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 Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension

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BeitragThema: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 19:33



UNSER HEIM


 
(Eine Stadt in der spirituellen Dimension)
 
(Nosso Lar)
 
 
 
 
 
Eine Beschreibung des Geistwesen André Luiz vom kommenden Leben
 
 
 
 
 
 
FRANCISCO CÂNDIDO XAVIER
 
 
 
 
1999
 
 
 
 
 


 
 
 
 
 
FRANCISCO CÂNDIDO XAVIER, besser bekannt als Chico Xavier, ist ohne Zweifel einer der bekanntesten und hervorragendsten Exponenten der brasilianischen Kultur des XX. Jahrhunderts.
 
Sein Leben hat er in den Dienst seiner Nächsten gestellt, mit seiner Unterstützung wurden sehr viele soziale Projekte ins Leben gerufen und daraufhin wurde er sogar für den Friedens-Nobelpreis vorgeschlagen.
 
Als er fünf Jahre alt war, begann er Stimmen zu hören und Geister zu sehen. Von da an pflegte er einen engen Kontakt zu der geistigen Welt. Dank seiner mediumistischen Fähigkeiten haben verschiedene Geistwesen 412 Werke durch ihn geschrieben. Francisco Cândido Xaviers Schaffen als Medium ist eindrucksvoll und seine psychographierten Bücher, mit mehr als 25 Millionen verkauften Exemplaren in portugiesischer Sprache, zählen zu den Bestsellern ihrer Art.
 
Bis zu seinem Tod im Jahr 2002 wurden Gedichte, Geschichten, Romane sowie wissenschaftliche, philosophische und religiöse Bücher durch ihn geschrieben.
 
Viele seiner medial geschriebenen Bücher gehören zu den meist verkauften und dienen Theaterstücken, Filmen (u.a. "Nosso Lar", 2010), Fernsehprogrammen usw. als Grundlage.
 
 
*  *  *
 
 
Internationaler Spiritistischer Rat
 
Titel der portugiesischen Orginalausgabe: NOSSO LAR (Brasilien, 1944)
 
 
*  *  *
 
 
ANMERKUNG DES HERAUSGEBERS:
 
Die überarbeitete 2. Auflage des Buches "Nosso Lar - eine spirituelle Heimat" erscheint nun unter dem Titel:
"Unser Heim" eine Stadt in der spirituellen Dimension.
 
Der portugiesische Name der Stadt "Nosso Lar" wurde im Buch beibehalten.
 
Wir bedanken uns bei allen Lesern für die Rückmeldungen, die wir seit dem Erscheinen der Erstauflage (2008) erhielten und wünschen Ihnen eine gute Lektüre.


INHALTSVERZEICHNIS
 
Vorwort
(*)       Botschaft von Emmanuel (Geistwesen)*1
(**)     Botschaft von André Luiz
(1)      In den Niederen Sphären
(2)      Clarêncio
(3)      Das Gemeinschaftsgebet
(4)      Der spirituelle Arzt
(5)      Die Betreuung
(6)      Wertvoller Rat
(7)      Lísias Ausführungen
(Cool      Organisation der Dienste
(9)      Ernährungsfragen
(10)    Im Wald der Quellen
(11)    Nachrichten aus der Sphäre
(12)    Die Schwellenregion
(13)    Im Arbeitszimmer des Ministers
(14)    Clarêncios Ausführungen
(15)    Mutters Besuch
(16)    Vertrauliches Gespräch
(17)    Im Haus von Lísias
(18)    Liebe - Nahrung der Seele
(19)    Die Neuangekommene
(20)    Der Sinn der Familie
(21)    Fortsetzung des Gespräches
(22)    Der Stunden-Bonus
(23)    Lernen zu hören
(24)    Ergreifender Hilferuf
(25)    Wertvolle Ratschläge
(26)    Neue Aussichten
(27)    Endlich Arbeit!
(28)    Im Dienst
(29)    Franciscos Wahrnehmung
(30)    Erbschaft und Euthanasie
(31)    Vampire
(32)    Ministerin Veneranda
(33)    Seltsame Beobachtungen
(34)    Neuankömmlinge aus der Schwellenregion
(35)    Besondere Begegnung
(36)    Der Traum
(37)    Die Vorlesung der Ministerin Veneranda
(38)    Bei Tobias zu Hause
(39)    Frau Lauras Erläuterungen
(40)    Wer säet, der erntet
(41)    Aufruf zum Kampf!
(42)    Der Appell des Gouverneurs
(43)    Die Gesprächsrunde
(44)    Die Region der Finsternis*
(45)    Der Musikplatz
(46)    Das Opfer einer Frau
(47)    Frau Lauras Rückreise
(48)    Andacht in der Familie
(49)    Frau Lauras Rückkehr nach Hause
(50)    Bürger von Nosso Lar
(***)    Glossar
 
1) Im Glossar dieses Buches werden die mit * gekennzeichneten Begriffe erklärt


VORWORT
 
 
Das Geistwesen André Luiz hat durch das brasilianische Medium Francisco Cândido Xavier mittels der Psychographie2 das vorliegende Buch geschrieben. Das Original in portugiesischer Sprache wurde 1944 und die erste deutsche Übersetzung im Jahr 2008 herausgegeben.
 
In diesem Werk erzählt das Geistwesen André Luiz, was er nach dem Tod des physischen Körpers und nach dem Übergang in die spirituelle Welt (das Jenseits) erlebt hat. Der geistige Autor schreibt im Stil der 40er-Jahre, berichtet über Begebenheiten und gibt Informationen preis, wie sie zu der damaligen Zeit sowohl auf der Erde wie auch in spirituellen Kreisen aktuell waren.
 
Die vorliegende Übersetzung aus dem Portugiesischen wurde mit größter Sorgfalt erstellt, um nichts von der Essenz des Originals zu verlieren.
 
Dieses Buch ist eine Bereicherung für jeden, der erfasst hat, dass das Leben auf Erden mehr ist als nur ein Leben voller Höhen und Tiefen; bietet es doch die Gelegenheit der Wiedergutmachung begangener Fehler und Irrtümer.
 
Wir hoffen sehr, dass Sie, verehrte Leser, ebenso von der Weisheit, wie auch von der hoffnungsvollen Freude dieses Werkes bewegt und berührt werden.
 
Winterthur, Januar 2009
 
2) PSYCHOGRAPHIE: Bedeutet: nach psychischem Diktat geschrieben. Das Medium leiht im Trancezustand dem Geistwesen, bzw. dem geistigen Autor Arm und Hand als Werkzeug, damit sich dieser unmittelbar - zuweilen in seiner spezifischen menschlichen Handschrift, eventuell auch in einer dem Medium unbekannten Sprache - äußern kann. Automatisches Schreiben ist eine andere Bezeichnung für diesen Vorgang und ist relativ weit verbreitet.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 19:36

BOTSCHAFT VON EMMANUEL
(Geistwesen)*
 
 
Ein neuer Freund
 
In dem Vorwort wird meistens der Autor vorgestellt, seine Leistung wird hervorgehoben und man geht auf seine Persönlichkeit ein. Der Leser wird versuchen heraus zu finden, wer der Arzt André Luiz auf der Erde gewesen war. Vergebens! In der Anonymität liegen Einfühlungsvermögen und wahre Liebe verborgen. Es ist sogar notwendig, dass auch der geistige Verfasser dieses Buches anonym bleiben muss.
 
Zum Schutze des Geistwesens nimmt er einen anderen Namen an, um folgenschwere Verfehlungen seiner Vergangenheit unerkannt gutmachen zu können. Außerdem erlaubt es die Gnade Gottes, dass er seine Vergangenheit vorübergehend vergisst.
 
Auch André Luiz beugte sich dieser Notwendigkeit und nahm einen anderen Namen an, damit er die wertvollen Informationen an seine Brüder und Schwestern auf Erden weitergeben konnte, ohne seine Liebsten, die noch in der Illusion leben, nicht zu verletzen. Niemandem ist es erlaubt, sich über Verbliebene hinweg zu setzen und Persönliches der Öffentlichkeit preiszugeben.
 
Wir sind uns bewusst, dass dieses Buch nicht das einzige seiner Art ist und dass das Leben nach dem Tod schon von vielen Autoren beschrieben wurde. In diesem Werk stellen wir daher nicht den Arzt vor, der auf der Erde gewirkt und gelebt hat, sondern einen uns liebgewordenen und auf ewig verbundenen geistigen Freund und Bruder.
 
Seit längerer Zeit hegten wir dennoch den Wunsch, jemanden in unsere spirituellen Kreise zu holen, der seine eigenen Erfahrungen in allen Einzelheiten weitergeben würde. Jemand, der auf eine verständliche Art berichten kann über die Bemühungen und guten Absichten der Nichtinkarnierten*, während sie sich in den für Menschen unsichtbaren Sphären nahe der Erde aufhalten.
 
Mit Sicherheit werden einige Stellen im Buch dem Leser merkwürdig erscheinen, denn Ungewöhnliches ist schon mehrfach auf Unglauben gestossen. Man sollte jedoch bedenken, dass auch die Ideen des Fliegens, der Elektrizität und des Radios zu Beginn belächelt wurden.
 
Die Überraschung, das Staunen und den Zweifel erleben alle Schüler, welche die Lektion noch nicht gelernt, bzw. noch nicht erlebt haben. Das ist normal und nachvollziehbar. Zudem soll sich jeder Leser über das Gelesene seine eigene Meinung bilden, uns liegt es fern, darüber zu urteilen.
 
Unser Hauptanliegen gilt dem Zweck dieses Werkes. Der Spiritismus verbreitet sich immer weiter und Millionen von Menschen bekunden Interesse am Wesen des Spiritismus. Man möchte mehr über dessen Experimente und Methoden erfahren. Doch bei so viel Neuem sollte der Mensch sein eigenes Ziel - das spirituelle Wachstum - nicht in den Hintergrund stellen.
 
Mit Sicherheit genügt es nicht, nur mediumistische Phänomene zu untersuchen, Lippenbekenntnisse abzulegen oder Statistiken anzulegen. Ebenso sollte der Wunsch, Andersdenkende zu unterweisen und bekehren zu wollen oder die Gunst des Publikums zu gewinnen, nicht der Antrieb sein. Obwohl in irdischen Kreisen solche Absichten durchaus ehrbar sind. Unerlässlich ist es jedoch, sich unseres unendlichen Potentials bewusst zu werden und unsere Kenntnisse für das Gute einzusetzen.
 
Der Mensch ist kein von Gott vergessenes Geschöpf. Als Sein Kind, soll er die irdische Existenz als Lebensschule zu spiritueller Weiterbildung nutzen. Die Herausforderungen des Lebens sind der Weg zur Meisterschaft und dieses Buch kann ihm als Werkzeug dienen.
 
Der Kontakt zur geistigen Welt soll den erhabenen Zweck erfüllen, das wahre Christentum zu neuem Leben zu erwecken. Jeder Einzelne darf sein Dasein auf Erden nicht gering schätzen und sollte dort gedeihen, wohin der Herr ihn gestellt hat.
 
André Luiz lässt uns wissen, dass nach dem Tod des Körpers eine große Überraschung auf uns wartet: Die Begegnung mit unserem Gewissen, das uns zeigt, ob wir den Himmel errichtet oder das Fegefeuer erschaffen haben oder in qualvolle Abgründe gestürzt sind. Er möchte uns daran erinnern, dass die Erde eine heilige Werkstatt ist und dass niemand sie vernachlässigen kann, ohne einen schrecklichen Preis für seine Irrtümer zu bezahlen.
 
Lies dieses Buch und nimm seinen Inhalt in Deiner Seele auf. Sie wird Dir laut sagen, dass es nicht genügt, sich an das irdische Dasein zu klammern. Es ist notwendig, dieses Dasein richtig zu nutzen. Die Schritte eines jeden Christen sollen ihn wahrhaftig zu Christus führen, unabhängig davon, welcher Konfession er angehört. Wir benötigen den Spiritismus und den Spiritualismus, aber in erster Linie bedürfen wir der Spiritualität.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 19:38

BOTSCHAFT VON ANDRÉ LUIZ
(Geistwesen)
 
 
Das Leben hört nicht auf, es ist eine ewige Quelle. Der Tod ist nur eine Illusion. Der Fluss geht seinen Weg bevor er ins weite Meer mündet und ebenso ergeht es der Seele. Sie geht auf verschiedenen Wegen in vielen Etappen, auf denen sie um neue Kenntnissen bereichert wird. Die Seele wird in ihrem Ausdruck stärker und ihre Eigenschaften werden geläutert, bevor sie in das ewige Meer der Weisheit mündet.
 
Mit dem Abstreifen der körperlichen Hülle werden keine Schicksals- und Seinsfragen beantwortet, auch werden wir nicht erleuchtet.
 
Oh, Wege der Seele, geheimnisvolle Wege des Herzens! Es ist unabdingbar, diese Wege zu begehen bevor man dasEwige Leben findet. Auf dem langen Weg zur spirituellen Vervollkommnung ist es unerlässlich, dass Ihr Euch den persönlichen Konflikten stellt und Euch selbst in allen Einzelheiten kennenlernt. Denn es wäre leichtsinnig, zu glauben, dass der Tod alle Fragen der Ewigkeit beantwortet. Eine Existenz ist ein Akt Ein Körper - ein Gewand Ein Jahrhundert - ein Tag Eine Tat - eine Erfahrung Ein Sieg - eine Errungenschaft Der Tod - ein Atem der Erneuerung. Wie viele Existenzen, wie viele Körper, wie viele Jahrhunderte, wie viele Taten, wie viele Siege brauchen wir noch, und wie viele Male müssen wir noch sterben?
 
Überall gibt es Religionsgelehrte, die über endgültige Urteile und unabänderliche Schicksale sprechen. Viele sind in den Doktrinen bewandert, wissen jedoch nichts über die Seele!
 
Der Mensch muss sich sehr anstrengen, wenn er der Bildungsstätte des Christus Evangeliums beitreten will. Der Eintritt dort erfolgt meistens auf merkwürdige Weise: Der Mensch ist allein, der Meister steht ihm bei dem mühseligen Lehrgang zur Seite, der Unterricht findet in unsichtbaren Klassen statt, in denen er lange wortlose Dissertationen vernimmt.
 
Unsere Reise ist anstrengend und lang. Es ist unser bescheidener Versuch, Euch eine kleine Vorstellung von dieser grundlegenden Wahrheit zu geben. Danke, Freunde!
 
Wir bleiben anonym so wie die brüderliche Nächstenliebe es verlangt. Das menschliche Dasein ist immer noch wie ein zerbrechliches Gefäß, das die ganze Wahrheit noch nicht fassen kann. Wir beschränken uns deshalb auf tiefere Erfahrungen und gemeinsame Werte. Wir möchten niemanden mit der Idee der Ewigkeit abschrecken, denn zuerst muss dieses Gefäß gefestigt sein. Wir widmen diese kurze Erzählung dem wissenshungrigen Geist unserer Brüdern und Schwestern, die sich auf dem Weg zur spirituellen Erfüllung befinden und die Reife haben zu verstehen, dass der Wind nicht kontrollierbar ist und dort weht, wo er will.
 
Freunde, möge dies Papier meine Dankesworte wiedergeben, meine Sympathie und Dankbarkeit Euch gegenüber ausdrücken.
 
Meine Zuneigung und Anerkennung, meine Liebe und Freude sei Euch gewiss. Ich habe diese Gefühle für Euch im Innersten meines Herzens aufgenommen.
 
Gott beschütze uns.
 
André Luiz
(Geistwesen)
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 19:39

1)
 
IN DEN NIEDEREN SPHÄREN
 
 
Ich stand unter dem Eindruck, das Zeitgefühl verloren zu haben. Das Gespür für Ort und Raum war mir schon länger entschwunden. Obwohl ich überzeugt war, nicht mehr den Inkarnierten* dieser Welt anzugehören, fühlte ich, wie meine Lungen in langen Zügen atmeten. Seit wann war ich ein Spielball von unwiderstehlichen Kräften geworden? Es war mir unmöglich, dies zu erklären.
 
In Wahrheit fühlte ich mich wie ein vergrämter Kobold, gefangen hinter dunklen Gittern des Schreckens. Meine Haare sträubten sich, mein Herz raste und entsetzliche Ängste beherrschten mich. Viele Male schrie ich wie ein Wahnsinniger, flehte um Mitleid und klagte über die schmerzende Niedergeschlagenheit, die meinen Geist bedrückte. Wenn meine laute Stimme nicht gerade von der unerbittlichen Stille verschluckt wurde, antwortete mir noch mehr Mitleid erregenderes Wehklagen als das Meinige. Andere Male durchbrach finsteres Gelächter die Stille des Raumes. Es klang wie von einem unbekannten Leidensgenossen, der dem Wahnsinn verfallen war. Manchmal erschienen mir diabolische Gestalten, einfältige Gesichter, fürchterliche Fratzen, die mein Entsetzen noch vergrößerten.
 
Meistens lag über der Landschaft ein dichter Nebel, der ab und zu von gleißendem Licht durchdrungen wurde, als sei ein wärmender Sonnenstrahl hindurchgelangt.
 
Die seltsame Reise ging weiter. Zu welchem Ziel? Wer konnte es mir sagen? Ich wusste nur, dass ich weiter flüchtete. Die Angst trieb mich kopflos weiter. Wo waren mein Heim, meine Frau, meine Kinder?
 
Ich hatte den Orientierungssinn verloren. Bereits im Grab, losgelöst von den letzten physischen Banden, war ich nicht fähig frei zu denken, denn die Angst vor dem Unbekannten und die Furcht vor der Finsternis fraßen mich fast auf.
 
Das Gewissen quälte mich; es wäre mir lieber gewesen, nicht mehr zu existieren. Am Anfang weinte ich sehr viel. Nur in seltenen Augenblicken konnte ich mich am Segen des Schlafes erfreuen. Das Gefühl der Erleichterung wurde meist abrupt unterbrochen, weil mich ungeheuerliche Wesen mit ihrem höhnischen Lachen weckten. Erneut musste ich vor ihnen fliehen.
 
Ich bemerkte jetzt, dass eine andersartige Sphäre sich vom atmosphärischen Staub der Welt abhob. Dennoch war es mir nicht möglich, dorthin zu gelangen. Bedrückende Gedanken peinigten mich. Kaum glaubte ich eine Erklärung gefunden zu haben, trafen zahlreiche neue Umstände ein, die mich aufs Neue verwirrten.
 
Zu keinem Zeitpunkt in meinem bisherigen Leben erschienen mir Glaubensfragen so wichtig wie jetzt.
 
Die rein philosophischen, politischen und wissenschaftlichen Prinzipien erschienen mir jetzt für das menschliche Leben als zweitrangig. Sie waren das wertvolle Erbe unseres irdischen Daseins. Die Erkenntnis, dass die Menschheit nicht aus vergehenden Generationen besteht, sondern dass es sich um unvergängliche Geistwesen handelt, die sich auf dem Weg zur ruhmreichen Bestimmung befinden, drängte sich mir auf und erschien mir jetzt viel wichtiger.
 
Ich stellte fest, dass es etwas gab, das dem rein intellektuellen Verstand übergeordnet war. Dieses Etwas ist der Glaube - die göttliche Manifestation im Menschen. Entweder erfuhr ich darüber in den von solchen Schriftstellern verfassten Artikeln, die sich über die heiligen Schriften - ohne von deren Inhalt berührt zu sein oder ihr Gewissen zu prüfen - kritisch oder ablehnend äußerten. Oder ich verstand die Schriften als das Werkzeug des organisierten Priestertums. Ich habe mich zu meinen irdischen Lebzeiten nie bemüht, meine Meinung darüber, die voller Widersprüche war, zu ändern. Nach meiner Auffassung war ich kein Krimineller, doch ich hatte mich der Schnelllebigkeit hingegeben und mein irdisches Dasein war ein ganz normales gewesen. Als Sohn übermäßig freigiebiger Eltern, beendete ich mein Studium an der Universität ohne große Mühe. Ich nahm an den Lastern und Freuden der damaligen Jugend teil. Ich gründete eine Familie, hatte Kinder und bemühte mich um berufliche Sicherheit, damit meine Familie finanziell unabhängig sein konnte. Bei genauerer Prüfung meiner selbst und verstärkt durch die stillen Vorwürfe meines Gewissens, begann ich zu erahnen, dass ich die Zeit nicht richtig genutzt hatte.
 
Ich bewohnte die Erde, durfte ihre Güter genießen und nahm die Geschenke des Lebens entgegen, ohne einen Bruchteil meiner riesigen Schuld zurück zu erstatten.
 
Die Aufopferung und die Großzügigkeit meiner Eltern mir gegenüber hatte ich nie richtig zu schätzen gewusst. Ich hielt meine Frau und meine Kinder eisern im destruktiven Netz des Egoismus fest. Mein Heim blieb denjenigen verschlossen, die sich in Bedrängnis befanden und Hilfe bedurften. Ich genoss die Freuden des Familienlebens, ohne daran zu denken, diese göttliche Gnade mit der großen, menschlichen Familie zu teilen. Ich war taub für die einfachen Pflichten der Brüderlichkeit.
 
In Wirklichkeit ertrug ich die unveränderliche Wahrheit nicht. Es erging mir so wie einer Treibhausblume, wenn sie im Freien überleben muss. Ich hatte die göttlichen Keime nicht entwickelt, die der Herr des Lebens in meine Seele einpflanzte. Aus dem hemmungslosen Wunsch nach Wohlergehen heraus, hatte ich diese Keime brutal erstickt. Ich war nicht auf das neue Leben vorbereitet.
 
Es war nur gerecht, dass ich hier die Folgen meiner Verfehlungen tragen musste. Auch der unvorsichtige Wanderer, der sich in der Wüste verirrt, ist dem Sandsturm ausgesetzt.
 
Oh, liebe Freunde auf der Erde! Viele von Euch könnten den Weg voller Bitterkeit vermeiden, wenn ihr Euch auf ein Leben nach dem Tod vorbereiten würdet. Möge das Licht des Wissens Euch durchdringen, bevor Ihr die große Reise antretet. Sucht die Wahrheit, bevor die Wahrheit Euch überrascht. Bemüht Euch jetzt, damit Ihr später nicht weinen müsst.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 19:41

(2)
 
CLARÊNCIO
 
 
»Selbstmörder! Selbstmörder! Verbrecher!«
 
Solche Schreie umgaben mich von überall her. Wo waren diese gefühllosen Meuchelmörder? Manchmal sah ich sie plötzlich, wie sie sich lautlos durch die Dunkelheit schlichen, und wenn meine Verzweiflung ins Unerträgliche stieg, mobilisierte ich alle meine Kräfte und griff sie an. Meine Fäuste schlugen jedoch ins Leere: Von den im Schatten verschwindenden schwarzen Gestalten erntete ich nur sarkastisches Gelächter.
 
An wen konnte ich mich wenden? Vor meinen Augen spielten sich Szenen meines irdischen Daseins ab. Hunger und Durst quälten mich. Meine Kehle brannte wie Feuer. Der Blick auf meinen Körper verriet mir, dass mein Aussehen sich verändert hatte: Mein Bart war gewachsen und die Kleider waren zerschlissen.Das Qualvollste war indessen nicht die schreckliche Verlassenheit in der ich mich befand, sondern die unablässige Belagerung durch perverse Gestalten, die mir auf diesen verlassenen, dunklen Pfaden erschienen. Sie erzürnten mich und machten es mir unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen.
 
Ich wollte die Lage in Ruhe überdenken, suchte nach Gründen, wollte meine Gedanken von neuem ordnen. Aber diese Stimmen, dieses Gejammer, gemischt mit direkt an mich gerichteten Anschuldigungen, verwirrten mich hoffnungslos.
 
»Was suchst Du, Unseliger? Wohin gehst Du, Selbstmörder? « Diese ständig wiederholten Zurechtweisungen bedrängten mein Herz. Unselig ja, aber Selbstmörder? Niemals! Diese Vorwürfe waren ungerechtfertigt, denn ich hatte meinen physischen Körper nur gegen meinen Willen verlassen. Ich erinnerte mich ganz klar daran, wie ich im Krankenhaus um mein Leben kämpfte. Es schien mir, als hörte ich noch, was die Ärzte über meinen Gesundheitszustand sagten. Ich konnte mich sogar an die schmerzhaften Behandlungen und an die fürsorgliche Pflege erinnern, die nach der schwierigen Darmoperation für längere Zeit notwendig gewesen war. Ebenso spürte ich den Thermometer auf meiner Haut und den unangenehmen Stich der Spritze. Dann - die letzte Szene vor meinem Eintauchen in den großen Schlaf: Ich sah meine noch junge Ehefrau und meine Kinder, wie sie mit Entsetzen den Prozess der ewigen Trennung miterlebten. Danach kam das Erwachen in einer feuchten, dunklen Umgebung und die schier endlos lange Wanderung. Doch warum dann der Vorwurf des Selbstmordes, wenn ich doch gezwungen wurde, mein Heim, meine Familie und das glückliche Zusammenleben mit den Meinen zu verlassen?
 
Auch der stärkste Mensch stösst letzten Endes an seine emotionalen Grenzen. Obwohl ich anfangs tapfer und entschlossen war, versank ich für längere Zeit in einen Zustand der Mutlosigkeit. Da ich keine Ahnung hatte, wie es ausgehen würde, ertrug es mein Herz nicht mehr und die lange zurückgehaltenen Tränen begannen häufiger zu fließen.
 
An wen sollte ich mich wenden? Obwohl ich auf Erden ein gebildeter Mann war und ein breitgefächertes Wissen besaß, war ich außerstande, die jetzige Realität zu ändern.
 
In Anbetracht der Unendlichkeit waren meine Kenntnisse wie kleine Seifenblasen, die der stürmische, ganze Landschaften verwandelnde Wind, mitgenommen hatte. Ich war etwas, das vom Taifun der Wahrheit weit weg getragen wurde.
 
Obwohl ich mich fragte ob ich dem Wahnsinn verfallen sei, bemerkte ich jedoch, dass mein Bewusstsein wachsam war. Es signalisierte, dass ich immer noch ich selber war, ausgestattet mit denselben Gefühlen und Kenntnissen aus meiner physischen Existenz. Auch verspürte ich weiterhin die Bedürfnisse meines physischen Körpers. Wenngleich der Hunger an meinen Fasern nagte und die Niedergeschlagenheit immer stärker wurde, ließ ich mich nicht in die totale Erschöpfung fallen.
 
Ab und an erblickte ich schmale Rinnsale, gesäumt von wild wachsenden Pflanzen. Ich stürzte mich gierig darauf, verschlang die mir nicht bekannten Blätter und löschte meinen Durst an trüben Quellen. Wie von unwiderstehlichen Kräften getrieben, ging ich weiter. Viele Male aß ich, was auf der Strasse lag. Ich erinnerte mich dabei an das tägliche Brot aus dem 'Vater unser' und weinte bitterlich.
 
Nicht selten musste ich mich vor riesigen Herden unheimlicher Wesen verstecken, die wie wildgewordene, unersättliche Tiere an mir vorbeizogen. Es waren Erlebnisse, die mich erstarren ließen und meine Furcht ins Unermessliche steigerten.
 
In diesen Momenten begann ich mich zu erinnern, dass es einen Schöpfer des Lebens geben musste, wo immer er sich auch befand und diese Vorstellung tröstete mich. Ich, der auf Erden die Religionen verachtete, suchte jetzt den Trost des Glaubens. Als Arzt meiner Generation neigte ich dazu, alles zu verneinen, doch jetzt sah ich ein, dass diese innere Haltung geändert werden musste. Unerlässlich, dass ich den Bankrott des Egoismus, dem ich voller Stolz verfallen war, einzugestehen hatte. Es war an der Zeit, neue Verhaltensmuster zu lernen.
 
In dieser bitteren Notlage, völlig entkräftet und mit dem Gefühl vollständig am Boden zu sein, ohne die Kraft zu besitzen, jemals wieder aufstehen zu können, richtete ich mich flehend an den höchsten Schöpfer der Natur und bat ihn, mir seine väterlichen Hände entgegen zu strecken.
 
Wielangehatteichgebetet? Wieviele Stunden verharrte ich mit gefalteten Händen, wie es ängstliche Kinder tun, und trug Ihm mein Bittgesuch vor? Ich erinnere mich nur noch, dass mein Gesicht nass von Tränen war und alle meine Sinne auf die schmerzerfüllte Bitte um Hilfe ausgerichtet waren. War ich denn total vergessen worden? Auch wenn ich - noch in der Selbstgefälligkeit des menschlichen Daseins steckend - mich nicht bemühte, Gottes Lehre kennen zu lernen, war ich nicht ebenso ein Geschöpf Gottes? Warum sollte Er gerade mir nicht vergeben? Ist Er nicht der fürsorgliche Vater, der den Vögeln, die noch kein Bewusstsein besitzen, hilft, ihre Nester zu bauen? Ist Er nicht auch der gütige Vater, der die zarte Blume auf dem zerklüfteten Feld beschützt?
 
Ich gelangte zu folgender Einsicht: Um alle geheimnisvollen Schönheiten des Gebetes zu verstehen, muss man schon viel gelitten haben. Es ist notwendig, die Reue und die Erniedrigung selbst gekannt zu haben und durch unermessliches Leid gegangen zu sein, um aus dem erhabenen Kelch der Hoffnung trinken zu dürfen.
 
In diesem Augenblick der Erkenntnis lichtete sich der dichte Nebel um mich und ein Bote des Himmels erschien. Es war ein netter alter Mann, der mich väterlich anlächelte. Er beugte sich vor, schaute mich mit seinen klaren Augen an und sagte:
 
»Mut, mein Sohn. Der Herr verlässt dich nicht. « Erneut musste ich bitterlich weinen und wollte meiner Freude und Ergriffenheit Ausdruck verleihen. Ich wollte über den empfangenen Trost sprechen, doch trotz meiner Anstrengung gelang es mir nicht und ich konnte nur stammelnd fragen:
 
»Wer seid Ihr, barmherziger Botschafter Gottes? « Der unerwartete Wohltäter lächelte gütig und antwortete: »Du kannst mich Clarêncio nennen. Ich bin Dein Bruder. «
 
Als er meine Erschöpfung und Erschütterung bemerkte, fügte er hinzu:
 
»Jetzt beruhige Dich. Du musst Dich ausruhen, damit Du wieder zu Kräften kommst. «
 
Schnell rief er zwei Gefährten, die sich als seine Diener erwiesen, und sprach:
 
»Leisten wir unserem Freund Erste Hilfe. « Ein weißes Leinentuch wurde ausgelegt. Es ersetzte eine Bahre und beide Helfer machten sich bereit, mich wegzutragen. Als sie mich sorgfältig aufhoben, überlegte Clarêncio einen Augenblick und sprach, als ob er sich gerade einer unaufschiebbaren Aufgabe erinnerte:
 
»Halten wir uns nicht länger auf. Wir müssen Nosso Lar so rasch wie möglich erreichen. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 19:43

3)
 
DAS GEMEINSCHAFTSGEBET
 
 
Die zwei Helfer trugen mich fort. Auf dem Weg bot sich mir eine wunderschöne Aussicht, die wie Balsam auf meine Seele wirkte. Clarêncio, der sich auf einen Stock aus einer leuchtenden Substanz stützte, hielt vor einem Tor, das in von schönen, lieblichen Kletterblumen bedeckten, hohen Mauern eingelassen war. Er berührte eine Stelle an der Mauer, worauf eine breite Öffnung sichtbar wurde. Lautlos gingen wir hindurch. Sanfte Helligkeit durchflutete alles. In der Ferne leuchtete ein besonderes Licht, anzusehen wie ein großartiger Sonnenuntergang. Wir gingen weiter und ich konnte prächtige Gebäude in ausgedehnten Gartenanlagen ausmachen.
 
Auf ein Zeichen von Clarêncio hin setzten die Begleiter die improvisierte Tragbare sorgsam auf den Boden. Vor meinen Augen erschien die Tür zu einem weißen Gebäude, das wie ein Krankenhaus auf der Erde aussah.
 
Dem Ruf meines Wohltäters folgend, eilten zwei in weisses Leinengewand gekleidete junge Pfleger herbei. Sie legten mich sanft auf ein Notbett. Bevor sie mich sorgfältig in das Innere des Gebäudes brachten, hörte ich, wie Clarêncio ihnen freundlich Anweisungen gab:
 
»Bringt unseren Schützling im Pavillon dort rechts unter. Ich werde jetzt erwartet, morgen früh komme ich ihn besuchen. «
 
Ich blickte Clarêncio voller Dankbarkeit nach. Dann wurde ich in ein gemütliches, großes und geschmackvoll eingerichtetes Zimmer gebracht, wo ein bequemes Bett für mich bereit stand. Meinen beiden Pflegern unendlich dankbar, versuchte ich mit ihnen zu sprechen:
 
»Freunde, könnt Ihr mir sagen in welcher neuen Welt ich mich befinde? Welcher Stern sendet solch wohltuendes und helles Licht auf mich herab? «
 
Einer der beiden berührte sanft meine Stirn und erwiderte:
 
»Wir befinden uns in spirituellen Sphären nahe der Erde. Die Sonne die hier scheint, ist die gleiche, die unseren physischen Körper belebte. Da wir jetzt über eine stärkere optische Wahrnehmung verfügen, erkennen wir, dass sie viel wichtiger und schöner ist, als wir es uns jemals vorstellen konnten, als wir noch auf der Erde weilten und unsere Arbeit in ihrem Glanz verrichten durften. Unsere Sonne ist die göttliche Quelle des Lebens und das von ihr ausstrahlende Licht stammt vom Schöpfer selbst. «
 
Ich empfand unendlichen Respekt für unseren Herrn. Gebannt schaute ich auf das sanfte Licht, das den Raum erhellte.
 
Ich dachte nach und stellte fest, dass ich während meiner irdischen Tage meine Blicke nie der Sonne zuwandte. Auch hatte ich nie über die großartige Liebe desjenigen nachgedacht, der sie uns schenkte, damit sie uns auf unserem unendlichen Lebensweg begleiten kann. Ich war überglücklich wie ein Blinder, der nach vielen Jahrhunderten der Dunkelheit seine Augen für die überragende Natur öffnen konnte.
 
Zu diesem Zeitpunkt brachten mir meine beiden Pfleger einen Teller warmer Suppe und frisches Wasser. Ich spürte etwas sonderbar Wohltuendes, so als ob es ein göttliches Fluidum enthielte. Bereits eine kleine Menge davon bewirkte, dass meine Kräfte plötzlich wieder hergestellt wurden.
 
Auch konnte ich nicht sagen, woraus die Suppe bestand: Ob es eine Speise mit beruhigender Wirkung, oder ein Heilmittel war. Ich fühlte, wie neue Energien meine Seele durchdrangen und wie mich starke Gefühle einnahmen.
 
Wenig später sollte ich jedoch eine weitere angenehme Überraschung erleben. Eine Melodie voll wunderbarer, harmonischer Töne, in höhere Sphären emporsteigend, erfüllte den Raum und berührte mich zutiefst.
 
Meinen fragenden Blick deutend, erklärte einer der an meiner Seite stehenden Pfleger freundlich:
 
»Die Dämmerung naht. In Nosso Lar, einer für Christus arbeitenden Übergangsstätte, sind in den Abendstunden alle Sektoren direkt mit der Gebetszentrale am Sitz der Regierung vernetzt. «
 
Die Musik wurde leiser und verstummte schließlich. Der Pfleger stand auf und sagte zu mir:
 
»Friede sei mit Dir. Ich werde nach dem Gebet zurückkommen. «
 
Da verspürte ich eine innere Unruhe. »Könnte ich Dich nicht begleiten? «, bat ich ihn eifrig »Du bist noch sehr schwach«, erklärte er gutmütig, »aber wenn Du Dich bereits besser fühlst...«
 
Die Melodie hatte eine aufbauende Wirkung auf meine Kräfte. Meine Schwäche überwindend, stand ich auf und stützte mich auf den Arm meines Pflegers. Schwankend erreichte ich einen riesigen Saal, in dem sich eine große Anzahl von Meditierenden versammelt hatte.
 
Vom hell leuchtenden Gewölbe hingen zierliche Girlanden aus Blüten herab, die bis zum Boden reichten. Sie symbolisierten strahlende Symbole höherer Spiritualität. Derweil sich niemand für meine Anwesenheit zu interessieren schien, konnte ich mein Staunen kaum verbergen.
 
Als ich sah, dass die Anwesenden ihre ganze Aufmerksamkeit auf etwas richteten, hatte ich Mühe, die zahlreichen Fragen, die aus meinem Inneren aufkamen, nicht zu äußern. Plötzlich sah ich im Hintergrund ein wunderbares Bild entstehen. Dank fortschrittlichster Technologie konnte ein herrlicher Tempel aus strahlendem Licht auf eine riesige Leinwand projiziert werden. Von einem Lichtschein umhüllt, saß an einem hoch gelegenen Platz ein weiser, alter Mann. Er war in ein strahlend weißes Gewand aus reinem Licht gekleidet. Seine Augen gen Himmel gerichtet, betete er. Eine Stufe tiefer saßen zweiundsiebzig Gestalten, die in respektvoller Stille verharrten. Sehr zu meinem Erstaunen bemerkte ich, dass Clarêncio zu dieser Gruppe gehörte. Ich berührte den Arm meines neuen Freundes. Er hatte wohl bereits geahnt, dass ich ihm viele Fragen stellen wollte, darum flüsterte er mir mit gedämpfter Stimme zu:
 
»Dank den audio-visuellen Geräten, die in den Wohnungen und Einrichtungen dieser Kolonie verfügbar sind, können alle mit dem Gouverneur beten. Preisen wir das unsichtbare Herz des Himmels. «
 
Nach seiner Erläuterung begannen die zweiundsiebzig Gestalten ihre Stimmen zu einer harmonischen Hymne unbeschreiblicher Schönheit zu erheben. Ich schaute zu Clarêncio hinüber und bemerkte, dass sein Antlitz von einem noch strahlenden Licht als sonst umhüllt war.
 
Das himmlische Loblied, die engelhaften Klänge schwebten im Raum und verbreiteten geheimnisvolle Schwingungen des Friedens und der Freude. Als die hellen Klänge in ein bezauberndes Staccato übergingen, erschien auf einer entfernten, höheren Ebene ein wunderbar leuchtendes, golden gestreiftes, blaues Herz3.
 
3) Symbolisches Bild entstanden durch mentale Schwingungen, die von den Bewohnern von Nosso Lar ausgesandt wurden. (Anmerkung des geistigen Verfassers dieses Werkes)
 
Als Antwort auf die Lobpreisungen ertönte sogleich, ebenfalls aus höheren Sphären, bezaubernde Musik und blaue Blumen schwebten auf uns nieder. Es gelang uns nicht, die himmlischen Vergissmeinnicht mit den Händen aufzufangen, denn die winzigen, leichten Blumen lösten sich beim Berühren sofort auf. Jedoch jeder Kontakt erfüllte mein Herz mit großem Glück und half auf faszinierende Art, meine Energie zu erneuern. Als das erhabene Gebet zu Ende war, kehrte ich, gestützt und begleitet von meinem Freund, in mein Zimmer zurück. Ich war jedoch nicht mehr der Kranke von vorhin. Das erste gemeinsame Gebet in Nosso Lar hatte mich vollständig verwandelt. Unverhoffter Trost besänftigte meine Seele. Nach den vielen Leidensjahren konnte sich das von Sehnsucht gequälte Herz, gleich einem Kelch der lange Zeit leer war, wieder mit dem edlen Tropfen der Hoffnung füllen.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 19:44

(4)
 
DER SPIRITUELLE ARZT
 
 
Ich hatte einen erholsamen Schlaf und am darauf folgenden Tag schien die Sonne. Ihre freundlichen Strahlen waren ein Segen für mein gequältes Herz. Durch das breite Fenster durchflutete wohltuendes, sanftes Licht den Raum. Ich spürte, dass sich etwas verändert hatte. Neue Energien durchströmten mein Inneres und verhalfen mir zu neuer Lebensfreude.
 
Dennoch gab es in meiner Seele noch einen dunklen Schatten: Die Sehnsucht nach meinem Heim, nach meiner Familie, die weit weg war. Unzählige Fragen schwirrten noch durch meinen Kopf. Mein Geist beruhigte sich jedoch schnell wieder, denn er hatte hier schon sehr viel Gutes erfahren.
 
Ich wollte aufstehen um das Schauspiel der Natur, die sanfte Brise und das Licht zu genießen, aber ich schaffte es nicht. Es war mir anscheinend noch nicht möglich, ohne die Unterstützung der Pfleger das Bett zu verlassen.
 
Ich konnte mich noch von allen Überraschungen erholen, als die Tür sich öffnete und Clarêncio eintrat. Ihn begleitete ein sehr freundlich wirkender Unbekannter. Beide begrüßten mich herzlich und wünschten mir Frieden. Als mein Wohltäter vom vorherigen Tag nach meinem allgemeinen Zustand fragte, eilte ein Pfleger herbei und gab ihm Auskunft. Mit einem Lächeln stellte mir Clarêncio seinen in weiß gekleideten Begleiter vor. Es war Bruder Henrique de Luna von der ärztlichen Abteilung der spirituellen Kolonie. Seine Art war mir sehr sympathisch. Er begann mich gründlich zu untersuchen und offenbarte mir bald:
 
»Schade, dass Du durch Selbstmord zu uns gekommen bist.«
 
Clarêncio blieb gelassen, ich aber spürte eine große Empörung in mir aufsteigen. Selbstmord?! Schon die perversen Geistwesen der Dunkelheit machten mir diesen haltlosen Vorwurf! Obwohl ich meinem Wohltäter zu Dank verpflichtet war, konnte ich diese Anschuldigung nicht ohne Kommentar hinnehmen. Gekränkt beteuerte ich, dass es sich um ein Missverständnis handeln müsse. Selbstmord sei nicht meine Todesursache gewesen! Ich habe im Krankenhaus hart mit dem Tod gerungen und mich infolge eines Darmverschlusses zwei schweren Operationen unterziehen müssen.
 
»Ja«, erwiderte der Arzt mit derselben freundlichen Gelassenheit.
 
»Vielleicht ist es Dir nicht bewusst, aber Dein Organismus zeigt in aller Deutlichkeit wie Du auf der Erde gelebt hast. Darum lässt es sich feststellen, dass die wahre Ursache für Deinen Darmverschluss einen tieferen Grund hatte. «
 
Sich behutsam über meinen Körper neigend, zeigte er auf bestimmte Punkte.
 
»Werfen wir einen Blick auf die Gedärme. Der Darmverschluss wurde zwar von Krebserregern verursacht, ursächlich jedoch von einer Syphilis, an der unser lieber Bruder wegen seines leichtsinnigen Verhaltens erkrankt war. Die Krankheit wäre vielleicht nicht lebensgefährlich verlaufen, wenn Dein mentales Verhalten während Deiner irdischen Existenz den Prinzipien von Brüderlichkeit und Mäßigung entsprochen hätte. Aber durch Deine manchmal düstere, häufig aufbrausende Lebensart, nahmst Du destruktive Energien aus Deinem Umfeld auf. «
 
»Hättest Du gedacht, dass Zorn gegen uns selbst eine Quelle von negativen Energien sein kann? Das Fehlen der Selbstkontrolle, der gedankenlose Umgang mit Deinesgleichen, die Du häufig, wenn auch unbewusst, gekränkt hast, brachte Dich vielfach in Kontakt mit kranken und niedrigen Geistwesen. Diese Umstände trugen dazu bei, dass Dein Gesundheitszustand sich drastisch verschlimmerte.
 
Wusstest Du, mein Freund, dass wegen Deiner schlimmen Missachtungen der heiligen Gaben des Lebens Deine Leber Schaden genommen hatte und Deine Nieren vernachlässigt wurden? «
 
Ein seltsames Gefühl der Enttäuschung überfiel mich. Er schien jedoch mein Unbehagen nicht zu bemerken. Seine Untersuchung war nun abgeschlossen und er setzte seine sachlichen Erläuterungen fort:
 
»Die göttliche Vorsehung hat die Organe des physischen Leibes mit außerordentlich großzügigen Reserven ausgestattet. Statt dass Du dies nutztest, bist Du verschwenderisch mit den wertvollen Erbanlagen, die Dir ins Leben mitgegeben wurden, umgegangen. Leider bist Du nicht über den Versuch hinausgekommen die umfangreichen Aufgaben, die Dir führende Geistwesen der höheren geistigen Sphären anvertraut hatten, zu erfüllen. Dein ganzer Verdauungstrakt wurde infolge von scheinbar harmlosem, übermässigem Essen und Alkohol-Konsum, zerstört. Die Syphilis hat alle Deine Energien vernichtet. Wie Du siehst, ist Dein Selbstmord unbestreitbar. «
 
Erschüttert von dieser Diagnose, dachte ich über mein Verschulden und über die nicht genutzten Gelegenheiten nach. Während meines physischen Lebens hatte ich mich immer wieder hinter neuen, den Umstände entsprechenden Ausreden verstecken können. Ich hätte nie vermutet, dass von mir über ganz alltägliche, für mich belanglose Ereignisse, eines Tages Rechenschaft gefordert werden könnte. Bis dahin verstand ich unter menschlichen Entgleisungen das, was die geltende Kriminologie lehrte und unbedeutende Verstöße gegen das Gesetz sah ich als etwas ganz Natürliches. Nun erfuhr ich, wie begangene Fehler in anderer Weise wirken und im Nachhinein festgestellt werden können.
 
Ich stand nicht vor einem Foltertribunal oder wurde in einen höllischen Abgrund gestürzt. Nein - es waren die gutmütig lächelnden Wohltäter, die mich auf meine Schwachstellen hinwiesen, wie man es mit verirrten Kindern tut, die sich der Obhut der Eltern entzogen haben. Ihr spontanes Interesse verletzte meine persönliche Eitelkeit. Wäre ich von diabolischen, mit Dreizack ausgerüsteten, mich folternden Gestalten verurteilt worden, so hätte ich vielleicht alles daran gesetzt, mich zu verteidigen. Aber die grenzenlose Güte Clarêncios, die fürsorgliche Zuwendung des Arztes und die Ruhe des Pflegers, berührten meine Seele.
 
Ich war fassungslos und beschämt. Das Gesicht in den Händen haltend, weinte ich hemmungslos wie ein verstörtes, unglückliches Kind, ob der vermeintlich für immer verpassten Gelegenheit der Wiedergutmachung meiner Fehltritte.
 
Ich konnte Henrique de Luna nicht widersprechen, denn seine Feststellung war richtig. Es blieb mir nichts anderes übrig, als das Ausmaß meines Leichtsinns früherer Zeiten voll anzuerkennen. Die falsch verstandene, stolz interpretierte persönliche Würde wich jetzt der Gerechtigkeit. Aus spiritueller Sicht gab es jetzt nur noch die unangenehme Realität: Ich war tatsächlich ein Selbstmörder. Die wertvolle Gelegenheit, in einer physischen Existenz zu reifen, hatte ich nicht zu nutzen verstanden. Ich war ein Gestrandeter, den man aus Barmherzigkeit aufgenommen hatte.
 
Clarêncio nahm auf meinem Bett Platz. Wie ein Vater strich er durch meine Haare und sprach mit sanfter Stimme:
 
»Mein Sohn, beklage Dich nicht. Ich durfte Dich nämlich dort herausholen, weil die Fürbitte Deiner Lieben für Dich in den Höheren Sphären erhört wurde. Wenn Du weinst, macht es sie traurig. Möchtest Du ihnen nicht lieber Deine Dankbarkeit zeigen, indem Du in Ruhe Deine Irrtümer prüfst? In Wahrheit bist Du ja ein unbewusster Selbstmörder. Trotzdem ist es wichtig zu wissen, dass Hunderte von Geschöpfen täglich unter den gleichen Umständen die Erde verlassen.
 
Komm zur Ruhe und nutze jetzt das kostbare Gut der Reue. Du erhältst die Gnade, Deine schlechten Taten - wenn auch spät, zu bereuen. Nimm diese Gelegenheit wahr und denke daran, dass Verzweiflung die Probleme lösen kann. Vertraue dem Herrn und auf unsere brüderliche Hilfe. Versuche Deine verstörte Seele zur Ruhe zu bringen, denn viele von uns sind den gleichen Weg gegangen wie Du. «
 
Diese Worte der Zuneigung und des Verständnisses berührten mich sehr.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:03

(5)
 
DIE BETREUUNG
 
 
»Bist Du Clarêncios Schützling? «, fragte ein junger Mann mit einem charakterstarken, doch gleichzeitig auch sehr sanften Gesichtsausdruck. In seiner Hand hielt er eine Tasche, die vermutlich Medizinisches enthielt. Er begrüßte mich lächelnd und ich nickte ihm zu. Freundlich stellte er sich vor:
 
»Ich bin Lísias, mein Bruder. Mein Vorgesetzter, der Assistenzarzt Henrique de Luna, hat mich beauftragt Dich während der Behandlungszeit zu betreuen. «
 
»Bist Du ein Krankenpfleger? «, fragte ich.
 
»Ich bin ein Betreuer aus der Gesundheitsabteilung. In dieser Funktion helfe ich nicht nur im Pflegedienst, sondern schreibe auch auf, wo Hilfeleistungen erforderlich sind oder treffe Vorkehrungen für neu ankommende Kranke. «
 
Er bemerkte mein Erstaunen und erklärte: »In der Kolonie Nosso Lar gibt es viele, welche die gleiche Aufgabe wie ich ausüben. Mein Freund, Du bist gerade erst angekommen und deshalb ist es natürlich, dass Du das Ausmaß unserer Aktivitäten noch nicht erkennst. Damit Du Dir ein Bild davon machen kannst, sollte ich vielleicht erwähnen, dass allein in dieser Krankenstation mehr als tausend spirituell Erkrankte behandelt werden. Ich sollte auch darauf hinweisen, dass dieses Gebäude noch eines der kleinsten unseres Krankenhauses ist. «
 
»Das ist ja wunderbar! «, sagte ich. Ich wollte ganz spontan meinen Dank und Lob aussprechen, aber Lísias bemerkte es und kam mir zuvor. Er stand von seinem Sessel auf und begann, aufmerksam meinen Körper abzuhorchen.
 
»Außer den Wunden in der Darmregion sind Spuren des Krebses deutlich zu sehen. Ein Leberriss und die frühzeitigen Ermüdungserscheinungen der Nieren vervollständigen das Bild. «
 
Wohlwollend ergänzte er: »Weiß mein Bruder was das bedeutet? « »Ja«, sagte ich, »der Arzt erklärte gestern, dass ich diese Schäden selbst zu verantworten hatte. «
 
Als er sah, dass dieses Geständnis mir nicht leicht fiel, sagte er tröstend:
 
»In der Gruppe von achtzig Kranken die ich täglich betreue, befinden sich siebenundfünfzig in der gleichen Situation wie Du. Vielleicht weißt Du es noch nicht, aber hier werden auch Behinderte aufgenommen. Kannst Du Dir vorstellen, dass hier Menschen sind, deren Augenhöhlen leer sind, weil sie ihre Augen in leichtsinniger Weise nur auf Böses ausgerichtet hatten? Oder dass Übeltäter hier sind, welche die Gabe, schnell laufen zu können, für kriminelle Zwecke missbrauchten und jetzt gelähmt oder manchmal gar ohne ihre Beine hierher gebracht wurden? Oder auch andere beklagenswerte Menschen, deren Wahnsinn auf ihre sexuelle Besessenheit zurückzuführen ist?« Er sah meine Betroffenheit und fügte hinzu:
 
»Die Bewohner von Nosso Lar sind nicht das, was man mit Ruhm bedeckte Geister, nennen kann. Dennoch schätzen wir uns glücklich, dass der Herr uns das gesegnete Brot der Arbeit nicht entzogen hat und wir einer Beschäftigung nachgehen dürfen. Die Freude darüber ist überall zu spüren«
 
Die etwas längere Pause nutzend, bat ich vorsichtig:
 
»Mein Freund, ich bin entspannt und ruhig. Bitte fahre mit Deinen Erläuterungen fort. Ist das hier nicht die himmlische Abteilung der Auserwählten? «
 
Lísias lächelte und erklärte:
 
»Denken wir an die alte Lehre, die besagt, dass 'Viele berufen, aber auf der Erde nur wenige auserwählt sind'. «
 
Sein Blick schweifte in die Ferne. Sich an seine Erfahrungen erinnernd, ergänzte er:
 
»Die Religionen auf dem Planeten laden die Menschen ein, am himmlischen Festmahl teilzunehmen. Keiner, der einmal mit Gott in Berührung gekommen ist, kann mit gutem Gewissen behaupten, er wisse nicht Bescheid. Mein Freund, unzählig sind die Berufenen, aber wo bleiben diejenigen die dem Ruf nachkommen? Von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen, bevorzugt ein großer Teil der Menschheit eine andere Art von Einladung. Das Abschlagen der Einladung zur Berufung hat zur Folge, dass wir vom Weg des Guten abkommen und dass immer mehr Menschen ihren negativen Neigungen verfallen. Der physische Körper wird durch unüberlegte, schädliche Handlungen leichtfertig beschädigt, wenn nicht gar vernichtet. Mit dem Ergebnis, dass täglich Millionen von Menschen in quälender Unkenntnis ihres Zustandes den Körper verlassen. Ganze Scharen von Wahnsinnigen, Kranken und Unwissenden, irren in den Gegenden nahe an der Erdoberfläche* umher. «
 
Er sah, wie erstaunt ich war und fragte mich: »Hast Du etwa geglaubt, dass der Tod des Körpers Wunder bewirken kann? Ganz im Gegenteil: Mühselige und strenge Arbeit erwartet uns und nicht nur das: Wenn wir auf Erden Schuld auf uns geladen haben werden wir verpflichtet - ungeachtet des spirituellen Fortschrittes, den wir erlangt haben -, dorthin zurückzukehren, um im weltlichen Schweiss diese Schuld abzugelten, die Fesseln des Hasses zu lösen und sie durch die Liebe zu ersetzen. Denn es wäre keinesfalls gerecht, die Wiedergutmachungsarbeit, die uns selbst zusteht, auf andere abwälzen zu wollen. Wir sind die Berufenen, mein Lieber «, sagte er kopfschüttelnd. » Der Herr vergisst niemanden, doch selten erinnern sich die Menschen Seiner. «
 
Angesichts solcher edlen Einsichten über Eigenverantwortung schämte ich mich meiner Fehltritte.
 
»Ich war ein sehr schlechter Mensch! « sagte ich zu Lísias.
 
Aber bevor ich weiter sprechen konnte, unterbrach mich Lísias sanft.
 
« Sei jetzt ruhig, konzentrieren wir uns auf die wartende Arbeit. Wenn man wahrhaftig bereut, muss man auch sorgfältig die richtigen Worte wählen, damit etwas Neues aufgebaut werden kann. «
 
Lísias unterzog mich einer Behandlung mit magnetischen Fluiden (magnetischer Passé*). Und nachdem er die Wunden im Bauchbereich versorgt hatte, erklärte er.
 
»Nun hast Du gesehen, wie die krebskranke Zone versorgt wird. Die medizinische Behandlung, mit Würde ausgeübt, ist ein Akt der Liebe und kann beim Genesungsprozess helfen. Doch letztendlich ist die Genesung die Aufgabe jedes Einzelnen.
 
Mein Bruder, Du bist hier herzlich willkommen und nach einer Weile wirst Du dich so stark fühlen wie zu den schönsten Zeiten Deiner irdischen Jugend. Du wirst viel arbeiten und ich glaube, dass Du einer der besten Mitarbeiter unserer Kolonie sein wirst. Aber die Ursache Deines schlechten Befindens wird solange bestehen bleiben, bis die Keime, die der göttlichen Gesundheit Schaden zugefügt haben, ausgemerzt sind. Du hast jetzt begriffen, dass sie wegen Deiner leichtsinnigen, unmoralischen Lebensführung und durch Deine übermäßige Sucht nach Genuss in Deinem Körper entstanden waren.
 
Wenn wir auch unseren physischen Körper ausbeuten, so ist er doch stets das begnadete Werkzeug, das uns zu vollständigen Heilungen verhelfen kann, wenn wir es richtig anzuwenden wissen. «
 
Ich dachte über das Gehörte und die göttliche Gnade nach. Überwältigt von all dem, begannen meine Tränen zu fließen. Lísias indessen beendete in Ruhe die Behandlung und meinte:
 
»Wenn Tränen nicht durch Zorn ausgelöst werden, haben sie eine reinigende Wirkung. Weine nur, mein Freund. Erleichtere Dein Herz. Seien wir dankbar für die mikroskopisch kleinen Zellen, die Teil unseres physischen Körpers sind. Obwohl unscheinbar, sind sie wertvoll und wichtig. Denke daran wie viele Jahrtausende wir für unsere Wiedergutmachung brauchen würden, wenn diese Zellen in ihrer unentwegten Dienstbereitschaft uns nicht den Boden zur Korrektur unserer Fehler anböten. «
 
Herzlich verabschiedete sich Lísias.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:06

(6)
 
WERTVOLLER RAT
 
 
Am nächsten Tag nach dem Abendgebet besuchten mich Clarêncio und ein höflicher Betreuer. Clarêncios gütiges Gesicht strahlte freudig. Er umarmte mich und fragte nach meinem Gesundheitszustand. Seine Herzlichkeit rührte mich. Es ist schade, dass auf Erden solche freundschaftlichen Bezeugungen oft missverstanden werden. Beide machten es sich an meiner Seite bequem und meiner Gewohnheit folgend, begann ich von meinen Leiden zu erzählen:
 
»Ich gebe zu, dass es mir besser geht. Dessen ungeachtet plagen mich starke Schmerzen im Darmbereich und mein Herz wird von beklemmenden Gefühlen bedrängt. Ich hätte nie vermutet, dass es für mich zu einer so großen Belastung werden könnte. Ach, meine Freunde, wie schwer ist die Bürde meiner Verfehlung und jetzt, da ich wieder klar denken kann, scheint es mir, als zehrten die Schmerzen die noch übrig gebliebenen Kräfte auf. «
 
Clarêncio hörte aufmerksam zu. Er zeigte für mein Klagen großes Interesse, machte aber keine Anstalten meinen Redefluss zu unterbrechen. Das machte mir Mut und ich fuhr fort:
 
»Außerdem leide ich an gewaltigem moralischem Schmerz. Nachdem nun die äußerlichen Qualen, dank der mir erwiesenen Hilfe, langsam heilen, beginnen mich jetzt die inneren Konflikte aufzuwühlen. Wie ist es um meine Frau und Kinder bestellt? Hat sich mein Erstgeborener so entwickelt, wie ich es mir vorstellte? Meine unglückliche Zélia hat mir wiederholt gesagt, dass sie aus Sehnsucht sterben würde, wenn ich sie verlasse. Was für eine wundervolle Gefährtin ich in ihr hatte! Ich spüre immer noch ihre Tränen, die sie in den letzten Augenblicken meines physischen Lebens vergoss. Wann trat die Trennung von meiner Familie ein? Es ist ein Alptraum! Anhaltende Qualen haben mein Zeitgefühl wie ausgelöscht. Wo ist meine arme Frau? Beugt sie sich über mein Grab und weint? Oder weint sie irgendwo in der dunklen Zone des Todes? Mich belasten diese Sorgen fürchterlich! Was für ein schreckliches Schicksal erleidet ein Mann, der alles für seine Familie getan und für sie gelebt hat. Ich glaube, dass nur wenige Menschen so leiden mussten wie ich! Auf Erden gibt es nichts anderes als Widrigkeiten, Enttäuschungen, Krankheiten, Unverständnis und Verbitterung. Manchmal werden sie von zu seltenen Augenblicken der Freude unterbrochen. Danach kommt der schmerzhafte Tod des Leibes, gefolgt von den Qualen im Jenseits. Was ist also das Leben? Besteht es aus aufeinander folgenden Entbehrungen und Tränen? Wird es uns je möglich sein den Frieden zu erlangen? Auch wenn ich mich anstrenge, zuversichtlich zu sein, fühle ich, wie das Bewusstwerden meines Unglücks meinen Geist einengt und mein Herz gefangen nimmt. Was für ein unglückliches Schicksal, gütiger Wohltäter!«     himmels-engel.de
 
Meine erschütternden Klagen und meine mentale Einstellung lösten eine Flut von Tränen bei mir aus.
 
Clarêncio aber stand seelenruhig auf und sagte zu mir:
 
»Mein Freund, möchtest Du wirklich spirituell geheilt werden? « Ich bejahte es.
 
» Also, dann solltest Du zunächst vermeiden zu viel über Dich und Dein Leiden zu sprechen. Sich zu beklagen ist ein Zeichen von lang andauernder mentaler Störung, die sich sehr schwer behandeln lässt. Unerlässlich ist es, neuen Gedanken Platz zu machen und bei Äußerungen Zurückhaltung zu üben. Wenn wir der Sonne des Herrn gestatten, sich in uns zu offenbaren, wird sich die innere Harmonie einstellen. Ferner sollen wir uns darum bemühen, die Kraft richtig einzuschätzen, die gebraucht wird um die uns gestellten Aufgaben zu bewältigen. Wir müssen erkennen, dass das spirituelle Wachstum mit Leiden verbunden ist und herausfinden, wo die Seele mit Blindheit geschlagen ist.
 
Je länger Du über Deine persönlichen, schmerzlichen Gefühle sprichst, desto hartnäckiger bleibst Du an Deinen kleinlichen Erinnerungen hängen. Sei versichert, dass derselbe fürsorgliche Vater, der über Dich wacht und der Dir aus Liebe ein Obdach in dieser Kolonie angeboten hat, sich auch um Deine irdischen Verwandten kümmert. Wir sollten unsere Familien als eine heilige Institution betrachten, ohne dabei zu vergessen, dass sie Teile der universellen Familien sind, die unter die Göttliche Obhut gestellt sind. Wir stehen Dir beim Lösen der aktuellen Probleme bei und werden Dir helfen, Projekte für die Zukunft zu entwerfen. Wir haben aber keine Zeit, uns erneut mit nutzlosen Klagen zu befassen. Angesichts der unendlichen Liebe, die die Göttliche Vorsehung verströmt und im Bewusstsein, dass wir noch mit Schulden belastet sind, fühlen wir uns in dieser Kolonie verpflichtet, auch die härteste Arbeit anzunehmen. Sie ist eine gesegnete Gelegenheit, uns zu verbessern. Wenn Du weiterhin hier bleiben möchtest, musst Du anfangen richtig zu denken. «
 
Ich verstummte und schämte mich für meine Schwäche. Vom freundlichen Wohltäter zur Vernunft gerufen, musste ich mich von nun an anders verhalten.
 
»Als Du noch im physischen Körper warst, « sprach Clarêncio weiter, »bemühtest Du Dich nicht, aus gewinnbringenden Situationen Vorteile zu erlangen? Freutest Du Dich nicht auf die ehrlich erworbenen Mittel, die Deiner Familie zu Gute kamen? Hast Du Dich nicht auch um eine gerechte Entlohnung bemüht, die es Dir erlaubte, die Wünsche Deiner Familie zu erfüllen? Hier läuft es nicht anders, allerdings gibt es einige wichtige Unterschiede: Auf der Erde gelten Vereinbarungen, finanzielle Absicherungen. Hier gelten nur die Arbeit und die wahren Errungenschaften des unsterblichen Geistes. Der Schmerz ist für uns eine Gelegenheit uns zu vervollkommnen und der Kampf ist der Weg, der zur göttlichen Verwirklichung führt. Verstehst Du den Unterschied? Bei der Aufforderung an die Arbeit zu gehen, legt sich der Schwache hin und beklagt sich. Der Starke hingegen sieht in der Arbeit ein heiliges Gut, das ihm die Möglichkeit verschafft, die Vollkommenheit zu erlangen.
 
Keiner tadelt Deine Sehnsucht und keiner will Dir Deine höheren Gefühle verbieten. Wir möchten aber bemerken, dass das Weinen aus Verzweiflung dem Guten nicht förderlich ist. Wenn Du Deine irdische Familie wahrhaftig liebst ist es wichtig, guten Mutes zu sein, um ihnen helfen zu können. «
 
Eine lange Pause entstand. Ergriffen von Clarêncios Worten sann ich über seine weisen Ratschläge nach, als er, wie ein Vater, der den Leichtsinn seiner Kinder vergisst, um ihnen eine neue Gelegenheit zum lernen einer verpassten Lektion zu bieten, mich mit einem strahlenden Lächeln fragte:
 
»Na, wie fühlst Du Dich jetzt? Besser?« Ich spürte, dass er mir vergeben hatte. Wie ein getröstetes und lernwilliges Kind sagte ich ihm: »Es geht mir besser und jetzt fällt es mir leichter den Göttlichen Willen zu verstehen. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:08

7)
 
LÍSIAS AUSFÜHRUNGEN
 
 
Clarêncio besuchte mich regelmäßig. Lísias tägliche Pflege tat mir gut und in dem Maße wie ich mich all dem Neuen stellte, ließen die beklemmenden Gefühle in meinem Herzen nach. Wenngleich die Schmerzen und die Bewegungseinschränkungen vermindert auftraten, beim Aufkommen der Erinnerungsbilder meines physischen Leidens bedrängte mich die Angst vor dem Unbekannten, die Enttäuschung angesichts der Anpassungsschwierigkeiten und große Unruhe aufs Neue. Dennoch verspürte ich mehr Selbstvertrauen.
 
Jetzt genoss ich es, aus den großen Fenstern in die Ferne zu schauen. Ganz besonders beeindruckte mich die Natur. Fast alles erschien wie ein verbessertes Abbild der Erde. Die Farben in zart schimmernden Tönen wirkten harmonischer. Grüne Wiesen, hoch gewachsene Bäume, üppige Obstanlagen und wunderbare Gärten waren zu sehen. Als mein Blick über das Flachland, auf dem unsere Kolonie sich befand, etwas weiter in die Ferne schweifte, sah ich dort ein im Sonnenlicht strahlendes Gebirge. Das ganze Gebiet auf dem die Kolonie von Nosso Lar errichtet war, machte einen sehr gepflegten Eindruck. Schmucke Häuser, unterschiedlich in Form und Größe, deren Eingänge mit Blumen verziert waren, schmückten in regelmäßigen Abständen die Landschaft. Einige fielen mir besonders wegen der von Efeu bewachsenen Mauern auf. Andere umgaben Gärten, in denen die verschiedensten Arten von Rosen blühten. Buntbefiederte Vögel zwitscherten in den Lüften. Ab und an ließen sie sich gemeinsam auf weißen Türmen nieder. Diese sahen wie hochgewachsene, sich himmelwärts aufrichtende Lilien aus. Von meinem Fenster aus beobachtete ich neugierig, was sich im Park abspielte. Es überraschte mich, dass im Hintergrund zwischen dicht belaubten Bäumen Haustiere zu sehen waren.
 
Nach diesem Ausflug in die Ferne setzte ich meine innere Reise auf der Suche nach mir selbst fort. Gedanken, die unzählige Fragen enthielten, tauchten auf. Es war alles sehr verwirrend, vor allem weil ich nicht fassen konnte, hier, in der meines Erachtens spirituellen Welt - eine solche Vielfalt an ähnlichen Formen wie auf der Erde vorzufinden.
 
Lísias, mein liebenswürdiger Freund dieser Tage, sprach ausführlicher darüber:
 
»Der Tod des Körpers führt nicht zu einer wundersamen Veränderung des Menschen. Jeder Evolutionsprozess entwickelt sich stufenweise. Daher gibt es vielfache Regionen für Nichtinkarnierte, so wie es zahlreiche, bemerkenswerte Programme für alle im irdischen Körper weilenden Geschöpfe gibt. Seelen und Gefühle, Formen und Dinge, gehorchen einem natürlichen Ent­wicklungsprinzip und einer gerechten Hierarchie. «
 
Hingegen bedrückte es mich, dass ich seit vielen Wochen in diesem Krankenhaus war, und noch von keinem mir vorangegangenen Verwandten oder Freund besucht wurde. Denn ich war ja nicht der Einzige aus meinen Kreisen, der durch das Tor des Todes gegangen war. Meine Eltern hatten diese Reise lange vor mir angetreten. Einige Freunde aus früheren Zeiten sind ebenfalls vor mir gegangen. Weshalb also kamen sie nicht, um mich in diesem Zimmer für spirituell Erkrankte zu besuchen, wo mein Herz doch so viel Zuspruch und Trost brauchte. Es musste ja kein langer Besuch sein. Ein paar Augenblicke des Trostes würden genügen. Eines Tages fragte ich meinen hilfsbereiten Betreuer:
 
»Mein lieber Lísias, ist es möglich, diejenigen hier wieder zu treffen, die den physischen Körper vor uns verlassen haben? «
 
»Natürlich ist es möglich. Hast Du gedacht, Du seiest vergessen worden? «
 
»Ja. Warum besuchen sie mich nicht? Als ich noch auf der Erde war, konnte ich auf die mütterliche Unterstützung zählen. Bis jetzt habe ich weder von meiner Mutter noch von meinem Vater, der drei Jahre vor meinem Ableben die physische Welt verlassen hat, ein Zeichen erhalten. «
 
»Ich erkläre es Dir: Deine Mutter hat Dir seit dem Ausbruch der Krankheit beigestanden. Sie half Dir Tag und Nacht und als sich Dein Gesundheitszustand verschlechterte, was das Verlassen Deines physischen Leibes zur Folge hatte, kümmerte sie sich noch stärker um Dich. Vielleicht weißt Du es nicht, doch Du hast ohne Unterbrechung mehr als acht Jahre in den niedrigeren Sphären verbracht. Deine Mutter gab nie auf. Sie hat sich für Dich in Nosso Lar eingesetzt. Sie hat Clarêncio inständig um seine wertvolle Hilfe gebeten. Er besuchte Dich so oft, bis in Dir der eitle Arzt der Erde in den Hintergrund trat und dem Sohn des Himmels Platz machte. Verstehst Du? «
 
Tränen schössen mir in die Augen. Ich wusste nicht wie lange ich schon dem irdischen Leben fern war. Ich wünschte mir, mich beherrschen zu können, aber es gelang mir nicht. Meine lang zurückgehaltenen Tränen steckten in meinem Hals wie ein Knoten, der mich am Sprechen hinderte.
 
»Als Du aus der Tiefe Deiner Seele gebetet hast«, erklärte Lísias, »und begriffen hattest, dass alles im Universum Gott gehört, waren Deine Tränen glaubhaft. Weißt Du, dass es sowohl zerstörenden wie auch schöpferischen Regen gibt? So ist es auch mit Tränen. Gewiss ist Gott nicht auf unsere Bitte angewiesen - er liebt uns auch ohne dass wir ihn darum bitten. Dennoch - um seine unendliche Güte erfahren zu können, ist es erforderlich, ihm unsere Bereitschaft zu zeigen. So wie ein defekter Spiegel kein Bild wiedergeben kann, so wenig braucht Gott unsere Bekenntnisse der Reue. Aber - seien wir ehrlich, für uns sind sie von großem Nutzen. Verstehst Du? Clarêncio hatte keine Schwierigkeiten Dich zu finden, um die Bitte Deiner Dich liebenden irdischen Mutter zu erfüllen. Du aber brauchtest lange Zeit um Clarêncio zu begegnen. Mir wurde erzählt, dass Deine Mutter aus Freude weinte als sie erfuhr, dass es ihrem Sohn gelungen war, mit Hilfe des Gebets den dunklen Schleier zu zerreißen. «
 
»Und wo ist meine Mutter jetzt? «, fragte ich flehend. »Falls es mir erlaubt ist, möchte ich sie sehen, sie umarmen, mich zu ihren Füßen werfen! «
 
»Sie lebt nicht in Nosso Lar, erklärte Lísias. »Sie bewohnt höhere Sphären. Dort setzt sie sich nicht nur für Dich ein sondern auch für andere. «
 
Er bemerkte meine Enttäuschung und sagte freundlich zu mir:
 
»Sie wird Dich sicher besuchen kommen, vielleicht sogar früher als wir erwarten. Wenn sich jemand etwas ganz fest wünscht, ist der Wunsch bereits zur Hälfte in Erfüllung gegangen. Diesbezüglich kannst Du auf Deine eigene Erfahrung zurückgreifen, nicht wahr? Während vieler Jahre warst Du wie eine Feder im Wind und voller Ängste, Traurigkeit und Enttäuschungen. Aber als Du endlich erkannt hattest, dass Du Göttliche Hilfe brauchtest und Deine Gedanken darauf konzentriertest, dehnte sich Deine mentale Wahrnehmungsfähigkeit aus. Du hattest neue Einsichten gewonnen und die Hilfe kam. «
 
Mit glänzenden Augen sprach ich meinen tiefsten Wunsch mutig aus:
 
»Meine Mutter kommt - sie kommt mich besuchen! « Gütig lächelnd, sagte mir Lísias, als er sich von mir verabschiedete:
 
»Damit Wünsche in Erfüllung gehen können, wäre es gut, zu wissen, dass drei wesentliche Bedingungen erfüllt werden müssen:
 
Erstens: Sich etwas wünschen Zweitens: Das Richtige zu wünschen Drittens: Es verdienen, dass der Wunsch erfüllt wird. Anders gesagt: Es braucht einen aktiven Willen, Ausdauer bei der Arbeit und das Verdienst muss gerechtfertigt sein. «
 
Lísias ging lächelnd zur Ausgangstür und schloss diese hinter sich. Still dachte ich über das umfangreiche Programm nach, das mir in nur wenigen Sätzen aufgezeigt worden war.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:11

(Cool
 
ORGANISATION DER DIENSTE
 
 
Nach einigen Wochen intensiver Betreuung durfte ich zum ersten Mal in Begleitung Lísias spazieren gehen.
 
Das sich mir bietende Straßenbild, die breiten, von dicht belaubten Bäumen gesäumten Alleen, die reine Luft und die von tiefer Spiritualität geprägte Atmosphäre, beeindruckten mich sehr. Nirgends war Untätigkeit oder Müßiggang irgendwelcher Art festzustellen. Die öffentlichen Straßen waren sehr belebt und reges Kommen und Gehen herrschte unter den Geistwesen. Einige schienen in Gedanken versunken und nahmen nichts wahr, andere wiederum schauten mich wohlwollend an. Ich erlebte eine Überraschung nach der anderen. Sofort tauchten viele Fragenauf, die ich gerne meinem Begleiter gestellt hätte. Lísias, dem mein Staunen nicht verborgen blieb, klärte mich auf:
 
»Wir befinden uns jetzt in der Anlage des Ministeri­ums für Hilfeleistung. In allen Gebäuden und Wohnhäusern sind Institutionen und Heime untergebracht, worin wir un­serer Beschäftigung nachgehen. Berater, Arbeiter und ande­re Angestellte wohnen hier. An diesem Ort werden Kranke behandelt, Bittschriften entgegen genommen, Gebete ausge­wählt, irdische Reinkarnationen vorbereitet und Lösungen für die Leid verursachenden Prozesse werden erarbeitet. Von hier aus werden Hilfstrupps zu den Bewohnern der Schwel­lenregion* ausgesandt oder zu den Weinenden auf Erden. «
 
»Heißt das, dass es in Nosso Lar ein Ministerium für Hilfeleistung gibt? «, fragte ich.
 
»Aber sicher. Unser Dienstleistungswesen ist in einer Organisation untergebracht, die ständig verbessert wird und unter der Leitung derer steht, die für unser Schicksal zuständig sind. «
 
Er schaute mich mit klaren Augen an und fuhr fort: »Hast Du damals bei den Gebeten nicht bemerkt, dass unser spiritueller Gouverneur in Begleitung von zweiundsieb­zig Mitarbeitern war? Das sind die Minister der Kolonie Nos­so Lar, einer Stätte der Arbeit und Verwirklichung. Es gibt sechs Ministerien, die je von zwölf Ministern geleitet werden. Wir haben das Ministerium für Erneuerung, für Hilfeleistung, für Kommunikation, für Aufklärung, für Erhöhung und das der Göttlichen Vereinigung. Da unsere spirituelle Kolonie eine Übergangsstätte ist, stehen wir durch die ersten vier Ministeri­en näher an der Erdoberfläche und die zwei letzten verbinden uns mit den Höheren Sphären. Für grobstofflichere Arbeiten ist das Ministerium für Erneuerung zuständig, für erlauchte Arbeiten ist das Ministerium der Göttlichen Vereinigung ver­antwortlich. Clarêncio, unser freundlicher Vorgesetzter, steht dem Ministerium für Hilfeleistung vor. «
 
Nach einer nachdenklichen Pause sagte ich bewegt:
 
»Nun, ich hätte nie gedacht, dass es nach dem Tod des physischen Körpers solch umfangreiche Organisationen geben könnte. «
 
»Ja«, erklärte Lísias, »beiden auf Erden Inkarnierten ist der Schleier der Illusion noch sehr dicht und undurchdringlich. Der normale Mensch hat noch nicht begriffen, dass die der irdischen Welt offenbarte Ordnung aus den Höheren Sphären stammt. Dank seiner guten Gedanken kann der Mensch aus der wilden Natur einen Garten erschaffen. Insofern kann der menschliche Gedanke - im Urzustand noch ungeordnet - sich zu einer höchst schöpferischen Fähigkeit entwickeln, wenn er von Eingebungen aus Höheren Sphären inspiriert wird. Denn alles, was sich auf der Erde materialisiert, entsteht in den Höheren Sphären. «
 
»Hat Nosso Lar auch eine Geschichte, so wie irdische Städte eine haben? «
 
»Ganz sicher. Bedenke, dass benachbarte Regionen des Planeten Erde auch ganz spezifische Eigenschaften besitzen, ebenso wie auch unsere. Das Archiv des Ministeriums für Aufklärung verwahrt die Chroniken der Gründung von Nosso Lar. In denen ist zu lesen: „Nosso Lar wurde in der spirituellen Sphäre von vornehmen Portugiesen, die im 16. Jahrhundert in Brasilien gestorben sind, gegründet. Der Anfang war gezeichnet von langen und harten Kämpfen."
 
Lísias erläuterte: »Es gibt, für die Erdbewohner un­sichtbar, auch in der spirituellen Welt raue, feindliche Gegen­den, wo grobstoffliche Regionen anzutreffen sind, die ein gewal­tiges Potential an niedrigen Kräften in sich bergen. Man kann sie vergleichen mit der Erde, wo es ebenfalls weite, harsche und unzivilisierte Gebiete gibt. Nach der Gründung fanden die Geistwesen schwierige Bedingungen und auch für starke Geist­wesen war es entmutigend. Aber sie scheuten keine Mühe und zeigten große Bereitschaft ihren Aufgaben nachzukommen.
 
Dort, wo wir heute feine und edle Schwingungen verspüren und schöne Gebäude sehen, sind zu jener Zeit die Gründer der Kolonie auf Ureinwohner mit sehr bescheidenem und kindlichem Denkvermögen gestossen. Dennoch setzten die spirituellen Gründer ihr Werk fort. Sie folgten dem Beispiel der Europäer, die bei ihrer Ankunft auf der Erde großen Einsatz zeigten. Einen wichtigen Unterschied gab es zwischen den europäischen Eroberern und den spirituellen Gründern: In der stofflichen Welt setzten die Ersten sich mit Gewalt durch und nutzen die List des Krieges und der Sklaverei, um die eroberten Völker zu beherrschen. Die Gründer der spirituellen Kolonie handelten nach dem Prinzip der brüderlichen Solidarität und der spirituellen Liebe. «
 
Wir befanden uns jetzt auf einem wunderschön gestalteten Platz in einer großzügigen Gartenanlage. In der Mitte des Platzes ragte ein prächtiger Palast mit majestätischen Türmen in den Himmel. Lísias erklärte, dass es der Sitz der Regierung sei.
 
»Von hier aus brachen die Gründer der spirituellen Kolonie Nosso Lar zu ihrer beschwerlichen Arbeit auf. Dieser Platz ist der Verbindungspunkt zwischen der Regierung und den Ministerien, die in der Form eines Dreiecks angeordnet sind. An der Spitze des Dreiecks befindet sich der Regierungssitz, zu seiner rechten und linken Seite die Ministerien. «
 
Voller Respekt erklärte er:
 
»Dort lebt unser selbstloser Gouverneur. Ihm stehen für administrative Belange dreitausend Mitarbeiter zur Seite. Er ist ein treuer Freund der Kolonie und der eifrigste und unermüdlichste der Schaffenden, fleißiger als wir alle zusammen.
 
Es ist üblich, dass alle Minister gelegentlich andere Sphären besuchen, um den dortigen Bewohnern zu neuen Energien zu verhelfen und ihnen neue Kenntnisse zu vermitteln.
 
Uns ist es gestattet, an den üblichen Freizeitbeschäftigungen teilzunehmen, dem Gouverneur fehlt jedoch die Zeit dazu. Er verlangt von uns, dass wir uns ausruhen - ja er zwingt uns geradezu, regelmäßig Urlaub zu nehmen. Er nimmt sich nur sehr selten Zeit auch auszuruhen und schläft sehr wenig. Es scheint, dass immerwährende Arbeit ihm die Erfüllung gibt. Ich bin bereits seit vierzig Jahren hier. Ausgenommen während des Kollektivgebets, zu dem sich alle versammeln, treffe ich ihn sehr selten bei öffentlichen Anlässen an.
 
In Gedanken ist er stets überall und erfasst sämtliche Aufgabenbereiche, seine Fürsorge ist allen spürbar.
 
Es ist noch nicht lange her, da feierten wir den 114. Geburtstag seiner noblen Leitung. «
 
Lísias schwieg voller Ehrerbietung. Ich betrachtete voller Respekt und Bewunderung die wundervollen, in den Himmel ragenden Türme.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:14

(9)
 
ERNÄHRUNGSFRAGEN
 
 
Begeistert vom Anblick der wunderbaren Gartenanlage bat ich Lísias, auf einer in der Nähe stehenden Bank kurz ausruhen zu dürfen. Der Pfleger stimmte wohlwollend zu.
 
Ein Gefühl des Friedens beseelte mich. Glücklich erfreute ich mich am Wasserspiel einer eleganten Fontäne, aus der farbige Wasserstrahlen in die Höhe schossen und bezaubernde Figuren formten.
 
Als ich die zahlreichen Einrichtungen betrachtete, die mich an Bienenwaben erinnerten, fragte ich Lísias:
 
»Wie wird für den Nachschub gesorgt? Bis jetzt habe ich nichts über ein Versorgungs-Ministerium erfahren. «
 
»Früher«, sagte mein geduldiger Gesprächspartner, »spielten diese Dienste eine wichtigere Rolle. Dessen ungeachtet hat der jetzige Gouverneur entschieden, dass es besser sei, alles was uns an das rein materielle Leben erinnern könnte, einzuschränken. Die frühere Abteilung für Versorgung wurde zu einer Verteilerstelle umfunktioniert, die unter der direkten Aufsicht der Regierung steht. Übrigens hat es sich gezeigt, dass diese Maßnahme viele Vorteile hat. In den Chroniken der Kolonie wird berichtet, dass vor einem Jahrhundert die Kolonie mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Es wurde damals versucht, die Bewohner an das Gesetz der Bescheidenheit anzupassen. Viele Neuankömmlinge in Nosso Lar stellten maßlose Forderungen an die Kolonie. Sie wollten ihren früheren irdischen Lastern weiter frönen und verlangten üppiges Essen und berauschende oder gar aufpeitschende Getränke. Es zeigte sich, dass nur das Ministerium der Göttlichen Vereinigung - seiner besonderen Eigenschaft wegen, sich nicht zu solchen Missbräuchen verleiten liess. Die restlichen Ministerien sahen sich andauernd diesen Begebenheiten gegenübergestellt. Sie waren schlichtweg damit überfordert. Damals hat der heute noch amtierende Gouverneur gleich nach der Übernahme des Ministeriums wichtige Schritte eingeleitet, damit solche Übergriffe nicht mehr vorkommen. Von früher in der Kolonie tätigen Geistwesen erfuhr ich, dass sich hier manchmal merkwürdige Dinge zugetragen haben. Zum Beispiel kamen auf Veranlassung des Gouverneurs zweihundert Dozenten aus höher entwickelten Sphären zu uns, um über neue Erkenntnisse der Atemtechnik, sowie der notwendigen Aufnahme von lebenswichtigen Energien aus der Atmosphäre zu unterrichten. Zu diesem Zweck wurden zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt. Allerdings sprachen sich einige der technischen Mitarbeiter gegen diese Neuerungen aus. Sie argumentierten, dass Nosso Lar eine Übergangsstätte sei, und dass es weder gerecht noch möglich wäre von den Neuankömmlingen der Nichtinkarnierten zu verlangen, dass sie ihre alten Gewohnheiten sofort ablegen sollten. Abgesehen davon könne sich eine solche radikale Umstellung nachteilig auf ihre spirituelle Struktur auswirken. Der Gouverneur gab trotzdem nicht auf und während der nächsten dreißig Jahre fanden weitere Veranstaltungen und Aktivitäten statt. Es gab auch einige berühmte Geistwesen, die sich an die Öffentlichkeit wandten, um ihre Proteste kund zu tun. Mehrmals war das Ministerium für Hilfeleistung mit Kranken überfüllt, die behaupteten, dass sie Opfer des neuen, mangelhaften Ernährungssystems wären. Dies nutzten die Gegner der Kampagne aus und verschärften ihre Anschuldigungen. Dennoch bestrafte der Gouverneur diese Querdenker nicht, im Gegenteil, er lud sie in den Palast ein, wo er ihnen, wie ein Vater, das Projekt und das angestrebte Ziel der Ernährungsumstellung erläuterte. Er wies darauf hin, dass die Methode vortrefflich zur Spiritualisierung diene.
 
Auch ermöglichte er den Gegnern der neuen Methode, an Studienreisen zu den weiterentwickelten, höheren Sphären teilzunehmen. Dies wirkte sich vorteilhaft aus und bescherte ihm zahlreiche neue Anhänger. «
 
Nach einer längeren Pause bat ich Lísias, weiter zu erzählen.
 
»Wie wurde der Streit beigelegt? «
 
»Nach einundzwanzigjähriger, beharrlicher Überzeu­gungsarbeit der Regierung bekannte sich das Ministerium der Erhöhung zu den neuen Erkenntnissen. Von da an wur­de das Ministerium nur mit dem Notwendigsten versorgt. Das Ministerium für Aufklärung beschäftigte seinerzeit zahlreiche Geistwesen, die sich mit mathematischer Wissenschaft befassten und auf dem Gebiet der Kohlenhydrate und Proteine arbeiteten, die bekanntlich für den physischen, noch inkarnierten Körper unentbehrlich sind. Diese Geistwesen fügten sich dem neuen Konzept nicht und nahmen eine unbeugsa­me Haltung gegenüber dem Projekt an, sodass das Minis­terium für längere Zeit die neue Methode nicht annehmen konnte. Die Gegner schickten dem Gouverneur wöchentlich Berichte und Mahnungen mit Analysen und Aufzählungen, die manchmal ans Lächerliche grenzten.
 
Der weise Gouverneur traf seine Entscheidungen je­doch nie allein. Er suchte immer Rat bei ehrwürdigen Men­toren, die ihre Anordnungen dem Ministerium der Göttlichen Vereinigung zukommen Hessen, von wo sie dann an uns wei­tergeleitet wurden. Er unterliess auch niemals, selbst kleine, nicht sehr wichtige Gegenargumente genauestens zu prüfen. Während die Wissenschaftler argumentierten und die Re­gierung sich anpasste, ereigneten sich in der früheren Er­neuerungsabteilung, dem heutigen Ministerium, gefährliche Zwischenfälle. Wenig entwickelte Geistwesen, die sich dort auf­hielten - ermutigt durch die auflehnende Haltung einiger Mit­arbeiter des Ministeriums für Aufklärung, gaben sich verwerf­lichem Verhalten hin. Das führte zu Abspaltungen innerhalb der Kollektivgemeinschaft Nosso Lar. Dies wiederum nutzten Banden von finsteren Geistwesen aus, die von der Schwel­lenregion kamen und versuchten, unsere Stadt zu überfallen und einzunehmen. Dieser für uns gefährliche Versuch konnte indessen nur passieren, weil in den Arbeitsräumen der Er­neuerungsabteilung einige stark essensabhängige Mitarbei­ter regen Kontakt zu gewissen illegalen Quellen unterhielten. Doch als Alarm geschlagen wurde, bewahrte der Gouverneur die Ruhe, obwohl diese schreckliche Bedrohung über der Kolonie schwebte. Er bat die Göttliche Vereinigung um eine Audienz. Nachdem er mit unserem Höchsten Rat gesprochen hatte, gab er zahlreiche Anweisungen: Das Ministerium für Kommunikation solle vorübergehend geschlossen werden; alle widerspenstigen Geistwesen seien in den Verliesen der Erneu­erungsabteilung einzeln unterzubringen; das Ministerium für Aufklärung, dessen Impertinenz der Gouverneur für dreißig Jahre ertrug, erhielt eine Verwarnung. Zeitweilig wurde den niedrigeren Regionen jegliche Hilfeleistung verweigert. Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt wurden die elektrischen Anlagen zum Abfeuern von magnetischen Speeren, die zur Verteidigung der Stadt an den Stadtmauern installiert waren, eingeschaltet. Es fand in der Kolonie weder ein Gefecht statt, noch gab es den Befehl, anzugreifen. Es wurde jedoch wurde absoluter Widerstand geboten. Für mehr als sechs Monate be­schränkte sich die Verpflegung in Nosso Lar auf das Einatmen von lebenswichtigen Fluiden* aus der Atmosphäre sowie das Trinken von Wasser, dem sonnenhaltige, elektrische und ma­gnetische Elemente beigefugt wurden. Auf diese Weise erlebte die ganze Kolonie, welche Folgen es hat, wenn ein sanftes und gerechtes Geistwesen geärgert wird.
 
Aus dieser schlimmsten Zeit der Kolonie ging die Regierung siegreich hervor. Das Ministerium für Aufklärung bekannte sich zu seinen Fehlern und half beim Wiederaufbau mit. Es herrschte überall große Freude und man erzählt sich, dass - inmitten aller Freude - der Gouverneur gerührt geweint haben soll und dabei erklärte, dass das Verständnis aller das einzig wahre Geschenk für sein Herz sei. Die Stadt kehrte zu ihrem Alltag zurück und aus der früheren Erneuerungsabteilung wurde das Ministerium für Erneuerung. Zu vermerken ist, dass seit damals nur noch die Ministerien für Erneuerung und für Hilfeleistung großen Nachschub von irdisch ähnlichen Lebensmitteln erhalten, weil sich dort die größte Anzahl von Bedürftigen aufhält. Die anderen Ministerien bekommen nur noch das Unerlässliche, das heißt, es gibt nur ein gemäßigtes Ernährungsprogramm. Heute sind sich alle darüber einig, dass die vermeintlich unzumutbaren Maßnahmen des Gouverneurs uns geholfen haben, die spirituelle Befreiung besser zu verstehen. Die Bedürfnisse des Physischen Körpers traten in den Hintergrund und machten den spirituellen Bedürfnissen Platz. «
 
Lísias schwieg und ich dachte über die wichtige Unterweisung nach.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:15

10)
 
IM WALD DER QUELLEN
 
 
Meinem steigenden Interesse für Ernährungsfragen entgegenkommend, sagte Lísias:
 
»Besuchen wir das große Wasserreservoir der Kolonie, dort kannst Du Interessantes erfahren. Das Wasser ist für unsere Übergangsstätte sozusagen das Wichtigste. «
 
Erwartungsvoll folgte ich ihm. Als wir an der Ecke des Platzes angekommen waren, sagte er freundlich: »Hier warten wir auf den Aérobus. « Verblüfft sah ich ein großes Fahrzeug voller Passagiere, das etwa fünf Meter über dem Boden schwebte, auf uns zukommen. Als das Fahrzeug, ähnlich einer Drahtseilbahn auf der Erde, zu uns hinab sank, sah ich es mir genauer an. Es glich keiner auf der Erde bekannten Maschine. Das längliche Fahrzeug war aus sehr flexiblem Material gebaut. Auf dem Oberdeck sah man sehr viele Antennen und das Fahrzeug schien an unsichtbaren Fäden zu hängen. Bei einem späteren Besuch der großen Werkstätte für Verkehrs- und Transportmittel bestätigten sich meine Beobachtungen.
 
Lísias ließ mir keine Zeit, um Fragen zu stellen.
 
Wir nahmen im Inneren des bequemen Fahrzeugs Platz und reisten schweigend. Ich fühlte mich befangen, so wie es jemandem geht, der sich inmitten von Unbekanntem befindet. Das Fahrzeug fuhr mit solch hoher Geschwindigkeit an Gebäuden vorbei, dass ich nichts erkennen konnte. Die Reise dauerte etwa vierzig Minuten, wobei der Aérobus alle drei Kilometer kurz an den Haltestellen anhielt. Lísias forderte mich freundlich lächelnd auf, an einer auszusteigen.
 
Der sich mir bietende Anblick war von solcher Schönheit, dass ich fasziniert innehielt: Ein wunderbar blühender Wald, in dem frischer Wind wehte, das herrliche Spiel von wohltuenden Farben und Licht. Ein breiter Fluss war zu sehen, der - eingebettet von dichtem Gras und blauen Blumen - sanft dahin strömte. Sein Wasser war so kristallklar, dass es die Farbe des strahlend blauen Himmels reflektierte. Ich sah grüne Landstriche, die von breiten Alleen durchzogen wurden. Prächtig blühende, in regelmäßigen Abständen gepflanzte Bäume spendeten Schatten und boten Schutz vor dem Sonnenlicht. Unter ihnen standen, wie an einem Erholungsplatz, geschnitzte Bänke von aparter Schönheit, die zum Ausruhen einluden.
 
Mein Erstaunen war offensichtlich, denn Lísias meinte:
 
»Wir befinden uns im Wald der Quellen, einem der schönsten Orte unserer Kolonie. Es ist auch der bevorzugte Treffpunkt für Liebende. Sie kommen hierher, um sich die schönsten Treue- und Liebesversprechen für das zukünftige Leben zu geben. «
 
Ich wollte die Gelegenheit nutzen, um diesbezüglich Fragen zu stellen. Lísias aber ging nicht darauf ein. Stattdessen zeigte er auf ein sehr großes Bauwerk und erklärte:
 
»Wir sehen den Blauen Fluss und das große Wasserreservoir der Kolonie. Das gesamte Wasservolumen wird in riesige Verteilerbecken aufgenommen, von dort aus an die ganze Kolonie verteilt und anschließend unter dem Ministerium für Erneuerung weitergeleitet, wo das Wasser in Richtung Meer abfließt. Im Meer sind gehaltvolle Stoffe enthalten, die auf Erden unbekannt sind. «
 
Auf meinen fragenden Blick erwiderte er.
 
»Tatsächlich hat unser Wasser eine andere Beschaf­fenheit. Es ist viel weniger dicht, es ist reiner, fast wie ein Fluidum*.«
 
»Welches Ministerium ist zuständig für die Wasserverteilung? « fragte ich Lísias.
 
»Die Zuteilung sowie die Pflege des Wassers und andere Arbeiten fallen in die Zuständigkeit des Ministeriums der Göttlichen Vereinigung. Es gibt einen Grund, weshalb dieses Ministerium für dieses grobstoffliche Element verantwortlich ist.
 
»Wie meinst Du das? « Ich wusste nicht, wie ich das verstehen sollte.
 
»Auf der Erde wird nur sehr selten über die Wichtigkeit des Wassers nachgedacht. » erklärte Lísias «Die Bewohner von Nosso Lar haben andere Kenntnisse über das Wasser als die auf Erden bekannten, wo in religiösen Kreisen gelehrt wird, dass der Herr das Wasser erschaffen hat. Unbestritten ist, dass das Erschaffene richtige Pflege braucht und dass dazu die passenden Arbeitskräfte benötigt werden.
 
Wir haben in dieser spirituellen Stadt gelernt, dem Vater und seinen göttlichen Mitarbeitern für diesen Wundervollen Segen zu danken. Da wir umfassendere Kenntnisse über das Wasser haben, ist es uns bewusst, dass es das machtvollste Vehikel für alle Arten von Energien ist. Bei uns wird das Wasser vorwiegend als Nahrung und Medikament eingesetzt. Im Ministerium für Hilfeleistung gibt es Abteilungen, die sich nur mit der Aufbereitung des reinen Wassers beschäftigen. Sie reichern das Wasser mit gewissen Bestandteilen an, die sie dem Sonnenlicht und dem spirituellen Magnetismus entnehmen. Dies sind die Grundlagen der Ernährung an den meisten Orten dieser großen Kolonie.
 
Die Minister der Göttlichen Vereinigung bekleiden in der übergeordneten Geistigen Welt den höchsten spirituellen Rang, weswegen das Wasser des Blauen Flusses nur von ihnen magnetisiert werden kann. Wenn die erforderliche Wasserreinheit hergestellt ist, wird das Wasser den Bewohnern von Nosso Lar weitergegeben.
 
Den Ministern obliegt es daher, das Wasser zu reinigen. Fachlich ausgewiesene Geistwesen fügen dem Wasser die benötigten Nähr- und Heilstoffe bei. Später werden die Wasserläufe an einer bestimmten Stelle, die auf der anderen Seite des Waldes liegt, wieder zusammenfließen und als Blauer Fluss unsere Region verlassen, diesmal aber angereichert mit den spirituellen Charakteren unserer Sphären.«
 
Seine Erklärungen beeindruckten mich außerordent­lich, insbesondere, weil ich auf Erden nie so was gehört hatte.
 
Lísias führte weiter aus:
 
»Seit vielen Jahrhunderten verkennt der Mensch, dass das Gleichgewicht seiner Heimstätte, der Erde, vom Meer gehalten wird und das Wasser seinen physischen Körper bildet. Dass der Regen ihm das Brot beschert; der Fluss es ermöglicht, Städte zu bauen, er dem Wasser verdankt, dass er eine Familie und eine Arbeit haben kann. Indes meint der Mensch, er sei der absolute Herrscher der Welt und vergisst, dass er an erster Stelle ein Kind des Allmächtigen ist. Die Zeit wird kommen, in der der Mensch nicht nur unsere Dienste nachbilden, sondern auch einsehen wird, wie wichtig Wasser als Gabe des Herrn ist. Er wird lernen es zu schätzen und in der Lage sein zu verstehen, dass es wie ein fluidischer Träger mentaler Schwingungen jedes einzelnen Bewohners eines Hauses wirken kann.
 
Auf der Erde ist das Wasser nicht nur der Entsorger körperlicher Ausscheidungen, sondern auch von allen unseren mentalen Ausdrucksformen. Das Wasser, wenn im Besitz des Bösen, kann Schaden anrichten, wenn es aber von gütigen Händen benutzt wird, ist es nützlich.
 
Wenn es fließt, bereichert es nicht nur unser Leben, es ist gleichzeitig das Mittel, das die Göttliche Vorsehung benutzt, um im Menschen innewohnende Gefühle der Verbitterung, des Hasses und der Ängste aufzusaugen, ihn und sein Haus davon zu befreien und sein Inneres zu läutern.«
 
Mein Gesprächspartner schwieg. Mein Blick war auf den ruhigen Fluss gerichtet und neu aufkeimende, erhabene Gedanken beflügelten mein Inneres.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:17

(11)
 
NACHRICHTEN AUS DER SPHÄRE
 
 
Mein guter Freund hätte mir gerne weitere Gelegenheit gegeben, meine Beobachtungen in den verschiedenen Vierteln der Kolonie fortzusetzen, aber andere dringendere Aufgaben erwarteten ihn anderswo.
 
»Du wirst noch oft die Möglichkeit haben, andere, zu unseren Dienststellen gehörende Regionen kennen zu lernen«, sagte er gütig. »Wie Du feststellen konntest, sind die Ministerien von Nosso Lar riesengroße, aktive Arbeitszellen und es ist undurchführbar, in nur wenigen Tagen jedes Ministerium ausführlich kennen zu lernen. Es werden sich sicher neue Anlässe dazu ergeben. Auch wenn ich Dich nicht länger begleiten kann, wird es Clarêncio dank seiner hohen Stellung sicher möglich sein, Dir Zutritt zu beliebigen Abteilungen zu verschaffen. «
 
Wir kehrten zur Haltestelle des Aérobusses zurück. Er war soeben eingefahren (oder eingeschwebt) und wir stiegen ein. Ich fühlte mich jetzt wohler und die vielen Passagieren störten mich nicht. Was ich vorhin erlebt hatte, wirkte sich wohltuend auf mich aus.
 
In meinem Kopf schwirrten viele Fragen herum, die ich beantwortet haben wollte.
 
»Lísias, mein Freund«, erkundigte ich mich, »ist die Kolonie Nosso Lar identisch mit den anderen spirituellen Kolonien? Haben sie dieselben Strukturen, dieselben Eigenschaften? «
 
»Keinesfalls. Wenn auf der Erde nicht nur Regionen sondern auch Strukturen verschiedene Merkmale aufweisen, warum sollte es hier anders sein. Der Unterschied zur Erde liegt in der Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten und Bedingungen die in unseren Sphären herrschen.
 
Hier, wie auf der Erde, erkennen sich die Geschöpfe an ihrem gemeinsamen Ursprung und an der Erhabenheit der Ziele, die sie sich zu erreichen vorgenommen haben. Wichtig ist es, zu bedenken, dass sich jede Kolonie, jedes Geistwesen auf einer unterschiedlichen Stufe des Evolutionsweges befindet. Jede Gemeinschaft unterscheidet sich von den anderen und in unserer Kolonie, die eine Kollektivgemeinschaft ist, verhält es sich genauso. Im Archiv der Kolonie ist zu lesen, dass sich viele von unseren Vorgängern von den aufopfernden Tätigkeiten inspirieren ließen, die von Schaffenden aus anderen Sphären ausgeübt wurden. Als Gegenleistung helfen wir anderen Gruppen, die zu uns kommen und uns bitten, ihren im Aufbau befindlichen Kolonien zu helfen. Dennoch ist jede Gruppe, jede organisierte Kolonie, in ihrem Wesen ein Unikat. « Nach einer Pause fragte ich ihn weiter:
 
»Heißt das, dass die Idee der Gründung von Ministe­rien in der Kolonie hier aufkam? «
 
»Ja. Die Geistmissionare*, die Nosso Lar gründeten, waren zuvor bei der wichtigsten, in der Nähe liegenden, geistigen Kolonie Alvorada Nova (Neuer Morgen) zu Besuch. Dabei fiel ihnen auf, dass die Kolonie in Abteilungen unterteilt war. Dieses Modell wurde für unsere Kolonie übernommen. Statt der Bezeichnung „Abteilungen" wurde „Ministerium" gewählt, weil die führenden Geistwesen fanden, dass die Organisation der Kolonie in Ministerien ihren spirituellen Charakter besser zum Ausdruck bringe. Allerdings haben nur fünf der sechs Ministerien der Kolonie diese Bezeichnung sofort erhalten.
 
Erst später wurde die Abteilung für Erneuerung vom jetzigen Gouverneur in den Rang eines Ministeriums erhoben. Das heutige Ministerium für Erneuerung.« »Sehr gut«, fügte ich hinzu.
 
»Ja, aber das ist noch nicht alles«, fuhr Lísias fort. »Diese Institution ist sehr strikt, was Fragen der Ordnung und Hierarchie angeht. Hier erreicht man keine wichtige Funktion aus Gefälligkeit oder durch Beziehungen. Bis jetzt ist es innerhalb von zehn Jahren nur vier Geistwesen gelungen, im Ministerium der Göttlichen Vereinigung eine Funktion mit einem klar umfassten Verantwortungsbereich zu übernehmen. Nachdem wir viele Jahre mit Dienen und Lernen verbracht haben, folgt meistens die Reinkarnation, um unseren Vervollkommnungsprozess fortsetzen zu können. «
 
Ich hörte zu und nahm all diese Informationen sehr neugierig auf. Lísias sprach weiter:
 
»Neuankömmlinge aus den niedrigeren Sphären der Schwellenregion, die bereit sind Hilfe anzunehmen, werden vom Ministerium für Hilfeleistung aufgenommen. Geben sie sich widerspenstig, werden sie an das Ministerium für Erneuerung weitergeleitet. Wenn es sich herausstellt, dass sie die gebotene Gelegenheit gut nutzen, werden sie mit der Zeit in den Ministerien für Hilfeleistung, Kommunikation und für Aufklärung aufgenommen, um an zukünftigen Arbeiten zugunsten des Planeten teilzunehmen. Nur wenigen ist es möglich im Ministerium der Erhöhung dauerhaft zu arbeiten. Noch seltener, ungefähr alle zehn Jahre, gelingt es einigen, sich im Ministerium der Göttlichen Vereinigung einzuarbeiten. Von uns werden Taten und nicht leere Worte des Idealismus erwartet. Wir befinden uns nicht auf der Erde, wo der Tote ganz automatisch zum Gespenst gemacht wird. Wir leben in einem Kreis sich wiederholender Manifestationen. Die Hilfstätigkeit ist arbeitsintensiv und kompliziert. Das Ministerium für Erneuerung stellt große Ansprüche an uns, was Aufopferungsbereitschaft angeht. Im Ministerium für Kommunikation muss ein hohes Maß an Einzelverantwortung getragen werden können und im Ministerium für Aufklärung werden hohe Arbeitskapazität und intellektuelle Fähigkeiten vorausgesetzt. Das Ministerium der Erhöhung hingegen verlangt von uns Entsagung und Erleuchtung. Um im Ministerium der Göttlichen Vereinigung tätig zu sein, ist es unerlässlich, breit gefächertes Wissen zu besitzen, die universelle Liebe verinnerlicht zu haben und fähig zu sein, sie ehrlich einzusetzen. Die Regierung ist zuständig für alle Arten von Diensten, von der Verwaltung bis zu einer Anzahl von Abteilungen der direkten Kontrolle, wie z.B. die der Ernährung, der Verteilung der elektrischen Energie, des Verkehrs, Transportes und anderen Diensten.
 
Bei uns wird das Gesetz der Erholung sehr genau eingehalten. Auf diese Weise kann vermieden werden, dass manche Mitarbeiter mehr als andere belastet werden. Das Gesetz der Arbeit wird strikt befolgt. Was die Erholung angeht, ist der Gouverneur der einzige, der sie nicht in Anspruch nimmt. «
 
»Aber, verlässt er den Palast nie? «, fragte ich.
 
»Nur wenn es zum Wohl der Öffentlichkeit ist. Dieser Pflicht folgend, geht er wöchentlich zum Ministerium für Erneuerung, das ist die unruhigste Zone unserer Kolonie. Dort halten sich Geistwesen auf, die immer noch auf den gleichen Schwingungsebenen ihrer Brüder der Schwellenregion sind. Eine sehr große Anzahl verirrter Geistwesen wird dort untergebracht.
 
Nachdem der Gouverneur im Großtempel des Regierungssitzes mit den Anwohnern der Kolonie gebetet hat, nutzt er die Sonntagnachmittage, um mit den Ministern des Ministeriums für Erneuerung über schwierige Arbeitsprobleme zu sprechen. Selten erlaubt ihm seine leitende Funktion, Zeit zur persönlichen Erholung zu nehmen. Stattdessen spendet er den Verwirrten und den Leidenden Trost. «
 
Der Aérobus hatte uns in die Nähe des Krankenhauses gebracht, in dem ich untergebracht war.
 
Auf offener Straße vernahm ich wunderschöne Musik, deren Klänge vom sanften Wind verbreitet wurden. Ich schaute Lísias an und er erklärte mir:
 
»Diese Musik kommt aus den Werkstätten, in denen Bewohner von Nosso Lar arbeiten. Nach längerem Beobachten hat die Regierung erkannt, dass die Musik die Leistung der Arbeitenden in allen Sektoren fördert. Seitdem muss keiner in Nosso Lar ohne diese musikalische Anregung arbeiten. «
 
In der Zwischenzeit waren wir am Portal angekommen. Ein aufmerksamer Pfleger kam auf uns zu und sagte:
 
»Bruder Lísias, Sie werden im rechten Pavillon für dringende Arbeiten erwartet. «
 
Mein Begleiter entfernte sich und ich ging in mein Zimmer. Viele Fragen beschäftigten mich.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:18

(12)
 
DIE SCHWELLENREGION
 
 
Nach Lísias wertvollen Erläuterungen stieg mein Interesse und ich wollte mehr über die verschiedenen Probleme, die Lísias angesprochen hatte, erfahren. Als er über Geistwesen sprach, die sich in der Schwellenregion aufhalten, wurde meine Wissbegier noch mehr angespornt. Das Fehlen von auf der Erde angeeigneten Religionskenntnissen kann sich als nachteilig heraus stellen und nach dem physischen Tod zu Verwirrungen führen. Was ist die Schwellenregion? Ich wusste nichts darüber. Wie es sich gehörte, besuchte ich die Messen der römisch-katholischen Kirche, in der von der Hölle und vom Fegefeuer gesprochen wurde. Aber über die Schwellenregion hatte ich nie etwas erfahren.
 
Bei meinem nächsten Treffen mit Lísias konnte ich meine Fragen nicht zurückhalten. Er hörte mir aufmerksam zu und antwortete.
 
»Du kennst diese Region nicht? Du hast Dich doch sehr lange dort aufgehalten. «
 
Die Erinnerung an das erfahrene Leid liess mich schaudern.
 
»Die Schwellenregion«, sprach er weiter, »beginnt an der Erdoberfläche. Es ist eine dunkle, schattige Zone, wo sich diejenigen aufhalten, die auf der Erde versäumt haben ihren Pflichten nachzukommen und weiterhin im Tal der Unschlüssigkeit, oder im Morast der zahlreichen begangenen Fehler für lange Zeit feststecken bleiben. Vor seiner Reinkarnation* verpflichtet sich der Geist, das vom Göttlichen Vater erstellte Programm zu erfüllen. Wenn er aber erneut auf der Erde ist, fällt ihm das sehr schwer und er verfolgt nur noch die Erfüllung seiner eigenen, egoistischen Wünsche. Aus diesem Grund nimmt der Geist sowohl den Hass, den er für seine Feinde hegt, als auch das Gefühl der Leidenschaft zu seinen Freunden mit. Indessen kann durch Hass keine Gerechtigkeit erlangt werden, so wenig, wie Leidenschaft Liebe ist. Alles was übertrieben ist, ist schädlich und wirkt sich auf die Buchhaltung des Lebens negativ aus. So kommt es, dass ganze Scharen von geistig Verwirrten nach dem Verlassen ihrer physischen Hülle sich in den angrenzenden nebligen Regionen aufhalten. Die erfüllte Pflicht ist in der Unendlichkeit das Tor, das uns zum Heiligen Land der Vereinigung mit dem Herrn führt. Folglich ist es natürlich, dass der Mensch, der sich den Pflichten entzieht, diese Gnade auf unbestimmte Zeit verwirkt. «
 
Lísias bemerkte, wie schwer es mir fiel den Inhalt seiner Lektion aufzunehmen und zu verstehen, denn ich besaß keine Kenntnisse über spirituelle Prinzipien. Er versuchte es mir verständlich zu machen:
 
»Stell Dir vor: Jeder von uns, gekleidet in eine schmutzige Kluft, wird auf der Erde wiedergeboren. Dieses schmutzige Kleidungsstück ist unser Kausalkörper, den wir in früheren Leben eigenhändig gewoben haben, und welchen wir uns vorgenommen haben, im Lebensbottich wieder rein zu waschen. Demnach dürfen wir die Gnade einer neuen physischen Existenz erfahren. Indessen verlieren wir das wesentliche Ziel aus den Augen und anstatt uns um unsere Läuterung zu bemühen, beflecken wir uns noch mehr und werden zu Sklaven unseres Selbst. Oder, um es anders auszudrücken, wir kerkern uns selbst ein und werden unsere eigenen Kerkermeister. Wenn wir also durch unsere Rückkehr auf die Erde versuchen wollten, dem Dreck zu entkommen, in den wir uns selbst gesetzt hatten, ist uns das nicht gelungen.
 
Im Gegenteil: Unser Fehlverhalten gegenüber den erhabenen Sphären brachte uns in diese prekäre Lage und nun, da wir noch mehr Schuld auf uns geladen haben, können wir doch nicht erwarten, direkt in diese strahlende Welt zurückzukehren! Die Schwellenregion dient der Ermattung von mentalen Rückständen. Es ist eine Art Fegefeuer, wo Schaden bringende Luftschlösser, die sich der Mensch freimütig erbaut hat, als er die erhabene Gelegenheit eines irdischen Lebens verachtete, allmählich verbrannt werden. «
 
Lísias Erläuterung konnte nicht klarer und überzeugender sein. Obwohl ich eine gewisse Verwunderung nicht verbergen konnte, hatten Lísias Worte eine wohltuende Wirkung auf mich.
 
Die Schwellenregion ist für alle, die auf der Erde leben, von größter Bedeutung« fuhr er fort.
 
»Sie ist ein Sammelort für alles was noch nicht für ein übergeordnetes Leben bestimmt ist. Die Göttliche Vorsehung handelte sehr weise, als sie die Erschaffung einer solchen Region rings um den Planeten Erde gestattete. Ganze Legionen von unentschlossenen und unwissenden Geistwesen halten sich dort auf, die weder hinreichend pervers sind, um in äußerst straff geführten Kolonien für Wiedergutmachung aufgenommen zu werden, noch haben sie einen moralischen Fortschritt erreicht, der ihnen erlaubt, in höhere Ebenen aufzusteigen. Diese unzähligen Bewohner der Schwellenregion sind Geistwesen, die den Inkarnierten nahe stehen und lediglich durch das Gesetz der Schwingungen von ihnen getrennt sind. Deshalb ist es überhaupt nicht erstaunlich, dass die ganze Region von großer Verstörtheit geprägt ist. In Gruppen lebend, halten sich dort gekränkte, uneinsichtige, aufgebrachte Geistwesen auf, die wegen ihrer niederen Neigungen und Wünsche eine geballte unsichtbare Macht darstellen. Die Schwellenregion ist überfüllt von verzweifelten, rastlosen Geistwesen, die nach dem Tod ihres physischen Körpers der Tatsache gegenüberstehen, dass der Herr nicht da ist, um ihre Wünsche zu erfüllen. Dass die Krone des Ewigen Lebens nicht übertragbar ist und denen gehört, die Gott wahrhaftig dienen. Da ihnen diese Einsicht fehlt, zeigen sie ihr wahres Wesen und verharren in ihrem kleinlichen und egoistischen Denken.
 
»Im Gegensatz zu Nosso Lar, das eine spirituelle Gesellschaft ist, leben in der Schwellen-region Ballungen von Unseligen, Übeltätern und Herumtreibern aller Schattierungen. Es ist die Zone der Peiniger und Opfer, Ausbeuter und Ausgebeuteten. «
 
Beeindruckt nutzte ich die entstandene Pause und meinte:
 
»Wie lässt sich das erklären? Gibt es dort also keine Abwehr, keine Ordnung? «
 
Mein Gesprächspartner lächelte gütig und erklärte weiter:
 
»Ordnung ist eine Eigenschaft ordentlicher Geistwesen. Was willst du? Die erwähnten Niedrigen Sphären gleichen einem Haushalt, wo das Brot fehlt. Alle schreien zur gleichen Zeit und keiner ist im Recht. Oder sie erinnern an einen zerstreuten Reisenden, der seinen Zug verpasst hat, oder vielleicht an einen Bauern, der nicht sät und daher nichts ernten kann. Die Gewissheit kann ich Dir geben, dass es in der Schwellenregion trotz Schatten und Verzweiflung niemals am Göttlichen Schutz fehlt. Jedes Geistwesen bleibt nur so lange dort wie es notwendig ist. Das ist auch der Grund weshalb der Herr es gestattete, dass Kolonien wie unsere, die sich der Arbeit und der spirituellen Hilfeleistung widmen, errichtet wurden. «
 
»Ich glaube«, bemerkte ich, »dass sich diese Sphären nahezu mit den menschlichen Sphären vermengen. «
 
»So ist es, mein Freund. In dieser Zone breiten sich alle unsichtbaren Fäden aus, die den Geist der Menschen untereinander verbinden. In dieser Sphäre wimmelt es von Nichtinkarnierten und von Gedankenformen die von den Inkarnierten ausgesandt werden.
 
Denn in Wahrheit ist jedes Geistwesen, unabhängig vom Ort an dem es sich befindet, ein Sender von erschaffenden, verwandelnden oder zerstörerischen Kräften. Es sind Schwingungen, die die heutige Wissenschaft noch nicht verstehen kann. Jeder Denkende sendet Positives oder Negatives aus. Folglich kann er entweder etwas aufbauen, oder er kann etwas zerstören. Da jede Seele wie ein mächtiger Magnet wirkt, zieht der Mensch durch seine Gedanken jene Geistwesen der Schwellenregion an, die auf der gleichen Gedankenwelle sind und gleiche Neigungen haben wie er. Um es ganz klar auszudrücken: Unmittelbar bei der inkarnierten Menschheit steht ein ganzes Heer von unsichtbaren Geistwesen. Selbstlose Geschwister des Ministeriums für Hilfeleistung setzen sich beispiellos in der Schwellenregion ein und leisten Schwerstarbeit. Man kann es mit der Arbeit der Feuerwehr in den großen irdischen Städten vergleichen, wenn die Löscharbeiten von hohen Flammen und Rauch erschwert werden. Die Aufgabe dieser spirituellen Missionare in der Schwellenregion ist nicht minder erschwert. Sie sind ständig den dichten negativen Gedankenenergien ausgesetzt, die Millionen von verwirrten, bösen oder durch die Wiedergutmachungsarbeit geprüfte Geistwesen unablässig aussenden. Es braucht sehr viel Mut und Verzichtbereitschaft, um denjenigen helfen zu wollen, die keine Bereitschaft zeigen, die dargebotene Hilfe anzunehmen, weil sie sie nicht begreifen können. «
 
Lísias unterbrach das Gespräch. »Ach, wie gerne würde ich bei diesen Legionen von Unglücklichen arbeiten und ihnen das aufklärende, geistige Brot näher bringen«, sagte ich zu ihm.
 
Mein Freund, der Pfleger schaute mich gütig an. Er überlegte und nach einiger Zeit sagte er nachdenklich:
 
»Fühlst Du Dich denn genügend vorbereitet, eine solche Aufgabe zu übernehmen? «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:20

(13)
 
IM ARBEITSZIMMER DES MINISTERS
 
 
Da sich mein Zustand stetig verbesserte, nahm mein Bedürfnis nach Bewegung zu. Und vor allem danach, wieder eine Tätigkeit auszuüben.
 
Nach der langen Zeit, den vielen Jahren, in denen ich schwere innere Kämpfe ausgetragen hatte, kehrte jetzt mein Interesse an einer Beschäftigung zurück. Ich wollte wie jeder normale Mensch auf der Welt meinen Tag nützlich verbringen.
 
Es war nicht zu leugnen, dass ich auf der Erde ausgezeichnete Gelegenheiten verpasst hatte und meinen Weg mit Irrtümern gepflastert hatte. Ich dachte jetzt an die fünfzehn Jahre zurück, die ich in der Klinik verbrachte undeine gewisse Leere stieg in mir auf. Ich fühlte mich in die Lage eines kräftigen Bauern versetzt, der hinaus geht um sein Feld zu bestellen und der plötzlich bemerkt, dass seine Hände gebunden sind und er trotz seines Willens nicht arbeiten kann. Genau so erging es mir. Ich befand mich inmitten vieler Kranker, dennoch durfte ich mich ihnen nicht nähern oder ihnen helfen, so wie ich es auf Erden tat, als ich der Freund, der Arzt und der Forscher war.
 
Ich hörte ständiges Stöhnen aus den benachbarten Zimmern und obschon ich den Wunsch hatte, in dringenden Fällen eingreifen zu können, wurde es mir weder als Pfleger noch als Mitarbeiter des Hauses gestattet. Ich muss zugeben, dass mein Wissen gegenüber dem der spirituellen Ärzte eher bescheiden war. Sie waren gewohnt, andere, mir nicht vertraute Techniken, anzuwenden. Aus diesem Grund wagte ich es nicht, ihnen meine Hilfe anzubieten. Während meiner Zeit auf der Erde wusste ich, dass meine Ausbildung und mein erworbenes Fachwissen mich berechtigten, einzugreifen. Hier aber wird die Medizin der Herzen angewandt und drückt sich in Liebe und brüderlicher Zuwendung aus.
 
Ein einfacher Pfleger in Nosso Lar besaß bei weitem bessere Kenntnisse als ich und hatte größere Möglichkeiten sich nützlich zu machen. So war jeder Versuch, ungefragt zu arbeiten, nicht nur undurchführbar, sondern auch unhöflich, da ein solches Handeln bedeutete, dass ich mich in fremdes Gebiet einmischte.
 
In solchen heiklen Augenblicken war Lísias der richtige Freund, dem ich mich unterdessen wie einem Bruder anvertrauen konnte. Darauf angesprochen, riet er mir:
 
»Warum suchst Du nicht Clarêncio auf. Bitte ihn um seinen Rat, sicherlich kann er Dir behilflich sein. Da er immer nach Dir fragt, wird er sicher alles unternehmen um Dir zu helfen. «
 
Das machte mir Mut. So beschloss ich, Clarêncio im Ministerium für Hilfeleistung zu besuchen. Dort angekommen, wurde mir gesagt, dass der gütige Wohltäter mich erst am nächsten Morgen in seinem Arbeitszimmer empfangen könne. Ungeduldig wartete ich auf den für mich so wichtigen Augenblick. Am nächsten Tag in der Frühe suchte ich den mir genannten Ort auf. Und welche Überraschung! Vor mir warteten bereits drei Personen auf Clarêncio, die sich in der gleichen Lage wie ich befanden. Der zuvorkommende Minister für Hilfeleistung war sehr viel früher als wir dort eingetroffen. Er hatte noch wichtigere Dinge zu erledigen, als Besucher zu empfangen und Bittschriften entgegen zu nehmen. Nachdem er die dringlichen Fälle bearbeitet hatte, empfing er gleichzeitig zwei der Wartenden. Diese Art des Empfangs beeindruckte mich.
 
Nachträglich erfuhr ich, dass er diese Methode für sinnvoll hielt, weil er auf Bedürfnisse beider Besucher eingehen konnte, und die erteilten Ratschläge den Hilfesuchenden gleichermaßen von Nutzen sein konnten. Auf diese Weise sparte er Zeit. Nach einigen Minuten war ich an der Reihe. Zusammen mit einer Frau, die zuerst angehört werden sollte, betrat ich das Arbeitszimmer. Der Minister begrüßte uns freundlich. Er überließ es uns, wer zuerst beginnen wollte.
 
Die ältere Frau fing an zu sprechen:
 
»Edler Clarêncio«, begann die unbekannte Frau, »ich möchte Sie bitten ein gutes Wort für meine beiden Söhne einzulegen. Ach, ich ertrage diese schreckliche Sehnsucht nicht länger. Es wurde mir gesagt, dass sie erschöpft sind weil auf der Erde so viel Unglück über sie einbricht. Ich weiß, dass Gottes Bestimmungen gerecht und wohlgemeint sind. Aber ich bin eine Mutter und der Kummer erdrückt mich. «
 
Die arme Frau begann bitterlich zu weinen. Der Minister blickte sie mitfühlend an. Er sprach wohlwollend zu ihr:
 
»Wenn also die Schwester erkennt, dass Gottes Bestimmungen gerecht und heilig sind: Was kann ich dann für Dich tun? «
 
»Ich wollte Sie bitten«, erwiderte sie betrübt, »dass Sie es mir ermöglichen, meine Söhne auf der Erde persönlich beschützen zu dürfen. «
 
»Meine Freundin«, sprach der liebenswerte Wohltäter, »nur wenn unser Geist sich in Demut übt und Bereitschaft zur Arbeit zeigt, ist es uns möglich, jemanden zu beschützen. Was würdest Du über einen irdischen Vater sagen, der zwar seinen Kindern helfen will, sich aber bequem zu Hause niederlässt und die Hände in den Schoß legt?
 
Das Gesetz der Arbeit und der Zusammenarbeit ist von Gott erschaffen. Niemand kann es umgehen, ohne sich selbst zu schaden. Sagt Dir Dein Gewissen nichts darüber? Wie viele Bonusstunden kannst Du vorweisen, die Deine Forderung rechtfertigen? «
 
Zögernd erwiderte die Angesprochene:
 
»Dreihundertundvier Bonusstunden.«
 
Clarêncio meinte wohlwollend.
 
»Wenn man bedenkt, dass Du schon länger als sechs Jahre hier bist, ist es traurig, dass Du bis heute nur dreihundertundvier Stunden für die Kolonie gearbeitet hast. Nachdem Du Dich von den leidvollen Zeiten in der Niedrigeren Zone erholt hattest, bot ich Dir die Möglichkeit eine ehrbare Tätigkeit in der Aufsichts- oder Überwachungsgruppe des Ministeriums für Kommunikation zu übernehmen. «
 
»Aber«, unterbrach sie, »das war eine unerträgliche Arbeit. Immer dieser Kampf gegen böse Geistwesen. Es ist doch sicherlich verständlich, dass ich mich nicht anpassen konnte.«
 
Clarêncio ging nicht darauf ein und sprach weiter. »Danach habe ich Dich in der Gemeinschaft der Duldsamen Brüder untergebracht, um an den Arbeiten der Erneuerung der Patienten mitzuhelfen. «
 
»Das war noch schlimmer«, sagte sie. »Die Räume sind gefüllt mit schmutzigen Leuten. Es gab nur Schimpfwörter, Schamlosigkeit, Elend. «
 
»Weil ich Deine Schwierigkeiten kenne«, erklärte der Minister, »habe ich Dich in die Krankenstation versetzt, damit Du bei der Pflege verwirrter Geistwesen mithelfen kannst. «
 
»Wer kann die ertragen? Nur Heilige! «, erwiderte die störrische Bittstellerin.
 
»Ich habe mein Mögliches getan, aber diese riesige Menge von entgleisten Seelen erschreckt jeden. «
 
»Meine Bemühungen sind noch weiter gegangen«, bemerkte der Wohltäter ganz ruhig. »Ich brachte Dich im Untersuchungs- und Forschungskabinett des Ministeriums für Aufklärung unter. Womöglich haben Dich meine Anordnungen geärgert, und deshalb hast Du Dich dann absichtlich in die Erholungszonen zurückgezogen. «
 
»Auch dort war es unmöglich zu bleiben«, sagte sie frech. »Ich habe nichts anderes als Mühsal erfahren, wurde seltsamen Energien ausgesetzt und habe strenge Vorgesetzte gehabt. «
 
Bedenke dies, liebe Freundin«, sagte der ergebene und verlässliche Berater.
 
»Arbeit und Demut sind die Wege, die zur Hilfeleistung führen. Um jemandem helfen zu können, sind wir auf Brüder angewiesen, die uns als Freunde, Beschützer und Mitarbeiter zur Seite stehen. Bevor wir unseren Liebsten helfen können, muss das Gefühl der Sympathie wachsen, denn ohne die Mithilfe aller ist eine wirkungsvolle Hilfe nicht möglich. Der Bauer, der seinen Acker bestellt, erhält den Dank von denjenigen, die seine Früchte genießen. Der Arbeiter, der seinem strengen Vorgesetzten Verständnis entgegenbringt Und seine Anordnungen willig ausführt, ist die stützende Hand in der vom Herrn vorgesehenen Familie. Und um noch eine weitere Parabel zu benutzen: Durch hilfreiche Arbeit gewinnt der gehorsame Diener die Sympathie seines Vorgesetzten, seiner Gefährten und anderer, am Helfen interessierter Wesen. Auch der sich einsetzende Fürsprecher kann seinen Lieben nicht von Nutzen sein, wenn er nicht fähig ist, mit Würde zu dienen und zu gehorchen. Ob gekränkt oder Schwierigkeiten erleidend, muss sich jeder bewusst sein, dass wir vor allem Gott dienen.«
 
Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Was willst Du auf Erden machen, wenn Du noch nicht im Stande bist, irgendetwas zu ertragen? Du hast es bis jetzt noch nicht gelernt. Ich zweifle nicht, dass Du Deinen Söhnen eine fürsorgliche Mutter warst. Erwäge aber die Möglichkeit, dass Du ihnen als gelähmte Mutter erscheinen müsstest und es Dir schwer fallen wird, ihnen richtig helfen zu können. Damit einem von uns die Freude gewährt wird, unseren Lieben helfen zu können, bedarf es der Fürsprache derjenigen, denen wir geholfen haben. Denjenigen, die ihre Mitarbeit verweigern, wird keine Unterstützung gewährt. So ist das Ewige Gesetz und wenn meine Schwester bis jetzt für sich nichts erworben hat was sie weitergeben kann, steht es ihr nicht zu, andere aufzusuchen, die ihr liebevoll helfen. Wie soll man auf unerlässliche Hilfe hoffen, wenn noch nichts gesät wurde, nicht einmal das Einfachste, nämlich Sympathie? Geh zurück zu den Erholungszonen, in die Du Dich in letzter Zeit zurückgezogen hast und denke nach. Später werden wir Deine Bitte erneut sorgfältig prüfen. «
 
Die bedrückte Mutter nahm Platz und trocknete ihre reichlich fließenden Tränen.
 
Der Minister sah mich mitfühlend an, und sagte:
 
»Mein Freund, komm näher! «
 
Zögerlich stand ich auf, um mit ihm zu sprechen.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:21

14)
 
CLARÊNCIOS AUSFÜHRUNGEN
 
 
Mein Herz raste, und ich fühlte mich wie ein verwirrter Schüler, der sich einer strengen Prüfungskommission stellen muss. Ich betrachtete die weinende Frau und die ruhige aber bestimmte Art des Ministers und plötzlich war ich nicht mehr sicher, ob ich richtig daran getan hatte, ihn um diese Unterredung zu bitten. Vielleicht wäre es besser, jetzt zu schweigen und geduldig auf Anordnungen „von Oben" zu warten? War meine Bitte, mich als Arzt in dem Krankenhaus praktizieren zu lassen, worin ich selbst noch Patient bin, nicht anmaßend? Clarêncios offenes Gespräch mit der Frau veranlasste mich, meine Beweggründe nochmals zu überdenken. Am liebsten hätte ich mich in mein Zimmerzurückgezogen und auf den gestern noch gehegten Wunsch verzichtet. Doch nun war es zu spät.
 
Der Minister für Hilfeleistung, als ob er meine innersten Absichten erraten hätte, sagte mit fester Stimme zu mir. »Ich bin bereit, Dich anzuhören. « Ich zauderte und dennoch wollte ich ihn, rein gefühlsmäßig, bitten mir zu erlauben, eine ärztliche Tätigkeit in der Kolonie auszuüben. Doch dann schaltete sich mein Gewissen ein und mahnte: Warum denn ausgerechnet diese Tätigkeit? Bestünde nicht die Möglichkeit, dass ich erneut die gleichen Fehler mache? Oder dass ich den Eitelkeiten eines Standes, in dem nur akademische Titel oder gesellschaftliche Stellung anerkannt werden, erneut verfalle? Diese Mahnung half mir, mein emotionales Gleichgewicht rechtzeitig zurück zu gewinnen.
 
Verlegen sprach ich:
 
»Ich bin heute hierher gekommen, um Sie zu bitten, mich wieder in einen Arbeitsprozess einzugliedern, da ich meine berufliche Tätigkeit sehr vermisse. Jetzt, wo mein Organismus Dank der großzügigen Hilfe und Behandlung, die ich in der Kolonie erhielt, wieder hergestellt ist, bin ich bereit, jede Art von Tätigkeit anzunehmen, wenn es mir nur hilft, dieser Untätigkeit zu entkommen.«
 
Clarêncio schaute mich lange an, als wolle er meine innersten Regungen entdecken.
 
»Ich verstehe. Du sagst, dass Du bereit bist irgendeine Arbeit anzunehmen. In Wirklichkeit aber vermisst Du all das was der Herr Dir auf Erden anvertraut hatte: Deine Patienten, Deine Praxis. «
 
Seine Worte des Trostes und der Hoffnung fielen auf fruchtbaren Boden und ich konnte ihm nur zustimmen. Er machte eine Pause und sprach dann weiter:
 
»Zu bedenken ist, dass der Vater uns manchmal mit seinem Vertrauen ehrt. Wir aber wissen das nicht zu schätzen und entwürdigen unseren Berufsstand. Als Student hattest Du es leicht; alles stand für Dich bereit. Deine Eltern übernahmen großzügig alle Ausgaben, und Du kanntest nicht einmal den Preis einer Deiner Bücher. Nach Deinem Universitätsabschluss und dem Doktorat hast Du es zu beträchtlichem Vermögen gebracht. Ganz im Gegensatz zu einem Arzt aus armen Verhältnissen, der seine Familie und Freunde um Hilfe bitten muss, um eine Praxis eröffnen zu können, musstest Du nicht dafür kämpfen. Der Erfolg ließ auch nicht lange auf sich warten. Diese schnelle und erfolgreiche Karriere hat zum vorzeitigen Tod Deines Körpers beigetragen. Jung und gesund hast Du in Deinem Beruf, zu dem Dich Jesus geführt hatte, viel Missbrauch getrieben. «
 
Er schaute mich bestimmt und dennoch gütig an. Ein merkwürdiges Gefühl überfiel mich, respektvoll wandte ich ein:
 
»Ich erkenne die Richtigkeit Ihrer Worte, dennoch würde ich gerne, wenn es möglich ist, mein Verschulden wieder gutmachen, indem ich mich auf ehrliche Weise den Patienten dieses Krankenhauses widme. «
 
»Ein edler Impuls«, sagte Clarêncio milde. »Wir sind uns einig, dass, wenn der Mensch auf Erden einen Beruf ergreift, er der Einladung seines Vaters folgt, den heiligen Tempel der Arbeit zu betreten. Hier bei uns bedeutet ein Diplom nichts weiter als ein Ausweis. Auf der Erde öffnet ein Diplom Tür und Tor für alle erdenklichen Torheiten. Anders ist es bei uns: Jeder, der einen solchen Ausweis bekommt, ist befähigt zu lernen und dem Herrn bei seiner Göttlichen Arbeit auf dem Planeten in Demut zu dienen. Dies gilt für alle Arten von Arbeit, ungeachtet in welcher Gesellschaftsschicht sie ausgeübt werden.
 
Mein Bruder, Du erhieltest den Ausweis eines Arztes, durftest in den heiligen Tempel der Medizin eintreten und doch hast Du die in Dich gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Es ist mir deshalb nicht gestattet Deiner Bitte zu entsprechen. Wie kann ich von heute auf morgen aus Dir einen Arzt für erkrankte Geistwesen machen, wenn Du Dich auf der Erde ausschließlich mit dem physischen Körper befasst hast. Ich leugne die Tatsache nicht, dass Du ein ausgezeichneter Physiologe warst, aber mit dem Leben ist doch viel mehr verbunden. Was würdest Du von einem Botaniker denken, der sich nur auf die Analyse einiger trockener Baumrinden beschränkt? «
 
»Viele Ärzte auf Erden beziehen nur den anatomischen Aspekt des Menschen in ihre mathematisch genauen Schlussfolgerungen ein. Obwohl wir darin übereinstimmen, dass die Mathematik eine ehrbare Wissenschaft ist, so ist sie doch nicht die einzige Wissenschaft im Universum. Erkennst Du jetzt, dass ein Arzt sich nicht mit der Erstellung von Diagnosen und Fachsimpelei begnügen darf, sondern dass er darüber hinaus Zugang zur Seele des Patienten haben soll, so dass er ihre Tiefen erkunden kann? Viele Mediziner sind Gefangene des akademischen Denkens und Handelns und ihre Eitelkeit gestattet es ihnen nicht, daraus auszubrechen. Nur sehr wenigen Menschen gelingt es, den Morast der niedrigen Interessen zu durchqueren und sich über die gängigen Vorschriften zu stellen. Wenn ihnen das doch gelingt, sind sie dem Spott der Welt und der Verachtung ihrer Kollegen ausgesetzt. «
 
Erstaunt musste ich zugeben, dass ich bis dahin keine Ahnung von der Tragweite der beruflichen Verantwortung hatte. Was mich am meisten verblüffte, war die Herabsetzung des Diploms auf eine Eintrittskarte, die uns Einlass zum Arbeitsfeld des Herrn gewährt, dank derer wir uns aktiv an seinen Arbeiten beteiligen können. Unfähig etwas zu sagen wartete ich, bis der Minister für Hilfeleistung den Faden wieder aufnahm und mit seinen Erläuterungen fortfuhr:
 
»Wie Du daraus schließen kannst, hast Du Dich nicht angemessen für eine Tätigkeit in dieser Kolonie vorbereitet. «
 
»Gütiger Wohltäter«, wagte ich zu erwidern, »ich verstehe die Belehrung und beuge mich den Tatsachen. «
 
Mit Mühe meine Tränen zurückhaltend, bat ich: »Ich nehme in Demut jede Art von Beschäftigung an, die diese Kolonie mir geben kann und die mir hilft, den Frieden zu finden. «
 
Sein liebevolles Gesicht mir zugewandt, antwortete er: »Mein Freund, es gibt nicht nur die bittere Wahrheit, sondern auch Worte der Ermutigung auszusprechen. Du kannst vorläufig noch nicht in Nosso Lar als Arzt arbeiten.
 
Aber Du wirst, wenn die Zeit reif ist, als Lernender antreten können. Deine Lage ist momentan nicht die beste, aber Dank der Fürsprachen, die im Ministerium für Hilfeleistung eintrafen, dürfte sich das ändern. «
 
»Von meiner Mutter? «, fragte ich voller Freude. »Ja«, sagte der Minister, »von Deiner Mutter und von Freunden, in deren Herzen Du den Samen der Sympathie gesät hattest. Gleich nach Deiner Ankunft bat ich das Ministerium für Aufklärung, mir Deine Zeugnisse zu beschaffen, die ich eingehend studierte. Ich stellte fest, dass es viele Unvorsichtigkeiten, zahlreiche Missbräuche und viel Unbesonnenheit in deinem Leben gab. Dennoch hast Du in deiner fünfzehnjährigen Arztpraxis mehr als sechstausend Bedürftigen unentgeltlich Rezepte ausgestellt. In den meisten Fällen hast Du Dich zu diesen verdienstvollen Taten nur aus einer Laune heraus verleiten lassen. Jetzt aber darfst Du erleben, dass gutes Tun, - auch wenn es nur einer Laune entspringt - immer Spuren hinterlässt. Fünfzehn dieser Begünstigten haben Dich nicht vergessen und schickten ihre bewegten Fürbitten hierher. Deshalb möchte ich festhalten, dass das Segensreiche, das Du diesen Menschen getan hast, jetzt für Dich spricht. «     universe-people.com
 
Seine überraschenden Ausführungen abschließend, sagte Clarêncio lächelnd:
 
»In Nosso Lar wirst Du Neues lernen und nachdem Du Nützliches erfahren hast, wirst Du wirkungsvoll mit uns arbeiten können, um Dich auf die unendliche Zukunft vorzubereiten. «
 
Ich war überglücklich und weinte zum ersten Mal aus Freude in dieser Kolonie.
 
Wer kann auf Erden eine solche Freude nachvollziehen? Manchmal ist es erforderlich, das Herz angesichts der Herrlichkeit der Göttlichen Stille zum Schweigen zu bringen.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:23

(15)
 
MUTTERS BESUCH
 
 
Ich nahm Clarêncios Rat ernst und bemühte mich wieder zu Kräften zu kommen, damit ich meine Schulung fortsetzen konnte.
 
Früher hätten mich solch scheinbar raue Worte tief beleidigt, doch in der jetzigen Situation mahnten sie mich an meine damaligen Fehler und ich fand darin Trost. Während die Seele im irdischen Körper steckt, fällt sie in einen komaähnlichen Tiefschlaf, der auf die Einwirkung von grobstofflichem Fluidum zurückzuführen ist. Dieser Zustand ist auch der Grund, weshalb ich nunmehr erkannte, dass das irdische Dasein niemals als ein Spiel zu betrachten ist, sondern immer und unter allen Umständen ernst zu nehmen ist. Erst jetzt, als alle erhabenen Aspekte einer Inkarnation auf Erden mir offenbart worden waren, begriff ich derenWichtigkeit und dass mir bis dahin nichts davon bekannt war. Ich wurde mir der verpassten Gelegenheiten bewusst und sah nun ein, dass ich der Gastfreundschaft Nosso Lars nicht würdig war. Clarêncios Offenheit war mehr als nur gerechtfertigt.
 
Ich verbrachte viele Tage in tiefem Nachsinnen über das Leben. Innerlich aufgewühlt, hoffte ich auf ein Wiedersehen mit meiner irdischen Familie. Obwohl die Wohltäter des Ministeriums für Hilfeleistung mich äußerst großzügig behandelten - sie errieten gewissermaßen meine Gedanken - wagte ich es nicht, sie um diese neue Gunst zu bitten. Bis jetzt hatten sie sich noch nicht spontan darüber geäußert und vielleicht war es noch nicht an der Zeit, den Wunsch, meine Familie zu sehen, zu erfüllen. Ich schwieg und wartete ab. Lísias bemerkte meine Traurigkeit und versuchte mich aufzumuntern.
 
Ich durchlief eine Phase der innerlichen Zurückgezogenheit. Das ist der Moment, in dem der Mensch von seinem Gewissen aufgefordert wird, sich ihm zu stellen.
 
Eines Tages trat mein Betreuer in mein Zimmer und sagte strahlend:
 
»Errate wer gekommen ist, um Dich zu besuchen? « Lísias fröhliches Gesicht und seine glänzenden Augen liessen es mich natürlich sofort erraten:
 
»Es ist meine Mutter! «, antwortete ich freudig. Mit weit aufgerissenen Augen sah ich, wie meine Mutter mit geöffneten Armen ins Zimmer kam.
 
»Sohn! Mein Sohn! Komm zu mir, mein Lieber! « Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben was in meinem Inneren vorging. Ich fühlte mich wieder wie ein Kind, wie damals als es regnete und ich barfuss im Sandkasten unseres Gartens spielte. Ich umarmte sie zärtlich, weinte vor Freude und durchlebte den ganzen Reigen des spirituellen Glücks. Ich küsste sie mehrmals und meine Tränen mischten sich mit den ihrigen. Ich weiß nicht wie lange wir uns so umarmt hielten. Schließlich war sie es, die mich aus dieser Euphorie herausholte. Sie sagte sanft:
 
»Mein Sohn, Du solltest Dich nicht so stark von Deinen Emotionen ergreifen lassen. Wenn die Freude uns zu stark übermannt, kann das für unser Herz schmerzhaft sein. «
 
Anstatt dass ich meine liebe alte Mutter umarmte, wie ich es während der letzten Zeit ihrer irdischen Wanderung tat, war nun sie es, die meine Tränen trocknete. Sie führte mich zur Couch und sagte:
 
»Du bist noch sehr schwach mein Sohn, vergeude Deine Kräfte nicht. «
 
Ich setzte mich neben sie. Sie nahm sorgfältig mein müdes Haupt in ihre Hände. Mich sanft streichelnd schwelgten wir gemeinsam in Erinnerungen. Als sie mich so tröstete fühlte ich mich als der glücklichste Mensch. Mein Gefühl sagte mir, dass mein mit Hoffnung gefülltes Boot im sicheren Hafen angekommen war.
 
Die mütterliche Anwesenheit brachte meinem Herzen unendlich viel Trost. Diese Augenblicke verbrachte ich wie in einem Traum voll unbeschreiblichen Glücks. Wie ein Kind versuchten meine Augen alles festzuhalten: Ihre Kleidung, eine vollkommene Kopie eines ihrer viel getragenen, dunklen Hauskleider, ihre wolligen Strümpfe, den blauen Schal. Ich betrachtete ihren kleinen Kopf, ihr Haar mit den schneeweißen Strähnen, ihr faltiges Gesicht, den sanften und ruhigen Blick, den sie noch immer hatte - ich war glücklich. Mit zitternden Händen streichelte ich ihre Hände, die ich so sehr liebte. Ich brachte kein Wort heraus. Sie aber, viel stärker als ich, sprach ruhig:
 
»Wir können Gott nie genügend dafür danken, dass er uns diese großzügige Gnade gewährt. Mein Sohn, der Vater vergisst uns nie. Wir waren so lange voneinander getrennt! Denke aber nicht, dass ich Dich vergessen habe.
 
Manchmal hält die Göttliche Vorsehung liebende Herzen für eine Weile getrennt, damit sie die Göttliche Liebe kennen lernen können. « Ihre Zärtlichkeit brach die noch nicht vernarbten, irdischen Wunden wieder auf. Ach, wie schwierig ist es, sich von irdischen Rückständen zu befreien! Schwer lasten die in Jahrhunderten angesammelten Unvollkommenheiten auf uns. Häufig gab mir Clarêncio den weisen Ratschlag, mich nicht dem Klagen hinzugeben. Auch Lísias machte mich freundlich darauf aufmerksam, aber die mütterliche Zuneigung riss alte Wunden wieder auf. Zuerst weinte ich aus Freude, dann, als ich mich voller Bitterkeit an das irdische Dasein erinnerte, aus Verzweiflung. Ich konnte nicht begreifen, dass der Besuch meiner Mutter als eine zusätzliche, wertvolle Gnade der Göttlichen Vorsehung geschehen war und nicht die Erfüllung meines eitlen Wunsches war. Ich steckte noch in alten Gewohnheiten und dachte fälschlicherweise, dass meine Mutter weiterhin die Anlaufstelle meiner endlosen Klagen und Leiden sein würde. Die Kinder der Erde betrachten ihre Mütter fast immer als ihre Bediensteten. Nur sehr wenige vermögen es, die Selbstlosigkeit ihrer Mütter noch vor deren Ableben zu verstehen. Auch ich, immer noch an althergebrachter Vorstellung festhaltend, begann mich bitterlich bei meiner Mutter auszuweinen. Sie hörte mir schweigend zu und ich merkte, dass sie unendlich traurig wurde. Mit Tränen in den Augen drückte sie mich an ihr Herz und sagte liebevoll:
 
«Ach Sohn, mir sind die Anweisungen Clarêncios be­kannt. Beklage Dich nicht, sondern lass uns dem Vater für den Segen dieser Wiedervereinigung danken. Wir befinden uns jetzt in einer anderen Art von Schule. Hier lernen wir Kinder des Herrn zu sein. Als ich noch Deine irdische Mutter war, gelang es mir nicht immer Dich richtig zu leiten. Seit ich hier bin, ar­beite auch ich an meinen Gefühlen. Deine Tränen führen mich zurück in die Landschaft menschlicher Emotionen. Einerseits möchte ich Dir Recht geben, Dich auf einen Thron heben, als wärest Du der beste Sohn im Universum. Ich spüre in meiner Seele, dass mich irgendetwas drängt mich wie früher zu verhal­ten. Andererseits entspricht dies in keiner Weise meinen neu erworbenen Lebenserkenntnissen. Auf der Erde mag dieses Verhalten verzeihlich sein, aber hier, mein Sohn, ist es unerlässlich, dass wir dem Herrn folgen. Weder bist Du der einzige Nichtinkarnierte, der seine eigenen Fehler wieder gutmachen muss, noch bin ich die einzige Mutter, die sich fern von ihren Liebsten fühlt. Bedenke, dass es unser Gang durch die Licht­pforte sein wird, der es unserem Geist ermöglichen wird, mehr Verständnis aufzubringen und menschlicher zu werden.
 
Tränen und Verwundungen sind Teil dieses begnadeten Prozesses, damit unsere erhabensten Gefühle sich entfalten können.«
 
Nach einer langen Pause, in der sich etwas in meinem tiefsten Bewusstsein regte, fuhr meine Mutter fort:
 
»Wenn uns die Gelegenheit gegeben wird, für kurze Augenblicke die Wärme der Liebe zu erleben, warum sollten wir diese Augenblicke vergeuden, indem wir in den Schatten der Klagen tauchen? Freuen wir uns, mein Sohn, und arbeiten wir weiter. Ändere Deine Denkweise! Es ist zwar schön, dass Du meiner Liebe vertraust, denn Deine Zuneigung macht mich unendlich glücklich. Aber ich kann von meinen neuen Erkenntnissen nicht abweichen. Von nun an soll unsere Liebe die tiefe, heilige, göttliche Liebe sein. «
 
Diese gesegneten Worte vermochten mich zu erwärmen. Ich fühlte, wie aus dem mütterlichen Herz kraftvolle Fluide ausströmten und mein Herz stärkten. Meine Mutter schaute mich beglückt an, ein wunderschönes Lächeln stand in ihrem milden Gesicht. Bedächtig stand ich auf und küsste sie auf die Stirn.
 
Sie erschien mir lieblicher und schöner denn je.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:24

16)
 
VERTRAULICHES GESPRÄCH
 
 
Die mütterliche Zuwendung war mir großer Trost und bewirkte, dass meine inneren Kräfte sich erneuerten.
 
Meine Mutter sprach von ihrem Engagement, als sei es ein wohltuender Ausgleich für all das Leiden und die Schwierigkeiten, die sie mit Fassung ertragen hatte und de­nen sie dennoch Freude abgewinnen konnte. Es gelang ihr sogar, die widrigsten Umstände in erhabene Lektionen zu verwandeln. Ich war von ungeahnter, unaussprechlicher Freude beseelt. Ihre Ausführungen richteten mich auf ganz besondere Weise auf. Ich fühlte mich anders, fröhlicher, vol­ler Mut und glücklich.
 
»Oh, meine Mutter«, sagte ich gerührt, »die Sphäre in der Du wohnst, muss wunderbar sein! Welch ein Glück, welch erhabene spirituelle Denkweise!«
 
Sie lächelte vielsagend und erwiderte: »Auf höheren Ebenen wird von uns größerer Einsatz und vermehrte Hingabe vorausgesetzt. Glaube nicht, dass Deine Mutter sich einem geruhsamen Leben hingibt, oder sich von den wahren Pflichten fern hält. Ich hoffe Du verstehst, dass ich mich nicht über meine Lage beklage. Damit möchte ich nur ausdrücken, dass ich mir meiner Verantwortung bewusst bin. Seit ich von der Erde zurück kam, arbeite ich sehr intensiv an unserer spirituellen Erneuerung.
 
Viele Wesenheiten klammern sich nach ihrem körperlichen Tod an ihren irdischen Familien fest. Sie rechtfertigen sich damit, dass sie die Hinterbliebenen immer noch zu sehr lieben und sie nicht loslassen können. Hier wurde ich belehrt, dass sich die wahre Liebe erst dann in eine Quelle von wahrem Segen verwandeln kann, wenn sie eine aktive Liebe ist. Seit meiner Ankunft bemühe ich mich, dass mir das Vorrecht gewährt wird, meinen Lieben helfen zu dürfen. «
 
»Und mein Vater«, fragte ich, »wo ist er? Warum hat er Dich nicht begleitet? «
 
Auf dem Gesicht meiner Mutter erschien ein sorgenvoller Ausdruck und sie sagte:
 
»Ach, Dein Vater..., seit zwölf Jahren hält er sich in einer sehr dichten Gegend der Schwellenregion auf. Als er noch auf der Erde lebte, war alles mehr Schein als Sein. Nach aussen ehrte er die Familie; zur Geschäftselite gehörend, verhielt er sich äusserst zuvorkommend und höflich. Um den Schein zu wahren besuchte er regelmäßig den Gottesdienst. In Wahrheit aber war er charakterlich ein schwacher Mensch, die sich erlaubte, außereheliche Beziehungen zu haben. Zwei von diesen Beziehungen waren mental mit einem weiten Netz von bösartigen Wesen verknüpft. Mein armer Laerte erlebte bei seinem Ableben einen herben Übergang in die Schwellenregion, denn diese unseligen Wesen, denen er Großes versprochen hatte, warteten ungeduldig auf ihn und hielten ihn erneut im Netz der Illusionen fest. Anfangs versuchte er sich zu wehren, strengte sich an, mich zu finden. Es fehlte ihm jedoch die Erkenntnis, dass nach dem Tod des Körpers die Seele in dem Zustand verbleibt, in dem sie gelebt hat. Deshalb war es meinem Laerte nicht möglich, meine geistige Anwesenheit wahrzunehmen. Er bemerkte ebenfalls nicht, dass auch andere enge Freunde sich liebevoll um ihn kümmerten. Auf Erden hatte er sich zu lange den Illusionen hingegeben, hat den spirituellen Aspekt seines Wesens nicht beachtet. In Folge dessen schränkte sich sein Schwingungsfeld sehr ein, und nach dem Tod seines physischen Körpers sah er sich in der Gesellschaft der Wesenheiten wieder, mit denen er sich damals aus Fahrlässigkeit mental und gefühlsmäßig einliess. Für eine gewisse Zeit gelang es ihm, die Familienprinzipien und seine Liebe zu uns in seinem Bewusstsein wach zuhalten.
 
Er kämpfte und konnte den Versuchungen widerstehen, dennoch fehlte ihm die Kraft seine Gedanken auf das Gute auszurichten und er wurde wieder von den Schatten eingeholt. «
 
Ich war entsetzt und fragte nach: »Ist es nicht möglich, ihn von diesem scheußlichen Zustand zu befreien? «
 
»Mein Sohn«, erklärte mir meine Mutter, »ich besuche ihn öfters, er kann mich noch nicht wahrnehmen zumal er sich in einer dichteren Schwingungsebene aufhält. Dennoch versuche ich ihn gedanklich dazu zu bringen, sich neu auszurichten und auf den Weg des Guten zu begeben. Zuweilen gelingt es mir, dass er einige Tränen der Reue vergießt, aber leider bleibt es dabei. Denn diesen unglückseligen Wesenheiten, mit denen er verkettet bleibt, gelingt es immer wieder, ihn meinem guten Einfluss zu entziehen. Seit vielen Jahren setze ich mich sehr intensiv für ihn ein. Ich bat meine Freunde, die in fünf verschiedenen, höheren, spirituellen Organisationen tätig sind, einschließlich unserer Kolonie Nosso Lar, mich dabei zu unterstützten. Einmal ist es Clarêncio beinahe gelungen, ihn zu bewegen, ins Ministerium für Erneuerung mitzukommen, aber es war vergebens. Es ist wie bei einer Petroleumlampe, die ohne das notwendige Öl und Docht kein Licht geben kann. Laerte muss sich mental öffnen; nur so können wir ihn auffangen und ihn einer neuen geistigen Sicht näher bringen. Leider verharrt er in Passivität und pendelt zwischen Gleichgültigkeit und Rebellion. «
 
Nach einer langen Pause seufzte sie und sprach weiter:
 
»Vermutlich weißt Du es noch nicht, aber Deine Schwestern Clara und Priscila befinden sich ebenfalls in der Schwellenregion und sind immer noch sehr stark mit der Erde verbunden. Von mir wird erwartet, dass ich auf die Bedürfnisse aller eingehe. Bislang konnte ich nur auf die liebevolle Mitwirkung Deiner Schwester Luisa zählen. Sie ist hierher gekommen, als Du noch klein warst. Sie musste lange auf mich warten. Es dauerte eine Weile bis ich kam. Von da an war sie bei meiner Aufgabe, der Familie auf Erden beizustehen, die starke, stützende Hand. Sie hat sich mit viel Mut für Deinen Vater, für Dich und Deine Schwestern eingesetzt. In Anbetracht der großen Verwirrungen, die in unserer Familie auf Erden herrscht, ist sie letzte Woche dorthin zurückgegangen, um in der Familie wiedergeboren zu werden. Eine heroische, erhabene Tat der Selbstlosigkeit. Ich hoffe, Du erholst Dich schnell, damit wir gemeinsam für das Gute arbeiten können. «
 
Die Informationen über meinen Vater überraschten mich. Von welchem Kampf war hier die Rede? War er denn nicht ein ehrlich praktizierender Katholik, empfing er nicht jeden Sonntag die Kommunion? Mutters Hingabe beeindruckte mich und ich fragte sie:
 
»Du hilfst Vater trotz seiner Beziehungen zu diesen boshaften Frauen? «
 
»Nenne sie nicht so«, gab sie zu bedenken, »nenne sie eher unsere kranken, unwissenden oder unseligen Schwestern. Sie sind ebenfalls Töchter unseres Vaters. Ich bitte nicht nur für Laerte, sondern auch für sie und ich bin überzeugt, dass ich den Weg gefunden habe, wie ich sie liebevoll zu mir holen kann. «
 
Diese großartige, selbstlose Geste erstaunte mich. Ich musste unmittelbar an meine eigene Familie denken und fühlte, wie ich immer noch an meiner Frau und an meinen lieben Kindern hing. Gegenüber Clarêncio und Lísias versuchte ich immer meine Gefühle zu unterdrücken und meine Fragen herunterzuschlucken, aber das Vorbild meiner Mutter gab mir Mut. Irgendwie spürte ich, dass meine Mutter nicht sehr lange an meiner Seite bleiben würde. Deshalb nutzte ich die schnell vergehende Zeit und fragte:
 
«Du hast Vater voller Hingabe begleitet. Was weißt Du über Zélia und die Kinder? Ich warte voller Freude auf die Gelegenheit zu ihnen zu gehen und ihnen helfen zu können.
 
Sie haben sicher auch Sehnsucht nach mir, wie ich nach ihnen! Wie qualvoll muss diese Trennung für meine Frau sein! «
 
Meine Mutter lächelte traurig und meinte: «Ich habe meine Enkelkinder regelmäßig besucht. Es geht ihnen gut. « Sie überlegte kurz und fügte hinzu: «Du sollst Dir keine Sorge machen, wie Du Deiner Familie helfen könntest. Damit wir erfolgreich sein können, musst Du Dich zuerst vorbereiten. Es gibt Angelegenheiten, die wir in Gedanken dem Herrn übergeben sollten, bevor wir uns an die Lösungen, die sie erfordern, heranmachen. «
 
Ich wollte darauf bestehen und noch mehr Einzelheiten erfahren, aber meine Mutter ging nicht darauf ein und wich feinfühlig aus. Wir unterhielten uns noch für eine längere Zeit, was für mich eine Wohltat war. Als sie sich verabschiedete bat ich darum, sie begleiten zu dürfen, weil ich neugierig war, zu erfahren, wie sie lebte. Sie liebkoste mich und sagte zu mir:
 
«Nein, mein Sohn, Du kannst nicht mitkommen. Ich werde dringend im Ministerium für Kommunikation erwartet, wo ich für meine Reinkarnation auf der Erde vorbereitet werde. Abgesehen davon, muss ich noch beim Minister Célio vorsprechen. Ich möchte mich bei ihm bedanken, dass er unser Beisammensein ermöglichte. «
 
In meiner Seele ein Gefühl tiefer Glückseligkeit hinterlassend, küsste sie mich und ging fort.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:25

17)
 
IM HAUS VON LÍSIAS
 
 
Es waren seit dem Besuch meiner Mutter erst einige Tage vergangen, als Lísias mich im Auftrag Clarêncios abholte. Überrascht folgte ich ihm. Clarêncio, mein großzügiger Wohltäter, empfing mich sehr herzlich. Erfreut wartete ich auf seine Anweisungen.
 
»Mein Freund«, sagte er freundlich, »von nun an bist Du befugt, Dich mit den verschiedenen Sektoren unserer Dienste - Ausnahme bilden die höher gestellten Ministerien vertraut zu machen. Laut dem Assistenzarzt Henrique de Luna, ist Deine Behandlung seit letzter Woche abgeschlossen. Jetzt ist für Dich die Zeit angebrochen, zu beobachten und zu lernen. «
 
Ich schaute Lísias an. Außer mir vor Freude, wollte ich, dass er wie ein Bruder an diesem Augenblick desunbeschreiblichen Glücks teilnahm. Mein Pfleger erwiderte strahlend meinen Blick. Ein neuer Lebensabschnitt begann, was bedeutete, dass ich neben der neuen Beschäftigung auch noch verschiedene Schulen besuchen konnte. Clarêncio, der mein grosses Glück zu ahnen schien, erklärte:
 
»Weil Du das Krankenhaus verlassen kannst, werde ich eine neue Unterkunft in einer anderen Umgebung für Dich suchen. Ich werde mich deshalb mit einigen unserer Institutionen in Verbindung setzen. «
 
Lísias unterbrach ihn und wandte ein: »Wenn es möglich ist, hätte ich ihn gerne bei uns Zuhause aufgenommen, er könnte bis zum Ende seiner Beschäftigung bleiben. Meine Mutter wird ihn wie ihren eigenen Sohn aufnehmen. «
 
Ich warf meinem Betreuer einen dankbaren Blick zu. Clarêncio nickte zustimmend und meinte:
 
»Sehr gut Lísias! Immer wenn wir einem Freund des Herzens Aufnahme gewähren, freut es Jesus. «
 
Meine Dankbarkeit und Anerkennung gegenüber meinem hilfsbereiten Pfleger vermochte ich nur mit einer Umarmung auszudrücken, denn mir steckten die Worte in der Kehle fest. Der aufmerksame Minister für Hilfeleistung übergab mir einen Passierschein und sagte:
 
»Nimm und bewahre ihn gut auf, denn er wird Dir für ein Jahr lang Zutritt zu den Ministerien für Erneuerung, für Hilfeleistung, für Kommunikation und für Aufklärung gewähren. Nach Ablauf dieser Zeit werden wir sehen, was wir unternehmen können, um Deinen Wünschen, wenn möglich, entsprechen zu können.«
 
»Lerne viel«, riet er mir, »vergeude Deine Zeit nicht, denn die Zeit nach dem physischen Dasein soll gut genutzt werden.«
 
Lísias nahm mich am Arm und gemeinsam gingen wir ins Freie. Ich war überglücklich. Nach einigen Minuten waren wir am Eingang eines anmutigen, von einem farbenprächtigen Garten umgebenen Gebäudes angekommen.
 
»Hier ist es!«, sagte mein Begleiter. Mit einem liebevollen Lächeln fügte er hinzu:
 
»Dies ist unser Heim innerhalb der Kolonie Nosso Lar.«
 
Die Hausklingel ertönte gedämpft und sogleich erschien eine sympathische Frau an der Tür.
 
»Mutter, Mutter!«, rief er und stellte mich ihr vor: «Das ist der Gefährte, den ich versprochen hatte Dir vorzustellen.«
 
»Sei willkommen, Freund!«, sagte sie anmutig. »Das ist Dein Haus.« Sie umarmte mich und sagte:
 
»Ich habe erfahren, dass Deine Mutter nicht hier wohnt. Ich nehme Dich wie eine Schwester auf, aber umsorgen werde ich Dich dennoch wie eine Mutter.«
 
Ich versuchte die richtigen Worte zu finden, um mich für diese grosszügige Gastfreundschaft zu bedanken, aber wieder versagte ich. Als könne sie meine Gedanken erraten, sagte sie in einem Anflug von Heiterkeit:
 
»Hier ist es verboten von Dankbarkeit zu sprechen. Also bitte tue es nicht, das würde mich an die Floskeln, die auf der Erde so üblich sind, erinnern.« Wir mussten alle lachen. Gerührt erwiderte ich:
 
»Möge der Herr Euch meine Dankbarkeit als segensreichen Frieden und Freude zukommen lassen.«
 
Wir gingen hinein. Drinnen war es einfach, aber gemütlich eingerichtet. Die Möbel sahen denen auf Erden ähnlich. Zu sehen waren eine Reihe von kleineren Gegenständen und Gemälden, welche spirituelle Erhabenheit ausdrückten. Neben einem beachtlichen Flügel ruhte eine große, fein und edel geschnitzte Harfe. Lísias, dem meine Neugierde aufgefallen war, sagte heiter:
 
»Seit Deiner Rückkehr aus der Totengruft hast Du sicherlich noch keinen Harfe spielenden Engel angetroffen, stimmt es? Wir können aber diese Harfe nehmen und selbst darauf spielen.«
 
»Lísias«, schaltete sich seine Mutter liebevoll ein, »sei nicht ironisch. Anlässlich des Besuches einiger Botschafter aus höheren Sphären im letzten Jahr empfing das Ministerium der Göttlichen Vereinigung die Mitarbeiter des Ministeriums der Erhöhung. Weiß du noch? Damals...«
 
»Ja Mutter, ich erinnere mich. Ich wollte damit sagen, dass es Harfenspiele gibt, und dass wir, um sie hören zu können, lernen müssen mit dem Geist zu hören. In göttlichen Sachen gibt es noch vieles zu lernen. «
 
Nach der üblichen Vorstellungszeremonie, erfuhr ich, als ich über meine Herkunft sprach, dass Lísias Familie in einer ehemaligen Stadt im Staate Rio de Janeiro gelebt hatte. Dass seine Mutter Laura hieß und dass noch zwei Schwestern, Iolanda und Judite im Haus wohnten. In dieser Atmosphäre fühlte ich mich geborgen und wohl. Ich konnte meine Freude und Zufriedenheit kaum verbergen. Ergriffen erlebte ich diesen ersten Kontakt mit einer Familie der Kolonie, ihre Gastfreundschaft und ihre Zuneigung. Fragen über Fragen wurden mir gestellt. Iolanda zeigte mir wunderschöne Bücher und als die Gastgeberin mein Interesse bemerkte, meinte sie:
 
»In Sachen Literatur haben es die Bewohner von Nosso Lar leicht. Schriftsteller, die willentlich Schaden bringende Literatur verbreiten, werden sofort in die dichten Gegenden der Schwellenregion gebracht, denn ihnen kann hier nicht geholfen werden. Nicht einmal ein Aufenthalt im Ministerium für Erneuerung wird ihnen helfen können, solange sie in diesem Seelenzustand verharren. «
 
Lächelnd blätterte ich in den Büchern weiter und bewunderte die schönen und künstlerischen Fotos. Lísias zeigte mir dann die weiteren Räumlichkeiten des Hauses. Im Badezimmer blieb ich stehen und bewunderte die einfache und doch fortschrittliche Einrichtung. Ich staunte immer noch, als Frau Laura uns zum Gebet einlud. Schweigend nahmen wir am runden Tisch Platz. Ein großes Gerät wurde eingeschaltet und sanfte Musik ertönte, es war der Augenblick der Abendandacht. Im Hintergrund erschien wieder das wunderbare Bild, das ich zum ersten Mal am Regierungssitz gesehen hatte. Damals konnte ich mich nicht daran satt sehen. Ergriffen spürte ich, wie ein tiefes und geheimnisvolles Gefühl der Freude mich überkam. Dieses Gefühl steigerte sich, als aus der Ferne das Bild des blauen Herzens erstrahlte. Überwältigt spürte ich voller Demut, wie Dankbarkeit in meiner Seele emporstieg.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:27

(18)
 
LIEBE - NAHRUNG DER SEELE
 
 
Als das Gebet zu Ende war, rief uns die Frau des Hauses zu Tisch. Sie servierte eine Kraft spendende Brühe und süß schmeckende Früchte. Überaus verwundert hörte ich, wie sie sagte:
 
» Letztendlich sind unsere Mahlzeiten hier viel angenehmer als auf Erden. Es gibt in der Kolonie Nosso Lar Haushalte, die sie fast vollständig auslassen. Hier in der Region des Ministeriums für Hilfeleistung ist es, angesichts der Schwerarbeit die wir zu leisten haben, noch nicht möglich, auf angereicherte Fluide zu verzichten. Der Energieverbrauch ist sehr hoch, weshalb es unerlässlich ist, die Kraftreserven zu erneuern. »Das heißt aber nicht«, wandte eine derjungen Frauen ein -, «dass nur wir, die in den Ministerien für Hilfeleistung und für Erneuerung tätig sind, vom Essen abhängig sind. Alle in den Ministerien, einschließlich des Ministeriums der Göttlichen Vereinigung, wo die Kost anders zusammengesetzt ist, müssen sich ernähren und können nicht darauf verzichten. In den Ministerien für Kommunikation und für Aufklärung werden Früchte in großen Mengen verzehrt. Im Ministerium der Erhöhung ist der Verbrauch von Säften und Konzentraten ebenfalls groß und im Ministerium der Göttlichen Vereinigung geschehen Ernährungsphänomene, die wir uns kaum vorstellen können. «
 
Mein fragender Blick wanderte von Lísias zu Frau Laura, da ich sofortige Erklärungen zu erhalten hoffte. Sie lächelten über mein Erstaunen, und meinem Wunsch entgegenkommend, klärten sie mich auf:
 
»Unser Bruder weiß es vielleicht noch nicht, aber die Liebe ist die wichtigste Nahrung der Geschöpfe. Jedes Ernährungssystem in den verschiedenen Sphären des Lebens beruht auf der Grundlage der Liebe. Von Zeit zu Zeit werden wir von Ausbildern besucht, die uns über spirituelle Ernährung unterweisen. Genau genommen, ist die physische Ernährung selbst hier lediglich eine materielle, vorübergehende Angelegenheit. So wie ein Fahrzeug auf der Erde Schmierfett und Öl benötigt, um zu funktionieren, benötigen auch wir Nahrung. Die Nahrung der Seele ist die Liebe. Je höher wir im Evolutionsprozess der Schöpfung aufsteigen, desto umfangreicher werden wir diese Wahrheit erkennen können. Meinst Du nicht auch, dass die Göttliche Liebe die Nahrung des Universums ist?« Solche Erläuterungen trösteten mich ungemein. Lísias der meine Zufriedenheit bemerkte, nickte und sprach:
 
»Alles gleicht sich in der unendlichen Liebe Gottes aus. Je höher entwickelt das Geschöpf ist, desto feiner wird die Art seiner Ernährung sein. Auf dem Planeten Erde ernährt sich der im Boden lebende Wurm ausschließlich von der Erde. Große Tiere finden in der Natur alles was sie zum Überleben benötigen, so wie die Mutterbrust dem Kind sein Überleben sichert. Der Mensch bearbeitet das Feld, bringt die Ernte ein und verarbeitet sie zu Produkten aller Art und Geschmacksrichtungen. Diese wiederum sind dann auf den jeweiligen Märkten zu haben und werden schließlich vom Konsumenten verzehrt. Wir, die wir nicht mehr in einem physischen Körper stecken, ernähren uns von fluidischen, nahrhaften Substanzen. Je höher der Einzelne in seiner geistigen Entwicklung steigt, desto feiner wird die Art seiner Ernährung. Wir dürfen nicht vergessen: Egal ob Wurm, Tier oder Mensch, sind wir alle letzten Endes vollständig von der Liebe abhängig. Es ist die Liebe, die uns in Bewegung setzt, ohne sie gäbe es uns nicht. «
 
»Das ist außergewöhnlich! «, musste ich bewegt zugeben.
 
»Erinnerst Du Dich nicht an das, was in den Evangelien steht? «, fuhr Lísias Mutter aufmerksam fort, »sie lehren uns, dass wir einander lieben sollen. Damit bezog sich Jesus nicht ausschließlich auf den Akt der Nächstenliebe, sondern auch darauf, dass wir früher oder später lernen müssen, dass es unsere Pflicht ist, Gutes zu tun. Er lehrte uns auch, dass wir brüderlich und freundlich miteinander umgehen sollen. Dass der inkarnierte Mensch später begreifen werde, dass ein freundliches Gespräch, eine liebevolle Geste, gegenseitiges Vertrauen, verständnisvoll zu sein und brüderliche Anteilnahme - Tugenden, die aus der allumfassende Liebe entspringen - eine solide Ernährung für das eigentliche Leben bilden.
 
Wenn wir auf der Erde wiedergeboren werden, erfahren wir große Einschränkungen. Kehren wir hierher zurück, erkennen wir, dass nur die spirituelle Nahrung uns eine beständige Freude geben kann. Familien, Dörfer, Städte und Nationen werden aufgrund solcher Grundlagen gebildet. «
 
Instinktiv musste ich an die Sexualitäts-Theorien denken, die in der Welt groß verbreitet sind. Aber noch bevor ich meine Gedanken fortsetzen konnte, sprach Frau Laura: »Niemand soll denken, dass Liebe nur ein sexuelles Erlebnis ist. Sexualität ist eine heilige Ausdrucksform der göttlichen und universellen Liebe, allerdings nur eine Facette des unendlichen Potentials. Für spirituell fortgeschrittene Ehepaare stehen Zuneigung und Vertrauen, gegenseitige Hingabe und Verständnis im Vordergrund. Für sie ist die physische Vereinigung ein Ereignis des Augenblicks. Der bestimmende Faktor aber, der zu einer harmonischen Beziehung führt, ist die gegenseitige magnetische Anziehungskraft. Gegenseitiges Verständnis und das Aufeinanderzugehen fördern das gemeinsame Glück. «
 
Nach einer Pause fügte Judite hinzu:
 
»In Nosso Lar lernen wir, dass das irdische Leben in der Liebe den ausgleichenden Pol findet, obwohl es von der Mehrheit der Menschen unbemerkt bleibt. Zwillingsseelen, Seelenverwandte kommen zusammen und bilden Paare und Familiengruppierungen. Wenn sie eine Verbindung eingehen und sich gegenseitig stützen, wird es ihnen gelingen ihre Wiedergutmachungssarbeit in einer harmonischen Atmosphäre durchzuführen. Wenn stattdessen die richtigen Gefährten fehlen, kommt es schon vor, dass der weniger Starke unterliegt und sein Reinkarnationsziel nicht erfüllen kann. «
 
»Wie Du, lieber Freund, feststellen kannst«, wandte Lísias freudig ein, »lohnt es sich auch hier, auf das Christus-Evangelium zurückzugreifen, insbesondere auf die Stelle, wo zu lesen ist:
 
»Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein. « Bevor wir uns weiteren Betrachtungen hingeben konnten, ertönte die Hausklingel. Lísias stand auf und ging zur Tür. Zwei junge Männer traten ein. Lísias wandte sich zu mir und sagte:
 
»Das sind unsere Brüder Polidoro und Estäcio, unsere Arbeitskollegen im Ministerium für Aufklärung. « Fröhlich begrüßten und umarmten wir uns. Frau Laura lächelte zu uns hinüber und sagte:
 
»Ihr habt alle viel gearbeitet und wusstet den Tag gut zu nutzen. Auf uns müsst ihr keine Rücksicht nehmen, geht und amüsiert euch. Aber vergesst nicht, zum Musikplatz zu gehen. «
 
Lísias schien etwas nachdenklich zu sein, darum sagte seine Mutter zu ihm:
 
»Geh mein Sohn. Lass Lascínia nicht warten. André bleibt in meiner Obhut, bis er soweit ist, dass er Dich zu solchen geselligen Anlässen begleiten kann. «
 
»Machen Sie sich meinetwegen keine Sorge«, wandte ich ein. Frau Laura lächelte freundlich und antwortete:
 
»Heute bin ich leider verhindert, Euch zum Musikplatz zu begleiten, denn unsere Enkelin hält sich bei uns auf. Sie ist erst vor einigen Tagen von der Erde zurückgekehrt und muss sich jetzt erholen. «
 
Voller Freude verließen alle das Haus. Die Frau des Hauses schloss die Tür, kam auf mich zu und erklärte zufrieden.
 
»Die Jungen begeben sich jetzt auf die Suche nach der Nahrung, die wir vorher erwähnt haben. Hier sind Liebesbeziehungen schöner und stärker. Die Liebe, mein Freund, ist für die Seele das göttliche Brot, die erlauchte Nahrung der Herzen. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:29

19)
 
DIE NEUANGEKOMMENE
 
 
»Isst Ihre Enkelin nicht mit uns zusammen? « fragte ich Frau Laura.
 
»Vorläufig nimmt sie ihre Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein«, erklärte sie mir, »die Arme ist immer noch nervlich angespannt und müde. Bei uns setzt sich niemand an den Tisch, der verstört oder vergrämt ist. Der Nervenkranke und Rastlose strömt schwere und giftige Fluide aus, die sich unweigerlich mit den Substanzen der Speisen vermischen. Unter unserer Aufsicht verbrachte meine Enkelin vierzehn Tage in der Schwellenregion in einem Dämmerzustand. Eigentlich hätte sie ins Krankenhaus gebracht werden sollen, aber wir konnten sie zu uns bringen, wo sie meiner Pflege unterstellt ist. «
 
Ich sagte, ich würde gerne die von der Erde neu Angekommene besuchen. Es wäre sicher interessant,sich mit ihr zu unterhalten. Wie lange war es her, seit ich Nachrichten von „drüben", unserer gemeinsamen Welt, hatte? Frau Laura ließ sich nicht zweimal bitten. Wir betraten ein großes, komfortables Zimmer, in dem sich eine junge Frau in einem sehr bequemen Sessel ausruhte. Sie sah sehr blass aus. Überrascht sah sie mich an.
 
»Eloisa«, erklärte Lísias Mutter und zeigte auf mich, »André ist unser Freund und Bruder, der kürzlich aus der irdischen Sphäre zurückgekehrt ist. «
 
Die Augen der jungen Frau lagen tief in den Höhlen und ihr teilnahmsloser Ausdruck zeigte, dass sie sich nur mühevoll konzentrieren konnte. Dennoch musterte sie mich neugierig. Ein zaghaftes Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen. Ich stellte mich zuerst vor:
 
»Du musst müde sein«, sagte ich. Bevor sie antworten konnte, mischte sich Frau Laura ein, als wolle sie vermeiden, dass sich Eloisa überanstrengte:
 
»Eloisa fühlt sich unruhig und ängstlich, was verständlich ist. Sie ist immer noch von der Tuberkulose, an der sie lange litt, gezeichnet. Dennoch sollte sie die Zuversicht und den Mut nicht verlieren. «
 
Die junge Frau schaute uns mit ihren großen schwarzen Augen an und versuchte, die aufkommenden Tränen zurückzuhalten, was ihr jedoch nicht gelang. Ihr Brustkorb hob und senkte sich und ihre Atmung wurde schneller. Ein Taschentuch vor das Gesicht haltend, versuchte sie das beklemmende Weinen zu unterdrücken.
 
»Du Dummerchen«, sagte Frau Laura voller Liebe zu ihr und umarmte sie, »Du musst Dich dagegen wehren. Deine Reaktionen sind eine Folge mangelhafter religiöser Erziehung, nichts mehr als das. Du weißt, dass es nicht lange dauern wird, bis Deine Mutter zu uns kommt. Du weißt auch, dass Du Dich nicht auf die Treue Deines Verlobten verlassen kannst, denn ihm fehlt die Reife, Dir auf der Erde geistig ergeben zu sein. Er ist noch weit davon entfernt, ein Geist zu sein, der von der Liebe erleuchtet ist. Es ist anzunehmen, dass er sich mit einer anderen Frau vermählen wird, daran wirst Du dich gewöhnen müssen. Es wäre auch nicht gerecht, von ihm eine plötzliche Rückkehr zu verlangen. « Mit einem mütterlichen Lächeln fuhr Frau Laura fort: »Nehmen wir an, er würde das irdische Leben vor dem Erreichen seiner Zeit verlassen und käme zurück. Wäre es für Dich nicht schmerzhafter? Müsstest Du nicht einen zu hohen Preis dafür bezahlen, dass Du Dich in diese Angelegenheit eingemischt hast? Dir werden die freundschaftliche, liebevolle und brüderliche Zuwendung nie fehlen. Sie werden Dir helfen, Dein Gleichgewicht wieder herzustellen. Liebst Du diesen Mann wirklich?
 
Dann versuche deine Gefühle in Einklang zu bringen, denn nur so kannst Du ihm später helfen. Abgesehen davon, wird es nicht lange dauern, und Deine Mutter wird hier sein. « Die weinende junge Frau tat mir wirklich leid. Um zu verhindern, dass ein neuer Weinkrampf sie überkam, versuchte ich der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben.
 
»Woher kommst Du Eloisa? «, fragte ich sie. Lísias Mutter, jetzt schweigsam, schien zu wünschen, dass sich ihre Enkelin aus ihrer Befangenheit lösen könnte. Nach einer Weile und nachdem sie ihre Augen trocknete, antwortete sie: »Aus Rio de Janeiro.«
 
»Aber weine doch nicht so«, sagte ich zu ihr, »Du kannst Dich glücklich schätzen, denn nach Deinem Ableben vor einigen Tagen, bist Du direkt hierher zu Deinen Verwandten gebracht worden. Auf Deiner großen Reise bliebest Du von heftigen Stürmen verschont. «
 
Es schien, dass sie sich erholte. Sie wurde ruhiger und sagte:
 
»Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich gelitten habe. Trotz der Behandlungen kämpfte ich acht Monate gegen die Tuberkulose an. Dazu kommt, dass ich meine liebe Mutter mit dieser Krankheit angesteckt habe, was mich sehr schmerzt. Auch mein Verlobter musste meinetwegen unsagbar leiden. «
 
»Sag das nicht«, meinte Frau Laura lächelnd. »Auf der Erde meint man immer, dass es keinen größeren Schmerz gibt, als den eigenen. Wir sind nur blind. Wir sehen nicht, dass es Millionen von Menschen gibt, die ein viel unseligeres Leid über sich ergehen lassen müssen, als wir es erlebten. « »Aber Großmutter! Arnaldo ist untröstlich, verzweifelt und das macht mich traurig«, antwortete sie verdrossen.
 
»Glaubst Du tatsächlich daran? «, fragte die Großmutter in einem liebevollen Tonfall.
 
»Ich beobachtete Deinen Verlobten während Deiner Krankheit. Dass er zusehen musste, wie Dein Körper allmählich zerfiel schmerzte ihn, was verständlich ist, angesichts seiner Unfähigkeit für die reine Liebe empfänglich zu sein. Deshalb versteht er dieses Gefühl auch nicht, denn die erleuchtete Liebe ist nicht jedermanns Sache. Er wird sich schnell trösten lassen, sei weiterhin zuversichtlich. Du wirst ihm zweifellos viele Male helfen können. Was aber die Ehe betrifft, wirst Du während Deines späteren Besuches auf der Erde feststellen können, dass er bereits eine andere geheiratet hat. «
 
Erstaunt, bemerkte ich, dass die unerwartete Erklärung Eloisa schmerzte. Angesichts der Ruhe und Vernunft der Großmutter wusste die Genesende nicht wie sie sich verhalten sollte.
 
»Ist das möglich? « Voller Zuneigung erklärte ihr Lísias Mutter:
 
»Sei nicht dickköpfig und versuche nicht mir zu widersprechen. « Die junge Frau lehnte sich gegen diese Behauptung auf; innerlich hatte sie eine Haltung angenommen, die ausdrückte, dass dies noch bewiesen werden müsse. Frau Laura sagte zärtlich zu ihr:
 
»Erinnerst Du Dich nicht mehr an Maria da Luz, die Freundin die Dir sonntags Blumen brachte? Also, dann höre zu: Als der Arzt ganz im Vertrauen erklärte, dass es keine Heilungsaussichten mehr für Deinen Körper gäbe, begann Arnaldo, obwohl er von der Mitteilung tief getroffen war, sich ihr gegenüber anders zu verhalten. Da Du jetzt hier bist, wird bei ihnen in Kürze eine Entscheidung fallen. « »Das ist ja schrecklich, Großmutter! « »Warum denn? Du musst Dich daran gewöhnen, dass andere auch Bedürfnisse haben. Dein Bräutigam ist ein ganz normaler Mensch. Er ist für die Schönheiten der geistigen Liebe noch nicht erwacht.
 
Du kannst von ihm keine Wunder erwarten, auch wenn Du ihn sehr liebst. Die Selbstentdeckung ist eine Arbeit, die jeder angehen muss. Arnaldo wird später die Schönheit Deines Idealismus verstehen können. Jetzt aber ist es notwendig, dass Du ihn loslässt, damit er seine eigenen Erfahrungen machen kann. «
 
»Ich kann mich damit nicht abfinden«, begehrte die junge Frau weinend auf.
 
»Ausgerechnet Maria da Luz, die ich für meine treueste Freundin hielt. «
 
Frau Laura sprach behutsam zu ihr: »Ist es denn nicht viel beruhigender zu wissen, dass er bei einem befreundeten Menschen gut aufgehoben ist? Maria da Luz wird immer Deine geistige Freundin sein. Anders wäre es bei einer Dir unbekannten Frau, die Dir später den Zutritt zu seinem Herzen möglicherweise erschweren könnte. «
 
Ich war aufrichtig überrascht. Eloisa schluchzte und ich war ebenfalls betroffen. Doch weil die gütige Frau sowohl mir, wie ihrer Enkelin Aufschluss geben wollte, sprach sie besonnen weiter:
 
»Meine Liebe, ich kenne den Grund für Dein Wehklagen. Er stammt aus dem tausend Jahre alten Egoismus und aus der menschlichen Eitelkeit, derer wir uns uneinsichtig hingeben. Jetzt spricht Deine Grossmutter zu Dir, nicht um Dich zu verletzen, sondern um Dich aufzuwecken.«
 
Eloisa weinte weiter. Sie brauchte Ruhe, deshalb führte mich Lísias Mutter ins Wohnzimmer. Wir nahmen Platz. In vertrautem Ton sagte sie zu mir:
 
»Meine Enkelin ist sehr erschöpft hier angekommen. Ihr Herz war zu sehr im Netz des Egoismus gefangen. Genau genommen hätte sie in einem unserer Krankenhäuser untergebracht werden sollen, doch der Assistent Couceiro meinte, sie sei in unserer liebevollen Obhut besser aufgehoben. Dies kann ich nur begrüßen, denn meine liebe Tochter Teresa, ihre Mutter, kommt nächstens zurück. Mit ein wenig Geduld werden wir die richtige Lösung finden. Es ist eine Frage der Zeit und der Gelassenheit.«
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:30

(20)
 
DER SINN DER FAMILIE
 
 
Ich wollte so viel wie möglich aus dem Gespräch mit Frau Laura lernen. Die lehrreichen Erläuterungen, die auf so eine natürliche Weise entstanden, hatten mich neugierig gemacht.
 
»Sie sind Zuhause sehr beschäftigt, trotzdem übernehmen Sie außer Haus zusätzliche Aufgaben. Warum? « »Es stimmt, dass wir in einer Übergangsstätte leben, jedoch ist die Kolonie Nosso Lar ein Ort, an dem gearbeitet und gelernt wird, denn das ist unsere Bestimmung. Bei uns übernehmen weibliche Seelen zahlreiche Verpflichtungen, die sie auf die Rückkehr auf den Planeten, oder aber den Aufstieg in höhere Sphären vorbereiten. «
 
»Aber gleicht die Zusammensetzung der Familien in Nosso Lar denn nicht der Familie auf Erden? «
 
Meine Gesprächspartnerin sah mich ernst an und antwortete:
 
»Die irdische Familie versucht seit langem unsere Institution „Familie" nachzuahmen. Auf der Erde sind, mit wenigen Ausnahmen, die meisten Ehepartner immer noch damit beschäftigt, ihre Gefühle vom Stachel der Eifersucht, des Egoismus und vom bitteren Unkraut der persönlichen Eitelkeiten zu befreien. Als ich das letzte Mal vom Planeten zurückkehrte, war ich noch geprägt von den Illusionen der Erde, was ja natürlich ist. Ich steckte gerade in einer Krise und mein Stolz war verletzt. Damals hielt ein Instrukteur des Ministeriums für Aufklärung einen Vortrag. Ich wurde dorthin gebracht und das Gehörte wirkte derart nachhaltig in meinem Geiste, dass sich in mir eine neue Denkweise zu entwickeln begann. «
 
Mein Interesse wuchs und ich fragte Frau Laura, ob sie über die erhaltene Unterweisung erzählen könne.
 
»Der Referent, in der Mathematik sehr bewandert, brachte uns bei, dass die Familie wie ein rechter Winkel ist, der auf dem Plan der Göttlichen Evolution eingezeichnet ist. Der senkrechte Schenkel steht für das weibliche Gefühl, das vom schöpferischen Leben inspiriert wird. Der waagrechte Schenkel hingegen steht für das männliche Gefühl. Dieses arbeitet an der Verwirklichung des allgemeinen Fortschritts. Der Scheitelpunkt steht für die Familie. Der Ausgangspunkt für Mann und Frau ist, Verständnis und Liebe gemeinsam anzustreben. Die Familie ist auch ein heiliger Tempel, in der die spirituelle über der körperlichen Verbindung stehen soll. Auf der Erde befassen sich neuerdings viele mit der Familie, suchen nach Maßnahmen und fordern, dass die Institution „Familie" wieder hergestellt wird. Andere behaupten die Familie sei gefährdet. Zu erwähnen ist aber, dass der Mensch den erhabenen Auftrag der Familiengründung erfüllt, wenn auch nur langsam. Wo ist in irdischen Kreisen die echte Familie zu finden, die wahrhaft harmonisch lebt, wo Rechte und Pflichten gleichmäßig verteilt sind? Die Mehrheit der irdischen Ehepaare verbringt die gesegneten Stunden des Tages entweder in einem Zustand der Gleichgültigkeit oder im Wahn des Egoismus. Wenn der Ehemann ruhig ist, bringt das die Ehefrau zur Verzweiflung. Bleibt die Ehefrau stumm und unterwürfig, wird sie von ihrem Gefährten tyrannisiert. Weder versucht die Gattin ihren Mann aufzumuntern, was zu ihren jetzigen Aufgaben gehört, noch bemüht sich der Ehemann, dem göttlichen Höhenflug der Zuneigung und den gefühlvollen Momenten seiner Frau zu folgen. Dies ist bedauerlich, denn es könnte sie beide zu höheren Ebenen der Schöpfung führen. Treten sie in der Öffentlichkeit auf, verstellen sie sich. In der Privatsphäre gehen sie nicht aufeinander ein. Während der eine in Gedanken auf eine lange Reise geht, spricht der andere über ein ihm vertrautes Thema.
 
Möchte die Ehefrau über die Kinder sprechen, zieht der Ehemann es vor, über Geschäftliches zu sprechen. Wenn der Gefährte mit seiner Gattin über seine Schwierigkeiten am Arbeitsplatz sprechen möchte, schweifen ihre Gedanken zurück ins Modegeschäft. Es ist doch offensichtlich, dass unter diesen Umständen, wenn sich zwei auseinandergehende Linien vergeblich bemühen den heiligen Scheitelpunkt zu bilden um eine weitere Stufe an der wunderbaren Treppe des ewigen Lebens zu bauen, der göttliche Winkel nicht korrekt gezeichnet wird. «
 
Diese Ansichten sprachen mich an. Höchst beeindruckt, bemerkte ich:
 
»Frau Laura, diese Erläuterungen regen zu gänzlich neuen Betrachtungen an. Hätten wir doch damals auf der Erde das alles bereits gewusst! «
 
»Ich spreche aus Erfahrung, mein Freund«, erwiderte sie, »der Mann und die Frau werden es durch Leiden und innere Kämpfe lernen. Vorläufig haben nur wenige erkannt, dass die Familie eine grundlegende göttliche Institution ist. Dass innerhalb der eigenen Wände das Leben aus ganzem Herzen und ganzer Seele zu leben ist. Wenn normale Menschen sich verloben, wandeln sie in der Verlobungszeit durch einen blühenden, bunten Garten. Ihre höchste geistige Ressource mobilisierend, zeigen sie sich von ihrer besten Seite und finden einander. Deshalb wird von Verliebten gesagt, sie seien schön. Liebe macht aus dem banalsten, oberflächlichsten Gespräch etwas Zauberhaftes. Mann und Frau treffen aufeinander in voller Blüte ihrer erhabenen Wesen. Sogleich nach dem feierlichen Eheversprechen reißt bei den meisten der Schleier der Leidenschaft und sie fallen in alte Gewohnheiten zurück, die die Gefühle der Herzen unterdrücken. Es werden keine gegenseitigen Zugeständnisse gemacht. Es gibt keine Toleranz und zeitweise nicht einmal Brüderlichkeit zwischen ihnen. Wenn unter den Eheleuten keine Freundschaft mehr herrscht und der Wunsch sich zu unterhalten versiegt, erlischt die strahlende Schönheit der Liebe. Es folgt, dass die Gesitteten sich gegenseitig achten. Die weniger Gesitteten aber können sich nicht ausstehen, sie verstehen sich nicht mehr. Dazu kommt, dass auf Fragen oder Antworten nur noch mit knapp formulierten Sätzen eingegangen wird. Auch wenn sie sich körperlich vereinen, gehen sie gedanklich getrennte Wege und leben in diametraler Richtung. «
 
»Das alles ist die reine Wahrheit«, fügte ich gerührt hinzu.
 
»Mein Freund, was soll man machen? In der jetzigen evolutiven Phase des Planeten ist die Vermählung zweier seelenverwandter Menschen sehr selten. Noch seltener ist die Ehe zwischen Menschen, die sich aufrichtig lieben. Die Reinkarnation auf der Erde bietet vielen Ehepaaren die Gelegenheit, gemeinsam ihre Verfehlungen wieder gut zu machen. Auffallend ist, dass die überwältigende Anzahl der Menschen wie in Zwangsehen leben. «
 
Lísias Mutter versuchte das Gespräch wieder dort aufzunehmen, wo sie aufgrund meiner Frage ihre Erläuterungen begonnen hatte.
 
»Weibliche Seelen dürfen hier nicht untätig sein. Sie müssen lernen, Mutter, Ehefrau, Missionarin und Schwester zu sein. Die Aufgabe der Frau in der Familie kann sich nicht auf sinnlose Tränen des Mitleides und etliche Jahre der Unterordnung beschränken. Es ist keine Frage, dass einige der mehr als fragwürdigen Aktionen des zeitgenössischen Feminismus unglückliche Auswüchse darstellen, die den wahren Aufgaben des weiblichen Geistes entgegengesetzt sind.
 
»Die Frau kann sich nicht gegen die Männerwelt durchsetzen, indem sie in Domänen eindringt, in welchen Aktivitäten abgewickelt werden, die dem männlichen Geist vorbehalten sind.
 
» In unserer Kolonie wird gelehrt, dass es den Frauen möglich ist, auch in der Familie verschiedene Tätigkeiten auszuüben: z.B.: Krankenpflege, Unterrichten, Aufklärungsarbeit, Handarbeiten und Nachsicht üben. Alle diese Tätigkeiten sind von großer Bedeutung und Würde. Der Mann soll lernen, seine gemachten Erfahrungen in das Familienleben einfließen zu lassen. Hingegen soll die Frau es ihrem Mann ermöglichen, die Bürde der alltäglichen Arbeit innerhalb der Geborgenheit der Familie ablegen zu können. Die Familie soll eine Quelle der Geborgenheit darstellen, in der jedes Mitglied neue Kräfte schöpfen kann. Außerhalb von ihr soll ein aktives Leben geführt werden. Beides ist notwendig: Die Geborgenheit und die Aktivität. Als Beispiel: Wie kann der Fluss gespeist werden, wenn es keine Quelle gibt? Wie kann das Wasser aus der Quelle strömen, wenn es kein Flussbett gibt? «
 
Ich musste ob diesen Fragen lächeln. Nach einer langen Pause fuhr Lísias Mutter fort:
 
» Wenn das Ministerium für Hilfeleistung mir Kinder anvertraut, die ich Zuhause betreue, werden mir die geleisteten Arbeitsstunden doppelt angerechnet. Dies zeigt, dass auf Erden die mütterlichen Aufgaben äußerst wichtig sind. Wenn ich nicht damit beschäftigt bin, erfülle ich mein wöchentliches Arbeitspensum von achtundvierzig Stunden in der Krankenpflege. Bei uns arbeiten alle. Mit Ausnahme meiner Enkelin, die sich noch im Genesungsprozess befindet, ist keiner aus unserer Familie in der Erholungszone. Täglich acht Stunden im Dienst der Allgemeinheit zu stehen, ist für alle möglich. Ich würde mich schämen, wenn ich es nicht schaffen würde. «
 
Frau Laura unterbrach das Gespräch für eine Weile, während ich über all das Gehörte nachdachte.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:32

21)
 
FORTSETZUNG DES GESPRÄCHES
 
 
Frau Lauras Ausführungen machten mich neugierig und ich hatte viele Fragen.
 
»Frau Laura verzeihen Sie meine Neugierde, ich will nicht aufdringlich sein, aber...«
 
»Sag das nicht«, antwortete sie, »fragen kannst Du immer. Ich eigne mich zwar nicht zum Unterrichten, aber Auskunft zu geben fällt mir leicht. «
 
Wir lachten über diese Bemerkung. »Wie geht man in der Kolonie mit der Thematik des Eigentums um? Nehmen wir zum Beispiel Ihr Haus, gehört es Ihnen? «, fragte ich. Sie lächelte und erklärte:»So wie es auf der Erde geschieht, ist auch hier Eigentum etwas Relatives. Unsere Anschaffungen bezahlen wir mit unseren geleisteten Arbeitsstunden, die als Belohnung für unseren Einsatz und Fleiß in Form eines Stunden-Bonus an uns ausbezahlt werden. So gesehen, ist das unser Geld; damit können wir hier jede Art von Ware erwerben. Grundsätzlich sind die Gebäude Allgemeingut, jedoch stehen sie unter der Aufsicht der Regierung. Wenn man dreißigtausend geleistete Arbeitsstunden vorweisen kann, was durchaus möglich ist, kann jede geistige Familie ein Haus erwerben, aber nie mehr als ein Haus. Unser Haus konnten wir dank des ausdauernden Arbeitseinsatzes meines Mannes, der viel früher als ich in die spirituelle Welt gekommen ist, erwerben. Für achtzehn Jahre waren wir zwar physisch getrennt aber dank der Liebe, die wir für einander empfinden, blieben wir miteinander verbunden. Als Ricardo nach einer Zeit äußerst starker Verwirrung in die Kolonie gebracht wurde, blieb er nicht untätig. Er begriff sofort, dass er sich einsetzen musste und für unsere Zukunft ein Heim vorzubereiten hatte. Als ich ankam, weihten wir unser Heim ein, das er mit viel Sorgfalt eingerichtet hatte. Wir empfanden großes Glück. In jener Zeit hat mir mein Mann viel Neues beigebracht. « Sie fuhr fort:
 
»Sehr jung verwitwet, hatte ich schwere Zeiten durchzustehen. Ich war allein mit unseren zwei kleinen Kindern und war gezwungen, hart zu arbeiten. Das Opfer zahlte sich aus und ich konnte meinen Kindern, ohne den Rahmen meiner Möglichkeiten zu sprengen, eine gute Erziehung, Schulung und Ausbildung ermöglichen. Sehr früh habe ich sie gelehrt, hart anzupacken, um sie an schwere Arbeit zu gewöhnen. Später verstand ich, warum ich von Ängsten und Leiden in der Schwellenregion verschont blieb. Mein anstrengendes Leben hatte mich vor zahlreichen und gefährlichen Versuchungen bewahrt. Die ehrliche, ermattende, schweißtreibende Arbeit ist ein wertvolles Mittel, das der Seele zur Erhebung verhilft und ihr Schutz bietet. Ricardo wieder zu treffen und gemeinsam ein neues Heim zu bauen, war für mich wie im Himmel zu sein. In den folgenden Jahren erlebten wir eine wundervolle Zeit voller Glück. Wir arbeiteten an unserer Entwicklung weiter, knüpften unsere Liebesbande noch enger und setzten uns wirkungsvoll für den Fortschritt unserer Familie ein. Im Lauf der Zeit sind dann Lísias, Iolanda und Judite zu uns gekommen, was unser Glück noch mehrte. «
 
Frau Laura unterbrach das Gespräch und schien nachzudenken. Nach einer Weile sprach sie in ernstem Tonfall weiter:
 
»Obwohl wir in der Gegenwart viel Freude genießen durften, wartete die irdische Sphäre schon auf uns. Die Vergangenheit forderte Wiedergutmachung, denn nur so können wir uns mit den Göttlichen Gesetzen versöhnen und eine ausgewogene Zukunft gestalten.
 
Es war uns nicht gestattet, unsere Schuld gegenüber der Erde mit dem Stunden-Bonus zu tilgen; wir mussten sie mit dem Schweiß ehrlicher Arbeit wiedergutmachen. Angesichts unseres guten Willens und unserer Bereitschaft wurde uns unsere schmerzhafte Vergangenheit in aller Deutlichkeit offenbart. Das Gesetz, das den Zyklus der Reinkarnation regelt, forderte unsere Rückkehr auf die Erde. «
 
Dieses Gespräch beeindruckte mich, denn es war das erste Mal, dass jemand in der Kolonie mit mir über vergangene Inkarnationen sprach.
 
»Frau Laura«, unterbrach ich sie, »verzeihen Sie meine Neugierde, aber mir wurde es bisher nicht gestattet etwas über meine spirituelle Vergangenheit zu erfahren. Bin ich nicht auch vom physischen Leib getrennt? Habe ich nicht auch den Fluss des Todes überquert? Konnten Sie sich, nachdem Sie hier ankamen, sofort an Ihre Vergangenheit erinnern, oder mussten Sie dafür den passenden Zeitpunkt abwarten? «
 
»Ich musste darauf warten«, erwiderte sie lächelnd. »Wichtig ist vor allem, dass wir uns von den Eindrücken unseres physischen Lebens lösen. Unsere Minderwertigkeitskomplexe belasten uns noch zu sehr. Wenn wir Zugang zu unseren Erinnerungen haben wollen, ist es unerlässlich, dass unsere innere Ausgewogenheit wieder hergestellt ist. Im Allgemeinen haben wir alle in unseren Lebenszyklen erschütternde Fehler begangen und jeder, der sich an begangene Vergehen erinnern kann, hält sich für das unseligste Wesen im Universum. Wer Opfer eines Verbrechens wurde und sich daran erinnern kann, hält sich gleichermaßen für unglücklich. Deshalb wird nur die Seele, die in sich gefestigt ist, von der spontanen Erinnerung profitieren können. Das Erinnerungsvermögen der Seelen, die noch nicht die Reife dazu erlangt haben, wird überwacht um zu verhindern, dass trotzdem versucht wird, sich zu erinnern. Zumal dies dazu führen könnte, dass diese Seelen entweder in einen Zustand der Verwirrung geraten oder sogar dem Wahnsinn verfallen. «
 
Kam Ihre Erinnerung an die Vergangenheit auf ganz natürliche Weise? «
 
»Ich erkläre es Dir«, antwortete sie gütig. »Als meine Erinnerungen an das Gestern hochkamen, wühlten sie mich doch ziemlich auf. Es stellte sich heraus, dass mein Mann sich im gleichen seelischen Zustand befand, weshalb wir beschlossen, gemeinsam den Assistenten Longobardo aufzusuchen. Dieser Freund überwies uns, nachdem er unsere Schilderungen hörte, an die Magnetiseure des Ministeriums für Aufklärung. Dort wurden wir liebevoll empfangen und zu allererst zu den Archiven geführt, in denen Eintragungen über jeden Einzelnen gemacht und verwahrt werden. Die Techniker des Ministeriums empfahlen Ricardo und mir, während der nächsten zwei Jahre unsere drei Jahrhunderte umfassenden Lebensgeschichten zu lesen. Sie versicherten uns, dass unsere Tätigkeit im Ministerium für Hilfeleistung in dieser Zeit in keiner Weise beeinträchtigt wird. Allerdings erlaubte uns der Leiter der Abteilung für Erinnerungen nicht, in noch frühere Lebensabschnitte Einblick zu nehmen. Er war der Ansicht, dass weiter zurückliegende Erinnerungen uns überfordern könnten. «     angels-light.org
 
»Brauchtet Ihr nur darin zu lesen, um Euch zu erinnern? « fragte ich wissbegierig. »Nein, durch die Lektüre erhielten wir zunächst wichtige Informationen. Nach einer längeren Zeit der Meditation und Selbstanalyse wurden wir bestimmten psychischen Behandlungen unterzogen, um zu Gefühlsfeldern der Erinnerung zu gelangen. Danach haben Spezialisten mittels des magnetischen Passés die im Gehirn schlummernden Energien wiedererweckt. Anschließend erinnerten sich Ricardo und ich an unsere vollständige, dreihundertjährige Geschichte. Jetzt begriffen wir, dass unsere Schuld gegenüber der Erde noch sehr groß war. «
 
»Wo ist unser Bruder Ricardo? Ich würde ihn gerne kennen lernen«, wollte ich von ihr wissen. Lísias Mutter schüttelte den Kopf und sagte leise:
 
»Wegen unserer Vergangenheit haben wir beschlossen uns wieder auf der Erde zu treffen, dort erwartet uns viel, viel Arbeit. Deshalb ist Ricardo bereits vor drei Jahren zurückgegangen. Ich werde ihm in einigen Tagen folgen. Ich warte nur noch auf Teresa, damit ich sie zu unserer Familie bringen kann. «
 
Ihr leerer Blick verriet, dass sie weit weg an der Seite ihrer Tochter war, die sich noch auf der Erde aufhielt. Sie erläuterte:
 
»Es wird nicht mehr lange dauern und Eloisas Mutter wird hier ankommen. Als Verdienst für ihre großen Opfer, die sie seit ihrer Kindheit brachte, wird sie nur für wenige Stunden in der Schwellenregion verbleiben. Dank der harten Zeit, die sie durchmachte, wird sie es nicht nötig haben sich einer Erneuerungstherapie zu unterziehen. Ich werde ihr meine Aufgaben im Ministerium für Hilfeleistung übergeben und ruhig abreisen können. Der Herr vergisst uns nie! «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:33

22)
 
DER STUNDEN BONUS
 
 
Ich bemerkte, wie Frau Laura, als sie an ihren Mann dachte, ganz plötzlich traurig wurde, so dass ich das Thema des Gesprächs wechselte.
 
»Was können Sie mir über den Stunden-Bonus sagen? Handelt es sich um Münzgeld? « Ihr Gesicht klärte sich, und sie antwortete höflich:
 
»Nein, es ist nicht eigentlich eine Münze, aber ein Schein, auf dem die Arbeitsstunden jedes Einzelnen eingetragen werden. Dieser Schein berechtigt zum Kauf, in anderen Worten, er fungiert als Kaufgeld. « »Kaufgeld? «, fragte ich verwundert.
 
»Ich erkläre es Dir«, antwortete Frau Laura. »In Nosso Lar ist die Produktion der Bekleidungs- und Grundlebensmittel für die Allgemeinheit bestimmt. ImRegierungssitz sowie in den Ministerien gibt es eine Verteiler-Zentrale. Das Hauptlager gehört der Gemeinschaft. «
 
Staunend hörte ich sie sagen:
 
»Alle Bewohner der Kolonie Nosso Lar arbeiten am Wachstum des Allgemeinguts mit und dürfen davon leben. Allein denjenigen, die arbeiten, steht mehr zu. Denn obschon jeder Bewohner unserer Kolonie mit dem Notwendigsten an Kleidung und Brot versorgt wird, sind es diejenigen, die sich um den Stunden-Bonus bemühen, welche sich in der Gesellschaft einige Vorrechte erarbeitet haben. Um ein Beispiel zu nennen: Sie dürfen z.B. ein Eigenheim besitzen. Es ist auch zu beachten, dass noch nicht arbeitende Geistwesen zur Arbeit gezwungen werden können. Der Müßiggänger wird zwar eingekleidet, aber nur der fleißige Arbeiter darf die Kleider seines Geschmackes wählen, verstehst Du? Den Arbeitsscheuen wird es Dank der Fürsprache ihrer Freunde erlaubt sein, sich entweder in den Erholungszonen oder in den Parks des Kurhauses aufzuhalten. Dagegen ist es den fleißigen Seelen, welche im Besitz eines Stunden-Bonus sind, gestattet, sich mit ihren geliebten Geschwistern in den für die Freizeit reservierten Orten aufzuhalten. Im Allgemeinen wird ihnen auch der Kontakt zu den weisen Leitern verschiedener Schulen innerhalb der Ministerien ermöglicht. Es ist wichtig zu wissen, wie viel Punkte moralische Besserung und Erhöhung uns einbringt. Jeder von uns, der arbeitet, sollte an einem vierundzwanzig Stunden dauernden Tag mindestens acht Stunden gemeinnützigen Dienst leisten. Obschon die Arbeitsprogramme in der Kolonie zahlreich und intensiv sind, erlaubt es die Regierung allen, die freiwillig für das Wohl der Gemeinschaft arbeiten wollen, einen zusätzlichen Einsatz von vier Stunden zu leisten. So ergibt es sich, dass sehr viele zu einem Stunden-Bonus von zweiundsiebzig Stunden pro Woche kommen. Es gibt auch Seelen, die unter großer Aufopferung Dienste leisten, die zweifach, oder manchmal sogar dreifach belohnt werden. «
 
»Ist das die einzige Art der Entlohnung? «, fragte ich.
 
»Ja, das ist die gängige Art, die Mitarbeiter der Kolonie für Arbeit und Disziplin zu entlohnen. «
 
Mir kamen die irdischen Einrichtungen in den Sinn und ich fragte verblüfft:
 
»Lässt sich diese Zahlungsart mit der Art der Beschäftigung vereinbaren? Der Verwalter erhält für seine täglich verrichtete Arbeit einen acht Stunden-Bonus. Und ein Angestellter der Verkehrsbetriebe bekommt dasselbe Entgelt? Ist denn die Tätigkeit des Ersteren nicht höher gestellt, als die des Letzteren? « Lächelnd erwiderte sie:
 
»Alles ist relativ. Wenn man sich in leitender oder in untergeordneter Stelle aufopfernd einsetzt, wird die Entlohnung gerechterweise vervielfacht. Um Deine Frage eingehender zu betrachten, ist es vor allem wichtig, etliche Nachteile, die auf der Erde üblich sind, zu vergessen. Die Art des Dienstes ist der wichtigste Punkt. Es zeigt sich jedoch, dass es auf der Erde viel schwieriger ist, eine Lösung dafür zu finden. Während die Seele im menschlichen Leib weilt, übt sie sich im Dienen und lernt in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens zu arbeiten. Deshalb ist es äußerst wichtig, dass auf der Erde die Löhne angemessen festgelegt werden. Jeder Gewinn, der aus einem weltlichen Profit stammt, ist ein vorübergehender Gewinn. Wir sehen arbeitende Menschen, die ganz davon besessen sind, Geld zu verdienen. Sie wälzen ansehnliches Vermögen hin und her und verprassen es gewissenlos. Andere hingegen legen bei Bankinstituten beträchtliche Geldsummen an, verlieren ihren Frieden und zerstören die Familie. Es ist aber auch zu beachten, dass siebzig Prozent aller Verwalter auf Erden ihre moralischen Verpflichtungen nicht ernst nehmen. Der gleiche Prozentansatz gilt für diejenigen, die in untergeordneten Stellungen tätig sind. Die Mehrheit der arbeitenden Menschen übt ihren Beruf ohne Engagement aus, obschon sie dafür entsprechend entlohnt werden. Sowohl in den Regierungen wie in den Unternehmen arbeiten Ärzte, die für ihre Dienste bezahlt werden, jedoch anderen Interessen nachgehen. So wie es Arbeitnehmer gibt, die bezahlt werden, um die Zeit totzuschlagen. Welcher Art Dienst ist denn das? In der Wirtschaft gibt es solche, die die Pflichten und Verpflichtungen ihres Berufes nie voll wahrgenommen haben. Dennoch erheben sie Anspruch auf Bonus, Gefälligkeiten und Altersversorgung, wie es großzügige Gesetze vorsehen. Sie sind wie giftige Insekte, die sich auf das gesegnete Mahl stürzen. Glaube mir, diese Fahrlässigkeit wird alle sehr teuer zu stehen kommen. Es scheint, dass die Zeit, in welcher die Sozialorgane die menschliche Arbeit nach ihrer Qualität einschätzen werden, noch sehr weit entfernt ist. Doch auf höherer geistiger Ebene wird die Bewertung der Arbeit erst festgelegt, nachdem die moralischen Werte geprüft wurden.«
 
Ihre Worte führten mich zu neuen Überlegungen.
 
»Der wahre Gewinn,« fuhr sie fort »den die Geschöpfe machen können, ist geistiger Art. Der Wert des Stunden- Bonus in unserer Organisation kann, je nach der Art unserer Arbeit, beachtlich gesteigert werden. Jedes Ministerium hat einen eigenen Stunden-Bonus. Im Erneuerungs­ministerium gibt es den „Erneuerungs-Stunden-Bonus", im Aufklärungs-Ministerium den „Aufklärungs-Stunden-Bonus" und so fort. Auch unsere spirituellen Verdienste werden anerkannt und so ist es sinnvoll, dass die Art unserer Arbeit im persönlichen Ausweis eingetragen wird. Die wesentlichen Errungenschaften bestehen aus Erfahrung, Erziehung, Bildung und der Möglichkeit der Vermehrung der Göttlichen Gnade. So gesehen, bedeuten hier Beflissenheit und Hingabe fast alles. Normalerweise bereitet sich die Mehrheit der Bewohner unserer Übergangsstätte auf die Notwendigkeit einer Rückkehr in das leibliche Leben vor. Nach diesem Prinzip ist es natürlich, dass der Mensch, der fünftausend Arbeitsstunden seiner Erneuerung widmet, einen überragenden Einsatz zu seinen Gunsten geleistet hat. Derjenige aber, der sechstausend Stunden im Ministerium für Aufklärung gearbeitet hat, ist weiser. Wir können unseren erworbenen Stunden-Bonus ausgeben, aber wertvoller als der Bonus ist die Eintragung unserer gemeinnützig geleisteten Dienstzeit, die uns das Recht auf hochwertige Auszeichnungen gibt. «
 
Solche Informationen waren für mich von großem Wert.
 
»Können wir denn unseren Stunden-Bonus auch zugunsten unserer Freunde einsetzen? «, fragte ich neugierig.
 
»Aber sicher«, sagte sie, »wir dürfen den Segen unseres persönlichen Einsatzes mit denen teilen, die uns lieben. Dies ist ein persönliches Recht, welches dem rechtschaffenen Arbeiter zusteht. Es gibt Abertausende in Nosso Lar, die von diesem freundschaftlichen und brüderlichen Handeln profitieren konnten. «
 
Lísias Mutter lächelte und meinte noch: »Je höher die Anzahl der Dienststunden ist, desto mehr sind wir berechtigt, uns für jemanden einzusetzen. Daraus folgt, dass alles seinen Preis hat und dass man, bevor man etwas geschenkt bekommt, zuerst geben können muss. Das Bitten hat einen großen Stellenwert im Leben jedes Einzelnen. Doch nur derjenige, der sich auszeichnet, kann eine Bitte äußern oder anderen Gefälligkeiten erweisen. Verstehst Du? «
 
»Wie steht es mit dem Erben? «, interessierte ich mich.
 
»Bei uns verläuft es ganz einfach«, meinte Frau Laura. »Nehmen wir meinen Fall als Beispiel. In Kürze werde ich zur Erde zurückkehren. Ich habe ein persönliches Bonus- Guthaben über dreitausend Stunden, die ich im Hilfsdienst geleistet habe. Dieses Guthaben werde ich meiner nächstens ankommenden Tochter nicht hinterlassen können, da es in das allgemeine Gut einfließen wird. Meine Familie behält aber das Recht auf das Haus. Dank meiner erbrachten Leistungen darf ich mich für meine Tochter einsetzen und ihr das Tätigkeitsfeld vorbereiten. Ich kann auch dafür sorgen, dass sie die Unterstützung von Freunden bekommt. Dieses Guthaben bedeutet auch, dass ich während meiner Anwesenheit auf der Erde auf die wertvolle Hilfe unserer spirituellen Organisation zählen kann. Was ich noch mitnehme, sind die Erfahrungen, die ich in jahrelanger Tätigkeit im Ministerium für Hilfeleistung gemacht habe. Ich kehre zur Erde zurück, ausgestattet mit höheren Werten und edleren Eigenschaften, die mir den ersehnten Erfolg ermöglichen werden. «
 
Als ich mich voller Bewunderung über die einfache Art des Verdienens, des Nutzens, des Mitwirkens und des Dienens äußern und mit den auf der Erde herrschenden Regeln vergleichen wollte, vernahm ich mir bekannte Stimmen. Frau Laura sagte zufrieden: »Unsere Lieben sind zurück. « Sie stand auf, um sie zu empfangen.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:39

(23)
 
LERNEN, ZU HÖREN
 
 
Innerlich bedauerte ich die Unterbrechung unseres Gesprächs, denn Frau Lauras Ausführungen gaben meinem Herzen Kraft.
 
Lísias, offensichtlich zufrieden, kam ins Haus. »André, hast Du Dich noch nicht zurückgezogen? « fragte er. Die Freunde verabschiedeten sich und er lud mich ein, ihn zu begleiten.
 
»Komm mit in den Garten, und schau Dir den Mond an. Von hier aus ist er besonders gut zu sehen. «
 
Frau Laura plauderte mit den Töchtern, während ich in Begleitung Lísias auf den Blumengarten zuging. Mir bot sich dort ein überwältigender Anblick! Bis jetzt hatte ich ja keine Gelegenheit, das grandiose Naturschauspiel, das sich hier in den weitläufigen Quartieren des Ministeriumsfür Hilfeleistung zeigte, zu erleben. In den Gärten blühten prächtige Glyzinien und Schneelilien, deren blau schimmernden Kelchen lieblicher Duft entströmte. Ich sog diese neuen Energien tief in mich hinein. In der Ferne sah ich die Türme des Regierungsgebäudes, die schöne Lichtbilder in die Nacht projizierten. Angesichts solcher Schönheit fand ich nicht die richtigen Worte, meine Gefühle auszudrücken.
 
»Einen solchen Frieden«, sagte ich bewegt, »habe ich noch nie erlebt. Was für eine wunderbare Nacht.« Mein Begleiter lächelte und meinte:
 
»Die in innerer Harmonie lebenden Bewohner dieser Kolonie verpflichten sich, keine negativen Gedanken aufkommen zu lassen. Diese gemeinsame Anstrengung wirkt sich wie ein ständiges Gebet aus. Was wir jetzt wahrnehmen, sind die Schwingungen des Friedens die sich daraus ergeben. « Entzückt verharrte ich noch eine Weile. Ich wollte das sanfte Licht und die Schwingungen des Friedens in mich aufnehmen. Nach unserer Rückkehr ins Wohnzimmer schritt Lísias zu einem kleinen Gerät, das einem Rundfunkgerät der Erde glich. Meine Neugierde war entfacht. Was würden wir hören? Nachrichten von der Erde? Lísias erklärte mir:
 
»Wir werden keine Stimmen vom Planeten Erde hören, da unsere Sendungen aus einem Bereich kommen, der feinere Schwingungsenergien besitzt, als die der Erdoberfläche. «
 
»Gibt es denn keine Möglichkeiten, Sendungen von der Erde zu empfangen? «, fragte ich ihn.
 
»Sicher könnten wir hier solche empfangen, so wie das in allen Ministerien möglich ist. Für uns daheim ist es jedoch wichtiger, in der Gegenwart zu bleiben. Ich meine damit, dass für uns die Durchführung von Tätigkeiten, die für unser Fortschreiten notwendig sind und die Anweisungen und Belehrungen aus der höheren geistigen Welt einen weit höheren Stellenwert haben, als irgendetwas auf der Erde. «
 
Obwohl er recht hatte, fragte ich, da ich immer noch am Irdischen festhielt, sofort:
 
»Ist es wirklich so? Wie geht es unseren Verwandten, die weit weg sind? Unseren Eltern, unseren Kindern?«
 
»Ich habe geahnt, dass du diese Fragen stellen würdest«, sagte er. »Auf Erden konnten wir unser Leben nicht richtig einschätzen. Wir waren in der Überschwänglichkeit der Gefühle gefangen und hielten uns für etwas ganz besonderes. Wir suchten Zuflucht in der Familie und vernachlässigten unsere restlichen Pflichten. Den wahren Prinzipien der Brüderlichkeit fühlten wir uns nicht verbunden, obschon wir sie in der ganzen Welt zu verbreiten vorgaben. Wurden wir aber aufgefordert sie zu bezeugen, zeigte es sich, dass wir nur solidarisch gegenüber den Unsrigen sein konnten. Hier jedoch, mein Freund, zeigt die Medaille des Lebens ein anderes Gesicht. Wir kommen nicht umhin, unsere alten Krankheiten zu selbst heilen und Ungerechtigkeiten zu beheben.
 
Angeblich sollen in den Anfängen der Kolonie alle Haushalte mit den Sendern der Erde verbunden gewesen sein. Zu dieser Zeit kostete es die Bewohner große Mühe, hier ohne Nachrichten von ihren Lieben auf der Erde auszukommen. Deshalb bedienten sie sich dieser Möglichkeit. Dies führte jedoch zu einer erheblichen nervlichen Belastung aller, die vom Ministerium für Erneuerung bis zum Ministerium der Erhöhung zu spüren war. Erschreckende Gerüchte wurden verbreitet und störten die Aktivitäten der Kolonie.
 
Vor genau zwei Jahrhunderten forderte deshalb einer der Minister der Göttlichen Vereinigung die Regierung auf, die Lage zu normalisieren. Es wird angenommen, dass der damalige Gouverneur zu nachsichtig war. Übermäßige Großzügigkeit kann in manchen Fällen zu Disziplinlosigkeit fuhren. Manchmal geschah es, dass Nachrichten von Angehörigen auf der Erde sich sogar traumatisch auf die hier lebenden Familien auswirkten. Bei vielen Bewohnern der Kolonie lösten die Katastrophen auf der Erde Mitgefühl aus und sie litten mit den Erdbewohnern. Es steht in unseren Archiven, dass unsere Stätte damals eher eine Unterabteilung der Schwellenregion zu sein schien, als ein Ort der Erneuerung und Bildung. In der Folge sprach sich der neue Gouverneur gegen den Nachrichtenaustausch mit der Erde aus und - unterstützt vom Ministerium der Göttlichen Vereinigung - wurde der Nachrichtenverkehr ganz eingestellt. Es gab natürlich Gegenargumente, doch der verantwortliche Minister stützte sich auf das Gleichnis Jesu: "Die Toten sollen ihre Toten begraben." Man verstand, was gemeint war und so gab man den Widerstand endgültig auf. «
 
»Aber«, wandte ich ein, »es wäre sicher interessant, Nachrichten von unseren Lieben auf der Erde zu erhalten. Dies würde sich auf unsere Seelen sehr beruhigend auswirken, nicht wahr? «
 
Lísias, der neben dem Gerät stand ohne es einzuschalten, fuhr in seinen Erläuterungen weiter fort:
 
»Du kannst Dich selbst fragen, ob Du hier die nötige Ruhe aufbrächtest, wenn Du erfahren müsstest, dass Dein geliebter Freund, Verwandter oder eines Deiner geliebten Kinder verleumdet wird oder zum Verleumder wurde. Könntest Du Deine Ruhe bewahren und gemäß den Göttlichen Regeln handeln? Wenn Dich jetzt jemand benachrichtigte, dass einer Deiner Blutsverwandten oder gar Dein Bruder, heute verhaftet wurde, weil er zum Verbrecher wurde, wärest Du stark genug und wüsstest mit solchen Nachrichten richtig umzugehen?«
 
Enttäuscht versuchte ich zu lächeln. Lísias sprach weiter.
 
»Wir sollten erst versuchen Verbindungen mit den niedrigeren Sphären herzustellen, wenn wir in der Lage sind, wirksam zu helfen. Wie können wir richtig helfen, wenn wir selbst sowohl emotional, als auch vernunftmässig unausgewogen sind? Deshalb ist es erforderlich, dass wir uns angemessen vorbereiten, bevor wir Kontakt mit unseren irdischen Verwandten aufnehmen. Wenn bei ihnen die spirituelle Liebe gereift ist, wäre ein gegenseitiger Kontakt sogar wünschenswert. Leider ist ein beachtlicher Prozentsatz der Inkarnierten noch nicht Herr ihrer selbst und lebt in einem Zustand der Verwirrung, den Höhen und Tiefen der materiellen Existenz ausgeliefert. Wir müssen es trotz unserer emotionalen Schwierigkeiten vermeiden, in die niedrigeren Schwingungsfelder abzustürzen. «
 
»Aber«, hartnäckig fragte ich weiter, »Lísias, würdest Du Dich nicht darüber freuen, mit einem Freund auf der Erde oder vielleicht mit Deinem Vater Kontakt zu haben? «
 
»Aber ganz sicher«, antwortete er gütig, »wenn wir diese Freude verdienen, besuchen wir ihn dort, wo er sich in neuem physischen Gewand aufhält. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir fehlbare Geschöpfe sind. Aus diesem Grund können nur kompetente Stellen entscheiden, ob wir berechtigt sind, dieses Recht einzufordern oder nicht.
 
Das gehört in den Zuständigkeitsbereich des Ministeriums für Kommunikation. Gewiss ist es einfacher, von der Höheren in die Niedrigere Sphäre abzusteigen, aber es gibt gewisse Prinzipien, welche die Kommunikation zwischen den verschiedenen Sphären regeln. Diese sind zu beachten, zumal das Zuhören ebenso wichtig ist wie das Sprechen. Weil damals die Bewohner von Nosso Lar nicht richtig zuhörten, konnten sie nicht erfolgreich helfen und oft herrschte ein Durcheinander in der Kolonie. «
 
Solch gewichtige Argumente konnten mich überzeugen, und ich schwieg, während Lísias das Gerät einschaltete. Ich war neugierig was da kommen würde
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:41

(24)
 
ERGREIFENDER HILFERUF
 
 
Aus dem Empfangsgerät ertönte eine sanfte Melodie, die den ganzen Raum durchdrang. Sie wirkte beruhigend auf uns. Auf dem Bildschirm erschien das Gesicht des Sprechers.
 
»Hier spricht Moradias* Zweites Programm. Wir bitten erneut um Hilfe zugunsten des Friedens auf Erden. Wir rufen alle Mitarbeiter guten Willens auf, mit vereinten Energien sich für die Erhaltung des moralischen Gleichgewichts einzusetzen. Unser Appell richtet sich an alle, die für einige Stunden in den Zonen der Schwellenregion aushelfen können, wo Mächte der Finsternis sich mit dem menschlichen Gedankengut verbinden. Nachdem aus der Finsternis stammende Phalanx* Asien zum Krieg anstifteten, umkreisen sie jetzt europäische Nationen, um sie zu neuen Verbrechen anzustiften. Wir und alle anderen, die für die spirituelle Reinheit in der näheren Umgebung der Erdoberfläche zuständig sind, stellen eine Konzentration des Bösen fest. Wir bitten um brüderliche Unterstützung und um jede Hilfe, die Ihr uns geben könnt. Bedenkt, dass der Friede verteidigt werden muss. Wir ersuchen Euch, uns im Rahmen Eurer Möglichkeiten zu helfen. Es gibt Arbeit für alle. Von der Erdoberfläche bis hin zu unseren Toren gibt es viel zu tun. Gott segne uns. «
 
Die Stimme brach ab, es war wieder Musik zu hören. Der eindringliche Hilferuf drang tief in meine Seele. Lísias, ebenfalls beunruhigt, erklärte mir:
 
»Wir hörten das Zweite Programm des Senders von Moradia, einer alten und ehrwürdigen Kolonie, die sehr eng mit den niedrigeren Regionen in Verbindung steht. Wie Du weißt, haben wir den Monat August des Jahres 1939. Wegen Deiner persönlichen Probleme, die Dich in letzter Zeit sehr in Anspruch genommen haben, konntest Du nicht über die prekäre Lage, in der sich die Erde befindet, nachdenken. Ich kann nur bestätigen, dass die Nationen der Erde am Rande schrecklicher Kämpfe stehen. «
 
»Was sagst Du da? «, fragte ich ihn entsetzt, »Wurde denn nicht genug Blut im letzten Weltkrieg vergossen? «
 
Lísias lächelte traurig und sah mich mit glänzenden Augen an. Es berührte ihn tief, dass die Menschheit sich in einer so ernsten Lage befand. Zum ersten Mal konnte er mir nicht sofort antworten. Sein Schweigen befremdete mich. Ich war von den zahlreichen spirituellen Aktivitäten, die hier durchgeführt werden, sehr beeindruckt. Wie war es möglich, dass spirituelle Stätten, die von gütigen Geistwesen bewohnt sind, um Hilfe und Unterstützung bitten? Der Hilferuf des Sprechers hörte sich wie ein S.O.S. an. Ich hatte sein angespanntes Gesicht bemerkt. Sein ruheloser Blick verriet tiefen Kummer. In welcher Sprache drückte er sich aus? Überrascht stellte ich fest, das er klar und fließend Portugiesisch gesprochen hatte. Und ich hatte gedacht, dass sich alle Bewohner der spirituellen Kolonien nur durch ihre Gedanken mitteilten. Könnte es sein, dass dort die Kommunikation noch nicht so weit fortgeschritten war? Lísias, der meine Verwirrung spürte, erklärte mir:
 
»Die Ebenen, in denen es nur reine Gedanken gibt, sind für uns noch weit entfernt. Hier ist es so wie auf Erden: Diejenigen, die in vollkommener Harmonie zueinander stehen, können sich gedanklich mitteilen, für sie gibt es keine Sprachbarrieren. Aber im Allgemeinen können wir noch nicht auf unsere sprachliche Ausdrucksform verzichten. Unsere Kämpfe werden auf unermesslich großem Feld ausgetragen.
 
Die Erde ist von Milliarden Menschen bevölkert, die sich mit der unsichtbaren Menschheit des Planeten verbinden, was zusammen viele Billionen von Geschöpfen ausmacht. Es ist nicht möglich, sogleich nach dem Tod des physischen Körpers zu den Regionen zu gelangen, in denen Vollkommenheit herrscht. Da wir unser nationales und sprachliches Erbe beibehalten, sind unserem Denken psychische Grenzen gesetzt. In den verschiedenen Sektoren unserer spirituellen Aktivitäten gibt es jedoch eine erhebliche Anzahl von Geistwesen, die frei von jeglicher Einschränkung sind. Der Normalfall ist aber, dass die meisten von uns diese Einschränkungen auf sich nehmen müssen. Indes dürfen wir nicht vergessen, dass alles gemäß den Prinzipien abläuft, die das Gesetz der Evolution beinhalten. Es gibt keine Möglichkeit diese zu umgehen. «
 
In der Zwischenzeit wurde die Musik unterbrochen. Der Sprecher ergriff wieder das Wort:
 
»Hier spricht der Sender Moradias, Zweites Programm. Wir senden nochmals den Hilferuf unserer Kolonie für den Frieden auf Erden aus. Dichter Nebel konzentriert sich am Himmel Europas. Finstere Mächte aus der Schwellenregion dringen von allen Seiten ein, angezogen von den egoistischen und erbarmungswürdigen Neigungen der Menschen. Dennoch führen selbstlose Wohltäter auf der politischen Bühne einen harten Kampf für den internationalen Frieden. Aber es gibt auch Regierungen, denen wir aufgrund zu straffer Zentralisierung nur mit Mühe spirituelle Hilfe zukommen lassen können. Weil diese Länder über keine offiziellen Organe verfügen, wo man sie vernünftig und gemäßigt beraten könnte, schreiten sie auf einen groß angelegten schrecklichen Krieg zu.
 
Geliebte Brüder in den Höheren Sphären: Bemühen wir uns, gemeinsam den menschlichen Frieden zu erhalten und die westliche Zivilisation - welche die Wiege jahrhundertealter Errungenschaften ist, zu schützen. Gott beschütze uns. «
 
Der Sprecher verstummte und erneut ertönte die beruhigende Musik.
 
Lísias schwieg, und ich wagte es nicht, sein Schweigen zu unterbrechen. Der Sprecher meldete sich nach einer Pause von etwa fünf Minuten nochmals:
 
»Hier spricht der Sender Moradias, Zweites Programm. Wir senden nochmals den Hilferuf unserer Kolonie für den Frieden auf Erden. Brüder, Mitarbeiter, erflehen wir gemeinsam die Hilfe der mächtigen Bruderschaft des Lichts*, die das Schicksal Amerikas leitet. Helft uns, das tausendjährige Erbe irdischer Errungenschaften zu retten. Marschieren wir zusammen, um wehrlosen Gemeinschaften zu helfen. Lasst uns den Müttern, deren Herzen in Angst zu ersticken drohen, helfen. All unsere Energien sollen tatkräftig eingesetzt werden, in diesem Kampf gegen die Legionen von Unwissenden. Wenn es Euch möglich ist, dann kommt uns zu Hilfe! Wir alle gehören zum unsichtbaren Teil der irdischen Menschheit und viele von uns werden wieder in den physischen Körper eintauchen, um vergangene Fehler wieder gutzumachen. Vereinigen wir uns zu einer einzigen Schwingung und bringen Licht dorthin, wo die Menschheit von den Mächten der Finsternis belagert wird. Wehren wir das Böse mit dem Schild des Guten ab, denn Ströme von Blut und Tränen drohen Europa zu überschwemmen. Es ist deshalb notwendig, gemeinsam und konstruktiv zu arbeiten, und den Glauben weit hinauszutragen. Gott segne uns! «
 
Lísias schaltete das Gerät aus. Er trocknete diskret eine Träne und sagte ergriffen zu mir:
 
»Das waren die selbstlosen Brüder der Kolonie Moradia. « Er schwieg und meinte dann später traurig:
 
»Alles war umsonst. Es wird nicht lange dauern, und die Menschheit auf der Erde wird auf schreckliche und schmerzliche Art den Tribut dafür zahlen müssen. «
 
»Gibt es denn gar keine Möglichkeit, diese verheerende Katastrophe abzuwenden? «, fragte ich ihn besorgt.
 
»Leider nicht«, erwiderte Lísias ernst und in gequältem Tonfall, »denn die allgemeine Lage ist sehr kritisch. Um dem Hilferuf des Senders Moradia und dem von anderen Kreisen, die sich nahe der Schwellenregion befinden, nachzukommen, haben wir zur Beratung einberufen. Aber das Ministerium der Göttlichen Vereinigung warnte uns. Man ist der Meinung, dass sich die Menschheit auf Erden wie ein gieriger Mensch verhält, der sich am Festbankett überessen hat und jetzt an unvermeidlichen Verdauungsstörungen leidet. Viele Nationen ernährten sich mit kriminellem Stolz, Eitelkeit und grausamem Egoismus. Jetzt müssen sie diese tödlichen Gifte ausstoßen. «
 
Es war offensichtlich, dass Lísias nicht länger über dieses unangenehme Thema sprechen wollte und so zog ich mich zurück.
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:42

(25)
 
WERTVOLLE RATSCHLÄGE
 
 
Am nächsten Tag frühstückte ich in der Gesellschaft von Lísias und seiner Familie. Bevor sich seine Geschwister von uns verabschiedeten und zur Arbeit in das Ministerium für Erneuerung gingen, sagte Frau Laura gut gelaunt zu mir: »Ich habe vereinbart, dass Du den heutigen Tag in der Gesellschaft von Rafael, einem alten Bekannten unserer Familie, verbringst. Rafael arbeitet im Ministerium für Erneuerung und wird Dich dahin begleiten. Dort wird er Dich in meinem Namen Minister Genésio vorstellen. «
 
Ich nickte strahlend vor Freude und spürte, wie großes Glücksgefühl von meiner Seele Besitz ergriff. Gerührt dankte ich ihr, doch Worte genügten nicht, um meiner Dankbarkeitund Freude Ausdruck zu verleihen. Lísias zeigte sich auch hoch erfreut und umarmte mich warmherzig. Als Frau Laura ihrem Sohn den Abschiedskuss gab, empfahl sie ihm:
 
»Lísias, richte Minister Clarêncio bitte aus, dass ich zur Arbeit kommen werde, sobald ich unseren Freund in Rafaels Obhut weiß. « Ich war äußerst gerührt und wusste nicht, wie ich mich für eine solche Zuwendung bedanken sollte. Als ich dann mit Lísias Mutter allein war, sagte sie fürsorglich:
 
»Mein lieber André, erlaube mir, Dir einige Ratschläge auf Deinen neuen Weg zu geben. Ich bin überzeugt, dass das mütterliche Wort stets wichtig ist, und da Deine Mutter nicht in der Kolonie Nosso Lar wohnt, nehme ich mir nun dieses Recht. «
 
»Sehr gerne«, sagte ich. »Ich werde immer in Ihrer Schuld stehen für Ihre Fürsorge. « Sie lächelte und fügte gütig hinzu:
 
»Ich weiß, dass Du vor einiger Zeit um eine Arbeit ersucht hast. «
 
»Ja, das stimmt«, erklärte ich und erinnerte mich an Clarêncios Worte.
 
»Ich weiß auch«, sprach Frau Laura weiter, »dass man Deinem Wunsch nicht sofort entsprechen konnte. Später jedoch wurde Dir die notwendige Erlaubnis erteilt, die Ministerien, die uns enger mit der Erde verbinden, zu besuchen. Bezüglich dieser Erlaubnis möchte ich Dir meine bescheidenen Ratschläge anbieten. Glaube mir, ich spreche aus eigener Erfahrung. Jetzt, da Du diese Genehmigung hast, kann ich Dir nur raten, schnellstens Deine Neugierde zu zügeln. Bitte, verhalte Dich nicht wie ein Nachtfalter, der von Lampe zu Lampe fliegt. Es ist mir bekannt, dass die Forschung Dir ein großes Anliegen ist. Du bist ein gelehrter und leidenschaftlicher Arzt, der Neues und Rätselhaftes liebt. In einer neuen Position könnte es aber sehr leicht geschehen, dass Du wieder in alte Muster abgleitest. Erwäge bitte, dass Du ehrenwertere Erkenntnisse erzielen kannst, wenn Du Dein Interesse Höherem widmest, als nur die Dinge zu analysieren. Die so genannte gesunde Neugierde kann manchmal gefährlich werden, obschon sie auch zu einer interessanten, geistigen Bereicherung fuhren kann. Ein unerschrockener und zuverlässiger Geist kann dank seiner Neugierde viele Aufgaben ehrenvoll erfüllen. Den Unzuverlässigen und Unerfahrenen hingegen könnte diese Neugierde schmerzvolle Erfahrungen bringen, da sie ohne Nutzen ist. Clarêncio ermöglichte Dir den Zugang zu den Ministerien, angefangen bei dem Ministerium für Erneuerung. Also, mein Rat ist: Beschränke Dich nicht auf das Beobachten. Anstatt Dich von Deiner Neugierde leiten zu lassen ist, biete bei der ersten Gelegenheit an, selbst Hand anzulegen und bleibe dann dort.
 
Mache Dich mit den Arbeiten vertraut und versuche nicht, auch in den anderen Ministerien tätig zu sein. Es ist besser, wenn Du Dich bemühst, Sympathien zu gewinnen. Du darfst niemals vergessen, dass der dienende Geist Vorrang hat und der Forschergeist erst an zweiter Stelle stehen sollte. Sich in fremde Angelegenheiten einzumischen, nur um die Neugierde zu stillen, ist eine Unverschämtheit, die nichts Gutes hervorbringt. Sehr viele Unternehmungen in der Welt scheitern infolge solcher Fehler. Viele gefallen sich in der Rolle der Beobachter, jedoch nur wenige sind bereit, etwas zu vollbringen. Nur durch ehrliche und würdige Arbeit macht sich der Geist verdient und wird schließlich in den Genuss neuer Rechte kommen. Im Ministerium für Erneuerung wird hart gearbeitet, weil sich dort die niedrigste Zone unserer spirituellen Kolonie befindet. Dort werden alle Arbeitsgruppen von gütigen Geistwesen gebildet, die für die Erledigung der mühseligsten Aufgaben eingesetzt werden. Fühle Dich nicht gedemütigt, niedrige Arbeiten zu erledigen. Bedenke, in allen unseren Sphären, vom Planeten Erde angefangen bis zu den höheren Kreisen in den erhabenen Sphären, ist Jesus Christus der bedeutendste Arbeiter. Er war sich nicht zu schade, als bescheidener Zimmermann zu arbeiten. Der Minister Clarêncio hat es Dir freundlicherweise erlaubt, die Dienste in seinem Ministerium kennen zu lernen und Dich mit ihnen vertraut zu machen. Anstatt dich auf das Beobachten zu beschränken, kannst Du Dich nützlich machen und aktiv mithelfen. Zuweilen kann es geschehen, dass unserem Wunsch, einer spezifischen Tätigkeit nachzugehen, nicht entsprochen werden kann. Vielleicht steht sie uns nicht zu und ist denen vorbehalten, die dazu befähigt sind und sich durch harten und schmerzvollen Einsatz ausgezeichnet haben. Niemand wird indessen den guten Willen und die Einsatzbereitschaft eines Geistes ablehnen, der sich aus Liebe demütig der Arbeit hingibt. «
 
Ergriffen nahm ich diesen mütterlichen und gut gemeinten Rat von Frau Laura entgegen. In meinem bisherigen Leben kam es sehr selten vor, dass jemand in mütterlicher Zuneigung so viel Interesse für mein Schicksal zeigte. Diese Ratschläge drangen in mein Herz ein. Als wollte Frau Laura ihre besonnenen Worte noch mit Liebe untermauern, bemerkte sie:
 
»Zu wissen, wie ein neuer Anfang anzugehen ist, ist eine der erhabensten Lektionen die wir lernen können. Auf der Erde sind es nur wenige, die dies verstanden haben, und es gibt leider nur sehr wenige Beispiele dafür. Ein Beispiel jedoch gibt es: Paulus von Tarsien, der Gelehrte im Synedrium*. Er war wegen seiner Bildung und seiner Jugend der Hoffnungsträger eines ganzen Volkes und eine viel beachtete Persönlichkeit in Jerusalem. Eines Tages ging er hinaus in die Wüste, um von dort aus als einfacher und armer Weber ein neues Leben anzufangen. «
 
Ergriffen nahm ich ihre Hände in die meinen und dankte ihr. Lísias Mutter schaute in die Ferne und sagte leise: »Auch ich bin sehr dankbar, mein Bruder. Ich glaube nicht, dass Du zufällig zu uns gekommen bist. Wir sind alle wie in einem Netz durch jahrhundertealte Freundschaften miteinander verbunden. In Kürze werde ich wieder zurück zur Erde gehen, trotzdem werden wir immer durch die Liebe miteinander verbunden sein. Ich hoffe, Dich noch vor meiner Abreise glücklich und voller Begeisterung zu sehen. Dieses Haus soll dein Heim sein. Sei mutig und vertraue Gott. «
 
Ihre Worte berührten mich und angesichts ihrer Zuneigung spürte ich wie es ist, wenn die reine Liebe uns einnimmt und in uns ein unbeschreibliches Gefühl des Glücks hinterlässt. Ich war überglücklich. Frau Laura kam mir so vertraut vor. Obwohl ich versuchte mich zu erinnern, konnte ich nicht herausfinden, woher ich sie kannte. Aber ich war mir sicher, dass wir uns in früheren Zeiten schon begegnet waren.
 
Ich wollte sie küssen, wie ein Sohn seine Mutter küsst, doch in dem Moment klopfte es an der Tür. Frau Laura sah mich an, und in ihrem Gesicht zeigte sich eine tiefe mütterliche Liebe.
 
»Es ist Rafael, der Dich abholen kommt. Geh, mein Freund, und denke an Jesus. Setze Dich für das Wohl anderer ein. Es ist der einzige Weg, um Dich selbst zu finden und, dass es Dir gut geht. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:45

26)
 
NEUE AUSSICHTEN
 
 
Die weisen und fürsorglichen Ratschläge von Lísias Mutter wirkten nachhaltig auf mich ein. In Begleitung Rafaels machte ich mich auf den Weg zum Ministerium für Erneuerung, wo mich Minister Genésio erwartete.
 
Ich war überzeugt, dass es sich nicht um einen Besuch handeln würde, sondern um eine lehrreiche und nützliche Gelegenheit, zu dienen. Auf dem Weg dorthin genoss ich wieder die große Schönheit der neuen, mir unbekannten Gegend. Schweigsam folgte ich Rafael, doch merkwürdigerweise schwirrten keine Fragen in meinem Kopf herum. Stattdessen stellte ich an mir eine andere mentale Aktivität fest: Ich betete aus vollem Herzen zu Jesus, er möge mir bei der Verwirklichung meiner Vorsätze beistehen und dass es mir weder an Arbeit noch an Kraft fehlen möge, sievoranzutreiben. Das Gebet - früher stand ich ihm ablehnend gegenüber - liess mich jetzt eine ganz neue Erfahrung machen, was meinem Wunsch zu dienen, sehr förderlich war. Sogar Rafael zeigte sich ob meines Verhaltens verwundert, als würde er so etwas von mir nicht erwarten. Erstaunt blickte er mich immer wieder an.
 
Der Aérobus hielt vor einem großen Gebäude. Wir stiegen schweigend aus. Nach einigen Minuten standen wir vor dem ehrwürdigen, sehr sympathischen Minister Genésio, dessen Gesicht eine positive Energie ausstrahlte. Rafael stellte mich mit einigen freundlichen Worten vor. Der Minister fragte mich:
 
»Also Du bist unser Bruder André? « »Ja, ich bin es und stehe Ihnen zur Verfügung«, antwortete ich.
 
»Frau Laura hat mir Deine Ankunft angekündigt, sei willkommen! «
 
Rafael ließ uns wissen, dass er in seinem Sektor dringend erwartet werde und verabschiedete sich freundlich. Minister Genésio blickte mich an und sprach:
 
»Ciarencio hat mit großem Interesse von Dir gesprochen. Es kommen viele vom Ministerium für Hilfeleistung zu uns, um sich ein Bild von unserer Tätigkeit zu machen. Meistens entscheiden sich die Besucher dafür, hier zu bleiben und beteiligen sich an den Tätigkeiten unseres Ministeriums. «
 
Ich verstand sofort seine feine Anspielung und erwiderte:
 
»Das ist ebenfalls mein größter Wunsch. Ich betete zu Gott, meinen noch schwachen Geist zu stärken, so dass sich die Zeit, die ich hier verbringen werde, für mich zu einem nutzbringenden und lehrreichen Aufenthalt entwickeln kann. «
 
Genésio schien von meinen Worten berührt. Demütig und respektvoll bat ich den Minister:
 
»Herr Minister, ich begreife jetzt, dass ich meine Aufnahme im Ministerium für Hilfeleistung der Gnade des Höchsten verdanke und vielleicht auch der stetigen Fürbitte meiner Mutter. Ich muss auch gestehen, dass ich bis jetzt nur Nutznießer war und selbst noch gar nichts Nützliches leisten musste. Ich bin sicher, dass mein Platz hier inmitten der wiedergutmachenden Aktivitäten ist. Deshalb bitte ich, wenn es möglich ist, dass mein Besuchsrecht in ein Arbeitsrecht umgewandelt wird. Denn heute sehe ich mehr denn je ein, dass ich mich neu ausrichten muss, um neue innere Werte zu erlangen. Ich verweilte zu lange in nutzloser Eitelkeit und Selbstverherrlichung. «
 
Er merkte, dass ich es ehrlich meinte und dass es wirklich mein Herzenswunsch war.
 
»Als ich mich neulich an den Minister Clarêncio wandte, « sprach ich weiter, »war mir die Tragweite meines Begehrens nicht bewusst. Zwar wollte ich arbeiten, aber war ich bereit zu dienen? Ich hatte es noch nicht gelernt die Zeit zu nutzen, und die an Segen reichen Gelegenheiten zu schätzen. Eigentlich wollte ich nichts anderes, als der zu sein, der ich auf Erden gewesen bin: Der stolze und geachtete Arzt, Sklave seiner anmaßenden Forderungen, seines blinden Egoismus und gefangen in seiner eigenen Meinung. Dennoch hat mich das Gesehene und Gehörte bereits stark geprägt, und ich begreife, dass gegenüber Gott jeder seine Verantwortung zu tragen hat. Endlich bin ich gereift und sehe ein, dass die Art der Beschäftigung unerheblich ist. Ich möchte dienen! Von meiner Aussage überrascht, fragte mich der Minister:
 
»Bist du wirklich der einstige Arzt? «
 
»Ja, der bin ich«, sagte ich scheu. Genésio schwieg für einen Augenblick, als suche er für den Fall eine Lösung und sagte anschließend:
 
»Ich lobe Deine ehrlichen Absichten. Möge der Herr Dir helfen, Dich daran zu halten. «
 
Wie um mir Mut zu machen, und in meinem Geist Hoffnung aufkommen zu lassen, ergänzte er:
 
»Ist der Schüler bereit, dann sendet der Vater den Lehrmeister. Mit der Arbeit ist es dasselbe. Wenn der Diener bereit ist, bekommt er Arbeit. Die Vorsehung hat Dir, mein Freund, bis jetzt vieles zukommen lassen. Du zeigst Dich bereit, mit uns zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und die Aufgaben anzunehmen. Diese Haltung kommt der Erfüllung Deiner Wünsche sehr entgegen. In irdischen Kreisen ist es üblich, dem Menschen zu gratulieren, wenn er finanziell erfolgreich ist oder er einen prestigeträchtigen Posten annimmt. Hier ist es anders, hier wird Verständnis, das eigene Bemühen, und die ehrliche Demut geschätzt. «
 
Er bemerkte meine Anspannung und schloss seine Bemerkungen mit folgenden Worten:
 
»Es ist wohl möglich, die passende Beschäftigung zu erhalten. Für den Moment jedoch ist es von Vorteil, wenn Du zuerst einmal alles anschaust, beobachtest und darüber nachdenkst. «
 
Danach begab sich der Minister ins nächste Büro und rief:
 
»Ich bitte um die Anwesenheit von Tobias, bevor er zur Rehabilitationsstation* geht. «
 
Nach einigen Minuten erschien in der Tür ein sympathischer Herr.
 
»Tobias, hier ist unser Freund André aus dem Ministerium für Hilfeleistung. Er ist hier, um zu beobachten. Ich glaube es wäre für ihn von großem Nutzen, wenn er sich in der Rehabilitationsstation umschauen würde, um den Ablauf der Arbeit kennen zu lernen. «
 
Wir begrüßten uns, und Tobias meinte liebenswürdig, dass er mir gerne zur Verfügung stehen würde. Indessen bat ihn der Minister:
 
»Geh bitte mit André in die Rehabilitationsstation, denn er sollte unsere Tätigkeit kennen lernen. Er soll über alles informiert werden. «
 
»Ich bin gerade auf dem Weg dorthin, « sagte Tobias. »Wenn Du willst, kannst Du mich gleich begleiten. «
 
»Ganz gewiss, ich komme gerne mit«, meinte ich strahlend. Minister Genésio umarmte mich herzlich. Nach einigen Worten des Zuspruchs, die mir Mut und Hoffnung gaben, verabschiedete er sich.
 
Tobias und ich durchquerten Quartiere und gingen an zahlreichen, großräumigen Gebäuden vorbei, die aussahen, als ob drinnen emsig gearbeitet wurde. Tobias sah meinen fragenden Blick und erklärte mir:
 
»Hier befinden sich die wichtigsten Fabriken der Kolonie Nosso Lar, in denen Fruchtsäfte, Stoffe und allgemeine Gebrauchsgegenstände hergestellt werden.
 
In diesen Fabriken arbeiten mehr als hunderttausend Geistwesen, die sich hier durch ihre Arbeit erneuern und veredeln wollen. «
 
Dann betraten wir ein imposantes Gebäude. Zahlreiche Arbeiter kamen und gingen. Nachdem wir lange Gänge durchschritten hatten, erreichten wir ein breites Treppenhaus, das zu den unteren Stockwerken führte.
 
»Gehen wir nach unten«, sagte Tobias sehr ernst. Ich schaute ihn befremdet an, weshalb er erklärte:
 
»Die Rehabilitationsstation befindet sich in der Nähe der Schwellenregion. Wenn in unserer Kolonie Bedürftige aus dieser Region in diese Station aufgenommen werden, können sie anfangs weder Helligkeit, noch die Atmosphäre der oberen Ebenen ertragen. «
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BeitragThema: Re: Unser Heim - eine Stadt in der spirituellen Dimension   2016-11-03, 20:46

(27)
 
ENDLICH ARBEIT!
 
 
Was sich mir jetzt zeigte, hätte ich mir nie vorstellen können. Ich erblickte weder ein Lazarett noch ein Krankenhaus im herkömmlichen Sinn. Es war eine Art von aneinander gereihten, miteinander verbundenen, großen Zellen, belegt mit zahlreichen, Leichen ähnlichen, menschlichen Gestalten.
 
Ich hörte eigenartiges Wehklagen, Gestöhne, Schluchzer, und zusammenhanglose Sätze. Ausgezehrte Gesichter, bis auf die Knochen abgemagerte Hände, sowie schreckliche Fratzen offenbarten, in welch großer spiritu­eller Not sich diese Geistwesen befanden. Ich war erschüt­tert. In Gedanken sprach ich ein Gebet, das mich wieder aufrichtete. Unbeeindruckt rief Tobias eine ältere Mitar­beiterin herbei.»Ich stelle fest, dass sehr wenige Helfer hier sind. Was ist geschehen? «, fragte er sie verwundert.
 
»Minister Flácus«, erklärte sie respektvoll, »hat angeordnet, dass die Mehrheit der Helfer die Samariter* in die Schwellenregion begleiten sollen, um ihnen beim heutigen Dienst zu helfen.
 
«Wir müssen uns doppelt anstrengen. Wir haben keine Zeit zu verlieren«, erwiderte Tobias ruhig.
 
»Bruder Tobias! Bruder Tobias! Ich flehe Dich an«, schrie ein alter Mann wild gestikulierend, der sich wie ein Wahnsinniger an sein Bett klammerte, »ich ersticke! Das ist ja tausend Mal schlimmer als das Sterben auf der Erde... Hilfe! Hilfe! Ich möchte hier raus, ich brauche Luft. «
 
Tobias ging zu ihm und untersuchte ihn aufmerksam.
 
»Warum hat sich der Zustand von Ribeiro dermaßen verschlechtert? «, fragte Tobias die Frau.
 
»Er hatte einen schweren Anfall«, erklärte sie Tobias. Nach Aussage des Assistenten Gonçalves wurde dieser Anfall von dichten negativen Gedanken verursacht, die von seinen Verwandten ausgesandt und von Ribeiro aufgenommen wurden. Deshalb hat sich sein schon sehr verwirrter Zustand noch mehr verschlechtert. Da er sehr geschwächt und mental noch nicht genügend stark ist, um sich von der Familie, den stärksten Banden der Welt, zu lösen, kann er diesen Gedanken nicht entgegenwirken, wie es zu wünschen wäre.«
 
Wie ein liebender Vater streichelte Tobias die Wangen des Kranken. Die Mitarbeiterin der Station berichtete uns weiter:
 
»Sehr früh heute Morgen hat er sich ohne unsere Einwilligung von hier entfernt und rannte überstürzt hinaus. Er schrie, dass er nach Hause gehen wolle, dass er seine weinende Gattin und Kinder nicht vergessen könne, dass es grausam sei, ihn hier festzuhalten, fern von seiner Familie.
 
Lourenço und Hermes versuchten ihn dazu zu bewegen, wieder ins Bett zu gehen, doch es war unmöglich. Um ihn vor sich selbst zu schützen, gab ich ihm einen magnetischen Passe, der ihn ruhig stellte. «
 
»Du hast das Richtige getan«, lobte sie Tobias besorgt. »Es muss etwas gegen den negativen Einfluss seiner Familie getan werden. Ich werde veranlassen, dass ihr eine größere Last aufgebürdet wird. Das wird sie von Ribeiro ablenken und er wird zur Ruhe kommen können. «
 
Ich blickte den Patienten an und versuchte herauszufinden, wie es um ihn stand. In seinem Gesicht sah ich den Ausdruck eines Geistesgestörten. Als er nach Tobias rief, verhielt er sich wie ein Kleinkind, das seine Vertrauensperson zwar erkennt, aber nicht fähig ist, irgendetwas wahrzunehmen. Weil mich dies erstaunte, erklärte mir Tobias:
 
»Der Arme wird von Albträumen heimgesucht, in denen er ständig mit sich selbst und seinen Verfehlungen konfrontiert wird. Nun, mein Freund, es ist so, dass der Mensch bei seiner Rückkehr in das spirituelle Leben - das wahre Leben -, das vorfinden wird, was er für sich selbst aufgebaut hat. Während seines irdischen Daseins erlag Ribeiro leider vielen Illusionen. «
 
Schon wollte ich nach dem Ursprung seines Leidens fragen, und wie es dazu kam, dass er in einen solchen Zustand geraten konnte, da erinnerte ich mich an den weisen Ratschlag von Frau Laura, meine Neugierde betreffend, und schwieg lieber.
 
Tobias richtete liebevolle Worte voller Zuversicht und Hoffnung an den Kranken und versprach, ihm beim Genesen zu helfen. Des Weiteren ermahnte er ihn, sich ruhig zu verhalten und sich nicht darüber zu ärgern, dass er ans Bett gefesselt war. Dies sei nötig, damit er wieder gesund werde. Ribeiro zitterte, verzog sein wachsfarbenes Gesicht zu einem Lächeln und bedankte sich weinend bei Tobias.
 
Wir gingen durch viele Reihen von sorgfältig hergerichteten Betten, doch roch es hier sehr unangenehm. Es war, wie ich später erfuhr, die mentale Ausdünstung derjenigen, die noch die schmerzhafte Erinnerung des sterbenden physischen Körpers bewahrten und gelegentlich von niedrigen Gedankenformen beherrscht wurden.
 
»Diese Zimmer sind männlichen Geistwesen vorbehalten«, erklärte Tobias.
 
»Tobias! Tobias... Ich sterbe vor Hunger und Durst!«, brüllte einer.
 
»Bruder hilf mir!«, schrie ein anderer. »Um Gottes Willen ... ich halte es nicht mehr aus!« schrie ein anderer verzweifelt. Diese Szenen bohrten sich tief in mein Herz. Die Patienten taten mir unendlich leid. Ich rang mit mir und schließlich fragte ich Tobias:
 
»Mein Freud, weshalb sind sie hier?« Tobias antwortete sehr ruhig und besonnen:
 
»Wir dürfen hier nicht nur den Schmerz und Trostlosigkeit sehen. Die hier zu pflegenden Patienten konnten die Schwellenregion verlassen - wo sie, wegen ihrer Unvorsichtigkeit und Vernachlässigung ihrer geistigen Realität sehr zu leiden hatten. Nun bereiten sie sich auf die Arbeit des Wiederaufbaus ihres Höheren Selbsts vor. Ihre Tränen, ihr Leiden haben sie selbst verursacht. Bedenke, dass der Mensch immer das ernten wird, was er gesät hat.« In seine Gedanken versunken, meinte er nach einer Weile:
 
»Unsere Patienten sind Schmuggler, die dachten, sie könnten sich in das Ewige Leben einschmuggeln. « »Wie ist das zu verstehen? «, fragte ich interessiert. Er lächelte und sagte mit fester Stimme:
 
»Sie waren überzeugt, dass irdische und geistige Güter gleichgesetzt sind. Sie nahmen fälschlicherweise an, dass sie das schändliche Leben, welches sie auf Erden genossen hatten, die Macht des Geldes, die Auflehnung gegen das Gesetz und die Erfüllung ihrer kleinlichen Wünsche über die Grenze des Grabes hinaus schmuggeln könnten. Sie dachten, dass diese Werte hier den gleichen Stellenwert hätten und es ihnen die Tore zu neuen Torheiten öffnen werde. Sie benahmen sich während ihres irdischen Lebens wie leichtsinnige Geschäftsmänner, die nicht bedachten, dass, wenn sie andere Länder bereisen, die Währung ihres Landes in die lokale Währung umzutauschen ist. Sie haben es versäumt, ihre materiellen Güter gegen spirituelle Werte einzutauschen. Nicht einmal die Gewissheit über den Tod des Fleisches konnte sie dazu bewegen, spirituelle Werte zu erwerben, solange sie noch auf der Erde waren. Jetzt sind sie hier und was geschieht mit ihnen? Die einstigen Millionäre der physischen Ebene werden zu Bettlern des Geistes. « Tobias' Schilderungen waren sehr logisch und zeigten eine andere, mir unbekannte Realität.
 
Nachdem er Worte der Hoffnung und des Zuspruchs an die Patienten gerichtet hatte, führte er mich zu einem anderen, daneben liegenden, großen Zimmer.
 
»Sehen wir uns einige dieser Halbtoten an. «
 
Narcisa, die treue Mitarbeiterin der Rehabilitations­station, begleitete uns. Als die Tür geöffnet wurde, geriet ich ins Schwanken angesichts des bejammernswerten Bildes, das sich mir bot. Zweiunddreißig Männer, mit Furcht erregendem Gesichtsausdruck, lagen unbeweglich, kaum atmend in ihren Betten. Tobias zeigte in ihre Richtung und erklärte:
 
»Diese Leidenden - wir nennen sie "die Nichtgläubigen", versetzten wir in einen viel tieferen und schwereren Schlaf als wir es bei den meisten unserer unaufgeklärten Brüder tun. Denn sie hatten sich anstatt dem Herrn, dem kompromisslosen Egoismus verschrieben. Anstatt an das Leben, an die Arbeit und an das sich stets Entwickelnde zu glauben, anerkannten sie nur das Nichts, den Stillstand und den Triumph des Verbrechens. Ohne sich dessen bewusst zu sein, verwandelten sie ihr physisches Leben in eine stetige Vorbereitung auf den langen, tiefen Schlaf, der danach folgen sollte. Da sie weder eine Ahnung vom Guten, noch vom Dienst zum Wohl der Menschheit haben, bleibt nicht anderes übrig, als sie für viele Jahre in einen tiefen Schlaf zu versetzen, in dem sie von fürchterlichen Albträumen gepeinigt werden. «
 
Staunend sah ich, wie Tobias den Patienten behutsam einen magnetischen Passé gab, damit sie wieder zu Kräften kamen. Als er die Behandlung der ersten zwei beendet hatte, floss aus ihren Mündern eine schwarze Substanz heraus. Es erweckte den Eindruck, als ob sie etwas Schwarzes und Klebriges erbrachen, das stark nach verwesendem Fleisch stank.
 
» Sie speien giftige Fluide aus, die sie in sich angesammelt haben«, erklärte mir Tobias sehr ruhig.
 
Narcisa bemühte sich, so rasch wie möglich den Raum zu reinigen. Da zahlreiche Patienten diese stinkende, schwarze Substanz von sich gaben, griff ich ein, nahm das Reinigungsmaterial und begann eifrig, mit zu säubern. Narcisa schien über meinen Einsatz erfreut zu sein. Auch Tobias schaute in meine Richtung und signalisierte Dankbarkeit und Zufriedenheit. Die Arbeit erstreckte sich über den ganzen Tag hinaus.
 
Keiner meiner damaligen irdischen Kollegen hätte erraten können, welche Befriedigung mir diese einfache Arbeit gab. Wie sich der einst stolze Arzt durch diese Tätigkeit auf einer bescheidenen Krankenstation voller Demut um die eigene Erneuerung bemühte.
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