Frau Laura stand kurz vor diesem bedeutenden Ereignis. Als ich erfuhr, dass ihre ehemaligen Mitarbeiter aus den Ministerien für Hilfeleistung und Erneuerung sie für die bevorstehende Rückkehr auf die Erde beglückwünschen wollten, schloss ich mich ihnen an. Am selben Abend überreichte auch der Verwaltungsvertreter der Kolonie Frau Laura die Ehrenurkunde für ihre geleisteten Stunden in Nosso Lar. Es ist schwer die passenden Worte zu finden, um zu beschreiben, was diese Auszeichnung wohl in einer Seele bewirken mag.Das schöne Haus von Frau Laura war erfüllt von Melodie und Licht, sogar die Blumen im Garten schienen noch schöner als sonst zu blühen. Viele Familien kamen und begrüßten die Freundin, die schon bald abreisen würde. Die Mehrheit der Besucher blieb nicht lange und nach der herzlichen Verabschiedung verließen viele wieder das Haus. Nur die engeren Freunde der Familie blieben bis spät in die Nacht. Auch ich blieb und durfte Ungewöhnliches und Kluges erfahren. Frau Laura war in tiefe Gedanken versunken. Es war ihr deutlich anzusehen, dass sie Mühe hatte die allgemeine Zuversicht zu teilen. Im überfüllten Salon versuchte sie, trotz des Gesprächslärms dem Verwaltungsbeamten zu erklären:
 
»Ich glaube, in zwei Tagen wird es soweit sein, denn die notwendigen Vorbereitungen und Aufklärungen sind bereits abgeschlossen. « Sie blickte traurig und sagte:
 
»Wie Sie sehen, bin ich bereit. «
 
Ihr Gesprächspartner sprach ihr freundlich zu und munterte sie auf.
 
»Ich hoffe, dass Sie mit Begeisterung und Enthusiasmus diese Herausforderung annehmen werden. Vergessen Sie nicht, dass Sie innerhalb einer Gemeinschaft von mehr als einer Million Mitgeschwister Abertausende von Arbeitsstunden geleistet haben. Das wird sich in Ihrer neuen Reinkarnation auszahlen. Zudem werden Ihnen Ihre geliebten Kinder von hier aus helfen können. «
 
»Ihre Worte machen mir Mut«, erwiderte sie, konnte aber ihre innere Unruhe nicht verbergen. »Dennoch ist es wichtig für mich, die Bedeutung meiner Reinkarnation so richtig zu begreifen. Es ist mir eine große Hilfe, zu wissen, dass mein Mann diesen Schritt vor mir tat und sich auf der Erde aufhält und dass meine geliebten Kinder immer meine Freunde sein werden...aber...«
 
»Meine Freundin«, unterbrach sie Minister Genésio, » stellen Sie bitte keine Mutmaßungen an! Das Vertrauen in den Göttlichen Schutz und in uns selbst soll Sie stärken. Die Vorsehung ist unendlich. Legen wir lieber die dunkle Sichtweise ab die uns vorgaukelt, dass das Leben im physischen Leib ein bitteres Exil ist. Gedanken des Versagens sind zu meiden, überdenken Sie stattdessen alle Möglichkeiten, die Sie zum Erfolg führen können. Außerdem sind wir, Ihre Freunde, auch noch da. Wir werden schwingungsmäßig gar nicht so weit entfernt von Euch sein. Ihr könnt uns vertrauen. Überlegen Sie doch, wie viel Freude es Ihnen bereiten wird, Ihren Liebsten auf der Erde helfen zu können. Und bedenken Sie bitte auch, wie ehrenvoll es ist, nützlich zu sein. «
 
Frau Laura lächelte nun zaghaft. Es schien, als hätte sie Mut gefasst, denn sie versicherte:
 
»Ich habe all meine Freunde um spirituelle Hilfe ersucht, damit ich wachsam bleibe und alles hier Erlernte beachte. Es ist mir bewusst, dass auf der Erde die Großzügigkeit Gottes überall anzutreffen ist.
 
Nehmen wir als Beispiel die Sonne: Wie für uns hier, so ist auch für den Menschen auf Erden die Sonne eine Energiequelle. Trotzdem, mein lieber Minister, fürchte ich mich vor dem Vergessen, dem wir vorübergehend unterworfen sind. Es lässt mich wie eine Kranke fühlen, die zwar geheilt wurde, aber deren Narben immer noch nicht ganz verheilt sind. Es braucht nur ein neuer Kratzer hinzuzukommen und die Krankheit kehrt zurück. «
 
Der Minister deutete an, dass er diese Überlegung nachvollziehen konnte und entgegnete ihr:
 
»Ich kenne die Schatten, die auf den niedrigeren Ebenen auf uns lauern. Trotzdem ist es unerlässlich, mutig zu sein und vorwärts zu gehen. Wir werden gerne dazu beitragen, dass Sie mehr für das Wohl der Anderen, als für das eigene arbeiten. Die große Gefahr auf Erden ist und wird immer sein, sich in den Fängen des Egoismus zu verstricken. «
 
»Hier, fügte Frau Laura nachdenklich ein, können wir uns auf die spirituellen Schwingungen der meisten Bewohner der Kolonie, deren Mehrheitim Licht des erlösenden Evangeliums erzogen wurde, stützen. Sollten wir rückfällig werden und alte Schwächen tauchen plötzlich auf, finden wir den notwendigen Rückhalt in unserem eigenen Umfeld. Auf der Erde könnten unsere guten Absichten in einem dunklen Meer von Aggressivität versinken. «
 
»Sagen Sie das nicht«, unterbrach sie der Minister gütig, »messen Sie dem Einfluss aus den niedrigeren Sphären nicht so große Bedeutung zu. Es würde sonst heißen, dass wir unseren Gegnern die Waffen, mit denen sie uns niederstrecken wollen, selbst liefern würden. Wo Gedanken entstehen, dort werden auch Schlachten ausgetragen. Jedes Licht der Liebe, das auf der Erde brennt, kann nicht ausgelöscht werden und wird für immer dort bleiben. Der Sturm menschlicher Leidenschaften kann nicht ein einziges Licht Gottes auslöschen. «
 
Frau Laura schien jetzt alles viel deutlicher zu sehen, denn nach dem Gehörten erklärte sie beherzt:
 
»Ich bin jetzt überzeugt, dass Ihr Besuch nicht umsonst war. Ich fühlte mich entmutigt, Ihre Erläuterungen haben mich jedoch wieder aufgerichtet. Es ist wahr, dass Gedanken wie ein Schlachtfeld sind auf dem unablässig Kämpfe ausgetragen werden. In erster Linie müssen wir das Böse und die Finsternis aus unserem Inneren vertreiben. Wir müssen herausfinden, wo sie sich verstecken, ohne ihnen die Beachtung zu geben, die sie von uns erwarten. Ja, jetzt verstehe ich! «
 
Genésio lächelte zufrieden und fügte hinzu:
 
»innerhalb unserer eigenen Welt verhält sich jeder Gedanke wie ein von uns getrenntes Wesen, daran sollten wir immer denken. Wenn wir die guten Gefühle in uns nähren, werden sie für unser Glück arbeiten und werden zu einer Armee, die uns verteidigt. Wenn wir jedoch irgendeine Art von bösen Gefühlen hegen, bereiten wir unseren Peinigern den Boden, auf dem sie wirksam werden können. «
 
Auch der Verwaltungsbeamte äusserte sich zu diesem Thema:
 
»Vergessen wir nicht, dass Frau Laura mit einem außerordentlich hohen spirituellen Guthaben auf die Erde zurückkehrt. Der Minister für Hilfeleistung hat heute von der Regierung ein Schreiben erhalten. In diesem werden die zuständigen Spezialisten für Reinkarnationen gebeten, bei Frau Laura die biologischen Faktoren ihrer Vorfahren, die zur Bildung des neuen Organismus unserer Schwester nötig sind, mit größter Sorgfalt zu behandeln und auszusuchen.«
 
»Ach ja, das ist wahr«, sagte Frau Laura, »ich bat um diese Maßnahme, vor allem was das Blut angeht, damit ich nicht zu sehr dem Gesetz der Vererbung unterworfen bin.«
 
»Also«, meinte der Verwaltungsbeamte, »Ihr Verdienst in Nosso Lar ist so groß, dass sich der Gouverneur persönlich einsetzte und die entsprechenden Anordnungen gab. «
 
»Nun, meine Freundin, machen Sie sich keine Sorgen«, sagte auch Minister Genésio freudig, »viele Ihrer Geschwister und Gefährten werden um Ihr Wohlergehen besorgt sein. «
 
»Gott sei Dank!«, bemerkte Frau Laura erleichtert, »das war es, was ich hören wollte. Darauf hatte ich gewartet. «
 
Lísias und seine Schwestern waren hoch erfreut über die Äußerungen ihrer Mutter und die dazugekommene Teresa freute sich mit ihnen. Mein Freund Lísias fügte hinzu:
 
»Es war notwendig, dass meine Mutter ihre Sorgen ablegen konnte, denn wir bleiben zwar hier, werden aber nicht untätig sein. «
 
»Du hast recht«, pflichtete sie ihm bei, »ich gebe die Hoffnung nicht auf und vertraue dem Herrn und Euch allen. «
 
Jetzt herrschte unter den Anwesenden wieder Freude und Zuversicht, und man sprach über die Rückkehr auf die Erde als die gesegnete Gelegenheit für den Reinkarnierenden, bekannte Lektionen zu wiederholen und Neues zu lernen.
 
Als ich mich spät in der Nacht von Frau Laura verabschiedete, sagte sie mütterlich zu mir:
 
»Morgen Abend, André, erwarte ich Dich bei uns. Wir werden uns im kleinen Kreis treffen. Das Ministerium für Kommunikation versprach mir, meinen Mann zu uns zu bringen. Obwohl Ricardo gegenwärtig einen physischen Leib hat, wird er mit der brüderlichen Hilfe unserer Freunde hierher gebracht werden. Zudem wird es mein Abschied sein. Also bitte, fehle nicht. «
 
Gerührt bedankte ich mich bei ihr, meine Tränen des Abschiedsschmerzes unterdrückend.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:22

48)
 
ANDACHT IN DER FAMILIE
 
 
Ich vermute, dass ein mediales Gruppentreffen dieser Art, wie ich es Zuhause bei Lísias erlebte, für Anhänger des Spiritismus nichts Neues darstellt. Für mich jedoch war es einmalig und sehr interessant.
 
Im großräumigen Salon waren nahezu dreißig Personen versammelt. Um mehr Platz zu schaffen, wurden die Möbel an die Wand geschoben und bequeme Sessel in zwei Zwölferreihen vor einem Podium aufgestellt. Minister Clarêncio, der die Sitzung leitete, flankiert von Frau Laura und ihren Kindern, nahm auf dem Podium Platz. In etwa vier Metern Entfernung war eine kristallklare Kugel aufgestellt, die einen Durchmesser von ca. zwei Metern hatte. Amunteren Teil der Kugel befanden sich lange Kabel, die in einen kleinen Apparat eingesteckt wurden. Der Apparat hatte große Ähnlichkeit mit Lautsprecherboxen. Tausend Fragen schössen mir durch den Kopf, jedoch verhielt ich mich ruhig. Alle nahmen, freundschaftlich miteinander plaudernd, ihre Plätze ein.
 
Ich bekam einen Platz neben Nicolas, einem ehemaligen Mitarbeiter des Ministeriums für Hilfeleistung und engen Freund der Familie und wagte nun doch, einige Fragen an ihn zu richten. Auf meine Frage, worauf denn hier alle warteten, antwortete Nicolas:
 
»Wir warten auf die Erlaubnis des Ministeriums für Kommunikation, um mit unserem Bruder Ricardo Kontakt aufzunehmen. Obschon er auf Erden noch ein Kind ist, wird es für ihn nicht schwer sein, sich für einige Augenblicke von den starken Banden des physischen Leibes zu lösen. «
 
»Wird er denn hierher kommen können? «, fragte ich. »Warum denn nicht? «, antwortete Nicolas. »Nicht alle Inkarnierten sind an das Irdische gefesselt. Es gibt Geistwesen, die wie die Brieftauben längere Zeit zwischen zwei Ebenen hin und her fliegen und in den spirituellen sowie in den materiellen Ebenen leben können.«
 
Er zeigte auf den Apparat vor uns und erklärte:
 
»Diese Kamera wird uns Ricardo zeigen. «
 
»Wozu dient dann die Kristallkugel? Kann er sich nicht ohne diese Hilfe melden? «, wollte ich von ihm wissen.
 
»Bitte bedenke, « sagte Nicolas freundlich, »dass wir durch unsere emotionalen Regungen Strahlungen aussenden, die die Kommunikation stören könnten. Deshalb funktioniert dieser kristallklare Apparat, der aus isolierendem Material gebaut ist, wie ein Filter, der unsere mentalen Schwingungen nicht passieren lässt. «
 
In diesem Augenblick wurde Lísias von den Mitarbeitern des Ministeriums informiert, dass jetzt der Kontakt zu Ricardo hergestellt werden könne. Dies war der Höhepunkt dieser Zusammenkunft. Ich schaute auf die Wanduhr, es war vierzig Minuten nach Mitternacht. Auf meinen fragenden Blick antwortete Nicolas leise:
 
»Erst jetzt ist Ruhe in Ricardos irdischem Heim eingekehrt. Die Eltern schlafen, und im Haus ist es friedlich. Da Ricardo erst kürzlich in den irdischen Leib zurückkehrte, ist er noch nicht vollständig mit dem physischen Körper verbunden. «
 
Er musste schweigen, denn Minister Clarêncio stand auf und bat uns, unsere Gedanken auf eine einheitliche Frequenz zu bringen und alle unsere Gefühle zu bündeln.
 
Es wurde ganz still im Raum. Clarêncio sprach ein ergreifendes, schlichtes Gebet und danach spielte Lísias auf seiner Zither wundervolle Melodien, die den Raum mit Schwingungen tiefen Friedens und Verzauberung erfüllten.
 
Clarêncio ergriff erneut das Wort:
 
»Bruder«, sagte er zu Lísias, »senden wir jetzt unsere Botschaft der Liebe an Ricardo. «
 
Überrascht sah ich, wie die Töchter und die Enkelin von Frau Laura, zusammen mit Lísias, das Podium verließen und neben den Musikinstrumenten Platz nahmen: Judite am Klavier, Iolanda an der Harfe und Lísias an der Zither. Teresa und Eloisa vervollständigten das harmonische Familienensemble.
 
Die auf den Instrumenten gefühlvoll gespielten Melodien klangen sanft und verbreiteten im Raum eine himmlische Stimmung. Als Lísias und seine Schwestern mit reinen, kristallklaren Stimmen ihre wundervollen, selbst geschriebenen Lieder vortrugen, fühlte ich mich auf eine höhere Ebene der Gedanken erhoben.
 
Es ist nicht leicht, diese Verse voller Spiritualität und Schönheit in die menschliche Sprache umzusetzen, aber ich werde es versuchen. Denn nur auf diese Weise können wir begreifen, wie rein die Liebe auf den Ebenen des Lebens nach dem Tod des irdischen Körpers empfunden wird.
 
Liebster Vater,
während die Nacht den Segen des Schlafes bringt,
empfange von uns, geliebter Vater
unsere Liebe und Hingabe

 
Während das Lied der Sterne
bei dämmerndem Licht ertönt,
komm und lass die Stimme
Deines Herzens im gemeinsamen
Gebet sprechen.

 
Lass Dich nicht auf Deinem Weg
vom Schleier des Vergessens stören.
Gib Dich nicht dem Schmerz der Trennung hin.
Verletze Dich nicht am Bösen.
Fürchte den irdischen Schmerz nicht.
Erinnere Dich an unser Bündnis.
Bewahre Dir die Blume der Hoffnung
auf dem Weg zum unsterblichen Glück.
Während Du auf der Erde schläfst
sind unsere Seelen wach und erinnern sich
an die Morgendämmerung des höheren Lebens.
Warte die Zukunft mit einem Lächeln ab und
warte auf uns. Denn wir werden uns irgendwann
im Garten Deiner Liebe
voller Freude wieder treffen.

 
Komm zu uns, gütiger Vater!
Kehre in unser friedliches Heim zurück
und wandere im Licht,
wenn auch nur im Traum.

 
Vergiss für eine Minute die Erde
und trinke mit uns das reine Wasser
des Trostes und der Zuneigung,
das aus den Quellen von Nosso Lar sprudelt.

 
Wir vergessen Dich nicht,
Deine Opferbereitschaft, Deine Güte,
wie Du uns die erhabene
Lehre, Gutes zu tun, nahebrachtest.
Durchquere die dichten Wolken.
Überwinde den fremdartigen Körper
und steige auf den hohen Berg.
Komm zu uns,
damit wir gemeinsam beten können.

 
Als die letzten Klänge des Liedes ertönten, sah ich, wie das Innere der Kugel sich mit einer milchig grauen Substanz füllte. Als sie wieder klar wurde, zeigte sich die Gestalt eines sympathischen Mannes im reiferen Alter. Es war Ricardo. Die Ergriffenheit der Familie war offensichtlich, als sie ihn herzlich begrüßten. Zuerst sprach Ricardo mit seiner Gemahlin und dann mit seinen Kindern. Er schaute uns freundlich an und äußerte den Wunsch das sanfte Lied, das die Liebe seiner Kinder so gut wiedergab, nochmals hören zu wollen. Als das Lied zu Ende war, weinte er und sagte sehr bewegt:
 
»Meine Kinder, wie groß ist die Güte Jesu. Sein Evangelium bereicherte unsere Andacht mit soviel Liebe und Freude. In diesem Raum suchten wir gemeinsam den Weg zu den Höheren Sphären. Viele Male erhielten wir hier das Geschenk der spirituellen Nahrung und es ist wiederum in diesem Raum, dass wir uns treffen dürfen, um uns gegenseitig Mut zu machen. Ich bin wirklich sehr glücklich! «
 
Frau Laura weinte diskret, aber auch aus Lísias und seiner Schwestern Augen flössen reichlich Tränen.
 
Ricardo schien unter Zeitdruck zu stehen. Ich glaube, dass die anderen es ebenso bemerkten, denn ich sah, wie Judite die kristallklare Kugel umarmte. Ich hörte sie zärtlich sagen:
 
»Lieber Vater, sag schnell, was Du von uns brauchst, sag uns bitte, wie wir Dir von Nutzen sein können. «
 
Ricardo schaute tief bewegt zu Frau Laura und sprach dann sanft zu Judite:
 
»In Kürze wird Deine Mutter zu mir kommen. Später werdet Ihr nachkommen können. Was könnte ich mir mehr zum Glückwünschen, als den Meister zu bitten, uns für alle Zeiten zu segnen? «
 
Vor Rührung weinten wir nun alle. Als die Kugel sich wieder mit der milchig grauen Substanz langsam füllte, hörte ich, wie Ricardo, sich verabschiedend, sprach:
 
»Meine Kinder! Ich habe eine Bitte an Euch, die mir sehr am Herzen liegt: Betet zum Herrn, dass ich auf Erden kein leichtfertiges Leben führe, dass das Licht der Dankbarkeit und des Verständnisses immer lebendig in meinem Geist bleibt! «
 
Diese unerwartete Bitte berührte und erstaunte mich sehr. Ricardo grüßte nochmals alle herzlich, dann wurde die Kugel zunächst vollständig von der milchig grauen Substanz ausgefüllt. Danach wurde sie wieder klar.
 
Minister Clarêncio sprach ein sehr bewegendes Gebet und erklärte anschließend die Versammlung für beendet. Wir verspürten alle eine tiefe Freude. Ich ging zum Podium und wollte ebenfalls Frau Laura, die die Beglückwünschungen der Anwesenden entgegennahm, umarmen, ihr meine Dankbarkeit ausdrücken und ihr mitteilen, wie beeindruckt ich war. Ich war schon fast bei ihr, als mir jemand in den Weg trat. Es war Minister Clarêncio, der freundlich zu mir sagte: »André, morgen werde ich unsere Schwester Laura auf die Erde begleiten. Wenn Du willst, kannst Du die Gelegenheit benutzen um Deine Familie zu besuchen. «
 
Welch eine Überraschung - eine größere hätte ich mir nicht vorstellen können -, ich freute mich sehr darauf. Dennoch kam mir meine Tätigkeit in der Rehabilitationsstation in den Sinn. Der gütige Minister wandte sich wieder an mich, als könne er meine Gedanken lesen und sagte:
 
»Du hast bereits viele Überstunden geleistet. Es wird sicher möglich sein, dass Minister Genêsio Dir gestattet, eine Woche frei zu nehmen. Immerhin hast Du Dein erstes Jahr im aktiven Dienst bereits hinter Dir. «
 
Meine Brust drohte vor lauter Freude zu zerspringen. Weinend und gleichzeitig lachend, bedankte ich mich bei ihm. Endlich würde ich meine geliebte Gattin und meine geliebten Kinder wieder sehen.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:23

49)
 
FRAU LAURAS RÜCKKEHR NACH HAUSE
 
 
In Begleitung meines Wohltäters Clarêncio erreichte ich meine Geburtsstadt. Ich fühlte mich wie ein Reisender, der nach langer Zeit wieder nach Hause kommt. Die Landschaft hatte sich nicht sehr verändert: Die alten Bäume des Wohnviertels, das Meer und sogar der Himmel und die Gerüche waren die gleichen.
 
Ich war so trunken vor Freude, dass mir der sorgenvolle Gesichtsausdruck Frau Lauras entging. Ich verabschiedete mich von ihr und von der kleinen Gruppe, die sich langsam entfernte.Clarêncio umarmte mich und sagte:
 
»Du hast eine Woche Zeit, ich werde täglich hier vorbeikommen, um Dich zu sehen. Ansonsten bin ich mit der Reinkarnation unserer Schwester Laura und allen auftauchenden Problemen beschäftigt. Solltest Du jedoch den Wunsch verspüren, zurück nach Nosso Lar zu gehen, werden wir uns zusammen auf den Weg machen. Lass es Dir gut gehen, André. «
 
Ich winkte nochmals der lieben Frau Laura zu und dann war ich allein und erinnerte mich langsam an die damaligen Zeiten. Ich hielt mich jedoch nicht mit Einzelheiten auf, sondern durchquerte schnell einige Straßen und ging auf mein Haus zu. Mein Herz schlug wild und unregelmäßig, als ich mich dem breiten Eingangstor näherte. Der Wind blies und die Blätter der Bäume im kleinen Park bewegten sich so wie früher, als wolle er ihnen etwas ins Ohr flüstern. Im Frühlingslicht blühten Azaleen und Rosen und gegenüber dem Tor erblickte ich die stolze Palme, die Zélia und ich an unserem ersten Hochzeitstag gepflanzt hatten.
 
Glücklich ging ich ins Haus hinein. Und erst jetzt bemerkte ich, dass es große Veränderungen gegeben hatte. Wo waren die alten, aus Jakarandaholz angefertigten Möbel? Wo war das schöne Photo, das mich zusammen mit meiner Gattin und meinen Kindern zeigte? Ein ängstliches Gefühl überkam mich und ich taumelte. Was war geschehen? Ich ging ins Esszimmer und sah dort meine jüngste Tochter, die jetzt im heiratsfähigen Alter war. Fast zur gleichen Zeit sah ich Zélia in Begleitung eines Herrn, der wie ein Arzt aussah, aus dem Schlafzimmer kommen. Ich wollte meiner Wiedersehensfreude laut Ausdruck verleihen, redete und schrie dann laut, dass es meiner Meinung nach im Hause widerhallte, doch niemand schien meine Worte zu hören.
 
Ich erfasste die Lage sehr schnell und schwieg enttäuscht. Ich umarmte meine Gefährtin voller Sehnsucht und Liebe, aber Zélia zeigte keine Reaktion auf meine liebevolle Umarmung. Mit großem Ernst fragte sie den Herrn etwas, das ich nicht sofort verstehen konnte. Der Angesprochene antwortete ihr respektvoll mit leiser Stimme:
 
»Ich werde erst morgen eine sichere Diagnose stellen können. Dr. Ernesto leidet an einer Lungenentzündung. Wegen seines zu hohen Blutdrucks sind Komplikationen aufgetreten. Sein Gesundheitszustand ist sehr ernst und er braucht absolute Ruhe. «
 
Wer war dieser Dr. Ernesto? Ich überlegte fieberhaft, bis ich die Stimme meiner Frau hörte, die den Arzt anflehte:
 
»Bitte, Herr Doktor, retten Sie ihn, haben Sie Erbarmen, ich flehe Sie an. Zum zweiten Mal Witwe zu werden würde ich nicht ertragen. «
 
Zélia weinte und schien sehr verzweifelt zu sein.
 
Mir war zumute, als hätte mich ein Blitz getroffen. Ein anderer Mann hatte sich meiner Familie bemächtigt. Meine Ehefrau hatte mich vergessen. Das Haus gehörte nicht länger mir. Hatte es sich gelohnt, so lange darauf zu warten, um am Schluss diese Enttäuschung zu erfahren? Ich rannte in mein Zimmer und stellte fest, dass das geräumige Schlafzimmer jetzt anders eingerichtet war. Im breiten Bett lag ein Mann im reiferen Alter, dessen Gesundheitszustand bedenklich war. Ich sah im Zimmer drei dunkle Gestalten, die kamen und gingen. Ich begriff, dass sie versuchten, eine Verschlechterung seines Zustandes zu bewirken.
 
Ich fühlte ganz plötzlich den Wunsch, die Eindringlinge mit aller Kraft zu hassen und doch war ich nicht mehr der Gleiche wie einstmals, denn ich konnte es nicht. Unser Herr hatte mich aufgerufen, seine Lehre der Liebe, der Brüderlichkeit und des Vergebens auszuüben. Ich sah, dass der Kranke von niedrigen Geistwesen umringt war, die nur nach dem Bösen trachteten. Trotzdem wusste ich nicht, wie ich ihm in diesem Moment hätte helfen können.
 
Enttäuscht und bedrückt setzte ich mich und beobachtete Zélia, die mehrmals ins Zimmer kam und es wieder verließ. Zärtlich streichelte sie den Kranken, so wie sie es früher bei mir getan hatte. Ich war verstimmt, rang mit meinen trübsinnigen Gedanken, blieb aber trotzdem im Zimmer. Nach einer Weile kehrte ich aber doch zitternd in das Esszimmer zurück, wo sich meine Töchter unterhielten. Dort warteten noch andere Überraschungen auf mich. Die ältere Tochter hatte geheiratet und trug ihr Kind auf dem Schoss. Und mein Sohn, wo war er?
 
Zélia kam dazu, nachdem sie einer älteren Krankenschwester die Lage erklärt hatte und unterhielt sich, jetzt ruhiger geworden, mit ihren Töchtern.
 
»Mutter, ich besuche euch«, sagte die ältere Tochter, »nicht nur, um zu erfahren wie es Dr. Ernesto geht, sondern, weil mein Herz heute von einer seltsamen Sehnsucht nach Vater erfüllt wird. Ich weiß nicht warum, aber seit heute Morgen muss ich immer an ihn denken. Ich kann es nicht erklären. «
 
Sie musste weinen und konnte nicht weiter sprechen.
 
Erstaunt sah ich, wie Zélia sich ihrer Tochter zuwandte und herrisch sagte:
 
»Was soll das? Das hat noch gefehlt! Bange, wie ich mich fühle, soll ich auch noch Deine Verstörtheit ertragen? Habe ich Dir und Deinen Schwestern nicht ausdrücklich verboten, in diesem Haus über euren Vater zu sprechen oder nur seinen Namen zu erwähnen? Wisst ihr nicht, dass es Ernesto missfällt? Die Vergangenheit soll ruhen, wir sollten uns daran halten. Ich habe bereits alles, was mich an die Vergangenheit erinnern könnte, verkauft und habe sogar die Wände neu tapezieren lassen. Warum kann ich nicht mit Eurer Unterstützung rechnen? «
 
Meine andere Tochter fügte hinzu:
 
»Seit meine Schwester sich mit dem vermaledei­ten Spiritismus eingelassen hat, glaubt sie an diese Hirn­gespinste, dass die Toten zurückkehren. Das kann ja nur Schwachsinn sein. «
 
Die ältere Tochter weinte immer noch, dennoch versuchte sie zu sprechen.
 
»Hier geht es nicht um religiöse Überzeugungen. Ist es denn ein Verbrechen, sich nach seinem Vater zu sehnen? Habt Ihr denn gar keine Gefühle, liebt Ihr nicht? Mutter, wenn Vater noch bei uns wäre, würde sich Dein einziger Sohn nicht herumtreiben und ein solch unstetes Leben führen. «
 
»Also nun hör mal zu«, wandte sich Zélia gereizt und verstimmt ihr zu: »Gott gibt jedem das Glück, das er verdient. Vergesst nicht, dass André tot ist. Kommt also nicht mit Klagen und Tränen, denn die Vergangenheit können wir nicht ändern!«
 
Ich näherte mich der weinenden Tochter, trocknete ihr die Tränen, sprach ihr Mut zu und tröstete sie. Sie nahm meine Worte des Trostes nicht mit dem leiblichen Gehörsinn wahr, aber mit dem des Geistes. Ich befand mich in einer seltsamen Lage, denn ich konnte jetzt verstehen, weshalb meine wahren Freunde bis jetzt von einem Familienbesuch abrieten. Jetzt wurde ich von Ängsten und Enttäuschungen geschüttelt, mein ehemaliges Heim schien aus den Fugen geraten zu sein. Es gab nichts mehr, das an mich erinnerte. Auch die Liebe war nicht mehr spürbar. Es war so, als ob Diebe mein ganzes Hab und Gut genommen hätten. Nur eine meiner Töchter hielt das Andenken an meine wahre und ehrliche Liebe in Ehren. Nicht einmal in den langen Leidensjahren nach dem Übergang ins Jenseits weinte ich so bittere Tränen wie jetzt.
 
Nach einem Tag und einer Nacht befand ich mich immer noch dort. Ich wurde staunender Zeuge von Äußerungen und Verhaltensweisen meiner Familie, die ich ihnen niemals zugetraut hätte.
 
Am Nachmittag schaute Clarêncio vorbei und richtete mich mit seinen freundschaftlichen und gut gemeinten Worten wieder auf. Ich war niedergeschlagen, was ihm nicht entging. Verständnisvoll sagte er:
 
»Ich habe volles Verständnis dafür, dass Du gekränkt bist. Aber ich freue mich für Dich, dass Du diese Situation erleben kannst, denn sie bietet Dir eine wichtige Gelegenheit zum Lernen. Ich habe weder Anweisungen zu geben noch Ratschläge zu erteilen. Das ist Dein Augenblick, mein Lieber! Ich kann höchstens an die Worte Jesu erinnern, als er uns empfahl, Gott über alle Dinge zu lieben und unseren Nächsten wie uns selbst. Wenn wir diesen Rat befolgen, werden wir feststellen können, das er immer bewirkt, dass wir auf unserem Weg wahre Wunder der Liebe und des Verständnisses erleben dürfen. «
 
Seine Worte berührten mich tief. Ich dankte ihm von Herzen und bat ihn, er möge mir immer beistehen.
 
Liebevoll lächelnd verabschiedete sich Clarêncio von mir.
 
Plötzlich war ich nun auf mich selbst gestellt - eine ganz neue Realität. Ich überlegte, wie ich der Empfehlung des Evangeliums nachkommen könnte. Ich hatte mich beruhigt und sah ein, dass es keinen Anlass gab, Zélias Lebensführung zu verurteilen. Wie hätte ich mich verhalten, wenn ich als Witwer hier weiterleben müsste? Hätte ich die dauernde Einsamkeit ertragen? Hätte ich nicht tausend und einen Vorwand gesucht, um eine neue Ehe zu rechtfertigen? Und der arme Kranke? Warum sollte ich ihn hassen, war er nicht auch ein Bruder im Hause unseres Vaters? Hätte es der Familie nicht schlimmer ergehen können, falls Zélia nicht auf dieses neue Liebesbündnis eingegangen wäre? Ich erkannte, dass es unbedingt notwendig war, gegen den verzehrenden Egoismus und die Eifersucht anzukämpfen. Jesus hatte mir andere Wege eröffnet. Ich konnte mich nicht wie ein Mensch auf Erden verhalten. Meine Familie bestand nicht nur aus der Gattin und den drei Kindern auf der Erde. Meine Familie hatte sich jetzt in eine universelle Gemeinschaft verwandelt, zu der auch die Kranken der Rehabilitationsstation gehörten. Von diesen Erkenntnissen beflügelt, wandelten sich auch meine Gedanken. Erneuert und gestärkt nahm ich wahr, dass auf wundersame Weise ein neues, wahres Gefühl der Liebe aus meinem Inneren emporwuchs und mich erfüllte
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:25

50)
 
BÜRGER VON NOSSO LAR
 
 
In der zweiten Nacht war ich erschöpft. Allmählich begriff ich, was es heißt, sich von den spirituellen Werten der Liebe und des gegenseitigen Verständnisses zu ernähren. In Nosso Lar kam ich während des strengen Dienstes, den viele von uns gerne übernahmen um unseren Aufstieg zu fördern, tagelang ohne Nahrung aus. Die Gegenwart lieber Freunde, ihre Bezeugungen des Wohlwollens und der Freundschaft, sowie das Einatmen reiner frischer Luft und das Trinken von reinem Wasser waren für mich Nahrung genug. Indessen war es hier auf Erden anders. Es war, als befände ich mich auf einem Schlachtfeld und musste erleben, wie sich meine Liebsten in Peiniger verwandelten. Die guten WortenClarêncios beruhigten meine Emotionen. Endlich war in mir das Verständnis für menschliche Bedürfnisse erwacht und ich sah ein, dass Zélia nicht mir gehörte, sondern dass ich ihr Bruder und Freund sein musste. Ich konnte auch meine Kinder nicht besitzen, aber ihnen bei ihren Bemühungen sich zu entwickeln, zur Seite stehen.
 
Ich erinnerte mich, dass mir einmal Frau Laura anhand des Verhaltens einer Biene erläuterte, wie sich ein Geschöpf verhalten soll, wenn ihm eine schwere Aufgabe gestellt wird. Sie sagte:
 
»Die Biene nährt sich von der Blume und holt sich das Beste daraus, - den Honig. Das heißt: Man soll an edle Seelen denken, sich ihre guten Beispiele in Erinnerung rufen und daraus die entsprechenden Schlüsse ziehen. «
 
Ich folgte diesem wertvollen Rat und dachte an meine Mutter. Hat sie nicht ein Opfer der Liebe zugunsten meines Vaters gebracht, als sie die bedauernswerten Frauen als die Kinder ihres Herzens in ihrem Schöße aufnahm? In Nosso Lar gab es viele solch erhabener Beispiele. Ministerin Veneranda setzt sich seit vielen Jahrhunderten für diejenigen ein, die ihr besonders am Herzen liegen. Narcisa bringt ihr Opfer, indem sie in der Rehabilitationsstation arbeitet, damit sie das Recht erwerben kann, eine erneute Reinkarnation auf der Erde zu erhalten, um dort weiter helfen zu können. Frau Hilda hat den Drachen der niederträchtigen Eifersucht besiegt. Was soll ich zu all den Zeichen der Freundschaft und Brüderlichkeit, die mir viele Freunde in der Kolonie zollen, sagen? Nachdem Clarêncio mich aus der Schwellenregion holte, war er wie ein Vater zu mir. Die Mutter Lísias empfing mich wie einen Sohn und ihr Sohn Tobias wie einen Bruder. Von jedem, der mich von Anbeginn an begleitet hat, habe ich viel Nützliches gelernt. Das unterstützt mich jetzt bei der Neuausrichtung meiner Gedanken und der sich schnell ändernden Betrachtungsweise.
 
Ich versuchte, die anscheinend ungerechten Behauptungen der Familie nicht zu beachten. Stattdessen beschloss ich, die göttliche Liebe über alles und die wahren Bedürfnisse meiner Mitmenschen über meine persönlichen Gefühle zu stellen.
 
Trotz meiner Müdigkeit ging ich das Schlafzimmer des Kranken und sah, dass sich sein Zustand von Minute zu Minute verschlechterte. Zélia stützte seinen Kopf und sagte weinend zu ihm:
 
»Ernesto, Ernesto mein Lieber, hab Erbarmen mit mir! Lass mich nicht allein! Was wird aus mir, wenn Du nicht mehr da bist? « Der Kranke streichelte ihre Hände und trotz seiner Atemnot sprach er liebevoll mit ihr.
 
Ich meinerseits bat den Herrn, mich in meinem Bemühen, das Ehepaar als meine Geschwister zu akzeptieren, zu unterstützen.
 
Ich erkannte, dass Zélia und Ernesto eine tiefe Liebe verband. Wenn ich mich tatsächlich als ihr Bruder fühlen könnte, dann sollte ich ihnen die Hilfe zukommen lassen, die mir zur Verfügung stand.
 
Mein erster Versuch zu helfen war, die unseligen Geister, die sich heftig an den Kranken klammerten, zu bitten, ihn zu verlassen. Es war keine leichte Aufgabe und es kostete mich viel Kraft. Ich fühlte mich sehr niedergeschlagen.
 
In meiner Not erinnerte ich mich an das, was Tobias mir einst gesagt hatte:
 
»Hier in Nosso Lar muss nicht jeder den Aérobus neh­men, wenn er sich fortbewegen will. Die höher entwickelten Geistwesen können sich kraft ihres Willens fortbewegen. Dassel­be geschieht bei Ferngesprächen: Derweil beide Partner sich auf die gleiche Schwingungs-frequenz der Gedanken einstimmen, können sie über weite Distanzen miteinander sprechen. «
 
Wie nützlich würde mir die Hilfe von Narcisa in der jetzigen Situation sein. Sehr konzentriert betete ich voller Inbrunst zum Vater und bat in Gedanken Narcisa um Hilfe. Ich erzählte ihr von meinen bitteren Erfahrungen und meiner Absicht, den beiden zu helfen. Gleichzeitig bat ich sie, mich dabei nicht allein zu lassen.
 
Was dann geschah, hätte ich nicht erwartet.
 
Etwa nach zwanzig Minuten - ich betete immer noch - spürte ich, wie jemand meine Schulter leicht berührte. Es war Narcisa. Sie stand lächelnd neben mir und sagte:
 
»Ich hörte deinen Aufruf mein Freund und nun bin ich hier, um dir zu helfen. «
 
Meine Freude war grenzenlos. Die Gütige erfasste sofort die ernste Lage des Kranken und sagte: »Wir haben keine Zeit zu verlieren. « Als erste Maßnahme behandelte sie den Kranken mit dem magnetischen Passé. Der Kranke beruhigte sich und wurde gleichzeitig von den dunklen Gestalten abgesondert. Wie von Zauberhand entfernten sie sich von dem Kranken. Anschließend bat mich Narcisa, sie nach draußen in die Natur zu begleiten, was ich zögernd auch tat. Als sie mein erstauntes Gesicht sah, erklärte sie:
 
»Nicht nur der Mensch besitzt die Fähigkeit, Empfänger und Sender von Fluiden zu sein. Gleichermassen wirken die Kräfte der Natur in den untergeordneten Rängen verschiedener Bereiche. Für unseren Kranken nehmen wir die Hilfe der Bäume in Anspruch. Sie sind sehr wirksam. «
 
Schweigsam folgte ich ihr, wunderte mich aber über diese neue Unterweisung. Wir gelangten zu einem Ort mit stark belaubten Bäumen. Befremdet hörte ich zu, wie Narcisa seltsame, mir unverständliche Worte in den Wald rief. Nach einer Weile erschienen acht Geistwesen. Überrascht hörte ich, wie Narcisa sich bei ihnen nach Mango- und Eukalyptusbäumen erkundigte. Die Geistwesen gaben ihr die gewünschte Auskunft. Ich wusste nichts über diese Geistwesen, weshalb Narcisa mir erklärte:
 
»Die Brüder die sich gerade meldeten, sind ganz normale Diener des Pflanzenreiches. «
 
Da ich noch überraschter als vorher war, fügte sie hinzu:
 
»Wie Du feststellen kannst, gibt es im Hause des Vaters nichts, was nicht hilfreich ist. Wo der Schüler etwas lernen will, steht auch der Lehrer bereit. Wo es Not gibt, greift die göttliche Vorsehung ein. In Gottes Schöpfung ist nur einer unglücklich: Der leichtsinnige Geist, der sich der Finsternis des Bösen verschrieben hat. «
 
Narcisa bearbeitete kurz einige Substanzen, die sie aus den Eukalyptus- und Mangobäumen entnahm. Während der ganzen Nacht wurde der Kranke mit diesen Mitteln eingerieben. Die Wirkstoffe wurden durch die Atmung und durch die Haut des Kranken aufgenommen und sein Befinden besserte sich auffallend. Am frühen Morgen stellte der Arzt verblüfft fest:
 
»Während der Nacht trat eine außergewöhnliche Reaktion ein. Ein Wunder der Natur!«
 
Zélia strahlte und durch das ganze Haus ging eine Welle der Freude. Auch mich erfüllte ein tiefes Gefühl des Jubels. Dieses Erlebnis löste in meinem Inneren eine Welle der Hoffnung aus. Erstarkt erkannte ich, dass die minderwertigen Fesseln der Eifersucht, die mich bisher festhielten, für immer von mir abfielen.
 
Noch am selben Tag kehrte ich in Begleitung von Narcisa zu unserer Kolonie Nosso Lar zurück. Zum ersten Mal bewegte ich mich mittels der Levitation* fort und in Sekundenschnelle legten wir große Entfernungen zurück. Das Gefühl der Leichtigkeit war für mich überwältigend. Als ich Narcisa davon erzählte, sagte sie:
 
»In Nosso Lar wird auf diese Fortbewegungsmethode der Levitation weitgehend verzichtet, da die Mehrheit der Bewohner von Nosso Lar diese Fähigkeit noch nicht entwickelt hat. Statt der leichteren Fortbewegungsart benutzen wir auf öffentlichen Straßen den Aérobus. Hingegen wählen wir die schnellere Fortbewegung außerhalb der Stadtgrenzen, wenn es gilt, große Entfernungen in kurzer Zeit zurückzulegen. Ich freute mich und fühlte, dass die letzten Ereignisse für meine Seele eine wichtige Bereicherung darstellten. Nun konnte ich unter Narcisas Anleitung ohne nennenswerte Schwierigkeiten von den spirituellen zu den irdischen Sphären reisen. Auf diese Weise konnte die Therapie Ernestos ohne Unterbrechung fortgesetzt werden. Seine Genesung machte rasche Fortschritte.
 
Clarêncio besuchte mich täglich und zeigte sich mit meiner Arbeit sehr zufrieden.
 
Nach einer Woche war meine erste bewilligte Abwesenheit vom Dienst in der Rehabilitationsstation zu Ende und bei Zélia und Ernesto hat sich das Glück wieder eingestellt.
 
Nun war es höchste Zeit, meine Tätigkeit in der Rehabilitationsstation wieder aufzunehmen. Bei Sonnenuntergang kehrte ich nach Nosso Lar zurück. Ich hatte mich in jeder Beziehung stark verändert. In den vergangenen sieben Tagen habe ich die wertvolle Lektion des wahren Verständnisses und der wahren Brüderlichkeit nicht nur gelernt, sondern auch gelebt.
 
In diesen frühen Abendstunden führte ich Selbstgespräche und erhabene Gedanken belebten meinen Geist. Wie wunderbar war die göttliche Vorsehung! Mit welcher Weisheit stellt der Herr uns Aufgaben und schafft Bedingungen, die unser Wachstum fördern! Mit welcher Liebe kümmert er sich um die Schöpfung, dachte ich!
 
Meine schönen Gedankengänge wurden unterbro­chen, denn mehr als zweihundert Gefährten kamen mir entgegen und begrüssten mich freundlich und warmherzig. Lísias, Lascínia, Narcisa, Silveira, Tobias, Salústio und zahlreiche andere Mitarbeiter der Rehabilitationsstation waren dort versammelt. Dieser Empfang erstaunte mich und ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Dann eilte Minis­ter Clarêncio, herbei, schüttelte meine Hand und sagte:
 
»Bis heute warst du in der Kolonie mein Mündel. Doch nun erkläre ich dich im Namen der Regierung zum Bürger von Nosso Lar. «
 
Warum wird mir eine solche Ehre zuteil, da mein Sieg doch so klein war, dachte ich? Überwältigt brachte ich kein Wort heraus. Angesichts der großen Gnade, die der Herr mir erwies, warf ich mich in die Arme meines Mentors und weinte aus Dankbarkeit und Freude.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 21:27

(***)
 
GLOSSAR
 
 
Eine Erklärung von Worten und Ausdrücken, die dem Leser vielleicht nicht vertraut sind.
 
• ATMOSPHÄRISCHE LEBENSPRINZIPIEN
Lebensenergien aus der Atmosphäre.
 
• BRUDERSCHAFT DES LICHTES
Bruderschaft von Lichtwesen. Hochentwickelte Geistwesen aus den Höheren Sphären.
 
• ERDOBERFLÄCHE
Die Region, auf der inkarnierte Menschen leben.
 
• FLUIDUM, FLUIDE
Feinstoffliche Kraft. Die elektrischen, magnetischen Fluide sind Modifikationen des allgemeinen Fluidums, welches eigentlich nur ein vollkommenerer, feinerer Stoff ist, den man als selbständig betrachten darf.
 
• GEISTMISSIONARE (geistige Missionare)
Geistwesen, die mit einer bestimmten Mission beauftragt sind.
 
• GEISTWESEN
Eine nicht inkarnierte Seele.
 
• INKARNATION,
Annahme eines menschlichen Körpers.
 
• INKARNIERT, sein
Das heißt "im physischen Leib sein", noch im menschlichen Körper sein.
 
• LEVITATION:
Sich mittels der Gedanken- bzw. der Willenskraft fortbewegen.
 
• MAGNETISCHER PASSE
Feinstoffliche Heilfluide werden von einem Geistwesen in den Körper eines Heilers eingebracht, der als Vermittler dient und sie wiederum auf den erkrankten Körper des Patienten überträgt. Abgegeben werden die Fluide meistens wieder über die Hände des Heilers, die in einem knappen Abstand langsam über den betroffenen Körperstellen des Patienten bewegt werden. Derselbe Energieaustausch ist auch zwischen zwei Geistwesen möglich. Die kranken Fluiden werden durch neue, mit Vitalstoffen angereicherte Fluide ersetzt. Die übertragenen Fluiden können von den Geistwesen selbst angereichert werden. Der Passé sollte uneigennützig, also gratis gegeben werden.
 
• MAGNETISIERTES WASSER
Mit stärkenden und heilenden Fluiden angereichertes Wasser.
 
• MORADIA
Eine mit den niedrigeren Regionen sehr verbundene spirituelle Kolonie.
 
• NICHTINKARNIERT
Nicht „im physischen Leib" sein, keinen menschlichen Körper haben.
 
• „NOSSO LAR"
Eine astrale Kolonie über Rio de Janeiro, Brasilien, unsichtbar für die Menschen auf Erden.
 
• PHALANX: (griechisch)
Im Altertum leitete die Phalanx den Übergang von Einzel- zu Formationskämpfen.
 
• PRINZESSIN ISABEL.
Am 13. Mai 1888 nutzt Prinzessin Isabel, eine Anhängerin der Sklavenbefreiung in Brasilien, die Abwesenheit ihres Vaters, Dom Pedro II., um das „Goldene Gesetz", das die Freilassung aller Sklaven verfügt, zu unterzeichnen. Versklavt waren damals noch rund eine halbe Million Menschen, ein Anteil von 5,6% der damaligen Gesamtbevölkerung Brasiliens.
 
• PSYCHOGRAPHIE
Bedeutet: nach psychischem Diktat geschrieben. Das Medium leiht im Trancezustand dem Geistwesen, bzw. dem geistigen Autor Arm und Hand als Werkzeug, damit sich dieser unmittelbar - zuweilen in seiner spezifischen menschlichen Handschrift, eventuell auch in einer dem Medium unbekannten Sprache - äußern kann. Automatisches Schreiben ist eine andere Bezeichnung für diesen Vorgang und ist relativ weit verbreitet.
 
• REGION DER FINSTERNIS
Die niedrigsten Regionen, die unmittelbar an die irdische Sphäre angrenzen.
 
• REHABILITATIONSSTATION
Hier werden Geistwesen aus der Schwellenregion aufgenommen und gepflegt. Da sie sehr lichtempfindlich sind, liegt die Station im Dämmerlicht.
 
• REINKARNATION
Wiedergeburt. In einem neuen irdischen Körper geboren zu werden.
 
• REINKARNIEREN
Einen neuen physischen Körper annehmen.
 
• SAMARITER
Gruppe von helfenden Geistwesen, die in der Schwellenregion arbeitet.
 
• SCHWELLENREGION
Siehe Erklärung im Kapitel 12 dieses Buches
 
 
 
 
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